Krone Tettnang: einfach nur schön

Summa summarum: sehr gut gemachte, hochwertige, traditionelle, authentische schwäbische Regionalküche auf hohem Niveau, aber unprätentiös und ohne Schnörkel und Zeitgeistkniefall, dazu einige modernere Gerichte in einem gepflegten, heimeligen Gasthaus mit eigener Brauerei und ein paar einfachen, aber netten Zimmerchen mitten in der Tettnanger Altstadt.

Tettnang selber ist … nun ja, sagen wir mal, streckenweise ganz nett, das mächtige Schloss der Montforter, außen Renaissance-Stil, innen reinstes Barock, dann noch das Gebäude-Ensemble um das alte Obere Stadttor, aber dann hört’s auch schon sehr schnell auf, baulich meist Nachkriegs-Pragmatismus ohne erkennbare städtebauliche Ambitionen, da gibt es weitaus schönere Städtchen in Schwaben und der Bodenseeregion. Aber kulinarisch kann Tettnang mit einem Juwel aufwarten, dem Brauereigasthof Krone im ehemaligen Wohnhaus des letzten Montforter Grafen Anton IV, kein Schloss oder auch nur Schlösschen, sondern ein ziemlich normales, doch stattliches, spätbarockes Bürgerhaus von 1780, denn die Montforter waren verarmt und ihre Güter samt Schloss an die Habsburger verpfändet. Hinter der Krone wird seit 1847 bis heute tatsächlich noch mitten in der Innenstadt Bier gebraut, sehr gutes Bier übrigens, noch handwerklich in überschaubaren Mengen (würden wir über einen Gin reden, so fielen hier jetzt die vielzitierten Floskeln von small batch, handcrafted, traditionall recipies, zero miles, ecological, you name it, nur ist das alles in der Krone kein hübsches Marketing-Bla-Bla, sondern einfach überkommene und hochgehaltene, jahrhundertalte Tradition). Bei „Brauereigasthof“ denkt man – zumindest in Süddeutschland – natürlich zuerst einmal an Schwemme, bierselig grölendes Publikum, lange, grobe Holztische, schwitzende, schlagfertige, Maßkrüge schleppende, dralle Kellnerinnen im Dirndl und mächtige Schweinshaxen mit großen Knödeln. Nichts davon in der Tettnanger Krone der Fall. Seit 1847 betreibt die Familie Tauscher den Gasthof, mittlerweile in der siebten Generation. Man betritt das Haus durch einen Rundbogeneingang aus Sandstein mit einer vergitterten Supraportenöffnung und wird – größtenteils – von Senior-Chef in blütenweißem, gestärktem Hemd mit Hosenträgern und Fliege herzlich begrüßt, die meisten Gäste kennt er mit Namen. Links die alte Gaststube, unverändert aus dem Jahr 1934 mit viel dunklem Holz dreiviertel-hoch vertäfelt, Fischgrät-Parkett, einfache, aber wertige Tische, Bänke und Stühle ebenfalls aus dunklem Holz, blütenreine Leinentischwäsche mit Knick fest gestärkt, kleiner, unprätentiöser Blumenschmuck auf jedem Tisch, rechts das modernere, nicht minder gepflegte, aber nicht ganz so gemütlich-heimelige Rote Zimmer mit schwarzem Granitboden und einer lebensgroßen, kunterbunten, freundlichen Skulptur einer Sau. Deko-Tinnef findet sich im ganzen Haus nicht, stattdessen authentische Artefakte der eigenen Bierbrau- und Gastwirtschafts-Tradition, etwa historische Bierflaschen und -krüge hinter Glas, alte Schnitzereien der mit der Bierbrauerei verbundenen Zünfte, großgezogene historische Aufnahmen von Bierkutschen und Brauerei-Mitarbeitern, alte Brau-Gerätschaften und Werbemittel, dazu schöne Photographien von Hopfen, Gerste, usw.; wer eine eigene, echte Geschichte hat, braucht keinen Deko-Tinnef, wie etwa den industriell massenhaft produzierten, erlogenen Interieur-Zinnober der 25hours Hotelkette.

In diesem Ambiente macht Essen Spaß.Das junge, durchweg freundliche, flotte, geschulte Service-Personals zeigt alles Verständnis der Welt, wenn man nicht sofort essen, sondern erstmal nur ein Bier trinken und seine elektronische Post erledigen will. Am Nachbartisch sitzt ein älterer, vergeistigter, gepflegter Herr, Typ Oberstudienrat, der liest offensichtlich die komplette Neue Züricher von vorne bis hinten während seines Restaurantbesuchs, hier und da ausführlich unterbrochen von einem neuen Gang aus der Küche. In der Krone wird kein Tisch zweimal pro Abend vergeben, etwa 17:30 bis 19:30 und 19:30 bis 21:30, „Wir bitten unsere verehrte Kundschaft um Verständnis, dass Ihre Zeit dann abgelaufen ist …“ oder so ähnlich. In der Krone geht es dementgegen entspannt zu. Man kann sich als Gast alle Zeit der Welt lassen, aber sobald man etwas wünscht, ist das Servicepersonal sofort zur Stelle. Das „Küchenkonzept“ der Krone klingt vielversprechend:

