Das Adlon und Mutter Hoppe
Es ist scheinbar eine aussterbende Spezies, scheinbar wohlgemerkt, der Hotelconcierge, der Herr (sehr selten eine Dame) im Frack oder Tailcoat mit Weste, weißem Einstecktuch, dezenter Krawatte oder Fliege, oft mit goldener Taschenuhr und natürlich den gekreuzten goldenen Schlüsseln am Revers, neuerdings allerdings auch einfach nur im gedeckten Anzug, in manchen Ressorts sogar mit legerem Leinen-Sakko, der unerschütterlich an seinem Pult – Loge genannt – in der Hotelhalle steht, für alles – wirklich alles – eine Lösung parat hat und jedes – wirklich jedes, aber nur, solange es statthaft ist – Problem mit unendlicher Höflichkeit, Selbstverständlichkeit und Diskretion aus der Welt schafft. Früher waren Concierges in der Fünf-, teilweise sogar schon in der Vier-Sterne-Hotellerie eine Selbstverständlichkeit. Heute fällt dieses Berufsbild in mehr und mehr Hotels – nicht nur im Vier-Sterne-Bereich, sondern zunehmend auch in den schlechteren Fünf-Sterne-Häusern – dem Rationalisierungsdruck zum Opfer, und diese unglaublich hilfreiche und wichtige Servicefunktion muss einfach von der Rezeption – die oft (meist?) in dieser Beziehung von Tuten und Blasen keine Ahnung hat – mit übernommen werden. Einfache Anfragen – ein Hemd aufbügeln lassen, eine Reservierung in einem Restaurant machen – kann die Rezeption natürlich ebenfalls mit Links miterledigen, aber für klassische Concierge-Aufgaben braucht es halt in der Regel einen klassischen Concierge. Nur wenige altgediente Rezeptionisten können solche Aufgaben ebenfalls hinlänglich erledigen, den überwiegend jungen Leuten, die heute meist hinter dem Rezeptionstresen stehen, fehlen schlichtweg die Erfahrung, die Kenntnisse, die Zeit und vor allem das Netzwerk für klassische Concierge-Aufgaben.
Auch ich selber durfte schon verschiedentlich die Zauberkünste eines klassischen Concierge in Anspruch nehmen. Meine negativste Erfahrung hatte ich dabei mit dem Concierge des Adlon kurz nach seiner Wiedereröffnung Ende der neunziger Jahre. Ich hatte ihn – relativ einfach – nach einem echt altberliner Lokal nicht nur mit typischem Berliner Essen, sondern auch mit typisch Berliner Typen gefragt, explizit kein Touristen-Hotspot, sondern eine Kneipe für Einheimische mit Einheimischen. Er machte uns, ohne mit der Wimper zu zucken, umgehend eine Reservierung im Mutter Hoppe. Nicht nur, dass dieses Lokal kein echtes altes Lokal ist, sondern erst in den Achtzigern bei der Revitalisierung des Nikolai-Viertels von den Kommunisten als Großlokal mit typischem „Zille-Flair“ als Retorten-Etablissement kreiert wurde; vor allem wurde es nach der Wende sehr schnell zum bekannten Touristen-Hotspot samt Busladungen und Pauschal-Arrangements, dazu mit höchst zweifelhafter Qualität, sowohl was die Speisen als auch was den Service anbelangt. Ich hasse den Concierge des Adlons bis heute für diese Empfehlung und diesen verdorbenen Abend. Im Nachhinein bin ich mir fast sicher, dass er für seine Reservierung in dieser Touri-Abzock-Kneipe in irgendeiner Form ein Cashback (oder wie immer man das nennen will) bekommen hat.
