Hotels in Wien – die Qual der Wahl

Nur so vorweg: ich liebe Wien, bin seit 35 Jahren wenigstens drei- bis viermal pro Jahr dort, habe dort einige Zeit gelebt, studiert und gearbeitet, habe viele Freunde in Wien, könnte mir gut vorstellen, meinen Lebensmittelpunkt dorthin zu verlagern – und doch würde ich niemals sagen, dass ich die Stadt kenne, auch nicht nur ansatzweise.

Wien ist ein Phänomen. Geschichtlich ein Gigant, noch lange vor dem unglückseligen  Maximilian I Hauptstadt eines Reiches, in dem die Sonne wahrlich nie unterging, unzählige steinerne Prunkbauten zeugen von dieser vergangenen Macht, bis heute kulturelles Zentrum für viele Künste und Künstler, vom ewig-gestrigen Opernball in der ewig-gestrigen Staatsoper bis hin zur Sinn-, Könnens- und Relevanz-freien Avantgarde, noch immer gelackte Gaffer aus aller Welt anziehend, unzweifelhaft wahrer Ursprung und wahre Hauptstadt Europäischer Küche und Europäischen Feinschmeckertums, weltwirtschaftlich ein Zwerg (wenngleich ein liebenswerter), in Österreich der unbestrittene ökonomische Platzhirsch, neuerdings populärer Balzplatz für Start-ups aus Ost- mit Geld aus Westeuropa, seit Jahrhunderten Schmelztiegel für alle Völker und Stände der kuk-Monarchie, und als die gerade mal halbwegs gelernt hatten, friedlich zusammenzuleben, Invasion aus Nahost unter Halbmond und nichtmehr wie weiland die Türken bewaffnet mit Lanzen und Säbeln, statt dessen mit Asylanträgen und Menschenrechtsorganisationen, flugs durchgereicht nicht bis nach Dublin, sondern nur bis zu die Piefkes, … tja, das alles und noch viel mehr, das ist Wien. Und diese einzigartige Melange – wie man in Wien zu sagen pflegt – zieht immer mehr Reisende aus aller Herren Länder dorthin. Von 1980 bis 2014 hat sich die Zahl der Übernachtungen von gut 4 auf knapp 14 Millionen mehr als verdreifacht; die Zahl der Gästebetten hat sich von gut 20.000 auf über 60.000 fast verdreifacht.  Für New York City mit seinen 8,4 Millionen Einwohnern listet z.B. Trivago rd. 2.200 Hotels und Herbergen, darunter 32 Fünf-Sterne-Häuser; für Wien mit seinen 1,7 Millionen Einwohnern (1/5 der New Yorker Bevölkerung) sind 1.500 Hotels (2/3 der New Yorker Hotels), darunter 25 Fünf-Sterne-Häuser (3/4 der Anzahl in New York) aufgeführt. Anders ausgedrückt: auf jeweils knapp 4.000 New Yorker kommt ein Hotel oder auf gut 1.000 Wiener. Diese Zahlenspielereien zeigen, welche Bedeutung und welche Vielfalt die Hotellerie in Wien selbst im internationalen Vergleich hat. Und genau diese Explosion bei den Übernachtungs-Angeboten macht die Wahl schwer, in Wien.

Versucht man, die Wiener Hotellerie im gehobenen Segment in verschiedene Klassen einzuteilen, so kommt man zu einer relativ klaren Abgrenzung.

