Ostern in Lissabon: Ostersamstag

Mit der wohlfeilen Uber-Droschke fahren wir des Morgens ohne Frühstück in den Stadtteil Saldanha, das nördliche Stadtzentrum Lissabons, in die Avenida da República, eine Ende des 19. Jahrhunderts angelegte große Verkehrsachse. Die vierspurige Straße mit Radwegen, breiten Trottoirs, vielen Grünstreifen wird gesäumt von einer witzigen Bebauung, vielstöckige 70er Jahre Zweckbauten wechseln sich ab mit Jugendstil-Schönheiten, Klassizistischen Wohnhäusern oder modernen Spiegelfassaden, in Deutschland würde ich vermuten, Bomben-Baulücken wurden hier mit modernen Gebäuden zugebaut, aber Portugal blieb ja vom Bombenterror gegen die Zivilbevölkerung verschont, keine Ahnung, wie diese architektonische Mixtur zustande gekommen sein mag. Ein architektonisches Prachtstück in diesem bunten Ensemble ist die 1919 gebaute, fünfstöckige Pastelaria Versailles in der Avenida da República 15A mit dem namensgebenden Café im Erdgeschoss. Die Fassade ist reinster Jugendstil, innen drinnen im tief in’s Haus hineingehenden Gastraum mischen sich Jugendstil, Art Nouveau und Art Deco ohne modernistische Auswüchse oder Verbauungen, das könnte auch als Architektur-Museum durchgehen, abgesehen vielleicht von dem Getränke-Kühlschrank mitten im Raum. Rechts fast auf der ganzen Tiefe des Raumes eine Glastheke, in der sich hausgebackene Köstlichkeiten auf mehreren Etagen stapeln, dahinter deckenhohe Regale aus Glas, Spiegeln und kunstvoll verziertem Holz, reichlich gefüllt mit verpackten Naschwaren. Hinter der Theke stetig geschäftig wuselndes Servicepersonal – fast nur Männer – in bordeauxroten, mit dem Hauswappen bestickten Kellnerwesten, weißen Hemden, bordeauxroten Fliegen, schwarzen Hosen und knöchellangen weißen Schürzen, vor der Theke stetig geschäftig wuselndes Servicepersonal – fast nur Männer – in bordeauxroten, mit dem Hauswappen bestickten Kellnerwesten, weißen Hemden, bordeauxroten Fliegen, schwarzen Hosen und knöchellangen weißen Schürzen, dazu die obligatorischen Einheimischen, die lässig und völlig entspannt im Hier und Jetzt am Glastresen stehend ihren Kaffee und vielleicht ein süßes Stücklein nehmen, etwas plaudern oder nur das Treiben betrachten und nach 10, 15 Minuten ein paar Münzen auf den Tresen legen und vertraut-freundlich grüßend wieder verschwinden, wer Zeitung oder ein Buch lesen, mit einem Begleiter reden, ausführlicher essen oder sonst wie länger verweilen will, der setzt sich (und die natürlich auch, gell, Alice). Bis zur Jahrtausend-Wende waren nur wenige Fremde in der Pastelaria Versailles zu finden, hier trafen sich vor allem die Lisboetas, das Massen-Tourismus-Pack wurde von den gedruckten Reiseführern zuverlässig ins Café Nicola in der Baixa oder ins Café A Brasileira im Chiado entsorgt; heute verpestet – Tripadvisor & Co. sei Dank – das reisende Billig-Volk auch solche vormaligen Geheimtipps, zum Glück verhindert die nicht allzu zentralen Lage wenigstens die schlimmsten Massen-Tourismus-Auswüchse. Doch als wir im Einkaufszentrum Colombo eine auf alt getrimmt Dependance der Pastelaria Versailles finden, und eine weitere vor dem Rückflug in der Abflughalle des Flughafens, da wissen wir, die professionelle Monetarisierung der Marke geht ihren kapitalistischen Gang. Man sagt, so sagen die Portugiesischen Freunde, die Pastelaria Versailles habe die größte – manche sagen auch noch, die beste – Auswahl an Backwaren in ganz Lissabon, auch die hauseigenen Pastéis de Nata seien etwas Besonderes: sie sind ein wenig kleiner als gewöhnlich, aber dafür höher, die knusprige Teighülle besteht sichtbar aus dünnen, einzelnen Lagen Teig, die Ei-Milch-Creme hat einen deutlicheren Hauch Zitronengeschmack als sonst, ist teilweise gebräunt, aber nur ganz selten verbrannt. Diese Pastéis de Nata sind ein Traum.