Aber es geht auch anders. Auch mir widerfuhr eine der typischsten Concierge-Funktionen überhaupt. Ich arbeitete für einige Wochen in Rom und wohnte unter der Woche zentral und praktisch im Cavalieri Hilton auf dem Monte Mario, Heinz Beck kochte damals schon im hauseigenen La Pergola und hatte gerade seinen ersten Stern bekommen. Heute gehört das Cavalieri zur Waldorf-Astoria-Kette, unter dieser Marke ist es weitaus besser aufgehoben. Von einem wichtigen Klienten erhielt ich völlig unerwartet eine Einladung zu einer Abendveranstaltung am nächsten Tag, und als Berater lehnt man so etwas natürlich nicht ab, sondern nimmt höflich dankend an. Dummerweise stand auf der Einladungskarte klein, aber unübersehbar gedruckt „Black Tie“, also Smoking, Fliege, Dinner-Shirt und Kummerbund. Als Berater reist man mit kleinem Gepäck und natürlich ohne serienmäßigen Smoking im Koffer. Da ich eher kompakt und erdnah gebaut bin, wusste ich, dass ich – selbst in Rom – keine Chance haben würde, auf die Schnelle einen Smoking von der Stange zu bekommen. Also fragte ich den Concierge im Cavalieri um Rat und Hilfe. Das war gegen 20:30 Uhr. Um 22:00 Uhr klopfte es an meiner Zimmertüre, ein Schneider eines Herrenausstatters kam mit drei Smoking-Rohlingen und ein paar Hemden herein. Ich probierte die Rohlinge an, einer passte halbwegs, das Schneiderlein steckte ab und zeichnete an wie ein Weltmeister und verschwand wieder. Am nächsten Morgen war er um Punkt 08:00 Uhr erneut im Hotel – er musste die Nacht durchgearbeitet haben –, ließ mich den angepassten Smoking anprobieren und nahm letzte Korrekturen vor. Als ich am Abend gegen 18:00 Uhr in mein Hotelzimmer kam, erwartete mich ein perfekt sitzender Smoking, ein tadellos gestärktes und gebügeltes Hemd und eine auf Maß vorgebundene Fliege, alles bestens, und um 20:00 Uhr stand ich angemessen gekleidet auf der Veranstaltung. Fragen Sie nicht, welcher Preis dafür auf der Hotelrechnung auftauchte; aber die Leistungen des Concierge wurden mit keinem Pfennig berechnet, nur die Schneiderrechnung wurde weitergegeben.
Noch mal Italien, diesmal Principe di Savoia, die Grand Dame aller Mailänder Hotels, an der Piazza della Repubblica. Dieser verflixte isländische Vulkan mit dem unaussprechlichen Namen war gerade frisch ausgebrochen, der Luftraum über ganz Europa gesperrt, alle Flüge gecancelt, alle alternativen Verkehrswege – Mietwagen, Bus, Bahn – in kürzester Zeit aus-, nein, überbucht. Ein kurzes Gespräch mit dem Concierge, eine Stunde später hatte ich meine Fahrkarte für den nächsten Tag für ein eigenes Abteil im Lupus, dem Nachtzug direkt von Centrale über den Brenner nach München. Es war eine sehr angenehme Fahrt und ich dem Concierge sehr dankbar.
Mit meinen Jungs war ich zu einer Familienfeier in London, wir wohnten mitten in der Stadt im Le Méridien Piccadilly, heute heißt es nur noch The Dilly. Angefixt von Hell’s Kitchen und anderem Fernseh-Schund wünschten die jungen Herren spontan, bei Gordon Ramsay zu speisen, und zwar in seinem Flaggschiffrestaurant Gordon Ramsay in Chelsea. Ein kurzer Blick in’s Internet zeigte mir, dass Reservierungen in diesem Drei-Sterne-Schuppen Monate im Voraus getätigt werden müssen, um einen Platz zu ergattern. Ein kurzes Gespräch mit dem Concierge des Hotels, einen Drink später im Downstairs at The Dilly (die Martinis sind vorzüglich) kam der Concierge in die Bar, gab uns nicht etwa einen Zettel, sondern einen Büttenumschlag mit den geprägten Initialen des Hotels und einem Briefbogen mit unseren Reservierungsdaten für denselben Tag um 21:00 Uhr in Ramsays Lokal; ob uns eine der hoteleigenen Limousinen fahren solle, fragte er noch, ich entschied mich dann doch lieber für ein Taxi. Wir hatten das – bei Ramsay fast obligatorische – Menu Prestige, dazu sogar britischen Riesling. Die Ravioli von Lobster, Langustine und Lachs waren hart und fast kalt, das Dessert in Blattgold eingewickelt (Firlefanz hoch drei!), der Wein lausig, die Atmosphäre im Lokal bei knapp –273 Grad, der Preis für drei Personen vierstellig, und das in Pfund, meine Jungs wollten seit diesem Abend noch nie wieder in ein Drei-Sterne-Lokal, wahrscheinlich sind sie traumatisiert. Aber der Concierge hatte tadellose Arbeit geleistet.
