Osteria Albero Verde: Eldorado für Möchte-Gern-Kleinstadt-Schicki-Mickis

Bei der Osteria Albero Verde scheiden sich die Gemüter in Augsburg ziemlich binär: die einen lieben sie, die anderen hassen sie, tertium non datur. Aber woran liegt diese Polarisierung? Bestimmt nicht am Essen, das ist mal mehr, mal weniger ordentliche italienische Hausmannskost zu ziemlich gesalzenen Preisen. Zugegeben, meist recht gute Vorspeisen, aber das Fleisch zu durch, der Fisch nicht immer wirklich frisch, das Gemüse zerkocht, die Nudeln ganz ok, die Desserts belanglos – all das mal mit einem Ausreißer nach oben oder nach unten. Alles in allem, nicht lobens- und zuweilen etwas tadelswert, ein Allerwelts-Italiener an der Ecke. Und eine Institution im provinziellen Augsburg, und das erst recht, seitdem die Osteria vom Schmiedberg in die legendäre Wolfsklause mit dem wunderschönen Garten direkt neben der Citygalarie gezogen ist. Man hört ja viel über Schicki-Micki, bevorzugte Gäste, Schleimereien und Aufschneidereien, und so haben wir den Praxis-Test gemacht. Escada-Kleidchen, Budapester frisch geputzt, Caro und ich jeder mit einer Rolex bewaffnet, Porsche aus der Garage (fast ganz großes Kino), ziemlich verboten direkt vor dem Lokal im Wolfsgässchen geparkt, großer Auftritt. Ein mittelalterlicher Italiener mit kurzen Haaren, Drei-Tages-Bart und Zahnlücke (der legendäre Toni) stürzt auf uns zu, begrüßt uns wie alte Freunde, schwätzt auf uns ein, geleitet uns zu einem Tisch und alles geht auf’s freundlichste und schnellste seinen Gang. Essen hatte ich bereits erwähnt, basst scho‘, unspektakulär, die Weinkarte etwas schwach auf der Brust (was Auswahl und Qualität, nicht was die Preise anbelangt). Langsam füllte sich das Lokal (wir waren früh gekommen, um die Nummer mit dem Porsche vorzufahren auch ja hinzubekommen), und wir hatten den Eindruck, es war ein Vereinstreffen der Rolex-Träger. Fast schämte ich mich mit meiner Submariner Oyster Edelstahl, da waren noch ganz andere Kaliber an den Handgelenken. Und zwischen allen wuselte Toni von Tisch zu Tisch, plauderte, scherzte, servierte zuweilen auch (abräumen jedoch scheint unter seinem Niveau zu sein), übersetzte die italienische Tageskarte, kurzum, man war unter sich, die besseren Leute aus dem Städtchen oder die, die sich dafür halten.

Zweiter Teil des Tests, einige Monate später (wir brauchten die Zeit dazwischen, um uns von dem Erlebten zu erholen und den Widerwillen, nochmals zu diesen Menschen zu gehen zu überwinden). Jeans, Polo, Lederjacke, Nomos Uhr, kein Auto, Auftritt zu Fuß. Wir treten ein, niemand begrüßt uns, der Toni-genannte wuselt wie üblich umher, Toni beachtet uns nicht wie wir in der Tür stehen, eigentlich beachtet uns niemand. Nach quälend langen Minuten des Dumm-Rumstehens setzen wir uns an einen freien Tisch. Nichts passiert. Nach vielleicht fünf Minuten kommt der Toni-genannte, knallt grußlos ein Reserviert-Schildchen auf unseren Tisch und sagt (schnauzt wäre vielleicht der bessere Ausdruck), hier könnten wir uns nicht hinsetzten, hier sei serviert (er bat uns nicht etwa zu einem anderen Tisch, er sagte nur, hier könnten wir nicht bleiben). Als wir einwenden, der Tisch sei nicht reserviert gewesen als wir uns gesetzt hätten schnauzt (jetzt schnauzt er wirklich) er zurück, wieso wir dazu kämen, uns einfach zu setzen (Sind wir jetzt schon in Amerika? Und wo war das Schild „Sie werden platziert“?). Caro schäumt und will gehen, ich halte sie zurück, diese Nummer ziehen wir bis zum bitteren Ende durch. Schließlich bekommen wir einen Tisch am Durchgang zur Küche. Das Essen wir gehabt belanglos, nur ein Service der diesmal an Langsamkeit, Unfreundlichkeit und Arroganz kaum zu übertreffen ist. Und diesmal scherzt und plaudert und lacht niemand mit uns bejeansten Nicht-Rolex-Trägern. Strafe muss sein, wir gehören hier ja wohl auch nicht her, spüren auf jeden Fall deutlich, dass wir unerwünscht sind und entsprechend als personae non gratae behandelt werden. Ich möchte auch gar nicht hier her gehören. Wenn ich mich umblicke und mir das Publikum so anschaue, schaudert’s mich. So manch einer sieht hier aus als würde er angehenden Bundespräsidenten schon mal einen Sylt-Urlaub spendieren wollen, die meisten allerdings sehen für mich aus wie Kleinstadt-Schicki-Mickis unter sich. Auf meiner persönlichen Schwarzen Liste hat die Osteria Albero Verde einen Ehrenplatz.

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