„Wir kochen ehrliche, handgemachte, Gerichte – entsprechend der Jahreszeit. Dass wir dabei regionalen Produkten den Vorzug geben, ist für uns selbstverständlich. Handgemacht heißt bei uns, dass die Bratkartoffeln in einer gusseisernen Pfanne brutzeln und nicht in einem High-Tech-Gerät konfektioniert werden und dass die Spätzle vom Brett ins heiße Wasser fallen. Unsere Lieferanten sind die Metzger, Bäcker, Spargelbauern usw. vor Ort. Mit vielen arbeiten wir schon seit Generationen zusammen.“

Auf der übersichtlichen Speisekarte finden sich dann sehr viele typisch schwäbische Gerichte. Geschmälzte Brätspätzlesuppe, gebrannte Grießsuppe, Linsensalat, Lamm-Spezialitäten von der Alb, Maultaschen, saure Linsen mit Saiten, gesottenes Ochsenfleisch in Meerrettichsoße, Schweinebäckle im Biersoße geschmort, paniertes Kottelet, geschnetzelte Leber, Kässpätzle, als Fisch nur einen Saibling, dazu ein paar modernere Gerichte für die Fleischverweigerer, etwa Gemüse-Curry oder eine Linsen-Bolognese, zum Dessert Omas Schokoladenpudding, gebackene Grießschnitten mit Zwetschgenkompott oder Ofenschlupfer. Das ist fast alles sehr traditionell, hier hechelt man keinem Burger-Steak-Pizza-Zeitgeist hinterher, die Karte zeigt auch keine höheren Ambitionen in Richtung Sterne-Küche, die Teller sind eher pragmatisch angerichtet und nicht ausdekoriert, maximal ein Zweiglein Petersilie, das ist Hausmannskost nach Altvätersitte mit behutsamen modernen Einsprengseln. Aber das muss ja nicht schlecht sein, solange es nur gut ist. Und gut, ja hervorragend ist das Essen in der Krone, keinerlei Convenience, die Spätzle vom Brett geschabt, die Maultaschen und Sößchen selbst gemacht, das Gemüse von Hand geschnippelt, der Salat knackig und frisch angemacht, die Bratkartoffeln tatsächlich heiß und knusprig aus der Pfanne. Dazu gibt es noch neben den süffigen hauseigenen Bieren eine überschaubare, aber durchaus kluge Weinkarte von ordentlichen und bezahlbaren Flaschen ausschließlich aus der Region, kein Bordeaux zum angeben und kein aus Chile eingeflogener Wein, auch schön.

Amuse gueule oder Couvert gibt es keines. Aber die kleine Portion saure Linsen mit Saitenwürstchen und Spätzle vorweg sind wahrscheinlich die besten sauren Linsen, die ich je gegessen habe, noch leicht knackige, geschmackvolle Alblinsen, eine nur dezent säuerliche, geschmackvolle Einbrenne mit ein paar Möhrenwürfelchen, eine hervorragende, sacht geräucherte Saite (so nennt man im Südwesten ein Wiener  Würstchen) vom Metzger Forster von gegenüber, die Spätzle nicht vom Brett, sondern aus der Presse (die handgeschabten Spätzle wird es erst später zum Zwiebelrostbraten geben), das ist ganz einfaches, traditionelles schwäbisches Essen perfekt zubereitet, da wüsste ich nicht, was man besser machen könnte. Die sauren Linsen in der Krone sind meine persönliche Wiedergutmachung für die unzähligen Male, bei denen mir matschige Dosenlinsen mit Balsamicocreme-Soße, Industriewürsteln und Tütenspätzle oder noch schlimmere kulinarische Verbrechen in Restaurants vorgesetzt wurden. Dann die Maultaschen, hausgemacht, eine Fülle aus Brät, Zwiebeln, Spinat und Petersilie, eingeschlagen in dünnen Nudelteig, darauf frisch abgeschmälzte Zwiebelringe, darunter ein ganz kurzes, helles, geschmacksintensives, aber fettes Sößchen, eher schon eine Tunke (und nicht – wie fast überall sonst – ein Schöpfer voll brauner Convenience-Braten-Sauce, quasi die traurige Sauce Espagnole unserer Zeit), dazu herrlich schlorziger schwäbischer, mit Brühe angemachter Kartoffelsalat aus goldgelben Kartoffeln mit Eigengeschmack. Auch hier wieder völlig unprätentiöse, authentische, traditionelle Regionalküche, die einfach Spaß macht, wenn man auf gut – nein perfekt – gemachte altbackene Hausmannskost ohne verkrampfte Kreativität, ohne riskante Experimente, ohne zeitgeistige Modernität um jeden Preis steht, und – bei Gottfried – das tue ich zuweilen, nur finde ich es in der heutigen Gastronomie landauf landab viel zu selten. Ebenso tadellos dann der Zwiebelrostbraten, nicht etwa ein mächtiges Steak mit kalten frittierten Zwiebeln und der oben erwähnten modernen Espagnole, vielmehr eine nicht allzu dicke, geklopfte Scheibe Rinderlende, trotz ihrer Dünnheit innen noch leicht rosa, dazu zart und wohlschmeckend, darauf wieder frisch sautierte Zwiebelringe, darunter wieder eine fette, andere, diesmal dunkle, sehr leckere Sauce, jetzt wirklich Spätzle vom Brett geschabt, kernig, mit viel rauer Oberfläche zum Aufnehmen von Sauce und ein knackiger, tadellos geputzter, frischer gemischter Salat mit dezentem Essig-Öl-Dressing. Dazu habe ich mir – mehr aus Neugierde denn aus Angst vor dem Verhungern – Bratkartoffeln bestellt, auch die für süddeutsche Verhältnisse herausragend (ebenso wenig wie die Fischköppe im Norden gescheite Kartoffelklöße machen können – dafür aber eben hervorragende Bratkartoffeln – können die Süddeutschen in der Regel keine gescheiten Bratkartoffeln, die Ursache muss wahrscheinlich was Regionales sein). Zum Nachtisch dann noch Ofenschlupfer (auch bekannt als Scheiterhaufen: altbackene Brötchen werden in Milch und Ei eingeweicht und dann zusammen mit Apfelstückchen und Zimt im Ofen gebacken), denen hier leider der Ruch des Aufwärmens in der Mikrowelle anhängt, aber ansonsten sehr wohlschmeckend und Kindheitserinnerung pur.

