Huan in Augsburg: authentische, ungewohnte Sichuan-Küche

 „Wenn Du die zerreißt, zerreiße ich Dich.“ Ziemlich klare Ansage von Caro, was meine journalistische und meine Meinungs-Freiheit anbelangt. Aber bei Caro habe ich jederzeit die Freiheit, ganz und gar ihrer Meinung zu sein, da beißt die Maus keinen Faden ab. Chinesische Restaurants, die heißen Peking, Taipan, Lotus, Great Wall, Hong Kong, und da gibt es Bratreis, Peking Ente, Schweinefleisch süß-sauer, Frühlingsrollen und manchmal sogar Sushi (das echte chinesische …). Die Einrichtung ist aus dunklem Holz, eine Winkekatze, zuweilen auch Räucherstäbchen am Eingang, Aquarium, runde Tische mit innen drehbareren Platten in der Mitte, Drachen, Lampions, chinesische Schriftzeichen, leise Guzheng-Musik im Hintergrund … so und nicht anders hat ein chinesisches Restaurant in Deutschland daherzukommen.  Nicht so das Huan, das in Augsburg Ende letzten Jahres aufgemacht hat, kurz vor Corona, arme Socken kann man da nur sagen. Die Einrichtung ist nicht asiatisierend-folkloristisch, sondern eher nüchtern und ganz leicht elegant, Steinfußboden, Ledersitzbänke und Stühle, halbhoch holzvertäfelte Wände, Siebziger-Jahre Designer-Messing-Leuchten, ein paar asiatische Bilder an der Wand, Marke Eisvogel auf Blume und so, keinerlei volkstümlicher Kitsch, es bleibt alles in allem kühl-sachlich. Aber irgendwie merkt man (oder meint – von der eigenen Erinnerung gefoppt – zu merken), dass diese Eckkneipe Schießgraben- Ecke Beethovenstraße, zwischen distinguierten  Bürgerhäusern und allerlei schlägerndem Gesindel um den Königsplatz gelegen, eine wechselvolle Geschichte hinter sich hat, zuletzt eine üble Shisha-Bar, die so manchen Polizei-Einsatz provozierte, dann mal Tex-Mex, mal Suppenküche, ein Asiate war auch mal drin, lange ist keiner geblieben in diesen Räumen, trotz der geballten Kaufkraft des Beethovenviertels im Rücken.

Jetzt hat die junge  Chinesin Ping Xian aus der Provinz Sichuan (Brecht machte daraus fälschlicher Weise Sezuan, bei dieser Gesichte mit dem guten Menschen) zusammen mit ihrem  Partner Huang Zhao Guo hier wieder ein chinesisches Restaurant eröffnet, ein Restaurant, das nicht nur von der Einrichtung her anders ist, es gibt nämlich weder Bratreis noch Sushi. Eigentlich steht auf der Speisekarte – außer dem Tsingdao Bier und der Peking Ente – kaum ein Gericht, das der Nicht-China-Kenner wirklich kennen würde. Da gibt es geräucherten Tofu mit Rapsblütensalat, in Sojasoße geschmorten Schweinebauch mit süßlicher Note, Kreuzkümmel Lammfleisch nach Xinjiang-Art, vegane fischduftende Aubergine, Garnelen umhüllt von süßer Zitronencreme mit Kartoffelstreifen, … weitgehend unbekannt Gerichte, selbst für den chronischen deutschen Asia-Restaurant-Gänger , und das ist nur die „normale“ Speisekarte, es gibt nämlich noch eine weitere „Spezielle chinesische Speisekarte“, deren Gerichte drei Tage im Voraus bestellt werden müssen und auf der explizit vor Knochen und Gräten im Essen gewarnt wird (die Chinesen mögen Knakeln und Knochen knabbern tatsächlich sehr gerne); da gibt es dann Rippensuppe mit Lotuswurzel, Froschschenkel mit Gemüse in Sezuan Suppe, Scharf gegrillten Schweinedarm, Sauer scharfen Kartoffelsalat, Gebratenes Kaninchen mit Paprika, Gurken und Lotus (mit Knochen), Scharfen Lotuswurzelsalat  oder Gedünsteten ganzen Steinbutt mit Lauch. Sagen wir mal so: interessant. Aber ich bin kein glühender Food-Ethnologe wie etwa der von mir hoch geschätzte, arme Anthony Bourdain, der nahezu alles enthusiastisch in sich hineinfraß, Gott möge seiner armen Seele gnädig sein. Bei aller Hochachtung vor dem chinesischen Volk und seinen Küchen, ich mag weder Schweinedarm probieren noch Hühnerknochen zerkauen. Punktum.