Auf einer längeren Geschäftsreise in China hatte ich eine eigene Dolmetscherin dabei – mein Mandarin ist nicht so gut. Nun ist es in China nicht etwa so, dass man irgendwo einen beliebigen Dolmetscher bucht. Das geht alles über eine staatliche Stelle mit staatlich zugelassenen (und wahrscheinlich auch kontrollierten) Dolmetschern, die dazu noch richtig teuer sind. Doch die Dolmetscher selber sehen das Wenigste des Geldes, das Meiste behält die vermittelnde Behörde ein. Mir war ein junges Mädel zugeteilt worden, Deutsch-Studentin, keine 25, schüchtern, sehr lieb, unglaublich zuvorkommend und engagiert, recht gut und flüssig Deutsch sprechend (mit einem herzallerliebsten Akzent). Wir nahmen Geschäftstermine im Kempi in Shanghai – dem ehemaligen Meliá – wahr, sie übersetzte simultan am laufenden Bande. Mittags machten wir eine Pause, im Haus gab es ein All-you-can-eat Lunch-Buffet für relativ kleines Geld. Ich lud meine Dolmetscherin ein, mit mir zu essen, sie lehnte höflich und schüchtern ab, ich insistierte, schließlich folgte sie mir, stand verloren am Buffet, fast hätte ich ihr den Teller gefüllt. Nach den Vorspeisen machte sie sich selber auf den Weg zum Buffet und kam zurück mit einem Teller mit einem winzigen Steak. Sie erklärte mir sichtlich aufgeregt, das sei das erste Mal in ihrem Leben, dass sie Steak esse, aber – fügte sie fast entschuldigend hinzu – sie habe auch nur ein ganz kleines genommen (bei einem All-you-can-eat-Buffet!). To make a long story short: das Essen (ich weiß nicht, ob es das Steak oder etwas anderes war) hatte meine wackere Dolmetscherin flachgelegt, sie lag am Abend kotzend und scheißend zugleich auf ihrem Zimmer, versuchte aber nichtsdestotrotz pflichtbewusst weiter für mich zu dolmetschen. Wieder insistierte ich, schließlich zog sie sich in ihre Gemächer zurück, und ich stand ohne Dolmetscher da. Ein kurzes Gespräch mit dem Concierge des Hilton im Französischen Viertel Shanghais, wo wir wohnten (sowohl architektonisch als auch atmosphärisch sehr angenehm, und die Dachbar ist Legende), keine zwei Stunden später hatte ich einen neuen Dolmetscher, ganz ohne Partei, staatliche Stellen, Formulare, Anträge (und wahrscheinlich nicht ganz legal), auch er dolmetschte ganz vorzüglich und kostete gerade mal ein Fünftel dessen, was ich bei der Behörde für meine Dolmetscherin ablatzen musste.
San Francisco, das legendäre Fairmont auf Nob Hill (das von den Vanderbilt-Schwestern, wo 1945 die Vereinten Nationen gegründet wurden). Caro bildete sich die gerade frisch auf den Markt gekommene Apple Watch, damals die Series 0, ein, wollte sie unbedingt und – es wäre nicht Caro – buchstäblich um jeden Preis bekommen, wahrscheinlich als Erste in Frankfurt, wenn nicht in ganz Deutschland. Also dackelten wir zum Apple Store (damals noch Ecke Stockton/Market Street, ein Jahr vor der Eröffnung des Union Square). Dort wurde Caro der Elektronik-Wecker nach einigem Warten auch gezeigt, erklärt und sie durfte das Teil sogar anprobieren, nur als sie es ad hoc käuflich erwerben wollte, biss sie unvermittelt auf Granit, der servile, schleimige Verkäufer verwandelte sich mit einem Schlag in einen unerbittlichen, abweissagenden Findling, Bestellungen nur über das Internet, Lieferung mit viel Glück frühestens im Sommer. Caro diskutierte, argumentierte, drohte, bettelte, winselte, winkte mit diversen sehr dunklen Kreditkarten und sogar einem beachtlichen Bargeldbündel, nichts half, der Verkäufer blieb unerbittlich, Lieferung mit viel Glück frühestens im Sommer. Sichtlich missvergnügt dackelte sie den Hügel wieder hinauf zurück in’s Hotel und begann mitten am helllichten Tage das Trinken. Tonga Room und Hurricane Bar hatten noch geschlossen, also pflanzte sie sich in den Laurel Court in der Lobby und orderte Rum, viel Rum. Ich hingegen ging kurz zum Concierge und schilderte unser – Caros! – Problem. „No problem, Sir!“ war die prompte Antwort. „It will be here by tomorrow at the latest.“ Der Concierge sollte nicht recht behalten, schon am Abend lag ein sauber verpacktes Kästchen auf dem Zimmer, dazu ein Brieflein „With the best compliments of your Concierge, Tom.“ Ich weiß bis heute nicht, wie er das gemacht hat, weltweit stand das Gadget auf Warteliste, er schaffte eines in ein paar Stunden ran. Ob er Tim Cook persönlich kannte oder ob er selber nach Cupertino gefahren war und jemandem eine Knarre unter die Nase gehalten hatte – keine Ahnung.