Später werden wir aus Neugierde noch zur angeblichen Geburtsstätte der Pastéis de Nata pilgern, in die Pastelaria de Belém in gleichnamigem Stadtteil in der Nähe gleichnamigen Turms, volle Möhre im Touristen-Gebiet. Der Legende nach wurden die Blätterteignäpfchen mit geflammter Vanillecreme hier im Hieronymuskloster erfunden. Die Mönche benötigten große Mengen an Eiweiß, um ihre Kleidung akkurat zu stärken, Eigelb war also ein Abfallprodukt. Vanille und Zucker wurden aus den Kolonien auf dem Tejo quasi vor die Haustüre geliefert, Butter, Milch (Milch, nicht Sahne, denn Sahne gehört originär nicht in die Pastéis de Nata, auch wenn „nata“ übersetzt Sahne heißt) und Brennholz steuerten die Bauern als Natural-Abgaben für das Kloster bei, die Pastéis de Nata waren geboren. Bei der Auflösung des Klosters soll ein pfiffiges Pfäfflein das Rezept an eine benachbarte Zuckerfabrik verkauft haben, und alsbald begann in der Pastelaria de Belém die weltliche Massenproduktion der Pastéis de Belém, wie sie dort genannt werden. Um ihre Herstellung wird bis heute ein großes Geheimnis gemacht, nicht nur allerbeste Zutaten, auch verschiedene Zuckersorten für Teig und Füllung, aber nichts genaues weiß man nicht, gerade diese Geheimniskrämerei wird dazu beitragen, dass täglich (täglich!) 20.000 bis 40.000 der kleinen Gebäckstückchen in der Pastelaria de Belém an reisegeführte Massentouristen verkauft werden, das mag auch der Grund gewesen sein, warum die ach so geheime Produktion heute in weiten Strecken maschinell-industriell erfolgt, rund 10 Millionen Stück pro Jahr, das schafft kein Mönch, kein Bäcker, auch keine handwerkliche Back-Manufaktur mehr. Der unablässige Besucherstrom erinnert ein wenig an Pfunds Molkerei in Dresden, den Svejk in Prag, das Eliseev in St. Petersburg oder das Lu Bo Lang in Shanghai, hübsche Location, große Tradition, ein wenig Guru-Guru, viel Bakschisch für Autoren von Fremdenführern und für Reiseführer, mäßige Qualität, und schon brummt das Margen-starke Massentourismus-Massengeschäft. Am „O Melhor Pastel de Nata de Lisboa“, dem jährlichen Wettbewerb um die besten Pastéis de Nata,  nimmt die Pastelaria de Belém jedenfalls traditionell nicht teil, die offizielle Begründung lautet, die hauseigenen originalen Pastéis de Belém seien ganz was Besonderes und nicht zu vergleichen mit den ordinären Pastéis de Nata, die es in Lissabon und Umgebung an jeder Ecke gebe; vielleicht scheut man hier aber auch nur den Vergleich mit anderen Zuckerbäckern, wer weiß.