Da sind zum ersten natürlich die klassischen, meist im Stil des Historismus lange vor Ende der Monarchie erbauten kuk-Schuppen im 1. Bezirk und unmittelbar am Ring, die noch leibhaftige Kaiser, Könige, Diven, Diktatoren und Künstler gesehen haben. Allen voran sicherlich das weltberühmte, 1876 eröffnete Sacher direkt hinter der Staatsoper, vier Jahre früher wurde bereits das Imperial eröffnet, 1892 das Bristol. Trotz der Jahre auf dem Buckel sind alle Häuser (wieder) pikobello in Schuss, top-renoviert, mit allen Annehmlichkeiten der Fünf-Sterne-Hotellerie ausgestattet, haben dennoch eine liebenswerte, unsichtbare, aber spürbare Patina der Authentizität, hier und dort hüpft auch mal ein echter „Weltstar“ durch die Halle, ansonsten ist das Publikum eher gediegen, Preise von deutlich jenseits der 300 und 400 € pro Nacht schrecken selbst imperial-amerikanisches Pauschalreisen-Publikum ab (obwohl Walt Disney – sicherlich kein Pauschalreisender – sehr gerne im Sacher zu Gast gewesen sein soll, es gibt da diese herrliche Anekdote der „terrine from Bamby“ – Disney soll nach dieser Übersetzung von „Rehterrine“ auf der Speisekarte vegetarisch gegessen haben).

Dann gibt es die Retro-Retorten-Luxus-Schuppen, allen voran das 1997 von Finanzinvestoren gekaufte, zur Luxusherberge umgebaute und 2013 eröffnete Palais Coburg. Außer dem tatsächlich historischen Gemäuer ist hier kaum etwas authentisch-echt, wohl aber mit anscheinend endlosem Geld künstlich modern nachgebaut.  Die Preise für „normale“ Zimmer – nicht etwa Suiten – bewegen sich je nach Saison auch schon mal deutlich jenseits der 500 € pro Nacht, ohne Frühstück versteht sich. Dafür erwartet den vergeigten Gast perfekter Service, aller nur erdenkliche Luxus, sogar ein hauseigener Park mitten im 1. Wiener Gemeindebezirk (wo Bauflächen rarer sind als Wasser in der Wüste), und wer einen Weinkeller im Gegenwert von ein paar Dutzend stattlichen Einfamilienhäusern für sein Wohlbefinden braucht, der ist im Palais Coburg sicherlich gut aufgehoben. Etwas weniger luxuriös, aber zumindest ebenso künstliche Retorte in historischer Kulisse dreier ehemaliger, zusammengelegter Stadtpalais ist das 2012 eröffnete örtliche Ritz Carlton, in dem die durchgängigen Design-Elemente Pferde, Ringe und Blätter an die Ringstraße mit ihren Fiakern und Bäumen gemahnen und so Lokalkolorit verbreiten sollen. Das stereotype Hotelkonzept der Ritz Carlton Gruppe ist austauschbar, diesmal hier in Wien angewandt, seelenlos, aber luxuriös.

Weitgehend beliebig und gesichtslos sind daneben die üblichen innerstädtischen Fünf-Sterne-Schuppen der großen Hotelketten, das Le Méridien hinter historischer Fassade, das de France, das Marriott, das Interconti in neuen Gebäuden, wie sie alle heißen, allesamt seelen- und charakterlose Allerwelts-Hotelfabriken, die genauso gut in Warschau, Wellington, Windhoek oder Washington stehen könnten. Standardisierter, internationaler Service mit ganz leichten Lokal-Kolorit-Einsprengseln. In’s Sacher oder Imperial geht ein echter Wiener schon dann und wann mal, sei es zum Kaffee, zum Supé oder nach einem Ball. In all diesen internationalen System-Schuppen hätte ich – außer vielleicht einigen Angestellten, und auch die kommen eher aus Weißrussland, Wisconsins oder der Westsahara – noch niemals einen Wiener gesehen, und das ist verständlich.  Hier nächtigen die weniger erfolgreichen Berater-Knechte und Geschäftsleute, bei denen es für’s Bristol & Co. nicht reicht, vor allem aber  Imperial-Amerikaner auf ihren „See Europe in ten days“-Touren, hier sehen sie alle ihre heimischen Fernsehprogramme, hier verschlingen sie ihre Burger, und hier bleiben sie weitgehend unter sich, von den Ausflügen nach Schönbrunn und Grinzing einmal abgesehen, und das ist gut so.

