Pfarrwirt in Wien Heiligenstadt: Wenn eine Legende eine Legende kauft

Summa summarum: Wenn ich einen Geschäftsabschluss mit einem Null-Acht-Fuffzehn-Ami feiern müsste, wenn ich einen Politiker in aller Öffentlichkeit bestechen wollte, oder wenn ich eine reiche etepetete Schwiegermutter in spe zum landestypischen Dinner ausführen müsste, so wäre der Pfarrwirt in Heiligenstadt gewiss meine erste Wahl; wenn ich richtig gut und authentisch Wienerisch essen und mich wohlfühlen will, eher nicht.

Franz Mayer  ist eine österreichische Winzerlegende. „Der Qualitätspionier hat das Fundament für die Erfolgsgeschichte des Wiener Weinbaus gelegt.“ schrieb das Magazin Falstaff von Wolfgang Rosam 2011 in seinem Nachruf auf den „Doyen der Wiener Weinszene“, „verdienstvoller Grandseigneur der Wiener Weinwirtschaft“, titelte der Standard. Mayer war nicht nur berühmt für seine Kaltgärung, er machte auch den Gemischten Satz hoffähig, und als Präsident der Landwirtschaftskammer legte er nach dem Glykolskandal durch die von ihm durchgesetzte Auspflanzförderung den Grundstein für den qualitativen Aufschwung und damit die beachtliche Erfolgsgeschichte des Wiener Weinbaus in den letzten 20 Jahren. Sein Heuriger und sein Lokal am Pfarrplatz in Heiligenstadt waren und sind ebenfalls legendär, nicht nur als ältestes Gasthaus Wiens und als Wohnhaus von Beethoven, sondern auch als Treffpunkt der Reichen, Schönen und – ganz wichtig in Wien – der unheilvollen Mischpoke von Funktionären, Politikern und Medienleuten (tschuldigung, Florian). Zu diesen Medienleuten und Reichen zählte noch zu Mayers Lebzeiten die andere Wiener Legende, Hans Schmid, Werbeagenturbesitzer, in der Vergangenheit nicht nur für Frauenunterhosen und Wasser sehr erfolgreich werblich unterwegs, immer auch im – in Österreich traditionell sehr trüben, aber lukrativen – Fahrwasser der Sozen, denen er 1988 die hochdefizitäre Arbeiterzeitung abnahm, um die schmutzige Arbeit des Blatt-Plattmachens dann nach einer Schonfrist von nicht mal drei Jahren zu vollenden. Erfolgreicher war Schmid da schon mit seinen Eigengründungen, den Zeitschriften Wiener und dann Wienerin sowie diversen anderen wirtschaftlichen Engagements, die er nach seinem Ausscheiden aus der Werbeszene einging, so übernahm er das Kaufhaus Steffl in der Kärnter Straße und betreibt dort auch die – unsägliche, man konnte auf opl.guide bereits darüber lesen –  Sky Bar, gibt den Sponsor irgendwelcher Menschen, die sinnbefreit auf Eis umherlaufen, sammelt Kunst … und kauft sich peu à peu als Winzer am berühmten Wiener Nussberg ein, zuerst – angeblich rein zufällig – das Rote Haus, dann die Weinberge und Wirtschaften besagten Franz Mayers, heute zählt Schmid zu den größten Weinbergbesitzern Wiens, vor allem am Nussberg, der unter der Hand bereits als begehrte und teure Immobilienlage gehandelt wird. Aber, das muss man auch neidlos eigenstehen, was Barbara Wimmer, die noch bei Mayer gelernt hat, als Kellermeisterin und Dr. Dragos Pavelescu als Önologe da für Schmid produzieren, hat z.T. Weltklasse, z.B. der Wiener Gemischter Satz (DAC) aus Grünem Veltliner, Riesling, Rotgipfler und Zierfandler, natürlich die Rieslinge vom Nussberg, regelmäßig mit über 90 Parker-Punkten ausgezeichnet und – Schmid wäre nicht Schmid – eine ziemlich – sagen wir mal – kuriose Asia Cuvée  aus Grünem Veltliner, Riesling, Weißburgunder, Sauvignon Blanc und Traminer, die gerade durch letzteren reichlich blumig-nuttig daherkommt und damit offensichtlich in den Exportländern China., Korea und Japan großen Anklang findet; aber, das muss man zur Ehrenrettung der Asiaten doch sagen, die Wiener Rieslinge scheinen sie ebenfalls zu mögen.