Nochmal Kempi, diesmal in Hurghada, die Jungs wollten schnorcheln, mein Weib suchte der deutschen Herbst-Tristesse zu entfliehen, und ich war der Leidtragende, aber was tut man nicht alles für die Familie. Nun begab es sich aber, dass mein Großer während unsers Aufenthalts Geburtstag hatte. Ich versuchte, unauffällig eine Geburtstagstorte für ihn zu organisieren, aber alle Kontaktversuche mit dem Servicepersonal verliefen irgendwie im kommunikativen Sande. Ein Platz am Fenster oder ein Bier, das konnte ich gerade noch kommunizieren, aber eine so komplexe Bestellung wie eine bestimmte Torte zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort, das überstrapazierte die Völkerverständigung zwischen Ägyptern und Deutschen deutlich. Also flugs zum Concierge und Wunsch geschildert. Drei Tage später, am Geburtstag meines Großen, klopfte es an der Zimmertür, kurz bevor wir zum Frühstück wollten. Vor der Tür standen sechs Köche in weißer Kochmontur mit einer recht großen, dreistöckigen Torte samt brennenden Kerzen darauf, und sie stimmten – etwas unbeholfen – „Happy birthday“ an (was ich gar nicht bestellt hatte). Mein – damals noch kleiner – Sohn erschrak sich furchtbar und versteckte sich hinter meiner Frau. Ich nahm die Torte entgegen und gab brav und reichlich Trinkgeld. Die Torte war viel zu groß für Vier, kühlen konnte wir sie auch nicht, außerdem schmeckte sie scheiße. Wir haben sie dann im Klo runtergespült. Aber weder Torte noch Lieferservice samt Ständchen erschienen je auf der Rechnung.
Diesmal Zagreb, das Esplanade im Stadtteil Donji Grad, mit Blick auf den Hauptbahnhof, ursprünglich 1925 erbaut für Reisende des legendären Orientexpresses, historischer Pomp, Art-déco-Eleganz und moderner Luxus in einem Haus vereint zu einer ganz eigentümlichen Melange, den Concierge – wie weiland im Adlon – nach einem landestypischen Lokal ohne Touristen gefragt. Diesmal fuhren wir mit dem Wagen alsbald unasphaltierte, oft halsbrecherische Straßen in die Hügel im Hinterland, erreichten ein kleines Dorf ohne Straßenbeleuchtung, ohne Hotels, gänzlich ohne Infrastruktur, tatsächlich noch „landestypisch“. Nur in einem mit einer dicken Mauer halbhoch eingefriedeten Garten brannte Licht, ein paar Tische standen auf der kleinen Terrasse des Hauses und auf der Wiese, daran redende, trinkende, lachende, schmausende Menschen, offenbar alles Einheimische. Schüchtern gesellten wir uns dazu, wurden freundlich aufgenommen. Mutter und Tochter betrieben dieses Restaurant. Die Speisekarte war handgeschrieben, klein und ausschließlich auf Kroatisch – immer ein gutes Zeichen, wenn es keine englische Speisekarte gibt. Die Mutter sprach nur Kroatisch, die Tochter ein paar Brocken Englisch, mit denen sie uns die Speisekarte rudimentär zu übersetzen suchte. Irgendwie verstanden – oder ahnten – wir und bestellten, bestellten reichlich: Hasenpastete, Garnelen in Knoblauchöl, selbst gebackenes Brot, handgemachte Nudeln mit jungen Artischocken, gegrillten Fisch, dazu einen leichten Rotwein vom Nachbarn. Kurioses Detail am Rande: die Tochter entschuldigte sich dafür, dass sie 60 Kuna für die Flasche Wein verlangten, während er beim Nachbarn direkt ab Winzer nur 40 Kuna koste, aber die Gläser, der Aufwand … Sie entschuldigte sich tatsächlich dafür, dass sie eine Marge – eine winzige Marge – auf den Wein aufschlugen. Jedenfalls, das Essen war köstlich, der Abend wunderbar, die Rechnung – Verzeihung, nicht großkotzig gemeint – dafür geradezu lächerlich. Ganze Arbeit, Concierge.
