Rothenburger Hof: Verwohnte Service-Wüste mitten im Szeneviertel

Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts anstand der Rothenburger Hof als Gast- und Beherbergungsstätte in der Dresdner Neustadt (die ja– streng genommen – eigentlich die Dresdner Altstadt ist). Bald nach Ende des Zweiten Weltkrieges legten die Kommunisten ihre Hand auf das alteingesessene Haus, zu Zeiten der kommunistischen Schreckensherrschaft in Ostdeutschland war der Rothenburge Hof ein kurioser BSB (Betrieb mit staatlicher Beteiligung). Funktionäre, Parteibonzen, Stasi und Besatzer verkehrten hier gerne, während das gemeine Volkspublikum oft stundenlang vor dem Eingang wartete. Gleich nach der Wiedervereinigung wurde das Unternehmen von der Treuhand überraschend geschmeidig wieder privatisiert, und das Haus wurde in den folgenden Jahren angeblich umfangreich modernisiert und erweitert. In der Tat, es gibt zwischenzeitlich ein Schwimmbad und einen kleinen – penetrant nach Chlor stinkenden – SPA-Bereich mit fragwürdiger Sauberkeit, aber immerhin. Die Zimmer sind geschmack- und seelen-los mit Hotellerie-Standard-Möbeln aus dem letzten Jahrtausend bestückt, die Bäder winzig und meist Tageslichts-los, die Matratzen zwischenzeitlich durchgelegen, Bettzeug zuweilen geflickt, die Kissen schlaff, die Teppichböden hier und da voller Flecken, deren Herkunft man wahrlich nicht wissen mag, wenn man barfuß darüber läuft. OK, der Rothenburger Hof liegt – bei aller Kritik – mitten in der Dresdner Neustadt, einem der wohl derzeit angesagtesten Szeneviertel der Merkel-Republik, Schanzenviertel und Prenzlau sind spießig verglichen mit der Neustadt. Heißt aber auch, alle Zimmer zur Straße raus im Rothenburger Hof taugen zum Schlafen maximal bei Vollrausch, und die direkt in keinen 5 Metern Abstand vorbeifahrende Straßenban ist bei Leibe nicht die lauteste Störgeräusch-Quelle. Etwas ruhiger – aber keinesfalls weniger verwohnt – die Zimmer zum und im Innenhof.
Ein Trauerspiel am Abend das „Restaurant“. Laufkundschaft, echte Dresdner, gar echte Neustädter gibt es gar keine, „Restaurant“ und „Bar“ werden lediglich offen gehalten für gelegentlich verirrte (und verwirrte) Hotelgäste. Eine scheinbar regionale, gut-bürgerliche Speisekarte bietet offensichtlich ausschließlich vorgefertigte und aufgewärmte Convenience-Produkte. Dazu passt das Frühstück: die Auswahl ist in der Tat groß, aber es ist viel vom Billigsten. Und wer in Dreiteufelsnamen braucht zum Frühstück warm gehaltene Convenience-Frühlingsröllchen? Asiatische Gäste ganz bestimmt nicht. Passend dazu ist der Service tumb, unambitioniert, zum Teil schlecht ausgebildet und ganz einfach arrogant („Woher soll ich wissen, wie man die Kreditkarte in den Schlitz schiebt – Sie wollen ja schließlich mit Karte Zahlen, machen Sie es.“ „Ihr gebuchter und bezahlter Hotelparkplatz ist zugeparkt? Doch nicht mein Problem, lassen Sie den Falschparker doch abschleppen!“, „Wie, die Sauna ist kalt? Dann kommen Sie halt wieder, wenn sie warm ist.“ – Drei O-Töne vom „Service“-Personal im Rothenburger Hof.)
In der Tat: der Rothenburger Hof ist (verdammt noch mal) das zentralste und best gelegene Hotel der Äußeren Dresdner Neustadt, aber er ist lausig. In zehn fußläufigen Minuten liegen das Motel One am Palaisplatz (ordentlicher Herbergs-Standard mit vielen jungen Leuten, gutem W-Lan, Tiefgarage, Bar, unprätentiösem, ordentlichem Frühstück) und das Backstage in der Prießnitzstraße (sehr schräg, gewöhnungsbedürftig, aber witzig).

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