ich muss Dir heute einfach mal schreiben, weil ich sehr enttäuscht von Dir bin. Eine Zeitlang habe ich Zusammenfassungen meiner Restaurant- und Hotelkritiken auch auf Dir veröffentlicht, das hat mir sogar den Ehrentitel eines „Local Guide der soundsovieltsten Stufe“ eingebracht (erinnert ein wenig an die „Operierenden Thetanen der III Stufe“ einer gefürchteten Sekte). Seit geraumer Zeit hat es mir aber noch viel mehr eingebracht, nämlich regelmäßige Post von Dir, wenn ich ein Haus negativ oder auch nur nicht vollends positiv bewertet hatte. Du hast mir dann immer geschrieben, mein Beitrag verstoße gegen Deine Richtlinien, die ich einsehen könne. Daher werde mein Beitrag gesperrt, bis ich ihn entsprechend Deinen Richtlinien nachgebessert hätte. Glaub mir, ich habe Deine Richtlinien genau studiert, und mir wurde nicht klar, aufgrund welcher Fakten / Textpassagen Du meinen Beitrag gesperrt hattest. Das habe ich Dir dann höflich geschrieben, wenn überhaupt eine Antwort kam, was das maschinengenerierter – Verzeihung – bullshit, der rein gar nichts mit meinen Einwänden zu tun hatte, ich blieb einfach gesperrt. Manchmal kam die Post auch nicht von Dir, sondern von einem auf Krawall gebürsteten Winkeladvokaten, der mir Tod und Teufel androhte, sollte ich die Bewertung seines Klienten auf Dir nicht zurücknehmen. Getan habe ich das nie, Tod und Teufel haben mich bisher auch nicht ereilt, gesperrt hast Du meine Beiträge dann dennoch. Das grämt mich, liebes Google.
Wenn ich Dich selber nach dem Suchbegriff „Internetbewertungen löschen lassen“ suchen lasse, listest Du mir weit über zehn Seiten (danach habe ich aufgehört, zu zählen) Treffer auf, von Anwaltskanzleien, Beratern, Agenturen, die mir alle versprechen, für kleines Geld – und das nur im Erfolgsfalle – jedwede schlechte Bewertung auf Dir löschen zu lassen. Ich glaube denen, dass die das können und auch erfolgreich machen, millionenfach, eine florierende neue Industrie, man könnte es „Google-Washing“ nennen. Eine neue Industrie, die nur damit befasst ist, Dich von schlechten Bewertungen freizuhalten, und Du Dummerchen machst willfährig mit. 240 Millionen Bewertungen sollst Du allein 2024 gelöscht haben. Aber Du hast halt keinen journalistischen Arsch in der Hose bzw. journalistisches Ethos im Herzen, Du bist allein getrieben von Profit, und deswegen hat Gannett, der größte Zeitungsverlag der Welt, einen Jahresumsatz von 4 Mrd. US$, Du aber mit 403 Mrd. US$ das Hundertfache.
Und dennoch, Du schießt Dich mit dieser Strategie gehörig sauber in’s Knie. Experten gehen weltweit von Milliarden von Bewertungen auf Dir aus, Du selber veröffentlichst die Zahlen ja nicht, im Schnitt sollen sie zwischen 4,2 und 4,4 Sternen liegen. Milliarden positiver Bewertungen – wie kann das sein? Für mich liegt die Antwort schlichtweg im Google-Washing, das sowohl Du selber als auch Horden von Anwälten als Geschäft betreiben. Das bedeutet aber auch, dass Deine Bewertungen alles andere als ehrlich sind, da vorzugsweise nur die positiven Bewertungen durchkommen, die negativen Bewertungen werden einfach – berechtigt oder unberechtigt – gelöscht, während positive Bewertungen ungeprüft stehenbleiben. Was sind Deine Bewertungen für den, der eine Entscheidungshilfe, z.B. bei der Restaurantwahl sucht, noch wert? Nun, ich will es Dir sagen: nichts, rein gar nichts!
Dabei sehe ich durchaus Deine Probleme, die für Dich systemimmanent sind. Begeben wir uns mal in die Tiefen der Quellen für die Bewertungen auf Dir, zum Beispiel die Eckkneipe in Wanne-Eickel. Da sagt der Wirt vielleicht regelmäßig zu seinen Stammgästen: „Freibier, wenn Ihr mir alle positive Google-Bewertungen gebt.“ Vielleicht sagt er auch: „Freibier, wenn Ihr alle meinem Konkurrenten von der anderen Straßenseite negative Google-Bewertungen gebt.“ Vielleicht hat der Wirt auch einen übergriffigen Gast völlig zu Recht hochkantig aus dem Lokal geworfen oder einem selbst ernannten Influencer die kostenlose Mahlzeit im Gegenzug für mediale Lobhudelei verweigert, und der rächt sich nun mit einer vernichtenden Google-Bewertung. Oder Omma, Tante, Oppa, Nichte des Wirts schreiben aus reiner Gefälligkeit positive Bewertungen für ihr Familienmitglied. Vielleicht kauft der Wirt auch einen Haufen positiver Bewertungen bei einer windigen Agentur, die dann ausländische clickfarms beauftragt. Und so weiter. Mit Deinem System, liebes Google, kann man viel Schindluder betreiben, das ist bei Deinem Ansatz eben systemimmanent. Ich sehe ja, dass Du versuchst, was dagegen zu tun, aber Du schüttest halt andauernd das Kind mit dem Bade aus.
Doch bevor Du eine Reihe positiver Bewertungen – z.B. von einer dummen clickfarm (aber auch die werden schlauer, nicht zuletzt dank KI) – löschst, müssen bei Dir schon alle Algorithmen Sturm läuten. Jede noch so kleine, noch so ausführlich begründete, individuelle negative Bewertung ist hingegen ruckzuck bei Dir weg, wenn nur ein bewerteter Wirt oder sein Winkeladvokat leise knurrt, ohne, dass Du die angeblich anstößigen Inhalte wirklich prüfst (klar, kannst Du ja gar nicht bei der Menge). Ich weiß gerade nicht, ob ich schreiben sollte, dass Du Dich damit lächerlich machst oder aber, dass Du Dich damit prostituierst. Lass es mich bitte in Deiner Muttersprache so ausdrücken: „I don’t give a flying fuck about your fucking whitewashed pseudo-reviews.“ Und da bin ich mittlerweile längst nicht mehr der Einzige. Meine Söhne zum Beispiel sind durch und durch als digital natives aufgewachsen, die gehen schon lange auf ganz andere Bewertungs-Plattformen, bevor sie ein Restaurant aufsuchen, die Bewertungen auf Dir gelten bei meinen Söhnen eher als Lachnummern.
Gerade bist Du auch noch dabei, dieses Problem zu perpetuieren. Anfänglich war ich begeistert, dass man Dein jüngste Baby Gemini damit beauftragen kann, einen „Landgasthof Franken, gute regionale Küche und Übernachtung“ zu suchen. Tatsächlich kamen da teils interessante Treffer. Aber wenn ich das recht sehe, greift Gemini ausschließlich auf Deine eigenen Hotel- und Restaurantbewertungen – mit allen oben geschilderten Problemen – zurück, es schwimmt quasi in Deinem eigenen Saft, und wie heißt es doch so schön: „Crap in – crap out!“

