Maria Taferl Dry Gin No 5: der kann was

Maria Taferl ist mit 300.000 Pilgern („Pilger“ nennen es die Verantwortlichen, ich befürchte ja, darunter sind viele gänzlich unchristliche Touristen) jährlich einer der bedeutendsten Wallfahrtsorte Österreichs, eine hoch und weithin sichtbar über der Donau gelegene barocke Basilika minor zu Ehren der Schmerzensreichen Gnadenmutter mit einer Terrasse mit einem herrlichen Blick über Niederösterreich. In ihrem Haus direkt neben Kircheneingang und Terrasse betrieb die Familie Schüller in der siebten Generation bis 2014 eine Greisslerei, das ist Österreichisch und bedeutet kleines Lebensmittelgeschäft. Ein Laden mit 300.000 Menschen potentieller Laufkundschaft jährlich vor der Tür, das alleine klingt schon nach einer Gelddruckmaschine, auch Pilger brauchen Wasser, Wegzehrung, Wundsalbe und Wanderstöcke. 1989 stieß Christian Schüller bei der Ahnenforschung auf ein Familienrezept für einen Original Maria Taferl Magenbitter von 1750, das er natürlich ausprobieren musste. Eine professionelle Destillieranlage wurde im Keller installiert, Schüller versuchte sich an Likören, Edelbränden und natürlich an dem alten Magenbitter … und war erfolgreich damit. Die alte Greisslerei wurde sukzessive umgebaut zur Genusswerkstatt für Schnäpse, Liköre, Marmeladen und Röster aus heimischen Früchten, parallel dazu wurde ein Café eröffnet, denn noch mehr als Wasser, Wegzehrung, Wundsalbe und Wanderstöcke brauchen Pilger und Touristen Kaffee und Kuchen, und das in dieser Lage um nahezu jeden Preis. Der wirtschaftliche Erfolg sei der Familie Schüller von Herzen gegönnt. 2015 versuchte sich Schüller dann an einem Gin, und auch das ausgesprochen erfolgreich, und ich Danke Schüller aus ganzem Herzen, dass er keine weitere blödsinnige Geschichte über uralte Rezepte, geheime Mönchs-Arzneien und ähnlichen Schmarrn erfand, sondern offen sagt ‚Ich habe mal in meiner eigenen Brennerei rumprobiert, und hier ist das Ergebnis‘. Er nannte ihn No 5, ganz profan nach der Hausnummer seines Anwesens. Gleich 25 Botanicals kippt er zum mazerieren in den Basisalkohol, was dabei herauskommt ist ein Dry Gin mit 44%, deutlich wacholdrig und doch sehr komplex, ich schmecke Zitrus, Ingwer, Eisenkraut, Piment, aber dann hört’s bei mir schon auf. Aber das macht überhaupt nichts, es geht ja nicht um’s Dekonstruieren, sondern um das komplexe Ganze, und das ist lecker, sehr lecker, funktioniert sowohl pur (am besten ungekühlt, damit die Aromen sich wirklich richtig entfalten können) als auch eiskalt im trockenen Martini Cocktail (gerne mit einem leichteren Dolin Vermouth, die No 5 bringt selber genügend Geschmack mit), hier zeigt sich, dass der Gin so intensiv mit Botanicals geschwängert ist, dass der Louche-Effekt eintritt, diese milchige Trübung, die man sonst eher von Anishaltigen Spirituosen wie Ouzo, Pastis, Absinth, Raki kennt, wenn sie stark gekühlt oder mit Wasser verdünnt werden. Es gibt auch noch einen „großen Bruder“, das ist der Maria Taferl Dry Gin No 5 Barrel Aged mit 50%, hieran muss Lukas Schüller nach meinem Geschmack noch arbeiten, da sind zu vieler Esther- und Fuselöl-Geschmacksnoten im Abgang. Mit 68 bzw. 88 EURO pro Liter spielen diese beiden Gins dann auch eher in der gehobeneren Preisliga für Gin mit, zumindest der nicht im Fass gereifte einfache Gin ist seinen Preis aber wahrlich wert. Und es gibt ihn endlich mal in einer richtigen Größe, einer 1,5 Liter-Flasche für 99 EURO, endlich mal eine Flasche Gin, die fast für ein Wochenende reicht. Wie ich auf diesen Gin gekommen bin? Empfehlung des Barkeepers in der Blauen Bar im Sacher, dort wird der Maria Taferl Gin derzeit gehypt und von der besseren Wiener Gesellschaft goutiert. Lasst’s Euch schmecken!

 

Schüller Genusswerkstatt
Maria Schüller
Hauptstraße 5
3672 Maria Taferl
Niederösterreich
Tel.: +43 (74 13) 3 03
Fax: +43 (74 13) 3 03 30
Email: office@brennerei-schueller.at
Online: www.brennerei-schueller.at

 

P.S.: Übrigens, wenn man bei Pöchlarn von der Westautobahn abfährt, dann ist man in keiner viertel Stunde in Maria Taferl. Die Genusswerkstatt direkt an der Wallfahrtskirche ist kaum zu verfehlen. Zu Stoßzeiten ist das eigentlich hübsche Örtchen allerdings rappel-volle mit Bet- und Glotzwütigen und deren fahrbaren Untersätzen, es gibt drei Großparklätze vor dem Dorf, von denen man nochmals bis zu einer viertel Stunde zur Kirche läuft. Wenn man zu mehreren ist, ist es dann ratsamer, man fährt bis zur Kirche, einer hüpft in die Genusswerkstatt und eine parkt in zweiter Reihe oder kreist. Der Laden selber hat am Sonntag zwar offiziell zu (ist aber auch gänzlich unspektakulär, und die Brennerei kann man nur nach Anmeldung besichtigen), aber einfach im Café nachfragen, ein Fläschchen Gin und ein Gläschen Wachhauer Marillenmarmelade (unbedingt probieren!) kann man auch dort käuflich erwerben, wenn man höflich fragt.

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