Nun also der Pfarrwirt direkt neben der Heiligenstädter Kirche, Grundmauer aus dem 12. Jahrhundert, Beethoven hat hier angeblich an der Neunten gewerkelt. Das Erste, was man bemerkt, wenn man das Haus betritt, ist, dass man nicht bemerkt wird, zumindest wenn man nicht gerade Andre Heller, Erika Pluhar, Niki Lauda, Otto Schenk, Franz Vranitzky oder Franz Klammer heißt. Das gibt einem die Gelegenheit, das  „Fallenbild“ von Daniel Spoerri zu betrachten, während die Servicekräfte ignorant (einen ignorierend) vorbeieilen, das kann man mögen oder nicht, das eine wie das andere. Schließlich erwischen wir doch einen Kellner, dem wir erfolgreich unser Begehr schildern können, zu unserem reservierten Tisch geleitet zu werden. Erst als der Kellner bemerkt – sowas schreibt man sich hier offensichtlich auf –, dass die Reservierung vom Concierge des Imperials gemacht wurde, wird er mit einem Male deutlich freundlicher, flotter, serviler.

Pfarrwirt, Wien, Franz Mayer, Heiigenstadt, Hans Schmid, Grammelknödel

Neben ein paar eher düsteren alten Sälen und Speisezimmern, meist für private Feste, spielt sich das gastronomische Leben im Pfarrwirt in der großen, hellen, freundlichen, an drei Seiten verglasten Veranda, einem Anbau aus dem 19. Jahrhundert ab, blanke Holzdielen als Boden, großzügig bestuhlt mit genügend Abstand zwischen den mit weißem Leinen eingedeckten Tischen, hier bekommen wir einen der schönen Eckplätze, man kann alles beobachten ohne selber Blicke im Nacken zu haben. Kaum dass wir sitzen, erscheint mit einem Male auch schon Rainer Husar, man kennt ihn noch aus alten trunkenen Pörtschacher Bar-Tagen, der seit ein paar Jahren hier für seinen Kärntner Kumpel Schmid den Restaurantleiter gibt. Servile – man kann es nicht anders nennen – Begrüßung mit ausgeprägtem Katzenbuckel, er reicht uns die Karten, fummelt irgendwie aktionistisch, aber sinnfrei an der Tischdeko herum und trollt sich wieder. Das Publikum ist gediegen, gepflegt, Touristen, zumal Billig-Touristen, mache ich kaum welche aus, leider auch keine Promis, das scheint gutbürgerlicher Wiener Durschnitt zu sein, Leute halt, die 50 bis 100 EURO klaglos für ein Abendessen ausgeben können und wollen und dabei unter ihresgleichen bleiben möchten. Nur dass an manchen Tischen geraucht wird, dass es keinen separaten Raucherbereich gibt, das irritiert den angereisten Piefke schon.

Pfarrwirt, Wien, Franz Mayer, Heiigenstadt, Hans Schmid, Leberknödelsuppe

Pfarrwirt, Wien, Franz Mayer, Heiigenstadt, Hans Schmid, Grießnockerlsuppe

Service gut, die jungen Männer in weißen Hemden und schwarzen Kellnerwesten sind flott, freundlich, professionell, sogar die linke Hand wird beim Wein Nachschenken auf den Rücken gelegt (für die, die es nicht wissen, ein Relikt vergangener Zeiten, wo auch schon mal eine Giftpille oder ähnliches mit ins Glas geschmuggelt wurde, da war die Hand auf dem Rücken beim Einschenken sozusagen eine vertrauensbildende Maßnahme), zuweilen grätscht Rainer Husar in den Service und macht irgendwas, was auch ein anderer tun könnte.  Die hauseignen Weine – das hatte ich ja bereits geschrieben – exzellent und erfreulich wohlfeil.

