48 Stunden SanFran (2/6)

„Was ist der Plan?“ fragt sie. „Keinen Plan.“ antworte ich. „Aber sonderlich sexy finde ich es hier nicht.“ „D’accord“ stimmt mir Caro spontan zu. „Top of the Mark?“ schlägt sie vor. „Ist doch ein Interconti, die sind doch gemeinhin nichts mehr.“ wende ich ein. Top of the Mark, das ist die Roof Top Bar des Interconti Mark Hopkins, gleich auf der anderen Straßenseite vom Fairmont auf Nob Hill, ein ehemals ebenfalls eindrucksvoller Luxus-Hotel-Bau aus den dreißiger Jahren. Von dort hat man einen tatsächlich spektakulären fast 360-Grad Blick über San Francisco und die Bay. Also dackeln wir über die Straße zum Interconti. Während die Doormen im Fairmont in ihren tadellosen Uniformen uns die Türe geradezu aufreißen, höflich grüßen und fragen, ob wir etwa einen Wagen benötigen, lungern die Doormen des Interconti mit abgewetzten, unordentlichen Uniformen an den hinteren Eingängen der Auffahrt herum, einer raucht etwas abseits in der Dämmerung, dass einer von diesen Lümmeln einem Gast vielleicht die Türe öffnen könnte, bleibt naives Wunschdenken. Doormen, die sind der erste und der letzte Kontakt eines jeden Gastes mit einem Hotel, und die alte Weisheit, dass man keine Chance hat, ein zweites Mal einen ersten Eindruck zu machen, der stimmt auch und gerade bei Hotels. In der – längst nicht so eindrucksvollen – Halle geht es lebhaft, um nicht zu sagen hektisch, um nicht zusagen drunter und drüber zu, der Lift in den 19. Stock ist überfüllt, oben im Top of the Mark werden die Lifter in einer dicken Traube abgefangen von einer an Lahmheit, Desinteresse und Unhöflichkeit nur schwer zu übertreffenden Wait-to-be-seated-Person, diese weist uns schließlich irgendeinen Tisch – sogar am Fenster – zu, den Ausblick konnten die Briten zumindest nicht zerstören, aber ansonsten … Statt einer Speisekarte gibt es nur noch „Small Bites“, „California Cheese Plate“ für US$ 23, eine gigantische Brezel mit Bier-Käse- und Basilikum-Dijon-Senf-Dip für US$ 17 oder Krabben Quesadilla mit süßer Chili-Mango-Sauce für US$ 26, wer sowas serviert, kann kein guter Mensch sein. Was der Keeper hinter seiner Theke mit Plastikflaschen und Tetrapacks und großem Schüttel-Theater produziert, sieht ebenfalls wenig vertrauenserweckend aus, vielleicht sollte ich im Fairmont von allen unfähigen Barkeepern aller klassischen Fünf-Sterne-Luxushotels doch nicht den unfähigsten erwischt haben, misstrauisch und missmutig bestellen wir beide einen doppelten Woodford Reserve auf Eis, das ist nicht mehr die großartige Roof-Top-Bar, die das Top of the Mark einmal war. Vor zehn, zwanzig Jahren, da tummelten sich hier Unternehmer, Banker, reich gewordene Entrepreneurs aus Silicon Valley, die sehen wollten, was sie jetzt alles mit ihrer Kohle machen können, gesittete, wohlhabende Hotelgäste aus aller Welt, wohlhabende Privatiers, junge hübsche Mädchen, die genau dieser Klientel immer gerne beim Geldausgeben behilflich sind, während heute das Top of the Marks ein abgehalfterter Sammelpunkt für Pauschaltouristen und Gebrauchtwagenhändler ist, nur noch ein Schatten seiner selbst, eine Spelunke mit Aussicht. Und der Typ auf dem Bild hat tatsächlich seine Füße auf der Fensterbank. Pfui! Wir trinken rasch aus und verlassen diesen ungastlichen, verkommenen Ort.

Einen Block die Straße runter, da gibt es ja immer noch das altehrwürdige Huntington Hotel, deutlich kleiner als Fairmont und Interconti, aber ebenso alt, ein echtes Fünf-Sterne-Kleinod mit Roof-Top-Spa und dem wunderschönen Big 4 Restaurant mit holzvertäfelten Wänden, schweren Teppichböden, grünen Ledersesseln und -hockern, schweren Möbeln, alten Gemälden und Stichen, dazu eine seit Jahrzehnten solide, traditionelle, bei einem San Francisco-Besuch hin und wieder mal einen Besuch werte Speisekarte mit Tatare, Entenleberparfait, Filet Mignon, Lachs, Cioppino, alles keine kulinarischen Überflieger, aber sichere, konservative imperiale Reichen-Küche, vor dem Restaurant selber die Big Bar mit altem Tresen, überschaubarer, aber kluger Spirituosen-Auswahl und in der Regel einem Keeper, der sein Handwerk versteht, dafür aber keine Aussicht, sondern alles in weitgehend Fenster-losen, düst‘ren Gelassen. Wie dem auch sein, nichts frei an diesem Abend, nicht mit Bitten und Betteln und Bestechung, noch nicht einmal zwei Plätzchen an der Bar. Schön für das Huntington, schlecht für uns, also zurück in die Bahnhofshallen-Bar des Fairmont.

