Mohrenpost Wangen: gemeuchelte Tradition

Summa summarum: wunderschönes historisches Gasthaus in trefflicher Lage in einem wunderschönen Schwaben-Städtchen, von Finanzinvestoren effizient und sparsam zu Tode renoviert, heute eine Allerwelts-Herberge mit charmebefreiten, altbackenen, funktionalen Zimmern, dazu mäßiges, zeitgeistiges, internationalisisches Futter mit ein paar lokalen Feigenblättern in einer industriell von der Stange gestalteten Gaststube mit historischen Reminiszenzen.

Ich kannte noch die Paula Veit, eine feine, alte, freundliche und doch bis in’s hohe Alter energiegeladene (energiegeladen, nicht energisch) Dame, Besitzerin und Gastwirtin das Hotels Mohrenpost (was für ein politisch unkorrekter Name für ein Haus, tsss, tsss, tsss … ich hoffe, man spürt meine Empörung bis in’s Mark) in Wangen im Allgäu. Seit 1877 hatte die Familie Veit die 1410 gebaute Mohrenpost über vier Generationen betrieben. Paula Veit war eine gute Freundin der Großmutter meiner Ex-Frau, eine ebenso feine, alte, freundliche und doch bis in’s hohe Alter energiegeladene Dame, Besitzerin des neben der Mohrenpost gelegenen Schreibwaren- und Bücherladens. Entsprechend oft verkehrten wir weiland in der Mohrenpost, alles roch alt, hatte authentische Patina, es war düster, der große Kachelofen verbreitete im Winter mollige Wärme, die Zimmer hatten ordentlichen siebziger Jahre Standard, altbacken, wohnlich, gemütlich, es gab gutbürgerliche schwäbische Küche und Bodenseeweine, der Zwiebelrostbaten mit handgeschabten Spätzle vom Brett und einem kurzen, hausgemachten Bratensößchen war legendär. Hier verkehrte lange die Hautevolee der Großen Kreisstadt. 2008 gab Veit altersbedingt auf und verkaufte die Mohrenpost an die k+s real estate, die Immobilientochter des Kassler Kali-Riesen K+S Aktiengesellschaft (2,5 Mrd. EURO Umsatz, 11.000 Mitarbeiter), die renovierten das Hotel und verpachteten es an die Hotel Mohren-Post Wangen GmbH, die wiederum einer Regine Ehrlich gehört, ebenso wie die M1 Gastronomie Memmingen, die Mühle Mindelheim, das Hotel Mindelheim 24, das Hotel Wangen 24 und die Kulturbrauerei Leutkirch. Betrieben wird die Mohrenpost heute von einer Hilda Gronmayer. Viel geblieben ist nicht mehr vom Charme des alt-ehrwürdigen Hauses direkt in der Wangener Innenstad, leider.

Außen bemerkt man nach der Renovierung außer den im Erdgeschoss vergrößerten Fensterfronten und einem neuen Freisitz in der Fußgängerzone kaum einen Unterschied. Innen sind die schönen alten Gaststuben herausgerissen, zu einem großen Saal zusammengelegt und zu einem zeitgeistigen, Retorten-von-der-Stange-Wirtshaus mit auf rustikal getrimmten Allerweltsmöbeln modernisiert, der weiland bollernde Kachelofen ist längst stillgelegt, die Intimität und Heimeligkeit der beiden alten, getrennten Gaststuben ist einem Bierschwemmen-Feeling gewichen. Das geräumige Treppenhaus im Innern des Hauses zu den Hotelzimmern ist baulich weitgehend unverändert geblieben, noch immer kein Lift, hinzugekommen sind dafür Deko-Kitsch ohne Ende, monströse Gemälde bar jeder Stilrichtung (und ich würde persönlich hinzufügen: bar jeden Könnens), Kunstblumen und diverse Stapel von sinnbefreitem Feuerholz, alldieweil es gar keine offenen Feuerstellen mehr gibt in der Mohrenpost, auch der Kamin im Grafenzimmer, das teuerste Gästezimmer des Hauses, ist funktionsloser Fake. Die Zimmer selber sind sehr sachte renoviert, neue (nicht sonderlich gute) Betten, Sitzgelegenheiten, Schreibtisch, Fernseher, W-Lan und wieder ziemlich scheußliche, alles andere als dezente, vielmehr monströse, aufdringliche Laien-Gemälde, ein billiger und hässlicher Schrank aus Pressspan mit Mini-Tresor, nach meiner Erinnerung sind die alten Bäder weitgehend unverändert, dazu unebene Böden (überall Schwellen und Tritte, das schreit bei alten Leuten geradezu nach Oberschenkelhalsbruch), der alte, dicke, karmesinrote, wenig vertrauenserweckend aussehende Teppichboden, auf dem ich so gar nicht barfuß laufen möchte, darunter knarzende Dielen; ‚knarzende Dielen‘, das klingt auf den ersten Eindruck romantisch, was es ja auch sein kann, nur nicht, wenn hyperaktive Kinder auf nämlichen knarzenden Dielen im Stockwerk darüber bis sehr spät in die Nacht und sehr früh am Morgen Fangen spielen. Allein die historischen Renaissance-Fenstersäulen sind unverändert beeindruckend.

