Überflüssiges aus Mooskirchen: Holy Gin

Seit 1930 brennt die Familie Hochstrasser in Mooskirchen in der Steiermark Schnaps. Das ist löblich. Unter dem Motto „Von Doppler zum Edelbrand“ setzte 1985 ein Paradigmenwechsel bei den Hochstrassers ein, das ist sehr löblich. Seit 1994 wurde massiv in moderne Destillier- und Produktionsanlagen investiert, die Massengastronomie zurückgefahren, statt dessen auf internationale Vermarktung gesetzt, 2012 sogar eine hochmoderne Vakuum-Destillieranlage in Betrieb genommen, das alles ist ausgesprochen löblich. Heute bietet das Haus Strasser Obst-Edelbrände von exzeptioneller Qualität, der Holzfass-gereifte Marillenbrand (ca. 51 € / Liter) ist eine absolute Alkohol-Delikatesse, und alles, was einen bei der Rote Williamsbirne vom Hochstrasser daran hindert, die ganze Flasche auf einen Sitz auszutrinken, ist vielleicht der Preis von 120 € pro Liter. Selbst der ganz einfache Steirische Obstschnaps in der Literflasche für 9,50 € (für die Hardcore-Trinker gibt’s den auch im 10 Liter Kanister für 9 € / Liter) ist tadellos und lecker und bestraft einen auch am nächsten Morgen nicht. Das ist alles miteinander sehr, sehr löbliches und leckeres Tun.

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Nun aber hat der Filius der Familie, der Juniorchef und Destillateur Martin Hochstrasser eine eigene Gin-Linie unter der Marke „Holy“ kreiert und ist damit auf den nicht enden wollenden Gin-Trend aufgesprungen, der immer mehr Leute, die es besser lassen sollten, alldieweil sie es nicht können, dazu animiert, geschäftsträchtig mitzumischen – wobei, das geschäftsträchtige Mitmischen beherrschen die meisten schon, nur das Gin-Machen eben nicht. Zuerst einmal ist dieser Gin kein London oder London Dry Gin – was nicht heißt, dass er aus London stammen muss, vielmehr sind beides relativ streng reglementierte Herstellungsverfahren (per EU-Verordnung natürlich), nicht nur was den Alkohol-Gehalt anbelangt, sondern vor allem in Bezug auf Mazeration, Zuckergehalt und Destillation – sondern ein „New Western Dry Gin“. Das hört sich erstmal toll oder trendy an, besagt aber nichts anderes, als dass es bei diesem Gin keinerlei Vorschriften gibt außer einem Mindestalkoholgehalt von 37,5%, ansonsten gilt evrything goes. Unter der Bezeichnung New Western Dry Gin ist in den letzten Jahren ein Sammelsurium von Gins entstanden, die die strengen Qualitätsvorschriften für London Gin bzw. London Dry Gin nicht einhalten wollen … oder können. Vorreiter war hier Tanqueray mit seinem unsäglichen Malacca Gin, am populärsten in Deutschland sind der unsägliche Monkey 47 (Luc wird mich wieder hauen dafür, klassischer Vater-Sohn-Konflikt: er liebt Monkey 47, ich hasse ihn … aber so kann Luc wenigstens sicher sein, dass ich ihm seinen Gin nicht wegsaufe), der Münchner The Duke, der Berliner Brandstifter, Hendricks Siegfried oder der Ferdinand’s von der Saar mit falschem Apostroph – alles Gins, die kein Mensch braucht. Einer der wenigen New Western Dry Gins, der für mich etwas taugt, ist The Botanist Gin von der Insel Islay von der etablierten Whiskybrennerei Bruichladdich.

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Nun also gleich drei New Western Dry Gins vom Hochstrasser Junior, „Holy Gin“, „Holy Gin Almkräuter“ und „Holy Gin Marille“. An der Saar kippt man Wein als besondere Zutat in den Western Dry Gin, in München Hopfen und Malz, in Berlin Waldmeister und in der Steiermark also landestypisch Marille und Almkräuter. 43% Alkohol bringen die Machwerke mit. Der Holy einfach ist flach in der Nase, ist absolut flach im Geschmack und brennt schlichtweg im Mund und im Abgang. Der Holy Almkräuter riecht etwas nach Heu, ist absolut flach im Geschmack und brennt schlichtweg im Mund und im Abgang. Der Holy Marille schließlich riecht leicht nach Marille und stark nach Esther, ist absolut flach im Geschmack und brennt schlichtweg im Mund und im Abgang. Da ist es nicht verwunderlich, dass die Hochstrassers Geld in die Hand nahmen, um an der aus meiner Sicht hochnotpeinlichen Bezahl-Veranstaltung World Spirits Award teilzunehmen und dann nochmals viel Geld dafür bezahlen, um die „Auszeichungs“-Bapperl auf die Flaschen kleben zu dürfen. (Zum World Spirits Award siehe opl.guide vom 20. Oktober 2016 „Caro hat mich geschimpft: Der World Spirit Award und das Geschäftsmodell hinter der Medaille“.) 58 € für den Liter ist keines der drei Machwerke wert, aber jetzt weiß ich wenigsten, was ich serviere, wenn ich unliebsame Gäste habe.

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