Pfarrwirt, Wien, Franz Mayer, Heiigenstadt, Hans Schmid, Wiener Schnitzel

Tja, und dann das Essen, das nämlich war eher durchwachsen. Dabei ist die Speisekarte durch und durch Wienerisch, keine Kotaus vor Burgern, Crossover, Fusion, Molekular  und wie die Säue alle heißen, die ständig durch’s globalisierte kulinarische Dorf getrieben werden, dafür aber ein paar Gerichte aus den Kronländern. Aber die beiden Grammelknödel als Vorspeise kommen breiig daher und sind fast auch für Vegetarier geeignet (bei so wenig Grammeln, wie darinnen  waren), die Oberfläche trocken, offensichtlich aufgewärmt, Caro tippt auf Mikrowelle, das warme Speckkraut gerade mal lau, ansonsten aber schlorzig-wohlschmeckend-derb, die Bratensauce schließlich fragwürdig. Die Rindssuppen ordentlich, tadel- aber auch loblos, anständiger Wiener Durchschnitt, die Leberknödel geschmacklich und konsistenzmäßig sehr gut, die Grießnockerln flufffig, leicht, perfekt aufgegangen … und vollkommen geschmacklos, kein Hauch von Muskat, keine Spur von butterig, und beide – Leberknödel wie Grießnockerln – offensichtlich nicht in der Suppe heißgezogen, sondern schlichtweg schon wieder in der Mikrowelle, bestenfalls einem Multifunktions-Dampfgarer erwärmt. Der erste Spargel vom Marchfeld noch reichlich geschmacklos (dazu kann aber das Restaurant nichts), fast wieder kalt (weil Teller nicht vorgewärmt, und dazu kann das Restaurant eindeutig was) Hollandaise selbst aufgeschlagen, fluffig-wohlschmeckend, nur leider mehr lau als warm, gute letztjährige Kartoffeln (! Ausrufezeichen, ich hasse diesen Heurige-Kartoffel-Hype zum Spargel, die Mistdinger aus Ägypten oder besten Falls aus Zypern, die nach nichts schmecken), in Butter  mit Petersilie wieder warm geschwenkt. Das Wiener Schnitzel vom Kalb der absolute Hammer (wie Caro es auszudrücken pflegt), hervorragende Fleischqualität mit Geschmack, Biss, nichts von wässerig oder faserig, perfekte, abgehobene, knusprige Panade, tatsächlich in frischem Butterschmalz ausgebacken, so muss Wien, kann man da nur sagen; der Kartoffelsalat mit Feldsalat (schlecht geputzt, z.T. noch mit den Wurzeln dran) dazu dann eher wieder belanglos, vielleicht aber auch nur ein kulinarischer Kontrapunkt zum perfekten Wiener Schnitzel. Ganz anders als der Tafelspitz, Fleischqualität auch hier gut, nur leider viel zu weich gekocht, ebenso wie das Wurzelgemüse darüber, dazu total verknofelter  Spinat, ordentliche, aber fette Bratkartoffeln (statt Röstkartoffeln, wie es Sitte wäre), eine gänzlich Schnittlauch-freie Schnittlauchsauce und vollständig Schärfe-freier Apfelkren. Dazu das Fleisch an einer Ecke total vertrocknet, muss wohl zu lange aus der Brühe geragt haben. Nein, Tafelspitz können so manches Beisl und die vermaledeite Plachuta-Kette gewiss besser. Die Palatschinken zum Dessert schon wieder fast kalt, Marillenmarmelade darinnen sehr gut, gut auch der gemischte Käseteller mit Brillat Savarin, Vorarlberger Bergkäse und Gorgonzola, wobei letzterer allerdings seine besten Tage schon hinter sich hatte.

Tafelspitz, Pfarrwirt, Wien, Franz Mayer, Heiigenstadt, Hans Schmid

Tafelspitz, Pfarrwirt, Wien, Franz Mayer, Heiigenstadt, Hans Schmid

Was bleibt? Wenn ich einen Geschäftsabschluss mit einem Null-Acht-Fuffzehn-Ami feiern müsste, wenn ich einen Politiker in aller Öffentlichkeit bestechen wollte, oder wenn ich eine reiche etepetete („Etepetete sein ist eine alte Redewendung, die sowohl im nördlichen Teil des deutschen Sprachraumes als auch im Wienerischen bekannt ist und umgangssprachlich eine Person beschreibt, die sich in der Öffentlichkeit geziert und pingelig aufführt“ – Wikipedia; „geziert, zimperlich, eigen; übertrieben fein, steif und konventionell“ – Duden) Schwiegermutter in spe zum landestypischen Dinner ausführen müsste, so wäre der Pfarrwirt in Heiligenstadt gewiss meine erste Wahl; wenn ich richtig gut und authentisch Wienerisch essen und mich wohlfühlen will, eher nicht.

 

Pfarrplatz Gastronomiebetriebs GmbH – Mayer am Pfarrplatz
Pfarrplatz 2
1190 Wien
Tel.: +43 (1) 3 70 33 61
Fax: +43 (1) 3 70 47 14
Online: www.pfarrplatz.at
Email: info@pfarrplatz.at

 

Das sagen die Anderen:

  • Guide Michelin (Booktable) Inspektoren: n.a.
  • Guide Michelin (Booktable) Gästebewertungen: n.a.
  • Gault Millau: 13 von 20 Punkten, 1 Haube
  • Yelp: 4 von 5 Sternen (bei 13 Bewertungen)
  • Tripadvisor: 4 von 5 Punkten (bei 200 Bewertungen)
  • Google: 3,9 von 5 Sternen (bei 50 Bewertungen)
  • Flastaff: 86 von 100 Punkten (Essen 43/50, Service 17/20, Weinkarte 17/20, Ambiente 9/10; 2 von 4 Falstaff Gabeln)
  • Facebook: 4,6 von 5 Sternen (bei 106 Bewertungen)
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