Zusammenfassend kann ich mich nur wiederholen: das alles ist sehr gut gemachte, hochwertige, traditionelle, authentische schwäbische Regionalküche auf hohem Niveau, aber unprätentiös und ohne Schnörkel und Zeitgeistkniefall. Wer dann doch etwas zeitgeistiger essen mag, dem sei noch mitgegeben, in der Tettnanger Krone gibt es auch Gerichte wie Hafer-Gemüse-Buletten, Lammbraten in Pfefferminzsoße oder ein maurisches Lamm-Ragout mit Rosinen, Mandeln und Aprikosen und Polentaschnitte, die Küche kann also auch anders als traditionell; aber ich bin ja gezielt wegen des traditionellen Essens hierhergekommen.

Aliter notandum im Dachgeschoss der Krone gibt es noch ein paar Gästezimmer, mühselig ohne Lift über eine steile Treppe zu erreichen, die Zimmer sind neu, funktional, aber nicht ungemütlich eingerichtet, Blick entweder über die Altstadt, auf die Brauerei oder auf die Wand des nahen Nachbarhauses, ich hatte die Wand. Das Waschbecken offen im Vorraum des Zimmers, nur Dusche und WC in einer Nische, durch eine blaue Glastüre abgetrennt, wieder nette Bilder zum Thema Bier an den Wänden, Flachbildschirm, zu weiches Bett, schnelles Internet, kleiner Schreibtisch, um nach trefflicher Speis und trefflichem Trank hier ein, zwei Nächte vollgefressen zu übernachten reicht es allemal, einen längeren Urlaub würde ich hier nicht machen wollen. Sehr schön dann wieder das Frühstück am nächsten Morgen, persönlich serviert von der Senior-Chefin. Es gibt kein Buffett, stattdessen werden Backwaren vom Bäcker um die Ecke, Wurst vom Metzger gegenüber, selbstgemachte Marmeladen, leider kein Obst, aber guter Kaffee und Eierspeisen à la minute am Tisch serviert. Als ich beim Bezahlen sage, dass ich zur Nacht noch ein Bier aus dem Gäste-Kühlschrank hatte (auf dem Gang vor den Gästezimmern steht ein kleiner Kühlschrank mit diversen Getränken, aus dem sich die Gäste auf Treu und Glauben bedienen können, auch wieder so eine schöne Marginalie) winkt die Senior-Chefin freundlich ab, „Das brauchen Sie nicht zu bezahlen.“ Natürlich sage ich Ihr, wie gut es mir gefallen und vor allem gemundet hat; als ich dann noch frage, ob sie mir ähnliche Häuser wie das ihre mit hochwertiger, traditioneller schwäbischer Küche empfehlen könne, sinniert sie kurz, berät sich mit ihrem Mann, der schon um 09:00 Uhr in seinem kleinen Büro neben der Küche sitzt und kommt mit einer Liste von vier Restaurants bzw. Hotels zurück, in denen sie selber auch gerne essen gehen. Ich werde bald wieder in’s Schwäbische reisen und berichten.


Brauerei und Gasthof zur Krone
F. Tauscher GmbH & Co. KG
Geschäftsführer: Fritz Tauscher
Bärenplatz 7
D – 88069 Tettnang
Tel.: +49 (75 42) 74 52
Fax: +49 (75 42) 69 72
E-Mail: info@tettnanger-krone.de
Online: www.tettnanger-krone.de

Hauptgerichte von 12,50 € (Gemüse-Curry mit Reis und Salat) bis 26,50 € (Zwiebelrostbraten, handgeschabte Spätzle, Salat), Drei-Gänge-Menue von 21,30 € bis 38,90 €

Doppelzimmer mit Frühstück (pro Zimmer, pro Nacht) 126 € bis 160 €

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