Marginalie 30: Real real-time-pricing at its best

Es war gegen Ende des letzten Jahrtausends, ich war noch wichtig und hatte Klienten in München, monatelang wohnten wir  von Montag bis Donnerstag im Vier Jahreszeiten in der Maximilianstraße, Montags früh Morgens mit dem Red-Eye-Bomber von daheim in München einfliegen, dann vom Flughafen direkt in den Team-Raum beim Klienten oder ins lokalen Office, bis in die Puppen malochen, routiniertes Late-Check-In im Hotel –  „Schönen guten Abend, Herr Doktor, schön, dass Sie wieder bei uns sind. Wir haben Ihr übliches Zimmer für Sie reserviert.“ – Rhabarber-Rhabarber-Rhabarber, das „übliche Zimmer“, ok, das war meist im hinteren, damals nur spärlich renovierten Trakt mit den Räumen zum kleinen Innenhof, der Marstall- oder der Wurzerstraße hin, aber immerhin, „Leading Hotels of the World“ stand und steht auf bronzener Platte am Eingang. Das Zimmer war relativ klein, aber sauber, gute Matratze, gutes Bad, Schallschutzfenster, was will man mehr? Firm hatte auch hier eine „Company Rate“ ausgehandelt, wohlfeile Preise im Gegenzug gegen garantierte Belegungen, irgendwas um die 150 DM, wenn ich mich recht entsinne, ein Bruchteil des Listenpreises, und das in dem Hotel, das sich in den 60ern rühmte, die teuersten Hotelzimmer Deutschlands anbieten zu können. Das wenige Leben, das ich im Hotel verbrachte, war praktisch. Wie gesagt problemloses Late-Check-In, Frühstück ab 06:00 (so dass man möglichst vor den Klienten im Teamraum sein konnte, das erzeugte zum einen Eindruck, zum anderen auch Schuldgefühle bei den Klienten, und das ist gut, den Schuldgefühl-geplagte Klienten tun eher, was man ihnen sagt) in den Räumen des ehemaligen Walterspiel-Restaurants, Nichtraucher saßen damals noch in einer zugigen Nische am Eingang, der Rest des Restaurants war wie selbstverständlich Raucherbereich, auch die – stets üppigen – Frühstücksbuffets standen im Rauch, heute nicht mehr vorstellbar. Dazu lief ständig ein hochgewachsener, stämmiger, des Deutschen offensichtlich nicht mächtiger, dunkelhäutiger Mann in weißer Jacke mit Messingknöpfen mit einer großen silbernen Kanne durch die Tischreihen und schrie – „rufen“ konnte man das bei der Lautstärke nicht mehr nennen, er schrie – „Coffee! Who wants fresh coffee?“. So ging das die ganze Frühstückszeit über. Einerseits, man konnte stets rasch und zuverlässig frischen Kaffee erhalten, andererseits, das Schreien war auf die Dauer enervierend. Des Nachts war die Hotelbar verlässlicher Ort für einen Snack und einen Absacker, man konnte auch schräg über die Straße gehen und war bei Charles Schuhmann in seiner alten Location oder in der anderen Richtung einmal zick-zack in die Falkenturmstraße und man war bei William Deck, damals noch in Harry’s New York Bar und nicht im Pusser’s (aber das ist eine ganz andere Geschichte); für den großen Hunger – für den eigentlich nie wirklich Zeit war – waren und sind Spaten, Augustiner, Hofbräuhaus, damals sogar noch zwei recht passable Italiener in 5 Minuten Laufentfernung. Wirklich alles recht commod und praktisch.

