48 Stunden SanFran (1/6)

„Bis wann geht die Tour?“ fragt Caro. „Offiziell bis Sonntag, die machen das oft so, dann haben die Teilnehmer einen guten Grund, nach einer Woche Meeting-Marathon im Silicon Valley noch das Wochenende auf Geschäftskosten in Kalifornien zu verbringen und erst am Montag oder Dienstag wieder im Büro aufzuschlagen. Ich würd‘ meinen Leuten ja was erzählen, wenn die sowas machen würden. Drei, vier Tage reichen für so einen Trip völlig, dann hat man eh‘ das meiste gesehen und gehört und mit den interessanten Leuten gesprochen. Der Rest ist Looser-Zeitvertreib.“ „Und Du bist kein Looser?“ fragt Caro spitz. „Weiß nicht, je nachdem, wie man’s sieht … Jedenfalls reise ich Samstag oder Sonntag an und bin spätestens Donnerstag oder Freitag wieder weg.“ „Wie fliegst Du?“ „Keine Ahnung, Star Alliance halt, wegen der Meilen, wahrscheinlich Air Canada, die gehen dann über Toronto oder Montreal, SAS geht über Kopenhagen, United und Lufthansa bieten die Strecke gar nicht an, San Francisco ist flugtechnisch echt der Arsch der Staaten.“ „Hättest Du Lust auf ein weekend in SanFran … mit mir?“ Caros Stimme wird schmeichlerisch-verführerisch-bittend, das ist dann immer verflucht gefährlich, und eigentlich hat man (Mann) schon verloren, wenn Caro diese Stimmlage anschlägt. Es ist ein Kreuz mit den Frauen. Einerseits, was gibt es verlockenderes als ein Wochenende mi Caro in einer Stadt voller Schwuler auf einer hyperaktiven Erdbebenspalte? Andererseits, sowas kostet, Zeit und Geld, das eine noch knapper als das andere. „Ist das nicht ein Riesen-Aufwand für Dich?“ versuche ich zu entkommen. „Mach‘ Dir darüber mal keine Sorgen, ich muss sowie demnächst nach Seattle, aber noch kein fester Termin, da kann ich doch das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden, von Seattle bin ich auch gleich unten.“ „Na gut, ich sehe zu, dass ich Donnerstagabend in SanFran bin. Wie immer Palace?“ „Du, ich hab‘ noch so viel Le Club Punkte, die ich nie brauche, lass uns doch in’s Fairmont gehen, ich lade Dich ein.“ Ich bin zwar kein Schnorrer, aber Fairmont kostenlos, das ist ein Wort.

Mit dem Taxi fahre ich nach meiner viertägigen geführten „Wir bringen Deutsche Manager in’s Silicon Valley und zeigen ihnen dort die tollen Neuerungen der Amis – Tour“ Donnerstag am späten Nachmittag von Menlo Park nach San Francisco Downtown, ich könnte zwar auch den Zug nehmen, aber der braucht fast doppelt so lange (kostet dafür aber nur ein Bruchteil), stattdessen bin ich schon wieder auf der 101, scheint irgendwie mein bevorzugter Highway zu sein, dieses Jahr, aber wenigstens azyklisch, während alle aus der Stadt raus wollen, in ihre wohlfeileren Wohnghettos, will ich hinein.