Aber zurück in die Pastelaria Versailles, wo wir noch immer beim Frühstück sitzen. Die Kids tröpfeln eins ums andere ein, allesamt offensichtlich reichlich ramponiert von der Nacht zuvor, die Club-Szene Lissabons ist derzeit legendär, es sei ihnen gegönnt. Unser Kellner ist eine Show für sich. Generell geht die Mär, dass die Kellner im Versailles nicht die Hellsten seien, und wir scheinen eine dieser Funzeln erwischt zu haben. Einmal den bestellten frisch gepressten Orangensaft zu vergessen, das mag ja noch angehen, von mir aus auch zweimal. Ihn aber sechsmal (in Worten: Sechs!) zu vergessen, das ist entweder Trotteligkeit oder Böswilligkeit, und ich würde einem Kellner im Versailles niemals Böswilligkeit unterstellen. Auch ansonsten gibt es wenige Bestellungen, die vollständig und/oder vollends richtig serviert werden, aber zuweilen hat man nach den regelmäßig langen Wartezeiten ohnehin schon wieder vergessen, was genau man bestellt hatte, oder man ist einfach nur froh, irgendwas zu bekommen. Und doch kann man diesem Kellner nicht wirklich böse sein, nicht etwa, weil er sich anbiedern würde oder so, das ist halt sein Terrain und sein Stil, und dem hat man sich als Gast in gewissem Maße auch anzupassen. Ich habe gerade eine Art Zucker-Flash und weiche auf Rührei mit Schinken aus, tadellos, nur das Brot dazu labbrige Luftlöcher. Die Mädels essen mit großer Begeisterung Torrada à Flores, zwei dicke, leicht gebutterte und gezuckerte Scheiben Toast, jeweils in drei längliche Stücke geteilt. Es sei ganz wichtig, dass man zuerst die vier äußeren Stücke mit viel Rinde äße, bevor man sich über die Rinden-armen Mittelstücke hermache, erklären die Portugiesischen Freunde, alles andere zeuge von Gier, Unbeherrschtheit und mangelndem Anstand. Tja, so leicht kann’s bei einem fremden Volk mit fremden Sitten gehen: einmal das falsche Toast-Stückchen genommen, und schon unten durch, für immer. Aber wir haben ja gute einheimische Führer, und lecker sind diese Toast allemal, gutes Weißbrot, nur sehr zurückhaltend gebuttert und gezuckert, nicht zu vergleichen etwa mit einem Deutschen Toast mit dick Butter und Honig, schon gar nicht mit einem French Toast, aber gerade durch diesen zarten Butter-Zucker-Hauch auf knusprigem Brot gewinnt der Portugiesische Torrada an Eleganz und Leckerheit. Die einen ergehen sich dann in Süßem, phantastische Mandelkekse mit Sucht- und Diabetes-Mellitus-Gefahr, Eclairs, Schweineohren, schlechte Croissants, die anderen tuen es mir gleich und weichen auf Deftigeres aus, etwa Pataniscas de Bacalhau (Stockfischkroketten), Rissóis (kleine, dreieckige, mit Fisch, Gemüse, Fleisch gefüllte, frittierte Teigtaschen), nicht zu verwechseln mit Chamuças (ursprünglich asiatische, kleine, dreieckige, mit Fisch, Gemüse, Fleisch, aber auch Curry, Kartoffel  oder Käse gefüllte, frittierte Teigtaschen), dazu ordentliche Kaffees und guten frisch gepressten Orangensaft, was will man mehr. An den meisten der Tische sitzen noch Einheimische, eher Oberschicht würde ich sagen, alte Männer beim Zeitunglesen, Frauen beim Ratschen, Pärchen beim Rendezvous, Ehepaare beim Frühstück, Philosophen beim Philosophieren, Dichter beim Dichten … ein großer Querschnitt durch die Lissaboner Oberschicht sitzt hier beim gemeinsamen Zucker-Flash, nur die beiden jungen, noch nicht einmal hässlichen imperialen Touristinnen am Nachbartisch, die eine mit einem Hemdchen mit sehr tief ausgeschnittenen Armlöchern, und wenn sie gestikuliert kann man und auch Mann beim einen Armloch hinein- und beim anderen wieder hinausschauen, und zwischen beiden Löchern kann man einiges erspähen, nur keinen BH, von einem rein männlich-sexistischen Standpunkt aus betrachtet hübsch, von einem neo-liberalen Standpunkt aus betrachtet Sache der Weibsperson, ich find’s unangebracht und störend, die passen nicht wirklich hierher.