Wir wuchten uns auf die Barhocker der Theke am Ende der Halle, der Barkeeper bemüht sich jetzt wirklich bei den Martinis, er empfiehlt mir einen heimischen No. 209 Gin aus der gleichnamigen Manufaktur-Destille in San Francisco, 5 mal gebrannt, kräftige 46% Alkohol, mit gut 40 EURO für den Liter mittleres Preissegment, wieder so ein Wachholder-schwaches, jetzt hätte ich doch fast geschrieben schwules Wässerchen mit viel Zitrus- und Johannisbeer-Noten, gespickt mit ein wenig Pfeffer, wenn die Leute unbedingt klare, harmlose, süßliche Kräuterliköre destillieren wollen, dann sollen die das machen, aber sie sollen aufhören, das Zeugs dann „Gin“ zu nennen, das ist dieser Tage echt eine Unsitte an der Westküste, ich hatte hier etliche dieser modischen Gin-Derivate. Nun ja, einen Versuch war’s allemal wert. Sodann verlangt mich vehement nach Clubsandwiches, in der Bar eines imperialen Luxushotels sollte man eigentlich erwarten können, dass es Clubsandwiches gibt. Gibt es aber nicht. Ich maule, der Keeper bemüht sich sichtlich. Auf dem Room Service Menue, da gäbe es ein Clubsandwich, das müsse er zwar in einer anderen Küche bestellen und dann mit dieser intern verrechnen, aber diese Mühe nähme er gerne auf sich. Ich bin fast versöhnt … bis die Clubsandwiches dann kommen: kein industrielles Weißbrot, sondern tatsächlich getoastete Bäckerware, darauf aber unreife Avocado-Scheiben, keine Spur vom Mayonnaise oder sonstigem aromatisiertem Fett-Aufstrich, gekochte, aufgeschnittene, kalte, furztrockene Truthahnbrust, ein Salatblatt, eine riesige, wässrige, absolut geschmacklose Tomatenscheibe und dann zwei Scheibchen lauwarmer, noch nicht einmal knuspriger Speck, dazu Pommes labbriger und wabbliger und farbloser als jeder Penis eines Neunzigjährigen. Pfui Deife. Der Versuch eines Desserts – um an diesem Abend irgendwie satt zu werden – endet mit einer fettigen, offenen Fruchttasche gefüllt mit TK-Früchten und Sprühsahne – sie nennen es hier euphemistisch „Crostata“ – und einem lauwarmen Brotpudding auf einer Fruchtmatsch-Vanillin-Pampe. Wären wir doch mal besser zu McDonalds gegangen an diesem Abend, zumindest was das Essen anbelangt.


Top of the Mark
Im InterContinental Mark Hopkins San Francisco
999 California Street
San Francisco, CA 94108
USA
Tel.: +1 (4 15) 3 92 34 34
Online: www.topofthemark.com

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Kommentare

  1. Harald Fanderl

    Lieber Herr Opl,
    Es treibt mir fast die Traenen in die Augen wenn ich diesen Bericht ueber die zwei EHEMALIGEN (traumhotels)lese!Ich habe mit Spitzen Koechen vom Faimont gearbeitet bei PAN AM in den 70er Jahren!
    Es ist nur schade,dass heute das einzige was Fist class ist,ist die Rechnung und manchmal die Aussicht!
    Liebe Gruesse Ihre Fanderls sen.

    • Lieber Herr Fanderl,
      die Suiten im Fairmont und die Aussicht sind immer noch spitze, das Hotel ist sehr gut in Schuss (höfliche Doormen, Blumen, ordentliche Wände ohne Schrammen, stets poliertes Messing, ein uralter, alles wissender Concierge, aufgeschüttelte Sitzkissen, die tausend Kleinigkeiten halt, die in Summe ein gutes Hotel ausmachen), auch das Frühstück hat 5-Sterne-Niveau, aber was ich Futter-und Drink-technisch sonst dort erlebt habe, na-ja. Und das Interconti auf Nobb Hill ist -ebenso wie die Interconti Malta, Berlin, Frankfurt, Paris, New York, Wien, alles Häuser, in denen ich mal sehr gerne abgestiegen bin – schlichtweg verlottert, heruntergekommen, auf Auscash-Modus würde ich sagen.
      Herzliche Grüße
      Eberhard Opl

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