In den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts lebte ich eine Zeit lang in Wien. Damals war es für viele durchschnittliche Wiener vollkommen normal, auf dem Naschmarkt einzukaufen. Der liegt seit eh und je fast zentral nahe dem Ersten Bezirk in Mariahilf zwischen Linker und Rechter Wienzeile am Wienfluss. Früher boten hier vor allem regionale Bauern und Gärtner ihre frischen Waren an, dazu Fleischhauer, Fischer, Bäcker, Milch- und Käsegeschäfte, ein paar orientalische Spezereien- und Gewürzstände, einige Würstelbuden und kleine Beiseln für den schnellen Hunger; die Preise waren vielleicht etwas höher als im Supermarkt, aber dafür war alles frisch und von guter bis sehr guter Qualität, ein Haushalt konnte sich hier komplett mit gescheiten Lebensmitteln eindecken. Am Samstag erweiterte sich der Naschmarkt nach Westen Richtung Schönbrunn um einen riesigen Flohmarkt, auf dem es Alles, wirklich Alles zu kaufen gab, nicht nur Trödel und echte Antiquitäten jeder Art, sondern auch Berge von (frisch gestohlenen) Autoradios mit auffällig verbogenen Konsolen, Hehlerware, Kinderpornographie, Serben verkauften halb offen scharfe Waffen, bei den Negern (ja, damals hießen sie noch vollkommen wertneutral ’Neger‘, Pippi Langstrumpfs Vater war ‚Negerkönig‘ (und das war ganz was Tolles), in Otfried Preußlers ‚Kleiner Hexe‘ verkleideten sich die Dorfkinder fröhlich-unschuldig als ‚Negerlein‘, und in Augsburg waren die drei Mohren (eigentlich waren’s ja vier) gastfreundlich aufgenommen worden ) an der Kettenbrückengasse gab es jedwede Drogen, kurzum, es gab nichts, was es nicht gab, auf dem Naschmarkt. Heute hat sich das radikal geändert. Schon seit Jahren ist der Naschmarkt zur Touristenattraktion geworden, täglich schieben sich Horden gaffender und knipsender Touristen aus aller Welt durch die beiden engen Marktgassen. Die Lebensmittelstände werden immer weniger, und die wenigen, die es noch gibt, werden vorwiegend von Orientalen und Asiaten betrieben, statt regionalen Bauernprodukten gibt es Großmarktware in meist mäßiger Qualität, die angebotenen Lebensmittel sind weniger und weniger typisch österreichisch und mehr und mehr beliebig internationalistisch, dazu kommen Stände mit Tand, Tinnef und Kitsch, Souvenirs, billige Klamotten, Postkarten, Getränken und Snacks to go, die alle rein gar nichts mit Lebensmitteln zu tun haben. Die österreichischen Beiseln sind längst mit koreanischen, argentinischen, israelischen, griechischen, japanischen, vegetarischen, … you name it … Restaurants internationaler kulinarischer Beliebigkeit gewichen, nur die Eiserne Zeit stemmt sich unbeirrbar eisern gegen diesen Trend. Kurzum, der Naschmarkt hat sich in wenigen Jahrzehnten von einem Nahversorgungszentrum für die Wiener Stadtbevölkerung zu einer Touristenattraktion entwickelt, die echte Wiener mittlerweile penibel meiden, statt nahversorgt werden die Touristen hier folkloristisch verbrämt abgezockt, Wien prostituiert sich.
Warum ich das erzähle? Wie sich Augsburg gerade genau dieselbe Entwicklung auf dem Stadtmarkt vollzieht. Wenn die Pariser Großmarkthallen der ‚Bauch von Paris‘ sind, so war der Augsburger Stadtmarkt noch in den Nuller-Jahren das ‚Bäuchlein Augsburgs‘, auch hier versorgten sich die Einheimischen mit allen erdenklichen Lebensmitteln vorwiegend regionaler Erzeuger in guter Qualität zu happigen Preisen; dazu kamen internationale Spezereien von italienischen Trüffeln über griechische Oliven bis hin zu serbischen Pfifferlingen. Und heute? Die Stände der heimischen Bauern und Gärtner werden immer weniger, in der großen Fleischhalle sind gerade nochmal drei Metzger, Wildhändler gibt es gar keinen mehr, seit dem Frank dem Stadtmarkt den Rücken gekehrt hat, stattdessen wuchern die Fressbuden wie Unkraut, dazu Tinnef-Stände mit Kitsch, den kein vernünftiger Mensch braucht. Wie der Naschmarkt wird auch der Augsburger Stadtmarkt mehr und mehr zur Attraktion für marodierende und gaffende Touristen. Und da Touristen nun mal in der Regel keine Schnitzel und Kartoffeln kaufen, bietet man vermehrt, was eben Touristen kaufen: Fressen, Saufen, Kitsch und Tinnef. Mit reeller Nahversorgung für die Augsburger Bevölkerung hat das bald nichts mehr zu tun, das ist nur noch ein künstliches Disney-Land auf bayrisch-schwäbisch für Touristen mit angeschlossener beliebig-internationaler Fast-Food-Versorgung. Pfui-Deifi.