Nach dem Frühstück gehen die Kids anderweitigen Verrichtungen nach, wir Alten bummeln durch die Stadt, vorbei an den monströsen architektonischen und kulturellen Hinterlassenschaften des Calouste Gulbenkian, ein armenischer Ölhändler, der 1955 als damals reichster Mann der Welt in Lissabon starb, obwohl er – so die Legende – seine Leibärzte nur dann bezahlte, und zwar fürstlich, solange er gesund war, war er hingegen krank, gab’s auch kein Geld. Auf Dauer hat diese Methode offensichtlich auch nicht geholfen. Ein paar Schritte weiter das El Corte Inglés ist ein modernes Einkaufszentrum das so auch in Warschau, Stockholm, Berlin stehen könnte, ein modernistischer Zweckbau mit ganz vielen Shops und ganz, ganz vielen Wachen und noch mehr innerstädtischen Parkplätzen, hier kann, wer kann, und das sind relativ gesehen nicht viele in Portugal, erstehen was das Herz begehrt, von der Klobürste bis zu Kristallgläsern, vom Tütensuppen bis Trüffel, von Feinripp-Unterhosen bis zu Ferragamo-Schühchen, brauchen wir nun wirklich nicht, alleine die kleine Fressmeile im obersten Stockwerk mit Terrasse mit Blick über Lissabon ist recht nett. Vorbei an der hiesigen Filiale des Stromauto-Scharlatans spazieren wir durch den Parque Eduardo VII in der prallen Sonne hinab Richtung Baxia mit wirklichem schönem Blick über Lissabon bis zum Praça do Comércio und zum Tejo. Hinter dem Denkmal für den Marquês de Pombal drängen sich an der Avenue da Liberdade, der Hauptverkehrsachse der Lissaboner Innenstadt, die überteuerten Luxusläden von Cartier, Bvlgari, Armani, Prada, Omega, Escada, Louis Vuitton für all die, die in Wirklichkeit nichts sind, aber viel scheinen wollen, dieses Ensemble steht identisch in Hollywood oder Moskau oder Riad, überall gibt’s Leute, die das brauchen. Rechtzeitig vor Hard Rock Cafe und Rossio kratzen wir die Kurve nach Westen, den Hügel hinauf, grobe Richtung Basílica da Estrela zum alten Markt von Campo de Qurique an der Rue Coelho da Rocha aus dem frühen 20. Jahrhundert. In den überschaubaren, heutzutage fast hübsch anmutenden Markthallen erfolgte früher zuverlässig die Nahversorgung der umliegenden Stadtviertel. Auch heute gibt es noch Stände mit Fisch, Fleisch, Wurst, Gemüse, Kolonialwaren, Blumen, Gastronomie, aber es gibt auch Leerstand, ungleich schlimmer Ramschläden, um leere Flächen scheinbar zu beleben und – am schlimmsten – einen Nescafe Coffee Shop, fehlt nur noch McDonalds. Es gibt viel mehr einfache Gastronomie als früher, sagen die Portugiesischen Freunde, der Markt kippt ganz langsam vom Nahversorgungs-Zentrum zur Event-Location, ein Schicksal, das dem alten Mercado da Ribeira unten am Fluss schon längst widerfahren ist, seit 2014 sind die Markthallen unter der Marke Time Out Market ein Unternehmen der Britischen Time Out Group plc, die sie zu einer reinen Fressmeile mit 32 Restaurants und 900 Sitzplätzen auf 3.000 Quadratmetern verwandelt haben; mit 3,9 Millionen Besuchern in 2018 – so sagen zumindest die Betreiber – ist der Lissaboner Time Out Market Portugals meist besuchte Touristen-Attraktion. Identische Fressmeilen betreiben die Briten in Miami, New York, Boston, Chicago, Montréal, Prag und Dubai. Aber noch lebt zumindest dieser Mercado de Campo de Qurique, es gibt frisches Meeresgetier, große Stücke frisch gebratenen Spanferkels, vor Ort von den Marktfrauen geputztes Gemüse, einen Kaffee und Plausch im Stehen, man könnte seinen täglichen Lebensmittelbedarf hier noch weitgehend decken, wenn man in dem Viertel wohnte. Aber wie lange noch?

Wir schlendern zum Paradegarten – einem begrünten Geviert mitten in den Häuserblöcken, Wasser, Bäume, Schatten, spielende Kinder, alte Männer, ein paar Stände mit Kitsch und Ramsch, an denen kaum einer was kauft, kaum Touristen, es ist friedlich hier, friedlich und erholsam, wenn ich im Campo de Qurique wohnte, gewiss wäre ich öfters hier. Wir schlendern weiter zum Botanischen Garten der Universität Lissabon samt öffentlichem Park, hier verkaufen lokale Produzenten selbst angebautes Gemüse, Obst, Blumen, Säfte, Käse, gefährlich aussehende Olivenöle in alten Plastikflaschen, alles vom Stand oder Wagen, frisch, wohlfeil, reell, wir kaufen Erdbeeren, Äpfel, Möhren, einfach so. Bei einem kleinen Chinesen mit ein paar einfachen Tischen vor dem Haus wollen wir uns einen Teller Bratreis mit Huhn teilen, das Dosengemüse dabei ärgert uns, die Frühlingsrollen sind tausendmal gegessene TK-Ware, zumindest die Wan Tan scheinen selbst gemacht. Mißmutig gehen wir unseres Weges. Aber des Abends soll es besser werden, viel besser. Hinter den Häusern der Rue dom Pedro V blicken wir noch Richtung Norden über die Stadt, am Jardim de São Pedro de Alcântara mit seinem Spring Market wird’s uns dann zu touristisch, wir springen in ein Taxi, fahren in unsere kühle Atrium-Wohnung in der Alfama, essen ein wenig frisches Obst und schlafen, denn die Nacht wird lang und hart werden.

