Marginalie 27: Hier steppt die haute volée!

Dallmayr Stammhaus in München, Samstagvormittag, Caro und ich wagen uns als Kleinstadt-Schranzen in die Residenz-Stadt in dieses Walhalla des Wohlgeschmacks, dieses Dorado der Delikatessen, diesen Lustgarten der Leckerbissen. Wir wollen uns für einen gemütlichen Abend zu zweit ein paar Spezereien jagen, die in Augsburg weder der Stadtmarkt noch Feinkost Kahn anbieten. Bereits der Blick in die Fleischtheke zeigt uns, wo wir hier sind: das Kilo ganz normales Rinderfilet 84 EURO, beim Bio-Bauern zahle ich dafür 50 EURO, in der Landmetzgerei 60 EURO, für Dry-Aged Bio-Qualität vielleicht 70 EURO. Aber das war uns ja vorher klar, mit schmalem Geldbeutel braucht man erst gar nicht zum Dallmayr gehen. Inmitten des Gedränges und Geschiebes von Werbung-geteastertem Touristenvolk und den kaufkräftigen oberen Zehntausend der Residenz betrachten wir vis-à-vis des schon seit Jahren verwaisten Hummer- und Krebsbassins (warum eigentlich?) die feinste Feinkosttheke des feinen Feinkosthändlers: dort liegen einträchtig beieinander die leckersten geräucherten Lachse, mehrere Sorten Foie gras, verschiedene Gänse-, Entenleber- und Wild-Pasteten und -Terrinen. Dazu eine wlachsirklich beachtliche Auswahl an Kaviar, mittlerweile alles Zuchtware. Als ich vor vielleicht 20 Jahren auf den Geschmack von echtem Kaviar kam – das war in Warschau bei einem Geschäftsessen – kostete das Gramm ordentlicher Wild-Kaviar aus dem Kaspischen Meer (das heißt, die werdenden Stör-Mamas werden gefischt, ihre mit Eiern (= Kaviar) prall gefüllten Bäuche werden bei lebendigem Leibe aufgeschlitzt, das Schwarze Gold herausgekratzt und eingesalzen, die Störe zurück in’s Wasser geworfen in der Hoffnung, dass manch einer diese Prozedur überlebt, sich regeneriert und in ein paar Jahren nochmals hochschwanger gefischt werden kann) im Duty Free ziemlich genau 1 DM, Zuchtkaviar gab es meines Wissen noch gar nicht. Mit 100 Gramm Kaviar und den klassischen Beilagen – Blinis, Toast, Sauerrahm, gehackten Schalotten, gehacktem gekochtem Ei … und natürlich Champagner – kann man schon ein erkleckliches und – Dank des hohen Eiweißgehaltes von Kaviar – ein Happy End foie_grasversprechendes Abendessen für Zwei bestreiten, und teurer als zwei gute Steaks war das auch nicht, allerdings wesentlich dekadenter und verruchter. Dann war das Kaspische Meer überfischt und die Teuerung kam über’s Land, 10 EURO und mehr für das Gramm echten Kaviar waren keine Seltenheit, so der denn überhaupt erhältlich war. Von Monaco bis Mauritius litten die Reichen Hungerqualen. Aber jetzt stelle ich einmal mehr wieder fest, dass der Markt es wieder einmal geregelt hat, überall gibt es zwischenzeitlich sehr, sehr ordentlichen Zucht-Kaviar vom Stör, die Schweiz, Israel und Deutschland scheinen hier Vorreiter in Sachen Störfarmen zu sein; und das brutale Bauch-bei-lebendigem-Leibe-Aufschneiden soll auch ein Ende gefunden haben, dazu sind die Stör-Weibchen einfach viel zu wertvoll, mittlerweile soll man schmerzfreie und ungefährliche Arten der Eier-Entnahme entwickelt haben. Wie dem auch sei, zwischenzeitlich kostet das Gramm ordentlicher Zuchtkaviar zwischen 2 und 4 EURO, einfachere Qualitäten sind schon um 1 EURO erhältlich … fast wie früher, legt man den gefühlten Wechselkurs 1 DM = 1 EURO zugrunde.

Aber hier sollte es gar nicht um Kaviar gehen, die Geschichte ist mir einfach mal wieder entglitten. Gehen soll es hier um ein erkleckliches Nestchen weißer Alba-Trüffel, das über dieser ganzen kulinarischen Pracht auf einem karierten Küchentuch unter eine Glasglocke thront, 6,40 EURO das Gramm steht auf einem schwarzen Schiefertäfelchen von Hand geschrieben dabei, 6.400 EURO das Kilo. Klar, es ist November, Hochzeit für den tuber magnatum pico, jetzt steht er im vollen Saft, mit einem Gerüchlein, das so manchen Zehennagel hochbiegen kann, je nachdem, ob man Trüffel mag oder nicht. Während Caro und ich in die Auslagen starren und sinnieren, welche dieser Köstlichkeiten wir uns heute zu leisten bereit und – vor allem – fähig sind, nähert sich eine Stadtmaus der Theke, vielleicht 60 Jahre alt, dürr (würden die einen sagen, athletisch die anderen), alles an der Frau ist geschmacklos und möchte-gern, auftoupierte, schlecht gefärbte Haare, lackierte Fingernägel auf schrumpeligen Händen, um zwei Knöpfe zu weit geöffnete Bluse über erschlaffter Brust, schlecht geputztes Schuhwerk, quietsche-lilane Federboa, riesige Uhr … you name it: eine abstoßende Person, und die schießt nun auf die Spezereien-Theke zu, ein ängstliches,kaviar gepflegtes Männchen von vielleicht 70 Jahren folgt ihr genervt. Weib wird der Alba-Trüffel gewahr, und dann dieser Satz mit breitester bayrischer Zunge (O-Ton). „Oh schau‘ nur, Dear, nochmal Zwei-EURO-Vierzig expenisiver wie in Italy.“ Schnauze halten wäre zuweilen echt eine Option. Aber wahrscheinlich ist die Dame typisch für die oberen Zehntausend der Residenzstadt, und angesehenes Mitglied der Gesellschaft noch dazu. Unvermittelt blafft Caro – wie es nun mal ihre Art ist – das Weib an, blickt ihr tief in die Augen und sagt: „… teurer als in Italien … sprechen Sie mir nach … teurer als in Italien …“ Mit großen Knopfaugen schaut die Stadtmaus aus ihrer lila Federboa heraus Caro an, zwei Sekunden denkt sie nach, ob Unterwerfung, Gegenangriff oder Flucht die richtige Reaktion wären. Einerseits, Caro ist in Räuberzivil, die Rolex- und Prada-Insignien der besseren Gesellschaft fehlen ihr (braucht dieses Prachtweib aber auch gar nicht), andererseits, Caro blickt die Schickse so böse und direkt an, da versteht selbst jene, dass mit Caro gerade nicht gut Kirschen essen ist; also entschließt jene sich zum cleversten Move in dieser Situation, hakt ihr zahlendes Begleit-Männchen unter, macht auf dem Absatz einen Youie, zischelt noch was von „impertinent“ und ergreift die Flucht durch die strömenden Massen, nur weg von Caro und ihrem bösen Blick.

schokoladenkuchen

P.S.: Caro und ich haben uns an diesem Wochenende Kaviar geleistet, „zur Feier des Tages“, sozusagen, die Blinis habe ich selber gebacken, dazu Taittinger. Und als Nachspeise einen kleinen Schokokuchen – Schokobombe wäre die treffendere Bezeichnung – vom Dallmayr. Der kann ja nichts für seine Kunden.

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