Aber es gibt ja auch europa-kompatiblere Angebote im Huan. Ganz untypisch für ein asiatisches Restaurant gibt es erst einmal einen Gruß aus der Küche: drei kleine Näpfchen mit marinierten Pilzen, Algen und gedämpften Brokkoli-Stücklein – durchaus lecker, nur für jemanden, der nicht mit Chopsticks umgehen kann, sehr schwer zu essen. Dazu wird sehr wertiges Porzellan und Besteck – – Essstäbchen und – eigentlich Koreanische Sitte – Löffel – – samt Besteckbänkchen eingedeckt, das ist etwas anderes als die billigen blau-weißen Porzellanschälchen im Reiskorndesign mit diesem affig großen Servierlöffel (mit dem man zumeist die Suppe essen soll) und den abgepackten Wegwerf-Stäbchen, die es sonst beim Chinesen gibt. Auch von überfordertem Personal und langen Wartezeiten, was andere Krittler bemängelt haben, merken wir nichts, was allerdings auch daran liegen mag, dass kaum Gäste im Lokal sind; wir erleben das Personal als flott und freundlich.

Die kleine Portion Peking Ente als Vorspeise ist sensationell, selten so gutes, zartes und doch festes, wohlschmeckendes Entenfleisch und –haut gegessen, die Pflaumen-Soja-Soße, Lauch und Pfannküchlein dazu tadellos. Die leicht scharf gebratenen Rapsblüten sind wohl ein Übersetzungsfehler, das sind irgendwelche angebratenen, wabbligen, weitgehend geschmacklosen, fast kalten Gemüsestängel. Das kalte Hähnchenfleisch mit Sezuan Soße sticht hervor durch Knöchelchen und Knorpel in der gehackten Hühnermasse, von den auf der Speisekarte angegebenen drei Chilischoten für große Schärfe ist kaum etwas zu schmecken. Die Sommerrollen mit Glasnudeln, Garnelen und Gemüse in Reisteig sind gro, die Garnelen TK-Ware, aber die Gemüse frisch und knackig mit deutlichem Koriaander-Anteil. Die Hauptgerichte schließlich, Zweifach gekochtes Rindfleisch, gewürzt mit rotem und grünem Paprika, Sezuan- Sojabohnensoße, Knoblauch und Ingwer, dann Kreuzkümmel Lammfleisch nach Xinjiang Art, schließlich Hähnchenfleisch nach Gong-Bao (Süß-Sauer-Scharf), das sind alles Gerichte mit zartem Fleisch in Sauce, auf den Punkt gegart, unterschiedlich gewürzt, mit unterschiedlichen Gemüsen, allesamt nur lauwarm serviert, Warmhalteplatten oder Stöfchen gibt’s auch keine, aber viel weißen Duftreis dazu. Begeistert hat mich keines der Gerichte, ob sie nun „richtig“ oder „falsch“, „“exzeptionell“ oder „miserabel“ zubereitet waren, vermag ich nicht zu beurteilen. Knackiges Gemüse, ordentlich gegartes Fleisch, unterschiedlich – für mich interessant, aber nicht super-lecker – gewürzt, lauwarm serviert von freundlichen, flotten Servicekräften, mehr vermag ich dazu nicht zu  sagen.

Liest man bei der veröffentlichten Meinung der notorischen Hobby-Krittler-Zunft nach, so zeigt sich ein ungewöhnliches, interessantes Bild. Ca. ein Viertel schreibt „Ich reise viel durch China und gehe oft dort essen, aber was im Huan in Augsburg geboten wird ist einfach schlecht und nicht authentisch …“ Die Hälfe schreibt dem entgegen „Ich reise viel durch China und gehe oft dort essen, und was im Huan in Augsburg geboten wird ist einfach hervorragend und sehr authentisch …“ Das letzte Viertel schließlich schreibt „Ich bin Chinese und im Huan in Augsburg isst man wie bei uns daheim …“ Zu welchem Urteil kommt man da als unbedarfter Mitteleuropäer? Ich weiß es nicht, ich kann es nicht wirklich beurteilen. Aber lecker war’s allemal.


Restaurant Huan
Jiaozi GmbH
Vertreten durch: Xiang Ping und Huang Zhao Guo
Schießgrabenstrasse 4
D – 86150 Augsburg
Tel.: +49 (8 21) 80 03 76 60
Online: http://restaurant-huan.de
E-Mail: info@restaurant-huan.de

Hauptgerichte 8,80 € (Gebratenes Gemüse nach Hongkong Art) bis 38,80 € (Froschschenkel mit Gemüse in Sezuan Suppe), Drei-Gänge-Menue von 19,40 € bis 58,40 €

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