Wir beginnen in nämlichem Time Out Market, einem industrialisierten Massen-Fress-Ort, dem ich so recht nichts abgewinnen kann, auch wenn nothing more sucessful ist als der sucess, McDonalds kann ich ebenfalls nichts abgewinnen, aber sei’s drum, wir sind eingeladen, und zwar eben nicht in die ebenerdige Fressmeile der alten Markthalle, sondern in die oberen Gelasse im 1. Stock, wo es weitaus gediegener und gesitteter zugeht und wo eine Lissaboner Institution ihre neue Bleibe gefunden hat, nämlich das Pap’Açôrda von Manuela Brandão, seit 1980 beheimatet im Bairro Alto, vor drei Jahren dann quasi rausgespült von der Stadtentwicklung und gezwungen, sich eine neue Bleibe zu suchen, die man dann halt bei den Britischen Location-Industriellen fand. Es gibt zwei Speiseräume mit zusammen intimen 175 Plätzen und zwei Bars, getrennt von einem großen, gläsernen Weinschrank mit etlichen hunderten Bouteillen portugiesischer Weine. Der Raum ist hell, hohe Fenster, sechseckige Keramikfliesen am Boden, darüber Dachgebälk mit wuchtigen Heizungs-/Lüftungsrohren und sehr intelligenter Beleuchtung, die Tische in langen, parallelen, unterbrochenen Reihen ordentlich, eher schon streng aufgestellt, geölte Platten wertigen Holzes als Tischfläche, keine Tischtücher, aber Stoff-Servietten, einheitliche Designer-Stühle, keine Ecken, Nischen, Raumteiler, Séparées, so würde ich mir ein Offiziers-Kasino in einer Armee, die ihrem Namen Ehre macht, vorstellen, oder eine Kantine für das mittlere Management eines erfolgreichen Medienhauses oder einer Bank. Da beißt die Maus, der Raum ist streng, spartanisch, strukturiert, alles andere als heimelig, gemütlich, vertraut. Und das hat meines Erachtens Methode. Aber das merkt der fremde Reisende erst, wenn der Raum sich bis auf den letzten Platz gefüllt hat – und bis auf den letzten Platz ist das Restaurant jeden Abend zweimal in zwei Schichten gefüllt, ohne Reservierung Tage und Wochen geht hier gar nichts, so angesagt ist der Laden –, die Atmosphäre in dem Raum machen die Gäste nämlich schon ganz alleine und selber. Da ist dann ein Reden und Lachen und Schmausen und Zechen und Glucksen und Fröhlichsein und Genießen, dass es eine Freude ist. Der Gastraum ist nur funktional gestaltete Bühne, die Atmosphäre, die machen die genießenden Portugiesen schon ganz alleine. Und hier ist tatsächlich ein Ort, wo die Lisboetas noch weitgehend unter sich sind, höchstens mal ein paar Geschäftsessen oder Familienfeiern mit externen Gästen, aber so lange im Voraus reserviert kein ausländischer Tourist einen Tisch, und spontanes drop in ist sowieso nicht möglich. Also, Lisboetas unter sich, und ich mitten drin. Die meisten hier in der Runde sind auf die Deutsche Schule in Lissabon gegangen (die bis heute einen ausgezeichneten Ruf genießt und als Elite-Schule gilt), sind Architekten, Ärzte und Ingenieure geworden, haben oft für Deutsche Firmen gearbeitet, ein Mitglied des Königshauses ist auch darunter, ganz bürgerlich und unprätentiös, dann ein international bekannter Musiker und Professor für Posaune an der Royal Academy of Music in London, ein hauptberuflicher Erbe, der das Familienvermögen verwaltet, aber ansonsten nichts tun muss und trotzdem nett und bescheiden ist, solche Leute halt, Leute, die es überall gibt, aber die man nicht unbedingt wahrnimmt, gebildet, gebildet in Hirn und Herz, unabhängig, umgänglich, bescheiden, hier hat niemand es nötig, irgendetwas heraushängen zu lassen, um irgendwen zu beeindrucken, sehr angenehme Leute einfach, und ich mitten drin. Für solche Abende und solche Gesellschaft muss man dankbar sein.

