Caro hat zum Essen eingeladen

Ich wähnte das Ende des christlichen Abendlandes – was rede ich: der menschlichen Zivilisation, des gesamten Planeten unmittelbar bevorstehend. In mein Postfach war kommentarlos eine Einladung geflattert, eine Einladung zum Abendessen, eine Einladung zum Abendessen von Caro in ihr Frankfurter Penthaus. Wenn zwei Dinge wirklich nicht zusammenpassen, so sind es Teufel und Weihwasser und Caro und Küche. Sie lud mich tatsächlich zu einem „Abend mit Hemingway“ ein, mit dezidierter Speise- und Getränkefolge aus Lieblingsspeisen und -getränken des alten Zausels. So etwas kann selbst Caro nicht im Restaurant nebenan bestellen, und mir wäre auch kein Caterer bekannt, der derart spezielle Angebote im Programm hat. Ich fragte mich ernsthaft, ob sich Caro in die Küche stellen würde, um für mich zu kochen. OK, mangels verfeinerten Geschmacks des imperialen Nobelpreisträgers (zumindest was das Fressen anbelangte, beim Saufen mag das anders ausgesehen haben) war die Speisefolge kochtechnisch nicht allzu anspruchsvoll – Waldorfsalat, Carpaccio nach Cipriani, Forellenfilets auf Gemüse im Pergament, Steak, Apple Pie – und dennoch bezweifelte ich, ob Caro das tatsächlich hinbekommen würde, denn – wie gesagt – Kochen und Caro, das sind zwei verschiedene Welten.

Also fuhr ich übernächsten Freitag mit dem Wagen nach Frankfurt. Ich passierte gerade die Stadtgrenze, als meine Funke klingelte. „Du, ich verspäte mich etwas, muss noch die Maschine abstellen. In so’ner Stunde bin ich zuhause, aber meine Sekretärin ist da, die lässt Dich rein. Mach’s Dir schon mal gemütlich und nimm Dir was zu trinken. Bussi!“ Sprach’s und legte auf. Ich nahm nicht an, dass Caros – ansonsten brillante – Sekretärin auch noch für sie kochen würde. Als würde das ein sehr, sehr spätes Abendessen, wenn Caro erst nach ihrer Rückkehr mit dem Kochen beginnt, oder sie hatte doch einen Caterer mit Hemingway im Programm gefunden. Weit gefehlt.

Ich klingelte, eine weibliche Stimme öffnete mir die Schleuse zur Tiefgarage, ich stellte den Wagen ab und fuhr mit dem Privatlift, den mir die freundliche Stimme netterweise runtergeschickt hatte, direkt in Caros Penthaus. Dort begrüßte mich tatsächlich ihre Sekretärin, jedoch nicht mit Küchenschürze, sondern im Kleinen Schwarzen, wie eigentlich immer. Aber es werkelte unüberhörbar in der Küche. „Bitte, legen Sie ab. Um Ihr Gepäck kümmere ich mich schon. Sie wollen sicherlich einen Drink, Sie kennen sich da viel besser aus als ich, bitte bedienen Sie sich.“ So sehr mir tatsächlich nach einem Drink nach der Fahrt war, zuerst musste ich in die Küche schauen. Dort arbeitete ein vielleicht sechzigjähriger Mann in Kochmontur konzentriert an Herd und Arbeitsplatten. „Guten Abend“, sagte ich und stellte mich vor. Der Mann in Kochmontur begrüßte mich fast herzlich: „Ach Sie sind der Glückliche. So ein Menü wird nicht alle Tage bestellt. Gutes Thema, gute Abfolge, eigentlich einfache Gerichte, aber so einfach, dass sie nicht mal den kleinsten Fehler erlauben würden, hier kann man nichts mit ein wenig Sauce darüber reparieren oder kaschieren“ – ich glaube, er zitierte gerade Paul Bocuse – „hier muss alles auf den Punkt sitzen. Zum Glück hatte ich noch nicht mit dem Finish begonnen, die Dame des Hauses hat mir ausrichten lassen, dass sie etwas später kommt.“ Jetzt erst dämmert es mir: Caro hat nur für uns beide einen Mietkoch engagiert, und – wie ich erst später erfahren sollte – keinen schlechten. Die Frau spinnt – und ist strunzend faul in der Küche, so bienenfleißig sie auch sonst im Job sein mag. Ihre Sekretärin ist wohl als Aufpasserin hier, neben der Putzfrau und mir ist Caro sehr speziell, was fremde Leute in ihrer Wohnung anbelangt.