Dann begab es sich eines winterlichen Donnerstags, dass ich des Morgens im Hotel wie üblich auscheckte, in den Teamraum fuhr, alldorten arbeitete und vor allem wichtig war, gegen 16:30 den Teamraum verließ, mit dem Taxi zum Flughafen fuhr, um dort die 18:00-Uhr-Maschine nach Hause zu erwischen und Weib und Kinder nach arbeitsreicher Woche noch vor 20:00 Uhr in die Arme schließen zu können. Auf dem Weg zum Flughafen schneite es bereits, so etwas soll dann und wann vorkommen in Bayern. Angekommen am Flughafen verzögerte sich das Check-In trotz Senator-Karte und Wichtigkeit ungewöhnlich lange, bis schließlich über die Lautsprecher mitgeteilt wurde, der Flughafen sei aufgrund des starken Schneefalls für den Rest des Tages komplett geschlossen, es würden keine Maschinen mehr starten und ankommende Maschinen nach Nürnberg umgeleitet, alldieweil es dort nicht so stark schneie. Nach dieser Meldung brach das Chaos aus. Wenigsten eine Million von Leuten (ich übertreibe), die ebenso wichtig waren wie ich und an dem Abend irgendwo hinfliegen wollten, zückten ihre Funken um die Zeit, bis der Flughafen wieder öffnen würde, zu organisieren. Man sah förmlich die Funkmasten am Flughafen „glühen“, bis das Telephonnetz sang- und klanglos wegen Überlastung zusammen brach. Taxis waren natürlich auch keine mehr zu bekommen, die, die bei der Meldung am nächsten vom Eingang standen, waren sofort nach draußen gestürzt und hatten sich die freien Wagen geschnappt. Da ich ja nicht nur wichtig, sondern auch klug war, befleißigte ich mich azyklischen Verhaltens und begab mich von der Abflugebene – wo verständlicher Weise – die Hölle los war zur Ankunftsebene wo – mangels Ankünften logischer Weise – nichts, absolut nichts los war, und siehe, dort ergatterte ich sofort ein zufällig herumlungerndes Taxi. Ich hieß den Fahrer, mich in’s Vier Jahreszeiten zu bringen, unterwegs, weg vom Flughafen, hatte ich dann irgendwann auch wieder Funkempfang, rief im Hotel an, bestellte mein übliches Zimmer, das tatsächlich auch noch frei war und fühlte mich erleichtert. Den Rest der Fahrt informierte ich meine Familie und mein Sekretariat über die geänderten Reisepläne. Angekommen im Hotel war eigentlich alles wie immer, vielleicht ein wenig mehr Gäste im Foyer als sonst. Ich wurde begrüßt wie immer, der Rezeptionist kannte sogar meinen Namen, er reichte mir wie immer das obligatorische Anmeldeformular zur Unterschrift, und da stockte mir der Atem: auf dem Formular stand ein Übernachtungspreis von fast 500 DM. Was das den solle, fragte ich, wir hätten ein Company Rate, und am Morgen bei auschecken hätte ich noch 150 DM pro Nacht gezahlt. Der Rezeptionist blickte mich freundlich an und sagte mit sanfter, aber bestimmter Stimme: „Heute Morgen war der Flughafen ja auch noch nicht geschlossen.“

Das nannte ich mal Real real-time-pricing at its best! Ich schluckte, unterschrieb wutschnaubend das Anmeldeformular, hinterlegte zum gefühlten tausendsten Male einen Kreditkartenabdruck als Sicherheit, tröstete mich den Abend bei William Deck, schlief eine Nacht in einem sehr teuren Zimmer, das sich um nichts von den sonstigen wohlfeilen Zimmern unterschied, frühstückte, vergewisserte mich, dass der Flughafen wieder geöffnet und ein Flug für mich gebucht waren, zahlte und verließ das Hotel. Ich habe das Vier Jahreszeiten seitdem nie mehr betreten. Stattdessen wechselte ich – ohne es vorher zu wissen – in das Hotel, in dem Borris Becker gerade auf Zeit lebte, weil ihn eine seiner Frauen rausgeworfen hatte. Aber auch das ist wieder eine ganz, ganz andere Geschichte.

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