Die Speisekarte gibt es zwar auch in Englisch (also doch ein paar Ausländer als Gäste), aber ich gebe auf und ergebe mich der kulinarischen Kenntnis der Einheimischen am Tisch. Nach einigen hitzigen Diskussionen über die Speisekarte bestellt einer aus der Runde für alle die Vorspeisen: Punheta, das ist eine Art Kabeljau-Salat mit Orangen,  Shrimps in Öl mit Knoblauch und Chili, Amêijoas à Bulhão Pato, das sind Muscheln mit Knoblauch und Koriander, Krabben-Pastete, Lachstatar, ein Fisch-Carpaccio mit Dill und diesen verfluchten rosa Pfefferbeeren, geräucherter Schinken vom Eichel-Schwein, natürlich frische Austern, schließlich ganz typisch Torricado de farinheira e morcela, das ist geröstetes Brot mit zwei portugiesischen Wurstsorten, einmal eine fette Blutwurst und einmal eine Rauchwurst aus Mehl, Schweinefett und Gewürzen, alles sehr gewöhnungsbedürftig, wahrscheinlich wurde noch mehr aufgetischt, das zumindest konnte ich mir merken. Alle Schüsseln und Platten werden in die Mitte des Tisches gestellt, jeder nimmt sich nach Herzenslust, die Schüsseln und Platten werden herumgereicht, damit jeder von allem probieren kann, ein sehr schönes Konzept des Teilens. Der Fisch ist phänomenal frisch und gut, die Shrimps sind wieder nicht entdarmt, der Schinken ist mürbe und super, und die Knoblauch-Konzentration in den meisten Speisen wäre angetan, eine ganze Kolonie von Vampiren zu vertreiben. Dazu trinken wir etliche Flaschen des 2017er Soalheiro Alvarinho Classic aus der Quinta de Soalheiro in Alvaredo, einen ganz klassischen Vinho Verde, im Edelstahltank ausgebaut mit 12,5% Alkohol, extrem trocken, aber kein Säuerling, sehr fruchtig, vollmundig, langer Abgang … In Portugal  funktioniert dieser Wein perfekt, ich habe ihn später hier in Deutschland probiert, und hier geht er überhaupt nicht, ein altbekanntes Phänomen. So jedenfalls stelle ich mir Tischgesellschaft vor, es ist ein Schmausen, ein Teilen (wobei teilen angesichts übervoller Platten immer leicht fällt), ein Genießen, ein Beurteilen, ein Lloben, zuweilen auch ein Tadeln, ein Freuen am Da- und Hiersein, dazwischen die üblichen Tischgespräche „Weißt Du noch, damals, als …“, „Ich habe übrigens Dingsda wiedergetroffen, der macht jetzt …“, „Und wie geht es Deinen Kindern, wie heißen sie doch gleich …“ – solche Gespräche halt, nett, plaudernd, unverfänglich. Als Hauptgericht bestelle ich ein Beefsteak nach Art des Hauses mit Cremesauce, Fritten und Spinat und werde sogleich getadelt, so etwas esse man hier nicht, Touristen äßen hier Steak, aber ich solle mich doch besser an die Einheimischen halten. Zu spät. Das Steak ist ein ordentliches – kein hervorragendes, eine ordentliches – Stück tote Kuh, nochmals zu Tode gebraten, in einer dicken Sauce aus Demi-glace, Sahne und ein paar Gewürzen, die Fitten dazu TK-Ware und in’s zu kalte Fett geworfen, daher von selbigem triefend, der Spinat frisch, mit Knoblauch, Spinat halt. Die Einheimischen hatten Recht: solcherlei Speise sollte man getrost Touristen überlassen. Die anderen essen derweil Thunfisch-Steak, Stockfisch, Muschel-Risotto, gebackene Sardinen, panierten Fisch mit hausgemachter Remoulade, solche Sachen halt, die offensichtlich alle besser sind als meine tote Kuh: Strafe muss sein. Dazu trinken wir reichlich den 2012er Reserva der Quinta dos Murças aus dem Duoro, eine Cuvée aus allerlei portugiesischen Trauben mit kräftigen 14,5%,  gereift in französischen und amerikanischen Eichenfässern, lila Schlieren im Glas, ich schmecke Brombeer, Schokolade, natürlich Eiche, der Wein ist  ungeheuerlich komplex, eine Granate sozusagen, durchaus passend zu meinem Fleisch, aber zu den Fischgerichten der anderen? Nun gut, er wird reichlich getrunken. Als Nachtisch gibt’s natürlich die berühmte Schokoladenmousse von Manuela Brandão, sehr dunkel, cremig, ungeheuer schokoladig, gehaltvoll, schwer, nicht zu süß, ungeheuer lecker; eine Kellnerin läuft mit einem großen, halbrunden, metallenen Schlagkessel um den Tisch und jeder, der mag – fast jeder mag – bekommt einen großen Schlag von der Mousse auf den Teller, wer es schafft – kaum einer schafft es – auch gerne mal einen Nachschlag.