Ich trolle mich aus der Küche, mixe mir einen Martini und genieße bei einem Zigarillo die allerletzten Sonnenstrahlen auf der Terrasse, der Wind fängt schon wieder an, eisig zu werden. Drei Marini oder 75 Minuten später erscheint Caro, in voller Business-Kampfmontur, sie kommt wohl gerade direkt von einem Geschäftstermin. „Ich muss erstmal unter die Dusche, dann kann’s von mir aus losgehen. Hast Du Hunger?“ Und ob ich Hunger habe, Gaumen und Magen wartet seit zwei Stunden ungeduldig auf das angekündigte fulminante Mahl. Caro entschwindet – „Soll ich Dir schon mal einen Martini rühren?“ rufe ich ihr hinterher, „Ja gerne, in zehn Minuten!“ schallt es zurück – in ihren privaten Gemächern; keine viertel Stunde später steht sie wieder vor mir, frisch geduscht, in Räuberzivil mit Jeans und Bluse. Erst jetzt begrüßt sie mich „richtig“, die Frau riecht verdammt gut, ich wähne, Valaya zu riechen, der Duft von frischer Leinenbettwäsche im Hotel (profan gesprochen, Caro würde mich für diese Bemerkung wahrscheinlich töten).

Während Caros Sekretärin sich verabschiedet – auf den Koch aufpassen darf sie, mitessen aber nicht – setzen wir uns zu Tisch. Der Maître de Cuisine serviert persönlich, zuerst einen Death in the Afternoon, einen Höllendrink aus reichlich Absinth und Champagner, den Hemingway selber kreiert haben soll. Drei bis fünf davon solle man langsam trinken, empfahl er – ich wäre danach tot, zumindest trefflich ausgenockt, zumal auf leeren Magen, dieser Drink macht seinem Namen alle Ehre. Dazu gibt es einen Waldorfsalat nach dem traditionellen Rezept, nicht mit Knollensellerie, sondern mit Staudensellerie. Die Sauce aus Mayonnaise, Schmand und Zitronensaft ist natürlich frisch angerührt, das Grünzeugs im Salat selber nicht geraffelt, sondern – ganz traditionell – nur in grobe Stücke geschnitten. Dazu reicht der Koch, frische, noch lauwarme Grissini mit unterschiedlichen Körnern ummantelt, mir sind die Brotstangen zu dick, aber manuell kriegt man sie wohl nur schwerlich dünner hin (doch, Ana in Kobarid kann das).

Danach kommen knochentrockene Montgomerys, eine Wortschöpfung, die ebenfalls auf Hemingway zurückgeht. Er kolportierte, Montgomery hätte die Deutschen in Afrika nur angegriffen, wenn seine Truppen mindestens in der fünfzehnfachen Übermacht waren. In dem Roman Across the River and into the Trees von 1950 bestellt der Protagonist, Colonel Cantwell, explizit einen Montgomery mit einem Teil Wermut und 15 Teilen Gin. Nun gut, meine Martinis sind trockener, aber warum nicht mal einen Montgomery. Der Koch serviert das Carpaccio. Hemingway war begeisterter Gast von Giuseppe Cipriani in seiner Harry’s Bar in Venedig, und der hat auch das Carpaccio erfunden, die einen sagen kreiert für und benannt nach einer anämischen Gräfin gleichen Namens, die anderen sagen inspiriert durch die leuchtenden Rot- und Weißtöne der Gemälde Vittore Carpaccios. Ciprianis Carpaccio hat wenig zu tun mit den Öl-, Zitronen- und Balsamico-Creme-geschwängerten, unter Parmesan und Rucola begrabenen, industriell vorgeschnittenen Fleischflatschen beim Italiener heute. Ciprianis Carpaccio muss von Hand geschnitten sein und darf dazu keinesfalls angefroren werden. Die Sauce besteht aus fester Mayonnaise, Worcestershiresauce, Zitronensaft, etwas Milch, weißem Pfeffer und Salz. Ich verkneife es mir, darauf hinzuweisen, dass diese Sauce im Rautenmuster auf das Fleisch verteilt werden muss, während Caros Koch Kreise wählte: ein unverzeihlicher Fauxpas! Gut ist’s allemal.

