Es gab eine Zeit, da mochte ich das Intercontinental in Berlin wirklich richtig dolle. Das war Mitte der neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts, noch bevor das Adlon wieder eröffnete und die meisten üblichen Hotel-Nobelmarken noch nicht so präsent waren in Berlin. Nur das Schlosshotel im Grunewald konnte dem Interconti damals nach meinem Dafürhalten noch das Wasser reichen. Immerhin haben vier US-Präsidenten im Interconti übernachtet, Bill Clinton war sogar Stammgast; und während der Berlinale logierten hier seit weit über 60 Jahren die meisten Stars, und die großen Partys und Geschäfte hinter den Kulissen fanden hier statt. Aus beruflichen Gründen wohnte ich über ein halbes Jahr quasi im Interconti, vier, fünf Tage die Woche, oft kam auch die Familie über’s Wochenende nach Berlin, wir fühlten uns rundum wohl da, das Ambiente, die Zimmer, die zahlreichen Amenities, das Personal, der Service, die Restaurants, die anderen Gäste, die Lage mitten in der pulsierenden Stadt, … das war alles ganz großes Theater mit dem Geschmack der großen, weiten Welt. Als Stadt war Berlin gerade dabei, sich wieder neu zu finden, das everything goes der Wendejahre war Mitte der Neunziger noch nicht verklungen, das alte, behäbig gewordene West-Berlin, das hungrige Ost-Berlin, eiskalte Glücksritter, verträumte, realitätsferne Spinner, praktische, zupackende Macher, skrupellose Gangster, gieriges Pack und Pöbel aus aller Welt suchten ihre Plätze in der wieder neu entstehenden Stadt. Die Meisten haben heute, 2026, ihre warmen Plätzchen in Berlin gefunden, und die Stadt hat sich dabei verloren. Berlin ist längst nicht mehr Berlin, Berlin ist schlichtweg ein Moloch geworden, mit nur noch spärlichem Charme und auf Pump finanzierter Gigantomanie, verwahrlost und bis in’s Mark verdorben. Nicht zufällig wird Deutschland aus dieser Stadt heraus regiert … oder was man so regieren nennt.
Dieser Charme-Verlust und die Verwahrlosung sind auch am altehrwürdigen Intercontinental nicht vorbeigegangen. Schon 2019 hatte ich den schleichenden Niedergang des Hotels beklagt. (https://opl.guide/neulich-im-interconti-berlin/) Heute ist das Haus für mich nur noch ein Schatten seiner selbst mit mühsam aufrechterhaltener Fassade. Das fängt mit einer Kleinigkeit an, die dem unbedarften Besucher vielleicht nicht auffallen mag. Fast jedes Luxushotel, das etwas auf sich hält, hat direkt im Eingangsbereich einen großen, runden, wertvollen Tisch, oft mit Intarsien, auf dem ein riesiges, verschwenderisches Blumenbouquet steht, quasi als bombastisches Eingangsstatement des Hauses. Früher war das auch im Interconti so, im Adlon gibt es diesen obligatorischen Strauß bis heute. Im Interconti hingegen gibt es bis heute zwar noch den Tisch, aber darauf jetzt zwei Vasen mit ein paar sparsamen Lilien (eigentlich typische Beerdigungsblumen) und ansonsten wohlfeiler, staubfangender Deko-Tinnef, schlichtweg ein Armutszeugnis und kein Willkommensgruß mehr für den Gast. Doch Ärgernisse fangen schon direkt bei der Ankunft an. Früher stand das Pult des Doorman an der Hotelauffahrt vor dem Haupteingang und war ständig besetzt – wie es sich gehört. Von dort dirigierte der Doorman Pagen und Wagenmeister, um den anreisenden Gästen beim Gepäck und Parken ihrer Wagen behilflich zu sein. Heute steht das Pult in der Halle und ist längst nicht mehr ständig besetzt, auch Pagen scheinen Mangelware geworden zu sein. Ich sah reihenweise Gäste, völlig alleingelassen anreisen, sich mit ihrem Gepäck und Autos abplagend, schlichtweg, weil niemand vom Hotel an der Türe zu sehen war. Willkommen im Interconti. Obwohl der vormals stets hilfreiche und diskrete Concierge mit seinen gekreuzten Schlüsseln am Revers aus der Hotelhalle verschwunden (vulgo wegrationalisiert) ist, funktioniert