Nach Kaffee und Cognac zieht die Tafelgesellschaft mit einem Pulk von Uber-Wagen weiter in den Pavilhão Chinês, wahrscheinlich eine der kultigsten Bars ganz Lissabons in der Rua Dom Pedro V, ein ehemaliger chinesischer Laden aus dem frühen zwanzigsten Jahrhundert, daher der Name, der sich über fünf Räume quer durch das alte Gebäude zieht, über und über vollgestopft mit mehr oder minder wert- und geschmackvollen Sammlerstücken, Zinnfiguren, Trinkhumpen, Puppen, Bilder, Drucke, Werbetafeln, Nippes, mir erschließen sich weder Ästhetik noch heuristischer Wert der Sammlung, die gewiss jemand über Jahrzehnte mit Herzblut und Akribie zusammengetragen haben mag, abstauben jedenfalls würde ich das Zeugs nicht wollen, aber allein die Masse der Exponate, die diverse Mannigfachheit, das Dicht-an-Dicht-gedrängt-Sein in vollgestopften Vitrinen, der barocke, ins absurde abdriftende Überfluss im dämmrigen Licht aus verschnörkelt-kitschigen Lüstern und Wandlampen und rauchgeschwängerter – ungewohnter, Hustenreiz und Augenbrennen hervorrufender, früher selbstverständlicher, heute lange verschwundener, vergessener, nostalgische Erinnerungen heraufbeschwörender – Luft, das alles schafft irgendwie Wirkung beim Betrachter, der selber zu einem der Exponate wird, quasi mit dem Sammelsurium der Absurdität verschmilzt. Unzusammenpassend, verschieden, vielfältig wie die Exponate sind die Möbel, altertümlich bezogene Plüsch-Sofas und –Sessel um kleine Tischchen, ein paar ganz ordentliche Billardtische mitten im Gedrängel, zwei nochmals altertümliche Bars mit Holztresen zur Getränke-Versorgung der Feier-Meute, formale Kellner in roten Westen, weißen Hemden, Fliegen oder Halstüchern, gediegener, leiser Musikbrei als Unterlage, ordentliche Spritauswahl – Cocktails jenseits des Gin Tonics würde ich hier allerdings nicht nehmen wollen –, dazu Preise, die für Berlin oder Paris wohlfeil, für Manhattan oder St. Petersburg geradezu lächerlich billig, für Lissabon und portugiesische Verdienste aber ziemlich happig sind, einerlei, die Feier-Meute, die den Einlass geschafft hat – an der Türe muss man klingeln, um Eintritt zu erlangen, die Gesichtskontrollen sind streng, Touristen mit Flip-Flops und der tripadvisor-App auf der Funke werden rigoros gleich abgewiesen – setzt sich weniger aus jungen Szene-Gängern zusammen als vielmehr aus langsam gesettelten, gebildeten, wohlhabenden Dreißig- und Vierzigjährigen, die nostalgisch ihrer Jugend nachhängen und dabei reichlich konsumieren, zahlt’s ohne Mullen und Knullen (für die, die’s nicht verstehen, Uralt-Witz: „Wie arbeitet der chinesische Kuli?“ „Fleißig, ohne Mullen und Knullen.“ – von wegen dem „R“). Die Stimmung hier ist unglaublich gedrängt, komplex, intensiv, die Lautstärke der Musik erlaubt es sogar, sich ohne Schreien zu unterhalten, obwohl die Stimme bei dem Rauch schnell kratzig wird. Ich sitze mit einem dreifachen J&B neben der Theke in einem tiefen Sessel (ich hätte auch einen Vier- oder Sechsfachen genommen, um dem Kellner Laufarbeit zu sparen und um meine Ruhe zu haben, aber sowas wird hier nicht serviert, auch nicht zwei Dreifache in einem Glas, ohne Begründung, punktum, na gut, dann läufst Du eben, Lakaie, wenn Du mir nicht bringen magst, was ich begehre) und betrachte das Tableau. Das könnte jetzt auch eine Opiumhöhle in Shanghai des 19. Jahrhunderts sein, denke ich mir, so schwer, so intensiv, so konzentriertes Leben. Kurz vor 02:00 Uhr morgens gehen die Lichter an im Pavilhão Chinês, rasch kassieren die Kellner das restliche Publikum ab und komplimentieren uns nach draußen.