Beim nächsten Drink klärt mich Caro auf, aber Daiquiris sind sowieso nicht so meine Baustelle. Es ist ein Papa Doble, angeblich speziell für Hemingway auf Kuba erfunden. Hemingway litt stark an Zucker, musste Zucker daher meiden. Also bereitete ihm der Barkeeper Constantino Ribalaigua Vert in der Bar El Floridita in Havanna einen speziellen Daiquiri ohne Zucker, mit viel weißem Rum, Maraschinolikör, Limetten- und Grapefruitsaft zu. Der Name des Drinks setzt sich zusammen aus Hemingways „Kosenamen“ in den dreißiger Jahren auf Kuba, nämlich „Papa“ und „doble“ – doppelt – für die doppelte Menge an Rum, die er in seinen Daiquiri haben wollte. Das Zeugs knallt schon wieder wie die Hölle, Hemingway muss wirklich hart im Nehmen gewesen sein, wäre es nicht Caro, so mutmaßte ich, sie will mich abfüllen. Der schwere Drink steht im gänzlichen Gegensatz zu der leichten Forelle, die dazu kommt. Hemingway war begeisterter Fliegenfischer, in Deutschland angelte er in der Rhön bei Dermbach, bis heute gibt es dort ein Hotel, dessen Zimmer nach Hemingways Frauen benannt sind. Ich erinnere mich an verschiedene Stellen in Hemingways Werk, in denen Forellen eine Rolle spielen: in Big Two-Hearted River, wo er das präzise, fast rituelle Fischen von Forellen beschreibt, in The Sun Also Rises fischen die Protagonisten Forellen vor dem großen Stierkampf in Pamplona, und auch in A Farewell to Arms kommen irgendwie Forellen vor, ich erinnere mich aber nicht mehr, wo genau. Statt einer – wie bei Hemingway in freier Wildbahn gejagten – Bachforelle hat der Koch allerdings eine große Lachsforelle gewählt, ich mag diese Riesenteile nicht sonderlich, weder optisch noch geschmacklich, denn sie sind nichts weiter als aufgepimpte Regenbogenforellen, sie werden mit künstlich beschleunigtem Wachstum und viel Chemie gezüchtet, in großen Bassins gehalten, sind deutlich fetter als Bachforellen, schmecken oft tranig und werden mit künstlichem Farbstoff eingefärbt. Die Forellenfilets sind auf einem Gemüsebett in Pergament sanft gegart, der Duft beim Öffnen der Päckchen hat schon etwas. Der Fisch ist perfekt glasig, das Gemüse knackig. Nur der Sinn des Korianders auf dem Fischlein erschließt sich mir nicht, ich hätte Dill oder Petersilie erwartet, der Koriander ist mir zu dominant; eine Beurre blanc dazu hätte auch nicht geschadet, das Gemüse ist schon sehr gemüsig-wässerig, von butterig schmecke ich da nix. Aber alles in allem passt es schon.