Gewiss, das waren allesamt relativ kleine Erlebnisse der wahren Kunst eines Concierge, sowas macht ein gestandener Concierge mit Links, quasi als Tagesgeschäft. Darüber hinaus verfügt ein Concierge über ein Netzwerk von Handwerkern und Luxushändlern, die notfalls auch am Wochenende und nachts verfügbar sind, diskreten Spitzenmedizinern, die in’s Hotel kommen, VIP-Logistikern nicht nur für banale Limousinen-Transporte, sondern auch für Yacht- oder Jet-Charter oder für die VIP-Abfertigung am Flughafen ohne Schlangestehen und Wartezeiten, und er besitzt exklusive Verbindungen in die Kunst-, Sport-, Kultur- und Society-Szenen, zu Restaurants, Veranstaltern, Theatern, mit denen er für den Gast fast jede ausverkaufte Veranstaltung zugänglich machen und so manche sonst verschlossene Tür öffnen kann. All das notiert ein Concierge in seinem legendären Schwarzen Buch. Und wenn das lokale Netzwerk vor Ort allein nicht ausreicht – etwa weil ein Gast in Paris für seine Freundin partout und sofort die neueste Handtasche haben will, die nur in Tokio verkauft wird, oder ein anderer Gast in Hamburg ein spezielles Dessert aus Barcelona wünscht – gibt es immer noch Les Clefs d’Or, derWeltverband der Concierges mit 4.000 Mitgliedern in 80 Ländern weltweit; hier hilft man sich auf Vertrauensbasis auf Zuruf ohne direkte Gegenleistung. Gegenseitiges Vertrauen, gebrauchen und gebrauchen lassen sind hier die inoffizielle Währung. „Le Service par l’Amitié“ lautet denn auch der offizielle Wahlspruch der Les Clefs d’Or.
Aber all diese Meisterstücke eines Concierge sind in der Regel auch mit Kosten verbunden, Kosten, die ich mir einfach nicht leisten kann. Immer wieder hört man die Geschichte des legendären Michael de Cozar, über 45 Jahre Concierge im Londoner Ritz, der für den Weihnachtswunsch eines Gastes frisches Meerwasser per Tank aus dem 90 Kilometer entfernten Brighton nach London transportieren ließ, um die Hotelbadewanne zu füllen. Überhaupt gibt es reichlich War-Storys von Concierges, die natürlich immer ohne Ross und Reiter zu nennen – Diskretion ist eines der obersten Gebote eines Concierge – erzählt werden: echte Pinguine zum Geburtstag auf dem Hotelzimmer, frisch eingeflogene Eisblöcke aus dem Himalaya zur Teezubereitung, ein Elephant in der Hotelhalle für einen Heiratsantrag, ein privates Streichquartettkonzert inklusive rotem Teppich und Champagner auf dem Gipfel der Zugspitze für einen Hochzeitstag, ein Zimmer voller Wüstensand, damit der arabische Gast sich heimisch fühlt … All das kann ein Concierge zwar machen bzw. organisieren, aber bezahlen muss es am Ende doch der Gast, und sowas ist mir eindeutig zu teuer. Nichtsdestotrotz, beeindruckend sind diese Leistungen allemal. Wenn man das nötige Kleingeld hat, gibt es offensichtlich (fast) nichts, was man in einem echten Luxushotel nicht bekommt. Nur Gesetze und Moral beschränken die nahezu unbegrenzte Dienstbarkeit eines Concierge. Leichte Mädchen, Drogen, Waffen, Mordaufträge und Alibis sollen – dem Vernehmen nach – nicht zum Serviceportfolio gehören.
t.b.c.