das Check-In nach wie vor reibungslos bei einer ausreichenden Anzahl von sehr freundlichen, kompetenten Rezeptionisten und Rezeptionistinnen, da beißt die Maus keinen Faden ab. Auch der bauliche Allgemeinzustand des Gebäudekomplexes ist wieder vollkommen in Ordnung, kein sichtbarer Renovierungsstau mehr, keine angeschlagenen Türstöcke, keine zerkratzten Lifttüren, keine versifften Teppichböden, alles gepflegt und proper, Design-mäßig vielleicht etwas in die Jahre gekommen, aber das passt nach wie vor. Bis auf die Flachbildschirme hat sich auch an den Zimmern wenig getan, alles eigentlich wie immer. Dass die Bäder bis heute keine separaten Duschen haben, sondern man zum Duschen in die Badewanne kraxeln muss, ist schon etwas lästig und altmodisch. Erst auf den zweiten Blick offenbaren sich Schwächen. Bei uns funktionierten zum Beispiel die Steckdosen am Bett nicht (eigentlich keine große Sache, wäre man so nicht gezwungen, sein Handy über Nacht irgendwo anders im Zimmer aufzuladen und nicht griffbereit am Bett zu haben) und die Wäscheleine im Bad (eine komische, aber zuweilen praktische Eigenart amerikanischer Hotels) ließ sich nicht ausziehen. Beides flugs online reklamiert, ebenso flugs kam die Rückmeldung, die Schäden seien behoben, tatsächlich aber war nichts behoben, Steckdosen und Wäscheleine funktionierten nach wie vor nicht. Nochmals persönlich bei der Rezeption reklamiert, auch dort sagte man uns, man hätte Meldung, die Schäden seien behoben, wir könnten maximal in ein anderes Zimmer umziehen. Wie das Zimmer ließ auch die Zimmerreinigung zu wünschen übrig: ich hatte mir den Zeh angestoßen und Laken und Bettbezug hatten dadurch Blutflecken; die Wäsche wurde trotzdem drei Tage lang nicht gewechselt. Frische Handtücher wurden an einzelnen Tagen nicht aufgelegt, der Mülleimer nicht geleert, die Kaffeepads nicht aufgefüllt: alles Kleinigkeiten, aber Kleinigkeiten, die sich zu einem schlechten Gesamteindruck summieren.
Nun könnte man sagen, was kann man schon von einem Fünf-Sterne-Hotel in der Hauptstadtmitte für läppische +/- 150 EURO pro Nacht erwarten. Ja, verglichen mit den meisten anderen Häusern dieser Kategorie ist das Interconti bei den einfachen Zimmern derzeit unschlagbar billig … wären da nicht die kleinen Zusatzkosten. Valet Parking 5 EURO (zusätzlich zu den 36 EURO Parkgebühren pro Tag), SPA-Zugang 20 EURO pro Tag, Roomservice 10 EURO (trotz der ohnehin schon sehr happigen Speisepreise), … Als gänzlich unangemessen empfinde ich die 43 EURO für das Frühstück; ok, im Adlon verlangen sie 83 EURO, aber dort wird auch deutlich mehr und besseres geboten. Das fensterlose L.A. CAFÉ im Herzen des Konferenz-Trakts, in dem das Frühstück serviert wird, war schon immer Massenabfertigung. Für mich ist das Angebot an Back- und Wurstwaren, Käsen, Eierspeisen, allerlei asiatischen und US-amerikanischen Frühstücksspezereien, Obst, Brotaufstrichen, Säften, usw. enttäuschender Durchschnitt; in so manchem Dorfgasthaus habe ich zwar weitaus weniger Auswahl, aber zugleich weitaus mehr Qualität gefunden. Ein konkretes Beispiel: an der Eierbratstation kann man Eggs Benedict ordern, eigentlich ein recht komplexes Gericht aus geröstetem Bun mit gebratenem Schinken oder Speck, frisch pochiertem Ei und Hollandaise. Im Interconti greift der Eierbrater in die Kühle, holt (ohne Handschuhe oder Zange) ein vorkonfektioniertes Etwas aus Bun, Speck und pochiertem Ei heraus, schiebt das Gebilde unter den Salamander, gießt noch etwas gelbliche Fertigsauce darüber und lässt alles kurz gratinieren. Während der Eierbrater auf den Salamander wartet, steht er herum, obwohl die Ceranplatte, auf der die Omeletts gebraten werden, dringend nach Reinigung verlangte. Ich habe dieses Etwas aus dem Salamander probiert, aber gewiss nicht aufgegessen.
