Berlin 1999, Teil 2: Das florian

Das wirkliche, das echte Berlin hält sich versteckt.  Versteckt nicht etwa hinter verschlossenen Türen von exklusiven Privatclubs – die Havanna Lounge ist wieder geschlossen, und selbst der China Club im Adlon soll so seine Probleme haben, hört man – sondern in aller Öffentlichkeit, versteckt hinter Unspektakulärheit, Unaufgeregtheit, solider Schlichtheit.  Schon im vorletzten Jahrhundert war die Gegend um den Savignyplatz in Charlottenburg, nahe dem Kudamm ein von Künstlern und Intellektuellen bevorzugter Kiez.  Gastronomisch assoziiert man hier heute vor allem die unsägliche Paris Bar.  Abgehalfterte Tennisikonen, die erfolg- und geschmackloseren der Medien- und Werbeszene, Fernsehsternchen aus beliebigen Reality Shows im Zenit ihrer Karriere, glotzende Touristen und Begattungswillige beiderlei Geschlechts finden sich hier ein, um zu Preisen, deren Unverschämtheit nur vom dem Benehmen einiger Kellner übertroffen wird, zähe Steaks und traurige Tarts zu verspeisen.  Echte, alte wie neue Berliner findet man hier ohnehin kaum, aber Neugierige aus Göttingen, Georgia und Guam treffen hier Gescheiterte, Geltungssüchtige und Gecken.

Dabei liegt das Gute so nah.  Die ganze Gegend um den Savignyplatz ist voll von Lokalen, vom Mäßigen, von Guten und von Außergewöhnlichen.  Äußerlich erkennt man eine außergewöhnliche Lokalität lediglich daran, dass man sie nicht erkennt.  Sie gibt sich bieder, passt sich mit Mimikri ihrer Umgebung an.  Zum Beispiel das florian in der Grolmanstraße.  Seit über 20 Jahren betreiben Gerti Hoffman und Ute Gilow das Restaurant mit angegliederter Bar (oder anders herum).  Äußerlich ist hier nichts spektakulär:  bürgerliche Speisekarte mit mediterranem Einschlag, eng gestellte französische Bistrotische, spärlich-klare Dekorationen, flinke, unaufdringliche Kellner, die Preise mit 5 bis 10 € für Vor- und Nachspeisen und 10 bis 20 € für Hauptgerichte durchschnittlich.  Rein gar nichts deutet darauf hin, dass sich hier nicht nur während Berlinale und Theatertreffen die wirklichen Stars die Klinke buchstäblich in die Hand geben, dass Schriftsteller und Minister hier speisen und dass erfolgreiche Geschäftsleute die wirklichen großen Deals, von denen in der Paris Bar nur geschwafelt wird, hier tatsächlich diskret zwischen Garnelensalat mit Ingwer und Koriander und Schweinebraten vom Schwäbisch-Hällischem Landschwein abschließen.  Die Speisekarte ist solide:  eine beachtliche Flädlesuppe steht da selbstbewusst neben Fines de Claire Austern.  Bürgerlich-deutsches dominiert, das Roastbeef mit Frankfurter Grüner Soße ist zwar nicht klassisch, aber perfekt, die Bratkartoffeln dazu suchen ihres gleichen.  Leichte Salate, wenig, aber sehr frischer Fisch, deftiges wie Wildschweinkotlett oder Wirsingroularde, feineres wie Zitronenhähnchen vom Loue Schwarzfederhuhn und vor allem alle Jahre wieder zur Weihnachtszeit die besten Gänse und Enten Berlins.  Vielleicht etwas zu unpretentiös gibt sich die Dessertkarte, aber mit gutem Gewissen schafft man ohnehin kein Dessert mehr nach Vor- und Hauptspeise im florian.  All das ist solide und gut gekocht, sicherlich noch entfernt von Sterne-Weihen, aber auch nicht dazu angetreten, wenngleich die konsequente Ignoranz der Kollegen vom Gault Millau hier schon verwundert.  Was das florian seit zwanzig Jahren wirklich zu einem Erfolgsmodell macht ist wahrscheinlich die Unaufgeregtheit.  Man muss nicht bekannt aus Film und Fernsehen sein, um nicht nur technisch perfekt, sondern auch noch menschlich nett bedient zu werden.  Die Gäste werden nicht nach der Größe ihrer Brieftasche oder Brustimplantate taxiert, der Student wird nicht per se am Tisch neben der Tür zum Klo platziert, und wenn der Laden voll ist, ist er eben voll, selbst wenn man Heiner Müller heißt und einen Tisch verlangt.

 

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