Restaurant Blume, St. Gallen: ungezwungene Tafelfreuden

Summa summarum: Sehr, sehr solide, ambitionierte, gekonnte, ungekünstelte und doch anspruchsvolle Küche, die sich nicht zu schade ist für einen Leberkäs mit Bratkartoffeln, die aber mit den Crevetten oder der Kalbsjus durchaus in kulinarische Regionen kommt, die man mit Fug und Recht als ziemlich gehoben – ohne abgehoben zu sein – bezeichnen kann. Und dazwischen befindet sich ein kulinarischer Standard, der im Restaurant Blume in St. Gallen eine sichere kulinarische Bank ist und der einfach Spaß macht.

An der Ausfallstraße Richtung Bodensee, dort, wo St. Gallen proletarischer wird und der Ausländer-Anteil im Straßenbild merklich ansteigt, wo graue vierstöckige Mietskasernen statt alter Schweizer Patrizierhäuser und schicker moderner Designer-Wohnblöcke stehen, wo die Preise nur noch wahnsinnig hoch sind und nicht mehr unglaublich wahnsinnig hoch, dort, in einer Seitenstraße zwischen Shell-Tankstelle und Autobahn, neben Neuapostolischer Kirche und Safe-Fabrik, da liegt das Restaurant Blume, unscheinbar in einem zweistöckigen alten Bürgerhaus der vorletzten Jahrhundertwende, bunte Blumenkästen vor den Fenstern, proper, nicht gediegen, sondern eher unprätentiös-bodenständig, ein paar Tische und Stühle zwischen begrünten Pflanzkübeln unter Sonnenschirmen vor dem Haus, drinnen zurückhaltend modernes Ambiente mit weiß eingedeckten Tischen auf Parkettboden, alles natürlich – wir sind in der Schweiz – pikobello sauber, aufgeräumt und ordentlich, das macht insgesamt einen Eindruck von gesundem, selbstbewusstem Understatement. Als wir die Karten am Eingang studieren fragt uns ein netter älterer Mann mit weißer Schürze in einem nur ganz leichten Schweizer Dialekt freundlich, ob er uns helfen könne. Ob es Rösti gäbe, frage ich, denn ich sehe keine auf der Karte, und ich liebe gute Schweizer Rösti über alles, und die kriegt man nun mal ganz, ganz oft justamente in der Schweiz. Nein, entgegnet der nette ältere Mann, auf der Karte hätte er gerade heute keine Rösti, aber selbstverständlich könne er mir welche machen, ich solle nur sagen, wozu ich sie haben wolle. Was für einen Junkie auf Entzug die Aussicht auf eine Spritze sein mag, das ist für mich die Aussicht auf gute Rösti, wenn ich hungrig bin. Kurzer Blick zu Caro, „Also, ich finde hier was.“, sagt sie affirmierend, und wusch, schon sitzen wir an einem der Tische. Kurzzeitig durchfährt mich noch der Gedanke, was das wohl für aufgebackene Convenience-Röstinchen sein mögen, die uns der nette ältere Mann gleich auftauen wird, wenn er so spontan Rösti außerhalb der Karte anbietet, aber dann obsiegen Vertrauen und Hunger, und ersteres sollte nicht enttäuscht, zweiterer aber trefflich gestillt werden.

Auf den ersten Blick fällt auf der Speisekarte auf, dass sie nicht von den Schweizer Küchen-Klassikern gespickt ist: kein Zürcher Geschnetzeltes, keine Bratwurst, keine Mistkratzerli, kein Kalbsteak mit Morcherlrahmsauce; nun gut, es gibt Tatar, in Bierteig gebackene Egli-Filets und geschnetzelte Leber, dann hört’s aber auch schon wieder auf mit den Schweizer Klassikern. Als Zweites fallen vier grundsolide, für Schweizer Verhältnisse fast schon wohlfeile zwei- oder dreigängige Tagesmenues von 19,50 CHF bis 46,50 CHF auf. Und als Drittes liest man in der Speisekarte so verheißungsvolle Dinge wie „Bio Riesencrevetten“, „handgedrehte Ribelmais-Schupfnudeln“ (Rheintaler Ribel oder Türggenribel ist eine traditionelle, fast vergessene Maissorte aus dem Schweizer Rheintal), „Mörschwiler Ribelmais Poulardenbrust“, „Ostschweizer Züger Büffel Mozzarella“ oder „Thunfischsteak aus Wildfang“; all das spricht sehr für nachhaltigen und – wo machbar – heimatlichen Einkauf, was ebenfalls lobenswert ist. Kein Wunder, denn das Restaurant Blume ist Mitglied im Verein Culinarium, einem Zusammenschluss von Schweizer Landwirten, Gastronomen  und Händlern, die sich der Beförderung von qualitativ hochwertigen Schweizer Lebensmitteln verschrieben haben; um Mitglied bei Culinarium zu sein, muss ein Restaurant wenigstens 75% seiner Zutaten aus der Region beziehen, das nenne ich mal eine Hausnummer. Aber dann schließlich fallen in dieser über weite Strecken grundsoliden Speisekarte mit gehobener Schweizer Hausmannskost Exoten auf, wie etwa „Gülüstan’ s Lahmacun“ oder „Schaumsuppe vom roten Thaicurry verfeinert mit Früchten mit gebratener Jakobsmuschel“; hier blickt jemand in der Küche sehr deutlich – und gekonnt – über den Schweizer Tellerrand hinaus.

