Waldfee München: Schlechter Pseudo-Österreicher für’s Partyvolk

Summa summarum: Schräg-kitschig eingerichtetes schräges pseudo-österreichisches Restaurant mitten auf der Party-Meile mit weitgehend entfremdeten, meist nicht gekonnt zubereiteten österreichischen Gerichten, dazu Mainstream-Zeugs und viel Convenience. Fast jeder kleine österreichische Dorfwirt ist da wesentlich besser, aber für Feiervolk und Touristenhorden reicht das alle mal.

„Ich will zu’nem Österreicher!“ hatte Caro gesagt, und wenn Caro was will, so ist es nicht an mir, ihr zu widersprechen, zumindest nicht ohne Not. Also frisch ein Österreichisches Lokal in München gesucht. Das naheliegendste und bekannteste ist da natürlich Hochreiter’s Steirer Am Markt, gemeint ist der Münchner Viktualienmarkt. Abgesehen von dem nach wie vor falschen Apostroph, warum sollte ich, wenn ich in München österreichisch essen will, zu einer alteingesessenen bayrischen Wirte-Dynastie gehen, die auf dem Oktoberfest und in der Münchner Innenstadt mit überteuertem industriellem Massenfutter zuhauf Touristen und Feierwütige abzocken und dann noch Bouillabaisse, Oktopussalat, Flammkuchen und Spaghetti Vongole als „bayerischen und alpenländischen Küche“ anbieten: pfui Deifi. Das Ferdinand im Bamberger Haus im Luitpoldpark wäre küchentechnisch eine sichere Bank, nur leider ausgebucht. In S’Maillinger werde ich wohl nie kommen, denn die haben keine Webpage, und wenn ich mich nicht vorab über ein Restaurant informieren kann (ohne hinzufahren um die Speisekarte vor Ort zu studieren), werden die mich auch schwerlich als Gast sehen. Das Ö Eins ist mir eindeutig zu zeitgeistig-trendig, da bin ich wohl zu alt dafür. Bleibt eigentlich nur noch die Waldfee, auch wenn mir deren Webpage in liebloser Billigst-Aufmachung in Quietsche-Pink schon sehr suspekt vorkommt, aber es gibt Frittatensuppe, Wiener Schnitzel, Tafelspitz, Fiaka Gulasch, Kasnudeln, und zum Nachtisch erfordern Salzburger Nockerln, Kaiserschmarrn und Marillenknödel 20 Minuten Wartezeit, alles gute Vorzeichen. Vor fünf Jahren schwärmte die Süddeutsche in höchsten Tönen von der Waldfee und den dortigen Küchenleistungen: „… Gerichte der österreichischen Küche in nahezu vollendeter Ausführung …“, bei den Suppen „… schmeckte schon die Einlage jeweils frisch und auf den Punkt kräftig, … die Essenz (war) von einer schier umwerfend ehrlichen Intensität …“, die Wiener Schnitzel gerieten zum „… papierdünnen Gedicht …“, der Zwiebelrostbraten „… mürbe und perfekt gewürzt …“, die Nockerl schließlich „… zum Reinlegen gut …“ (SZ vom 21. September 2015). Einmal abgesehen davon, dass der Autor dieses Panegyrikus wenig Ahnung von der Österreichischen Küche haben dürfte (Röstkartoffeln zum Wiener Schnitzel, so was essen maximal Piefkes, zum Wiener Schnitzel gehören – wenn überhaupt – Petersilienerdäpfel), hier lobte immerhin die Süddeutsche, und die war ja mal eine meinungsoktroyierende Hausnummer in München.