Man muss eingestehen, das hiesige Fairmont auf Nob Hill – übrigens das erste der heutigen Kette, Anfang des letzten Jahrhunderts gebaut und nach ihrem Vater benannt von den Töchtern des Industrie-Magnaten und Senators James Graham Fair, noch vor der Fertigstellung vom Erdbeben 1906 arg gebeutelt, aber ein Jahr später dann doch eröffnet – ist nach wie vor einer der nobelsten Schuppen der Westküste, allein die Marmorhalle ist eine Show, und die Aussicht von der Junior-Suite im 15. Stock des Towers auf die Stadt, die Bay und die Bay-Bridge ist auch nicht gerade schlecht, muss ja nicht immer Golden Gate sein, die zwar ungleich berühmter, aber architektonisch längst nicht so anspruchsvoll wie die Bay-Bridge ist. Ich bestelle mir einen großen Drink auf’s Zimmer zu einem Preis, für dem man im Laden gleich zwei Flaschen davon bekommt, dusche, sortiere mich, freue mich an der Aussicht, süffele vor mich hin und setze mich dann an die Hotelbar, und da beginnt das erste Problem des Fairmont. Das Haus verfügt zwar über eine legendäre Bar, den Tonga Room & Hurricane Bar mit tropischem Dekor, einer – wie die Macher selber schreiben – Fusionsküche aus polynesischen und family-style Gerichten, ich erinnere mich vom letzten Mal nur an pseudo-exotisch verbrämte Plumpsküche, ordentlichen Drinks, nette Live-Acts und viele Einheimischen als Gäste, Tonga Room & Hurricane Bar ist bis heute einer der places to be für die mittelalte und auch wieder jüngere Oberschicht San Franciscos, selbst für Hausgäste sind Reservierungen hier nur mit wenigstens einer Woche Vorlauf möglich, so angesagt ist der Schuppen, also brauche ich eine Alternative zum Warten, Schreiben, Trinken. Der eigentlich recht hübsche Honeybees & Herb Garden des Hotels ist wegen einer geschlossenen Veranstaltung nicht zugänglich, ärgerlich setzte ich mich an die Hallenbar; so schön und beeindruckend diese Halle als Entrée ist, so scheiße ist sie als cosy hotel bar, einfach zu riesig, zu unstrukturiert, zu unübersichtlich. Nun ja, die Drinks passen dazu, unter allen unfähigen Barkeepern aller klassischen Fünf-Sterne-Luxushotels muss ich den unfähigsten erwischt haben, der Kerl hat keine wirkliche Ahnung von dem, was er tut, geschweige denn von dem, was er eigentlich tun sollte. Irgendwann kommt Caro, nimmt ein Zisch-Bier (oder was man hier so „Bier“ nennt) mit mir an der Bar, verschwindet kurz auf dem Zimmer und kommt nach keiner halben Stunde wie aus dem Ei gepellt zurück.


Hotel Fairmont San Francisco
950 Mason Street
San Francisco, CA 94108
USA
Tel.: +1 (4 15) 7 72 50 00
Online: www.fairmont.com/san-francisco/
DZ Ü/F 259 US$ bis 1002 US$ (pro Zimmer pro Nacht, incl. Frühstück, Suiten deutlich teurer)

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2 Comments

  1. Harald Fanderl sen.

    Lieber Herr Opl,
    Dieser Bericht ist einfach herrlich!Vor ca.30 Jahren waren wir(die Seniors)mit unserem Sohn im Fairmont bei Mittagessen im glaesernen Turm!A day to remember!Die Aussicht hat sich so eingepraegt,dass man heute noch das Bild vor Augen hat.Das gute alte Fairmont hat den Charm
    Des historischen Denkmals mit Aussicht.Unsere vier Jahre in der Bayarea wurden durch solche
    Ausfluege gekroent!Vor drei Jahren haben wir alles auf gefrischt und endlich wieder Sausalito
    besucht mit einem Aufenthalt in Nappavaley bei Freunden aus Stanford.
    Wir beglueckwuenschen Sie zu diesem Erlebnis und wuenschen Ihnen alles Gute
    Ihre Fanderls jung und ALT.

    • Danke für den Kommentar, freut mich sehr, und das Fairmont mag ich in der Tat, obwohl ich Morgen noch etwas über das Barfood mosern werde. Aber allein die Zimmeraussicht ist grandios.
      Herzliche Grüße an Sie, Ihre Frau und die ganze Familie
      Eberhard Opl

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