Port Orford: Right in the middle of nowhere (3/3)

Mittag sitzen wir hinter dem Haus, trinken Weißwein aus Oregon, essen ganz stilecht Chips, blicken auf das Meer und freuen uns. Von Süden zieht Nebel auf, man kann sehen, wie sich die dicke Nebelbank Meter um Meter vorschiebt uns alles in ihren weißen weichen Schleier hüllt. Die Einheimischen nennen den August denn auch Fogust, sie wissen, warum.

Gegen Abend hat sich der Nebel wieder verzogen und wir gehen in’s Redfish, vermeintlich das erste Haus am Platze am Stadtrand, direkt beim battle rock, ein modernistischer, fast quadratischer Neubau, zum Meer hin eine gar nicht mal so hässliche Terrasse, zum Land hin ein Anbau, der als Galerie zur Zurschaustellung geschweißter Monstrositäten dient, ich tippe auf ein wohlhabendes Ehepaar aus der Stadt, die sich hier selbst verwirklichen wollen, meine Nachforschungen hier enden in einer großen law firm in Portland, aber einerlei. Der helle, sehr schlicht gehaltene Gastraum mit großen zwei Fensterfronten, Theke, schönem Steinfußboden, sehr einfachen Stühlen und Tischen ohne Tischwäsche ist gut gefüllt, auf der Terrasse mit herrlichem Meerblick ist trotz strahlenden Sonnenscheins gähnend leer, Amis sitzen einfach nicht gerne draußen, wir hingegen schon. Die Bedienungen sind jung, flott, freundlich, nicht wirklich zur Servicekraft ausgebildet, aber bemüht und tragen alle miteinander Schwarz. Die Speisekarte gibt sich anspruchsvoll, Shrimps Risotto, Frühlingsrollen vom Wildschwein, Muscheln als Vorspeise, nur bei der Käseplatte unter den Vorspeisen merkt man schon, in welcher kulinarischen Diaspora man hier ist. Dann Cioppino, Clam Chowder oder Salate als erster Gang, Ravioli Florentine, Ribey mit getrüffelten Kartöffelchen oder catch oft he day als Hauptgang, dazu eine mündlich vorgetragene Tageskarte, das klingt alles sehr erfreulich. Ist es aber nicht. Ich bestelle mir den Hauscocktail, den „Hawthorne Martini. Perfect blend of Ketel One Vodka and Bombay … a house staple at redfish. We consider it routine maintenance.” Was kommt ist ein Dirty Martini mit stinkiger Lake, stinkigen, labbrigen grünen Oliven, einer Silberzwiebel, dazu wässrig, mit Eisstücken darin, wohl weil die Plörre mit crushed ice gemixt wurde. Ich überwinde mich und nippe an der Plörre … und bei Gottfried, das ist der zweite Martini in meinem Leben, den ich zurückgehen lasse (der erste war aus slowakischem Gin gemixt, der mich um mein Augenlicht fürchten ließ). Die Margerita ist dann ganz ok, zu süß, aber ganz ok, ich spüle mit einem großen Woodford Reserve nach, zum Essen bestellen wir einen sehr ordentlichen heimischen 2018er in französischer Eiche ausgebauten Pinot Gris von Lang aus dem Willamette Valley, sehr mineralisch, leichte Säure, Früchte im Abgang. So angenehm der Wein ist, so unangenehm wird das Essen. Die Frühlingsrollen von geschmortem Wildschwein, Fünfgewürz und Gemüse kommen daher in einem selbst gemachten, knusprig frittierten Teigmantel, darinnen das nackte Grauen aus knorpeligem, übel riechendem und schmeckendem Wildschwein-Gemüse-Matsch, begleitet von zwei Fertig-Saucen und ein wenig eingelegtem Ingwer; das ist nicht schlecht, das ist ungenießbar, ich lasse es zurückgehen, die Bedienung ist fürbass erstaunt, auf der Rechnung wird es dennoch erscheinen. Der Rauke-Salat besteht aus einem Berg ungeputzter, matschiger Rauke, angeblich in einer Pfirsich-Hibiskus-Vinaigrette, tatsächlich aber einfach nur sauer, dazu ein paar Zucht-Beeren, Steifen von Apfel und Pfirsich und ziemlich gute Haselnüsse. Nüsse und Früchte kann man vom sauren Salat-Matsch herunter gabeln, der Rest ist schlichtweg kaum genießbar. Der / die / das Cioppino ist nicht etwa – wie man anhand des Namens vermuten sollte – ein italienisches Gericht, sondern hat seinen Ursprung in San Francisco und besteht aus Fischen und Meeresfrüchten, die in einer würzigen Tomaten-Weißwein-Suppe gekocht und mit geröstetem Weißbrot serviert werden; im Redfish in Port Orford besteht der / die / das Cioppino aus übelriechendem, breiig zerkochtem Meeresgetier vergangener Tage, aber keinesfalls frisch, auch das lassen wir zurück gehen. Die gegrillten Forelle mit krossem Hautfetzen auf dicken Tiefkühlbohnen und Bohnenbrei ist dann von nämlicher Qualität. Auf den Versuch eines Desserts verzichten wir, auf der Rechnung erscheint jedes einzelne Gericht vollständig, obwohl wir nur den Salat wirklich angerührt haben, der Rest ging einmal probiert in die Küche zurück, kein Wort der Entschuldigung, keine Nachfrage aus der Küche, was denn nicht passe, kein Schnaps oder Kaffee auf’s Haus, noch nicht einmal ein Koch, der sich scham- und gramgebeugt vor unseren Augen im Pazifik ertränkt (was ja wohl das Mindeste wäre, was man in so einem Fall erwarten kann). Missmutig gehen wir heim, setzten uns hinter’s Haus, blicken auf’s Meer, köpfen eine Flasche 2017er Brooks Riesling, wieder aus dem Willamette Valley, essen die letzten Chips und Nüsslein, um irgendwas in den Bauch zu bekommen und sind missvergnügt.