Also einmal Waldfee und zurück. Auch hier Probleme, einen Platz zu bekommen, „Ab 08:00 könnte ich Ihnen einen Tisch reservieren.“ bietet der freundliche Mensch mit österreichischem Idiom am Telephon an, also Freitag 20:00 Uhr Waldfee in der Occamstraße. Moment mal, Occamstraße … das ist tiefstes Dunkel-Schwabing, enthemmtes Feiervolk trifft hier auf marodierende dumme Touristenhorden, das Ganze garniert mit aufreißwütigen finanzstarken Midlife-Crisis geschüttelten untreuen Noch-Ehemännern und ebenso aufreißwütigen Neubürgern mit Auspuffrohren aufgemotzter Karren als Schwanzverlängerung zum Behufe der Milderung der Notgeilheit, zuweilen noch ergänzt durch volltrunkene Fußballdeppen. Und das ganze Tableau wird bespielt von geschäftstüchtigen, oft windigen Gastronomen und Möchte-Gern-Gastronomen, die die ganze Mischpoke mit viel Design und Show und wenig Leistung und Qualität gehörig abzocken. So zumindest nehme ich diese Gegend immer wieder wahr und sehe mich ein um’s andere Mal bestätigt. Aber was soll’s, Augen zu und durch, Caro will österreichisch essen.

„Sie sind sich sicher, dass Sie hier rauswollen?“ fragt der Taxifahrer verwundert-warnend, als wir an der Occamstraße 13 aussteigen. Nein, angesichts dieser massiven Partymeile, in die wir geraten sind, bin ich mir nicht sicher, aber wie gesagt, Augen zu und durch und rein in’s Lokal. Die Süddeutsche schrieb weiland zur Inneneinrichtung der Waldfee irgendwas von „Gastro-Designer“; für mich sieht die Inneneinrichtung aus wie von einer RTL-2-schauenden Friseuse ohne Hauptschulabschluss, die sich mit viel Herzblut und wenig Geschmack den Traum eines eigenen Cafés verwirklichen wollte, erwartungsgemäß alsbald Pleite ging, und das Ganze wurde dann vom Wolfgang Pichler und seinem Team unverändert übernommen, ein paar Schwarz-Weiß-Photos von Sissi und Peter Alexander und einige Bock-Geweihe aufgehängt und fürderhin als österreichisches Lokal vermarktet; nun ja, zumindest keine pseudo-rustikale alpenländische Heimattümelei, sondern einfach nur Kitsch-as-kitsch-can, wenigstens die Tische sind massiv, die Bänke ohne Lehnen allerdings gewöhnungsbedürftig. Das Publikum, ja das Publikum passt zur Umgebung, mehr ist nicht zu sagen. Die Bedienungen sind flott, freundlich, zuweilen mit österreichischem Idiom, etwas zu kumpelhaft-fraternisierend für meinen Geschmack, aber so verkehrt man wohl miteinander, hier auf der Feiermeile. Die Speisekarte bietet wie erwartet vorwiegend österreichische Küche, dazu einige vollkommen überflüssige Kniefälle vor dem internationalistischen kulinarischen Einheitsbrei wie – natürlich – Burger, Züricher Geschnetzeltes mit Rösti (genau genommen mit Tiefkühl-Röstinchen aus der Fritteuse) oder Knusperschnitzel von der Pute in Cornflakespanade. Erfreulich die Weinkarte, natürlich Österreichisch dominiert, ein paar offene Weine, viele ordentliche Bouteillen ab 25 oder 30 EURO, dazu spontane Empfehlungen vom Service, und es gibt Gösser Bier, Almdudler und Meinl Kaffee.

