Berlin 1999, Teil 3: Das Ottenthal

Ein ähnliches offenes Geheimnis ist das Ottenthal, ein paar Häuserblocks die Kantstraße herunter in Richtung Zoo.  Zugegeben, hier ist man nicht so unaufgeregt wie im florian.  Ohne Reservierung geht in der Regel nichts, das Publikum ist gesetzter, man trägt Krawatte, hier verkehrt mehr das Geld als die Kunst und die Politik, statt lockerer Bistro-Kneipen-Stimmung beherrscht verhalten-dezente Restaurant-Plauderei den Raum, ein längeres Verweilen nach dem Essen ist augenscheinlich nicht erwünscht, ebenso wie einen der raren Plätze nur für ein Viertel Wein zu besetzen.  Das Ottenthal ist eben ein klassisches Speiserestaurant und dabei wahrscheinlich das beste Wiener Restaurant Deutschlands.  Geboten werden nicht nur die Klassiker Wiener Schnitzel, Zwiebelrostbraten, Gulasch und ein perfekter Tafelspitz mit den traditionellen Beilagen.  In konsequenter Ignorierung des Zerfalls des Reiches kochen sich die Saisonkarten sehr ambitioniert und erfolgreich quer durch alle Regionen der K.u.k.-Monarchie.  Gerichte von Gänse- und Entenstopflebern von geradezu gigantischer Qualität wie in Ungarn, dezent eingesetzte allerbeste Kernöle aus der Steiermark, hausgemachte Nudeln wie einst in Triest, Topfentascherl wie in Südtirol, Gänsfleischknödel wie es sie vormals in Prag und Karlsbad gab, Ziegenfrischkäse wie in der Bukowina, Kässpätzle aus Vorarlberg, handausgezogener Apfelstrudel und Sachertorte wie in Wien.  Dazu angeboten werden Weine nicht nur von der etablierten Österreichischen Winzer – Creme de la Creme, sondern auch von sehr viel versprechenden Newcomern:  Johannes Resch, die Familie Puntingam, Ludwig Ehn oder – zwei famose Frauen – Birgit Braunstein oder Birgit Eichinger-Allram.

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