Beim Auschecken am nächsten Morgen fragt die freundliche Motel-Betreiberin, ob denn alles in Ordnung gewesen sei, wir bejahen uneingeschränkt, nur das Redfish sei ein Total-Reinfall gewesen. Die Frau lacht laut: das hätte sie uns vorher sagen können, kein Einheimischer gehe in’s Redfish, zumindest nicht zum Essen, die Cocktails aber seien recht gut, zum Essen gehe man hier in besagten Diner TJ‘s oder aber in den The Crazy Norwegians. Dort gebe es den besten und frischesten Fisch, dazu Chips aus einer separaten Fritteuse, selbst gemachte Saucen, frische Salate, hausgemachte Pies, The Crazy Norwegians sei eines der besten Lokale in der ganzen Umgebung. Auf unserem Weg nach Süden fahren wir an dem direkt an dem Laden vorbei, von außen sieht er aus wie eine Mischung aus Imbiss- und Bruchbude, aber so kann man sich täuschen …


Castaway by the Sea
545 5th Street
Port Orford, OR 97465
USA
Tel.: +1 (5 41) 3 32 45 02
Online: www.castawaybythesea.com

DZ /Kitchenette ohne Frühstück US$ 148 bis US$ 202 (Sommer), US$ 95 bis US$ 155 (Winter)


TJ’s Cafe & Pub
831 Oregon Street
Port Orford, Oregon 97465
USA
Tel.: +1 (5 41) 3 66 20 73
Online: https://tjscafeandpub.com

Frühstück von US$ 7,95 bis USD$ 13,95; Hauptgerichte von US$ 7,25 (Burger) bis US$ 19,95 (Gemischte Fisch-Meeresfrüchte-Platte); Drei-Gänge-Menue von US$ 17,15 bis US$ 38,85


Redfish
Chef Jeremy Kelly
517 Jefferson Street
Port Orford, OR 97465
USA
Tel.: +1 (5 41) 3 66 22 00
Online: www.redfishportorford.com

Hauptgerichte von US$ 15 (Jalapeno Lamm Burger) bis US$ 32 (Steak, getrüffelte Kartoffeln, Gemüse, Demi glace); Drei-Gänge-Menue von US$ 22 bis US$ 69

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