Vorab serviert das Haus Bröckchen vom Sauerteigbrot mit je einem Näpfchen mäßigen Zwiebelschmalz mit zähen kalten frittierten Zwiebelringen und einem Näpfchen Quark-Aufstrich mit ein paar Schnittlauchröllchen drauf.  Für einen Gruß aus der Küche grüßt die Küche hier nicht sehr freundlich. Die Brühe der Frittaten- und der Tiroler Speckknödel-Suppe ist lauwarm und dünn und leicht säuerlich, die Röllchen Frühligszwiebeln darauf eher störend, Schnittlauch würde auf eine Suppe gehören; eine richtige Rindssuppe geht anders, ganz anders. Die Frittaten sind ok, der Speckknödel ist kein Semmelknödel aus Brot, sondern zwei Mutschenmehl-Knödel (vulgo: Semmelmehl), nicht mit viel geschmackvollem Speck darinnen, sondern mit wenig geschmacklosen Schinkenstückchen; ich habe bestimmt schon viele Speckknödelsuppen in Tirol gegessen, solch ein Knödel ist mir dort noch nie untergekommen, und diese Speckknödel lasse ich getrost zurück nach Tirol oder sonst wohin gehen. Das Wiener Schnitzel ist ok, das Fleisch kaum wässrig, dünn geklopft, die Panade abgehoben, nicht durchgeweicht, resch, das ist ordentlicher Standard, nicht zu tadeln, nicht zu loben, das kriegt man so in jedem österreichischen Dorfgasthaus. Die Bratkartoffel-genannten in Fett geschwenkten und leicht gebräunten Kartoffelstückchen dazu sind hundsmiserabel, lauwarm, fettig, mit Unmengen von Kümmel gewürzt und völlig überflüssig – die Beilage zu einem echten Wiener Schnitzel ist seine Panade und maximal ein Salat. Ach ja, der Salat, ein wenig lieblos hergerichtetes Grünzeugs, übergossen mit einer penetrant nach Konservierungsstoff schmeckenden weißen Flüssigkeit, wenn’s kein Kloreiniger war würde ich auf ein industrielles Fertig-Dressing aus dem 10-Liter-Kanister tippen. Der Kalbstafelspitz kommt daher als ordentliches Stück toter Kuh, mager, aber viel zu weich gekocht, überzogen von einer fetten, dicken, weißen Sahne-Meerrettich-Sauce; das hat überhaupt nichts mit einem echten Wiener Tafelspitz zu tun, bei dem Scheiben des schieren gekochten Fleischs auf einem angewärmten Teller mit etwas Kochflüssigkeit serviert werden, die klassischen Beilagen sind knusprige Rösterdäpfel, Schnittlauchsauce und Apfelkren, wer mag kann auch noch – untraditionell – Semmelkren, Dillfisolen, Cremespinat, Kohlgemüse auf Alt-Wiener Art, Stürzerdäpfel und mit Mark belegtes getoastetes Schwarzbrot dazu reichen (und das stammt nicht von mir, sondern aus dem Neuen Sacher-Kochbuch von keinen geringeren als Christoph Wagner – der unbestrittene Österreichische Gastro-Kritiker-Papst – und Alexandra Winkler – jüngster Spross der Sacher-Familie, Miteigentümerin und Managerin der gleichnamigen Hotels). Das Steirische Backhendl schließlich, das Steirische Backhendl, das ist einfach ein paniertes, in die Fritteuse geworfenes, in Scheiben geschnittenes Hühnchenbrust-Schnitzel. Als ich diese kulinarische Frechheit umgehend zurückgehen lasse und den eigentlich sehr freundlichen und aufmerksamen, ebenfalls österreichischen Kellner darauf anspreche, scheint dieser zuerst kurz zu überlegen, ob er jetzt in Vorwärts-Verteidigung forsch zurückkeult oder sich aber entschuldigt, er entscheidet sich dann für Zweiteres: ja, eigentlich bestehe ein echtes Backhendl aus allen Stücken eines zerteilten, enthäuteten, panierten und dann in Butterschmalz ausgebackenen Hähnchens, das habe man früher hier auch so mal angeboten, aber die Zubereitung sei zu umständlich und nehme zu viel Zeit in Anspruch, daher habe man sich entschieden, nur noch panierte Hühnchenschnitzel als Backhendl zu servieren, und die Gäste seien’s auch allesamt so zufrieden … außer mir. Als Entschuldigung erhalte ich einen Schnaps auf’s Haus, die 13,20 EURO für das vorgebliche Backhendl, das ich nicht angerührt habe, erscheinen trotzdem auf der Rechnung. Caro grinst. Der Kaiserschmarrn zu Abschluss allerdings, der ist richtig, richtig gut, da beißt die Maus keinen Faden ab. Hingehen werde ich trotzdem nie wieder, in die Waldfee, holla kann man da nur sagen.


Waldfee
Wolfgang Pichler
Occamstraße 13
80802 München
Deutschland
Tel.: +49 (89) 84 00 83 10
Online: www.waldfee-muenchen.de
Facebook: www.facebook.com/Waldfee.Muenchen

Hauptgerichte von 9,90 € (Krautfleckerl) bis 22,80 € (Rinderlende mit Ofenkartoffel und Salat), Drei-Gänge-Menue von 17,70 € bis 42,50 €

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