Die Bloody Mary vor dem nächsten Gang mit ordentlich Vodka reinigt die fischigen Papillen. Immer wieder wird kolportiert, Hemingway hätte auch diesen Drink erfunden und nach seiner letzten Ehefrau Mary benannt, die ihn immer schimpfte, wenn er bereits am Vormittag Alkohol trank; in der Tat eignet sich eine Bloody Mary hervorragend, Alkoholkonsum zu verbergen, den Vodka riecht man kaum, bei den vielen Gewürzen schon gar nicht, und man kann immer unschuldig vorgeben, man tränke nur Tomatensaft. Über den tatsächlichen Erfinder der Bloody Mary gibt es zwei Thesen, die eine besagt, es sei Fernand „Pete“ Petiot 1921 in Harry’s New York Bar in Paris gewesen, laut der anderen war es der amerikanische Schauspieler und Komiker George Jessel um 1927. Wie dem auch sei, die Bloody Mary von Caros Koch knallt ordentlich. Das Gericht, das er dazu serviert, entbehrt nicht einer gewissen makaberen Morbidität. Auf den ersten Blick erscheint ein New York Strip Steak (zu Deutsch Rumpsteak) mit Baked Potatoe und Sauer Cream ur-amerikanisch, aber ansonsten harmlos. Wenn man Hemingways Biographie kennt, zeigt sich dieses Gericht in anderem Licht. Am Abend des 1. Juli 1961 aß Hemingway im Christiania Restaurant in Ketchum, Idaho ein New York Strip Steak mit Baked Potatoe, dazu einen Cesars Salad (Caro weiß, dass ich Cesars Salad hasse und hat ihn freundlicherweise weglassen lassen). Es war das letzte, was er je aß. Am Morgen des nächsten Tages setzte er sich seine Lieblings-Schrotflinte, eine silberbeschlagene Vincenzo Bernardelli auf die Stirn und blies sich das Hirn weg. Mahlzeit. Bei Caro ist das Steak jedenfalls vorzüglich, wenngleich nicht auf offenem Feuer gegrillt (es gibt in Caros Wohnung tatsächlich etwas, was es nicht gibt), perfekt medium, butterzart, ich tippe auf Sous Vide vorher. Die Backkartoffel ist ok, wirklich zum reinknieen sind die beiden Chilisaucen, die der Koch selber aus verschiedenen getrockneten Chilis, diesem und jenem hergestellt hat, die eine leicht feurig, die andere höllenscharf; nur die Rezepte rausrücken will er nicht, der Hundling.

Auch der Nachtisch ist wieder ganz Hemingway. Bereits in jungen Jahren als Reporter des Toronto Stars veröffentlichte er ein Rezept für Apple Pie speziell für Camper, und in The Three-Day Blow ist Apfelkuchen der Inbegriff von Komfort und zuhause. Nur bei Hemingways bevorzugter Kombination von Apple Pie und Cheddar-Käse graust es mir. An diesem Pie hätte Hemingway gewiss seine Freude gehabt, eine krustige, butterige Teigschicht, säuerliche Äpfel, nicht zermatscht, sondern noch in ganzen Stücken, Unmengen von Vanille, ein Hauch Rum, ein kunstvoll geformter Deckel, dazu ein zart schmelzendes, unglaublich vanillig-sahniges Vanilleeis, das nie und nimmer gekauft sein kann. „Hast Du eine Eismaschine?“ frage ich Caro. „Ja, warum?“ Ich dachte, ich kenne mich in ihrer Küche aus, aber diese Frau erstaunt mich immer wieder. Der Americano dazu tut gut, endlich mal was Nicht-Alkoholisches. Es ist tatsächlich ein echter Americano aus Espresso und heißem Wasser, so, wie die Italiener nach dem Kriege ihren Espresso den Amis servierten (daher Americano), alldieweil die Besatzer bei puren Espressi regelmäßig Herzkasperl bekamen. Ungefragt greift der Koch in Caros wie immer üppig bestückte Hausbar, nimmt mit schlafwandlerischer Sicherheit den Christian Drouin Millésime 1972 und zwei Cognacgläser. „Tumbler bitte, randvoll“, sagt Caro, das ist zwar nicht stilecht, aber da ist sie eigen.

