Marginalie 100 – Sie haben da was verloren …

Altstadt von Chur: die Gassen sind eng, verkehrsbefreit, heimelig, fast schon zu schön. Auf dem Boden kein Dreck, keine Kippe, alles blitzsauber, die alten Häuser in sehr gepflegtem Zustand ohne Bausünden und ohne neu bebaute Bombenschneisen, ich sehe keinen einzigen Dönerladen oder McKotz, nur Schweizer Lokale, dazu unglaublich viele Galerien, das muss eine kunstsinnige Stadt sein, hier stünde ich gerne auf den Einladungslisten zu den Vernissagen. Ich sitze Ich sitze in der letzten Oktober-Sonne in einem Straßencafé, trinke ein säuerliches Chopfab (das bedeutet tatsächlich „Kopf ab“, ein Bier, das von einem Ex-Kollegen von mir gemacht wird, der sehr erfolgreich vom Medien-Marketing auf Brauer umgesattelt hat, geschmacklich finde ich das Bier zwar nicht den Brüller, aber das Marketing hat es zwischenzeitlich zu einem Kult-Bier der Schweizer Jugend gemacht). Es ist ruhig und trotzdem lebendig, aber nicht hektisch und auch nicht multi-kulti, das hier ist schweizerisch, irgendwo zwischen gediegen und spießig.

Ein Mann geht langsam vorbei, offensichtlich aus dem Morgenland (ist das jetzt auch schon rassistisch oder noch erlaubt?), nimmt einen letzten, genussvollen Zug aus seiner Zigarette und schmeißt die Kippe gedankenlos auf die Straße. Das würde – würde man von der Obrigkeit dabei erwischt – in der Schweiz wenigstens 100 Schweizer Franken Strafe kosten, in einigen Kantonen auch mehr. Ein just entgegenkommender anderer Mann – seinem Idiom nach wohl ein Eingeborener, kein alter, verbrämter Spießer, er ist vielleicht 25, 30 Jahre alt, wahrscheinlich ein junger, verbrämter Spießer – bückt sich unvermittelt, hebt die Kippe auf, dreht sich um, geht mit großen Schritten dem Morgenländischen hinterher, spricht ihn an, „Entschuldigung, Sie haben da was verloren.“, drückt ihm seinen Müll in die Hand und geht weiter. Dieser ist sichtbar perplex, murmelt irgendwas, hebt die Hand, offenbar um die Kippe erneut auf die Straße zu werfen, schüttelt den Kopf, steckt seinen Müll dann aber doch in seine Jackentasche und trollt sich.

Also ich mag die Schweiz. Stellen Sie sich diese Szene mal im heutigen Berlin vor …

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