Marginalie 81: Perrier oder Pellegrino?

New York City. Nach dreieinhalb Stunde planlosen Treiben-lassens habe ich irgendwo nördlich von Hell’s Kitchen alle Touristen hinter mir gelassen und einen Diner gefunden, einen echten Amerikanischen Diner, 365 Tage im Jahr 24 Stunden geöffnet, viele Rentner und Bauarbeiter als Gäste, mehr die blue color Fraktion, die white colors scheine wo anders zu speisen, und die Junge sind sowie bei Starsucks oder in veganen Hasenställen mit 100% organic food. Lange Theke, hinter der die meisten Speisen à la minute vor den Augen der Gäste frisch erhitzt und zusammengestellt werden, zumeist aus vorkonfektionierter TK- und Fertig-Ware, aber hey, wir sind in den USA, wer würde hier schon Kartoffeln schälen, Gemüse putzen, Pancake-Teig anrühren, Hollandaise machen, Wraps backen oder Fleisch selber wolfen, immerhin die Eier werden frisch aus der Eischale aufgeschlagen und nicht aus dem Tetrapack, und das Chili blubbert in einem großen Topf, keine Ahnung, wie es da reingekommen ist. Die Speisekarte ist riesig und repräsentiert viele Volksküchen des Imperiums, italienisch, chinesisch, englisch, mexikanisch … nur us-amerikanische Küche wird nicht angeboten … aber, ach ja, die gibt es ja gar nicht. Neben dem üblichen Zeugs von Cola und Budweiser, höllisch heißem, dünnem Kaffee und kostenlosem Eiswasser, housewine by the glass und Margeritha bietet die Getränkekarte 16.9 fl oz bottles (knapp 300 ml) San Pellegrino und Perrier Wasser aus Europa an, je für stolze 8,95 US$. Ein recht fideles Renterpärchen setzt sich an den Nachbartisch – Tischchen wäre die richtige Bezeichnung –, vielleicht um die Siebzig, sie im bunten Sommerkleidchen mit Augenkrebs-erzeugendem orangen Lippenstift im faltige Gesicht, er sieht ein wenig wie dem Bueno Vista Social Club entsprungen aus, samt Strohhütchen. Sie bestellt Pancakes mit frischen Früchte für 14,95 US$ und Ice Tea, er ein Käseomelette mit Swiss Cheese und extra onions für 12,95 US$. Und dann fragt der Social-Club-Deserteur den hispanischen Waiter, was denn wohl besser zum Omelette mit Swiss Cheese (als ob dieser Käse jemals die Schweiz gesehen hätte!) passe, das Perrier oder das San Pellegrino. So absurd die Frage, so absurd die Antwort. Perrier sei ja Französisches Mineralwasser, San Pellegrino käme hingegen aus der Schweiz, ergo passe San Pellegrino eindeutig besser zum Schweizer Käse als Perrier. Diese Argumentationskette überzeugt sofort und der Gast bestellt knapp 300 ml Pellegrino für 8,95 US$ (bei solchen Preisen haben die Lokale in Europa – abseits von London, Zürich, Moskau, Paris – wenigstens einen Stern oder Oben-Ohne-Bedienungen, aber hey, wir sind in Manhattan). Lacher #1, aber es kommt noch besser. Der Ober bringt eines dieser typischen, dickwandigen, plumpen, konischen, unkaputtbaren 16 oz (knapp ½ Liter) Wasser Gläser bis oben hin voll mit Eis, mit Eis aus stinkigem hiesigem stark gechlortem Leitungswasser. Darauf gießt er dann die Hälfte des Pellegrino-Fläschchens, also 150 ml Pellegrino auf 300 ml lokalem Chlorwasser-Eis, der imperiale Rentner muss ja ganz famose Geschmackspapillen haben, dass er schmecken kann, wieviel besser das zum Swiss Cheese schmeckt als das französische Perrier. (Wer es nicht gemerkt haben sollte: Lacher #2)

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