Diese Mischung – gepaart mit einem guten Koch, der sein Handwerk versteht, einer flotten, netten, aufmerksamen Bedienung und einem Patron, der mit Argusaugen über alles wacht und der gleich dreimal während eines Essens fragt, ob wirklich Alles zur Zufriedenheit der Gäste sei – macht mit einem Wort ein richtig gutes Restaurant aus. „Rinderconsommée mit Sherry und Gemüsestreifen“ …  wie heißt es im „Hotel Calafornia“ von den Eagles: „This could be heaven, this could be hell.“ Das kann ein dünnes Kuh-Süppchen mit einem Schluck minderwertigen Wein und verkochtem Gemüsebrei sein; das kann aber auch – wie in der Blume – eine wirklich kräftige Doppelte Rinderkraftbrühe sein mit einem Schuss eines guten Sherry und frisch gekochten, noch leicht knackigen Julienne. Der Boden des Lahmacun war gewiss alles andere als ein original Türkischer Hefeteig, sondern eher ein trocken-knuspriger Mürbeteig, aber darauf dann pikant gebratenes und gewürztes Hack und jede Menge frisches, knackiges, gut geputztes Grünzeugs, also weniger ein Lahmacun als vielmehr ein großer Hack-Salat-Kräcker, aber dafür sehr lecker. Die Egli-Filets in Bierteig frisch, grätenfrei, in gutem Fett frittiert, die Tatarsauce hausgemacht und tadellos, dazu ein Berg frischer Salate. Ebenfalls ausgesprochen gut und mal anders als sonst gewohnt die hausgemachte Ratatouille – tomatig, pikant gewürzt, die Gemüsestücklein nicht zu Brei verkocht, sondern noch mit leichter Struktur – mit ebenfalls hausgemachten Serviettenknödeln und oben drauf – nieder mit den Vegetariern! – dicke, gebratene, knusprige Speckscheiben. Der Schweizer Kalbs-Schulterbraten selber kam mit etwas trockenem, nichtsdestotrotz aber zartem und wohlschmeckendem Fleisch daher, sensationell die Rotweinjus dazu, auf Wunsch wurde in einem kleinen kupfernen Soßenpfännchen reichlich mehr davon gereicht, sensationell der getrüffelte Kartoffelbrei (mit schwarzen Sommertrüffeln getrüffelt, nicht mit Trüffelöl aus der Hölle), ungleich sensationeller die verschiedenen, über den Teller drapierten Gemüsestückchen: knackige, leicht süßliche, nach Möhren schmeckende Möhrenscheibchen, knackige, nach – Sie ahnen es bereits – Kohlrabi schmeckende Kohlrabi-Stäbchen, dito die Broccoli-Röschen, nochmals ein Wenig von der leckeren Ratatouille, dann eine hauchdünn gehobelte Scheibe von frittiertem Rotkohl … hach, das Leben kann so schön sein. Ach ja, die Rösti, die mir versprochen worden war und die ich extra zu dem Kalbsbraten dazu bestellt hatte, alldieweil ich den getrüffelten Kartoffelbrei nicht abbestellen wolle (hatte ich eigentlich schon mal erwähnt, dass ich Kartoffeln in nahezu jeder Form liebe?), nun ja, bleiben wir ehrlich: sie war wirklich frisch gemacht, aus guten Kartoffeln, mit Butter, knusprig, in Form … aber zu trocken, wie es halt passiert, wenn man auf die Schnelle aus rohen Kartoffeln eine Rösti zaubern will. Die Rösti war ein typischer „Bassd schoo.“, aber gut gemeint und letztendlich meine eigene Schuld. Das Grillgemüse, auf dem dann die Bio Riesencrevetten angerichtet waren, war nicht etwa dasselbe wie beim Kalbsbraten, sondern tatsächlich frisch gebratenes – gebratenes, nicht gegrilltes – leckeres Gemüse mit mediterranen, sättigenden, mehligen, nicht schlecht, aber undefinierbar gewürzten Kichererbsen und einer leichten Basilikumsauce, die Crevetten perfekt noch leicht glasig gebraten.

Das alles ist sehr, sehr solide, ambitionierte, gekonnte, ungekünstelte und doch anspruchsvolle Küche, die sich nicht zu schade ist für einen Leberkäs mit Bratkartoffeln, die aber mit den Crevetten oder der Kalbsjus durchaus in kulinarische Regionen kommt, die man mit Fug und Recht als ziemlich gehoben – ohne abgehoben zu sein – bezeichnen kann. Und dazwischen befindet sich ein kulinarischer Standard, der im Restaurant Blume in St. Gallen eine sichere kulinarische Bank ist und der einfach Spaß macht.

 

Restaurant Blume
Familie Koltan
Brauerstrasse 27
9000 St. Gallen
Schweiz
Tel.: +41 (71) 2 45 19 10
www.restaurant-blume-sg.ch
info@restaurant-blume-sg.ch / a.koltan@bluewin.ch

 

Hauptgerichte von 25,50 CHF (Safrangnocchi mit Gemüse) bis 52,50 CHF (Kalbsfilet), Drei-Gänge-Menue mittags ab 46,50 CHF, abends von 64,50 CHF bis 85,50 CHF

DZ Ü/F 155 CHF (pro Zimmer, pro Nacht)

 

Das sagen die Anderen:
Guide Michelin: n.a.
Gault Millau: n.a.
Yelp: n.a.
Tripadvisor: 5 von 5 Punkten (bei 17 Bewertungen)
Google: 5,0 von 5 Sternen (bei 10 Bewertungen)

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