Das Menue neigt sich seinem Ende zu. Ich bin randvoll und ziemlich beschickert. Die vergangenen Stunden war es fast still in der Küche, jetzt hört man das Klappern von Pfannen und das Klirren von Porzellan, der Koch räumt wohl auf. Caro gießt sich noch einen Tumbler voll mit venezolanischem Diplomatico Ambassador ein und holt zwei kleine Zigarren aus ihrem Humidor, ich mixe mir einen Martini, wir ziehen unsere Jacken an und setzen uns auf die Terrasse, Caro positioniert sich so, dass sie die Küchentür genau im Blick hat, es ist ja nicht so, dass sie misstrauisch gegenüber Fremden in ihrer Wohnung wäre. „Das ist eine Arturo Fuente Hemingway Short Story, habe ich extra für heute besorgt, kreiert zu Ehren Hemingways.“ Schweigend zelebrieren wir unsere kleinen Perfectos mit Zedernholzspanen. Als sie endlich glühen, nehmen wir ein paar tiefe Züge, ich schmecke Zedernholz, undefinierbare Gewürze und eine ziemlich dominante Süße. Wir prosten uns zu. Es ist empfindlich kühl, aber der Blick über das Lichtermeer der Stadt macht das wett, und frische Luft tut gut. „Bist Du wirklich so sattelfest in Sachen Hemingway?“ frage ich sie. „Nur weil ich mich tagein tagaus mit Paragraphen und Gesetzbüchern rumschlage, darf ich nicht belesen sein?“ gibt Caro schnippisch zurück. “Tschuldigung, aber das war schon ziemlich beeindruckend, da muss man seinen Alten Mann und das Meer schon sehr gut kennen“, rudere ich zurück. „Um ehrlich zu sein, ein paar Sachen kannte ich tatsächlich noch, den berühmten Camper-Apple-Pie, das Fliegenfischen – wir waren ja schon zusammen in Dermbach –, die Henkersmahlzeit, den Death in the Afternoon und den Papa doble sowieso. Den ganzen Rest, nun ja … den hat mir die KI rausgesucht, einen Sonntagvormittag, und ich hatte ein typisches Hemingway-Menue samt passenden Getränken. Bist Du jetzt sehr enttäuscht, dass ich nicht auch noch eine Literatur-Koryphäe bin?“ „Respekt“, sage ich, „Du gehst tatsächlich mit der Zeit.“ „Muss ich ja, in der Kanzlei benutzen meine Leute den Scheiß längst tagtäglich.“ Caro nimmt einen großen Schluck Rum. „Das eigentliche Problem war, einen passenden Koch dafür zu finden. Meine Sekretärin hat sich’nen Wolf telephoniert. Diese ganzen Mietköche wollen sich selber verwirklichen, ihre letzten Kreationen und verrückten kulinarischen Ideen an den Mann und auf den Tisch bringen. Es ist wirklich nicht einfach, einen Koch mit überzeugender Vita und gutem Renommee zu finden, der sagt ‚Habe verstanden, das wollen Sie, das koche ich ihnen!‘ Die meisten sind Künstler mit einer Vision und Mission, nicht gestandene Handwerker. Aber mit dem, glaube ich, habe ich einen ganz guten Griff getan.“ „Hand auf’s Herz, was hat der gekostet?“ „Frag‘ nicht!“ sagt Caro und seufzt hörbar. Der Koch erscheint an der Terrassentür, jetzt trägt er Zivil, hinter sich zieht er ein Wägelchen auf vier Rädern, in denen er wohl seine Küchenutensilien transportiert. „Ich geh‘ dann mal“, sagt er profan, „ich hoffe, es hat Ihnen geschmeckt und gefallen.“ „Alles super“, antwortet Caro, „vielen Dank, gerne mal wieder.“ „Rufen Sie einfach an, Sie haben ja meine Nummer. Und empfehlen Sie mich bitte weiter.“ „Werde ich beides machen. Ich bringe Sie noch zur Tür.“ Im Vorbeigehen fischt Caro ihr Portemonnaie aus ihrer voluminösen Handtasche und begleitet – eskortiert – den Koch zum Lift.  Aus der Halle – den Vorraum von Caros Penthaus ‚Flur‘ nennen zu wollen, wäre der Litotes schlechthin – höre ich leises Gerede. Wahrscheinlich wechselt gerade eine größere Menge Geldscheine den Besitzer, alles bar, alles ohne Quittung, ich bezweifle stark, dass jemals ein Finanzamt dieses Geld sieht. Hier habe ich Caro noch nie verstanden: schwimmt in Kohle, macht sich aber aus Steuerhinterziehung und Schwarzarbeit ein Hobby und riskiert damit Bußgelder, Strafverfahren, ihre Anwaltszulassung und ihr Notariat, und das für ein paar lausige gesparte Kröten. „Diesem Staat mit diesen Politikernulpen gebe ich freiwillig nur, was ich unbedingt muss, keinen Cent mehr“, sagt sie dann immer. Caro kommt zurück an die Terrassentür. „Es ist spät geworden, und mir ist kalt. Bett?“ „Bett“, antworte ich.

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