Generell hat die Gastronomie im Interconti nach meinem Dafürhalten stark nachgelassen. Meine geliebte Marlene Bar gibt es so nicht mehr; weiland hat mich hier so manche Nacht um 22:00 oder 24:00 Uhr nach der Arbeit ein versierter Barkeeper mit einem perfekten Clubsandwich und ein paar guten Drinks gerettet. Den großen, tief in den Raum hineinragenden, U-förmigen Tresen mit der beeindruckenden Wand voller Spirituosen, an dem sich die Barflys einträchtig versammelten, ist verschwunden. Stattdessen heißt die Lokalität heute Marlene Bar und Restaurant, nicht Fisch, nicht Fleisch. Zusätzlich zu dem typischen Bar-Food – Burger, Clubsandwich, Fries, Tatar, Currywurst – gibt es jetzt noch allerlei Kurzgebratenes, Schnitzel, Fisch, Klopse, vegetarisches Zeugs, diverse Vorspeisen und Desserts, und das zu durchaus happigen Preisen, ein Clubsandwich oder ein Burger für 24 EURO, Fries dazu für 8 EURO extra, das ist nicht ohne. Früher waren die Clubsandwiches in der Marlene Bar einfach perfekt; heute bekommt man drei schlecht getoastete, labbrige Industrieweißbrotscheiben, dazwischen Huhn, Speck, Spiegelei und „Parmesancreme“ (was in Dreiteufelsnamen mag „Parmesancreme“ sein – in ein Clubsandwich gehört Mayonnaise, zefix!), statt Eisbergsalat gibt’s Cole Slaw aus dem Eimer. Ein Trauerspiel. Will man diesem kulinarischen Angebot entfliehen, gibt es im Hotel selber nur noch eine Alternative, das hauseigene Sternerestaurant Hugo, wo man die Wahl hat zwischen zwei Menues zu 180 oder 150 EURO, sonst nichts.
Ein Wort zum Umgang mit Rauchern im Interconti. Nach der Einführung der Rauchverbote gab’s hier zumindest noch eine Zigarren-Lounge, in die man sich zum Rauchen zurückziehen konnte, ohne andere Gäste zu belästigen. Die gibt’s längst nicht mehr. Auf meine höfliche Frage beim Frühstück, ob es eine Schnittmenge zwischen Kaffee und Zigarillo gebe, wurde mir deutlich beschieden, ich könne mir einen Kaffee zapfen, mit dem Kaffeepott durch’s halbe Hotel laufen und vor der Türe auf der Straße rauchen und Kaffee trinken. Auf meine Nachfrage, ob dies nicht auch auf einer der beiden Terrassen neben dem L.A.CAFÉ möglich sei, wurde mir noch deutlicher gesagt, dies sei verboten – aus welchen Gründen auch immer. Ich finde, Raucher werden im Interconti wie die Hunde vor die Türe gejagt, rauchen kann man tagsüber nur noch vor dem Haus an einem kleinen Mäuerchen, zuweilen im Regen, ohne Sitzgelegenheit, ohne Schutz, selbst die überdachte Terrasse der Marlene Bar und Restaurant mit Sitzgelegenheiten ist tagsüber versperrt. So geht man mit einem Fünftel seiner Gäste (so viele Raucher gibt es statistisch) einfach nicht um.