Unten im Lokal wurde das gutbürgerliche Ambiente der „Guten Stube“ für die Honoratioren des Städtchens, wie gesagt, von den Investoren einem Bierschwemmen-Flair geopfert. Nun gut, dafür sitzen hier jetzt heute reichlich fröhlich schmausende und zechende Familien, Sportvereine, junge Leute, verliebte Pärchen, konspirative Freundeskreise, dazu durchreisende Touristen: lieber eine prosperierende, zeitgeistige Bierschwemme als ein wunderschönes, doch in Altehrwürdigkeit untergehendes Relikt, möchte man da sagen. Das ganze Tableau wird unablässig beschallt mit Wummer-Musik, tagsüber leiser, abends lauter, ich glaube, sowas nennt man heute „Lounge-Sound“. Unabhängig vom Ambiente gibt es in der Mohrenpost nach wie vor ein wenig traditionelle schwäbische Küche – Flädlesuppe, Maultaschen, Kässpätzle mit Bergkäse, Saure Linsen mit Spätzle und Saiten, Zwiebelrostbraten – aber das sind nach meinem Dafürhalten eher die regionalen Feigenblatt-Gerichte der Speisekarte mit dem Ruch der ruchlosen Convenience, daneben grinsen die üblichen di-/perversen Burger, Schnitzel und Steaks, eine Süßkartoffel-Ingwer-Cremesuppe, vegane Rote-Bete-Gnocchi, ein vegetarisches Maultaschencurry mit Karotten, Zucchini, Erbsen, Kokosmilch, Crêpe gefüllt mit Hähnchenragout, vegetarische winterliche Pasta sowie die allseits bekannte Allgäuer Riesen-Curry-Wurst frech und unappetitlich von der Karte. Aber die Farny Biere frisch vom Fass (kaum jemand erinnert sich heute noch an Minister a.D. Dr. Dr. h.c. Oskar Farny, Träger des Bundesverdienstkreuzes, der Verdienstmedaille des Landes Baden-Württemberg und des Großkreuzes des Silvesterordens, aber das wäre wieder eine ganz andere Geschichte …) und vor allem die Schnäpse vom Prinz aus Hörbranz (sensationell die Alten Sorten, vakuumdestilliert, nochmals mit Dörrfrüchten versetzt, dann in alten Holzfässern gelagert, selten so milde Schnäpse von Kirsche, Apfel, Wald-Himbeere, Marille, Williams-Christ getrunken, trotz ihrer 41%: wer immer diese Schnäpse auf die Karte der Mohrenpost gesetzt hat, muss ein guter, ein sehr guter Mensch sein) versöhnen für sehr vieles. … versöhnen für sehr vieles, zumindest bis es zum Frühstück kommt. Das nämlich muss der Hotelgast zwischen 07:00 und 09:00 Uhr einnehmen, und der Preis von 7,60 EURO pro Person dafür ist nicht im Zimmerpreis inkludiert; nach 09:00 Uhr wird in der Mohrenpost ein Frühstücksbuffet für Jedermann angeboten, und das kostet 14 EURO unter der Woche, 17 EURO am Sonntag. Das ist ja eigentlich nichts Verwerfliches, nur der lang schlafende Hotelgast muss dann auch diesen Preis zahlen, sofern er dann noch überhaupt einen Platz ergattern kann, denn das Frühstück/Brunch in der Mohrenpost scheinen begehrt. Ich meine, das ist wahrlich ein Stück aus dem Tollhaus: entweder man frühstückt in aller Frühe zu einem Zusatzpreis zur Übernachtung, oder man kommt später, hat als Hotelgast keine Platzgarantie und zahlt nochmals mehr. Wo gibt’s denn sowas? Und sonderlich gut, gar spektakulär ist das Frühstück dann auch nicht.

Die hospitality (englisch für Gastfreundschaft, Gastgewerbe, Bewirtung, Gastlichkeit) ist in der Mohrenpost in Wangen mit den neuen Eigentümern, Pächtern und Betreibern aber sowas von auf der Strecke geblieben. Es ist ein Trauerspiel.


Hotel Mohrenpost Wangen GmbH
Herrenstraße 27
88239 Wangen im Allgäu
Tel.: +49 (75 22) 9 78 49 49
Fax: +49 (75 22) 9 31 94 20
E-Mail: info@hotel-mohren-post.de
Online: wwwn.hotel-mohren-post.de

Hauptgerichte von 8,40 € (Curry-Wurst, Pommes) bis 23,90 € (Rumpsteak mit Beilagen), Drei-Gänge-Menue von 17,20 € bis 39,50 €

Doppelzimmer Ü/F ab 89,20 € (74 € Übernachtung + 2 * 7,60 Frühstück) bis 152,20 €

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