Der unverwüstliche Rest unserer Tischgemeinschaft „ubert“ 15 Minuten weiter in die Casa Independente in dem gleichnamigen Stadtviertel. Die einen nennen es Musik, die Anderen Geräusche, die Dritten nur Krach (ich zähle ausdrücklich zu Letzteren), jedenfalls wummert’s ganz erbärmlich, Einlasskontrollen oder gar Eintritt gibt’s keinen, hier gilt wohl eher das Motto „Was reinpasst, passt rein.“ – der Horror jedes Brandschützers –, Jugendliche, auch ein paar Ältere stehen und sitzen dicht an dicht oder drängen sich durch die nur spärlich renovierten Räume, abblätternder Putz, alte Türen, verblichene Wandfarben, erbärmliche Aborte, Sperrmüll-Möblierung, alles sehr ungezwungen, mehrere Bars zur Selbstbedienung, das Publikum ist recht multi-kulti, ethnisch vielfältig, es gibt um den Innenhof auf drei Etagen offensichtlich mehrere Dance-Floors, wie man die Orte des sinnbefreiten kollektiven konvulsivischen Zuckens zu Epilepsie-Anfälle hervorrufender Beleuchtung und gehörschädigendem Krach unter Anleitung überflüssiger, affektierter Knöpfchendreher (früher legten die DJs wenigstens noch Platten auf, heute spulen Computer vorbereitete Playlists automatisch ab und die Gecken zappeln dazu aufgebrezelt und wichtig hinter ihren Pulten voller Elektronik) wohl nennt, allen voran der Tiger Room mit großer Mietzekatze an der Wand. Aber diese Casa Independente ist viel mehr als nur ein x-beliebiger Club zum gemeinsamen Rumhüpfen, diese Casa Independente ist ein viel beachtetes und wohl auch beachtenswertes Kulturprojekt der Ironia Tropical – Cultural Association von Inês Valdez und Patrícia Craveiro Lopes. In dem alten Bezirksgebäude Figueiró dos Vinhos, einem Palast aus dem Jahr 1863 im Herzen von Largo do Intendente wird versucht, der kulturellen und ethnischen Vielfalt des Stadtviertels Raum zur Selbstdarstellung, zum Austausch und zur Integration zu geben, nicht nur beim kollektiven Rumhüpfen zum Krach von wechselnden DJs aus aller Welt und der Hauskapelle Fire Fire, daneben gibt es ein regelmäßiges Programm mit Kinovorstellungen, Ausstellungen, Workshops, Livekonzerte, Diskussionsrunden, unter der Woche außerdem kleine, hausgemachte Speisen. Im Erdgeschoss und dem ersten Stock ist wahrlich die Hölle los. Nach einigem Insistieren schaffen es die Portugiesischen Freunde dann doch noch, in den zweiten Stock vorzudringen, der dann tatsächlich von einer Art Türsteher – mehr Treppensteher – abgeschirmt wird, ganz sozialistisch-egalitär geht’s hier dann doch auch nicht zu, ein wenig mehr-gleich muss dann auch hier sein. Im oberen Stockwerk ist es deutlich weniger voll, die Schlange vor der Bar ist deutlich kürzer, das Publikum scheint das gleiche, und doch müssen hier oben irgendwie die besseren Leute unter sich sein, die Alphatiere des alternativen Partyvolkes sozusagen. Lässig steht man mit einem Drink in der Hand an der Brüstung zum Innenhof, blickt nach unten auf die hüpfenden Frösche, oben der süße Geruch von Haschisch und der Blick auf den Vollmond über den Hügeln. Naja, wer’s braucht.

Pastelaria Versailles
Av. da República 15-A
1050-185 Lisboa
Portugal
Tel.: +351 (21) 3 54 63 40
Facebook: www.facebook.com/pastelariaversailles/

Hauptgerichte von 10,50 € (Hacksteak mit Pommes) bis 26,50 € (Gebratene Gambas), Drei-Gänge-Menue von 17,30 € bis 52,00 €


Pastéis de Belém
R. de Belém 84-92
1300-085 Lisboa
Portugal
Tel.: +351 (21) 3 63 74 23
Fax: +351 (21) 3 63 80 78
E-Mail: pasteisdebelem@pasteisdebelem.pt, apoioaocliente@pasteisdebelem.pt
Online: www.pasteisdebelem.pt


Mercado de Campo de Qurique
R. Coelho da Rocha 104
1350-075 Lisboa
Portugal
Tel.: +3 51 (21) 1 32 37 01
Online: https://mercadodecampodeourique.pt


Time Out Market Lisboa
Mercado da Ribeira
Avenida 24 de Julho
1200-479 Lisboa
Portugal
Tel.: +351 (21) 3 95 12 74
E-Mail: infolisboa@timeoutmarket.com
Online: www.timeoutmarket.com/lisboa


Pap’Açorda
Küchenchefin Manuela Brandão
c/o Time Out Market Lisboa
Mercado da Ribeira,
Avenida 24 de Julho
nº49 – 1º Andar
1200-479 Lisboa
Tel: +351 (21) 3 46 48 11
E-Mail: reservations@papacorda.com
Online: www.papacorda.com

Hauptgerichte von 14,00 € (Kalbs-Kroketten mit Tomatenreis) bis 36,00 € (Garnelen in Butter-Dill-Sauce), Drei-Gänge-Menue von 19,50 € bis 67,50 €


Pavilhão Chinês
R. Dom Pedro V 89
1250-093 Lisboa
Portugal
Tel.: +351 (21) 3 42 47 29
Blogspot:barpavilhaochines.blogspot.pt
Facebook: www.facebook.com/pavilhaochineslisboa


Casa Independente
Largo do Intendente Pina Manique 45
1100-285 Lisboa
Portugal
Tel.: +351 (21) 8 87 28 42
E-Mail: info@casaindependente.com
Online: www.casaindependente.com

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