Spitzmund Gin und Tatar

Eigentlich sind das zwei, genau genommen sogar drei Geschichten, und das mit nur einem Gin.

Die erste Geschichte ist der Spitzmund Gin aus Schleswig Holstein. Der kann was. Nach dem belang-, geschmack- und charakterlosen koscheren Wässerchen letzte Woche schmeckt der Spitzmund mit seinen 47% Alkohol echt nach was. Klar, Wacholder, aber daneben Pflaume (Pflaume, hatte ich, glaube ich, noch nie in einem Gin), ziemlich dominanter Koriander, dazu Zimt, Nelke, Pfeffer, Zitrus, ein sehr komplexes Wässerchen, das zimmerwarm in einem Obstbrand-Glas nochmals völlig anders daher kommt als eiskalt im Martini, ungekühlt könnte es in einer Blindverkostung glatt als ungewöhnlicher Sliwowitz durchgehen. Von der Härte des Gins, von der die Macher auf ihrer Website sprechen – klar, Küsten-Klischee – , finde ich nichts; der Gin ist rund, geschmeidig; Plymouth Navy Strength, Gordons oder The original Bombay London Dry Gin sind hart, nicht dieser kultiviert-gezähmte Spitzmund. Ende erste Geschichte: Spitzmund Gin, nicht schlecht.

Zweite Geschichte:  Spitzmund Gin war seit 2013 ursprünglich der hauseigene Gin der Kieler Trafo Bar, dort hieß er noch MediGIN, abgefüllt in einer typischen Medizinflasche. Der Eigentümer und Keeper der Bar, Andreas Werner, im provinziellen Norden populär für Spinnereien wie Drinks mit Blattgold oder Molekular-Cocktails für Land-Schicky-Mickys, hat – so die Mär –jahrelang probiert, kombiniert, getestet, bis er seinen eigenen, seinen Ansprüchen genügenden Gin entwickelt hatte; diese Rezeptur ließ er dann in professionellen – vermarktbaren – Quantitäten bei einem regionalen Brenner professionell brennen. Beflügelt vom Erfolg des Wässerchens in seine Bar und/oder beraten von einem Unternehmensberater wurde der MediGIN 2014 rebranded (wie es im Berater-Denglisch heißt), in Spitzmund Gin umbenannt, die Flasche wurde neu und schick designt, die virale Maschinerie angeworfen und so viele Bullshit-Bingo-Floskeln wie man nur ergattern konnten, wurden in den viralen Raum gekotzt: „real small batch“, „handcrafted“, „natural botanicals“, „no additives or artificial flavours“, … . Liebe Macher von Spitzmund: ich kann diesen Scheiß nicht mehr hören, das Produkt zählt (und das ist nicht schlecht), nicht die Story mit ihren Buzz-Words. Ach ja, und diese überteuerten Sonder-Editions: würde ich auch machen, wenn ich eine funktionierende Marke hätte, aber dieses rosane Zeugs für 90 € den Liter ist grauslich…

Dritte Geschichte: echtes Rinder- Tatar mit seinen klassischen Zutaten, frisch am Tisch zubereitet für die Männerrunde. Da zum Beispiel ist Spitzmund der passende Begleiter. Und das Tatar-Rezept kommt demnächst auch.

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