Noch beliebiger gesichtsloser sind dann die Wiener Dependancen der Billig-Business-Ketten wie das Meliá Vienna (immerhin mit nettem Blick auf die Donau), das Hilton Vienna Plaza (einfach nur Schauder), das Sofitel Vienna Stephansdom (mit zugegebener Maßen spektakulärem Blick vom Dachrestaurant) oder die neben dem Messegelände aus dem Boden gestampfte Billig-Marke Counrtyard von Marriott. All diese Etablissements versprühen für mich den beliebigen, sterilen Charme einer McDonalds Toilette: funktional, schmucklos, billig, effizient. Hier kann man reingehen, duschen, schlafen, duschen, auf’s Frühstück besser verzichten und ab durch die Mitte, mehr auch nicht. Wenn man gezwungen ist, hier etwas zu essen, so sollte man alles andere als authentische Wiener Küche erleben, das ist designtes Allerwelts-Food, vorwiegend für imperial-amerikanische und z.T. asiatische Gaumen mit leichten österreichischen Reminiszenzen und ganz, ganz viel Convenience.  Bevor ich freiwillig in so einen Schuppen gehe, nehme ich lieber eine netten Pension oder ein rustikales Landgasthaus vor den Toren Wiens.

Ein wenig Abhilfe für dieses triste, weltweit standardisierte Ketten-Einerlei versuchen seit einigen Jahren mehr oder weniger erfolgreich individuelle Boutique- oder Designer-Hotels zu schaffen, wobei ich hier nicht von Ketten wie Arthotel oder die putzigen H4 meine, sondern z.B. das Triest, zwar nicht im 1. Bezirk gelegen (aber da drängen sich eh‘ nur die Touris zu überhöhten Preisen), aber nur zwei Querstraßen hinter dem Ring, die gesamte Innenstadt noch immer fußläufig erreichbar, am Naschmarkt (der auch nicht mehr ist, was er mal war) ist man in 5 Minuten, und in der Umgebung gibt es zahlreiche Einkaufs-, Ess- und Trink-Möglichkeiten primär für die Eingeborenen zu realistischen Preisen in meist ehrlicherer Qualität (dieweil der 1. Bezirk, der Naschmarkt und der Prater immer mehr zu einem künstlichen Retro-Disney-Land verkommen, pfui!). Der Stil des Triest ist jung, chic, cool, flott, urban, polyglott, ungezwungen, ebenso der größte Teil des Publikums. Die Zimmer sauber, mit 25 bis 45 qm geräumig genug für die Innenstadt, das Mobiliar ebenso wie das ganze Hotel zu neu, als dass sich schon nennenswerte Gebrauchsspure oder gar der Wien-typische „morbide Charme“ zeigen würden, alles ist neu, gut in Schuss. Mit individuellen Einsprengseln eingerichtet, Flachbildfernseher, kostenloses W-Lan, Pflegeserie, …. Passt alles, zumal in der Preiskategorie und Lage. Highlight ist – besonders in der warmen Jahreszeit – ein grüner Innenhof mit Wiese und Restauration (unbedingt versuchen, Zimmer zum Hof zu bekommen). Das Frühstück ist lob- und tadellos, das – weniger kühl als vielmehr Kantinenmäßig-billig gestylte – Hotelrestaurant Collio versucht erst gar nicht, sich österreichisch zu geben, sondern setzt (wie auch anders bei dem Namen) gleich auf mediterrane Küche, die so recht nicht überzeugen kann, zumal die Küche neben dem Hotelrestaurant auch immer wieder im Hause tagende Seminare und Gruppen catern muss, und beides zur gleichen Zeit ging wiederholt richtig schief. Dafür ist die Silver Bar unter Keita Djibril eine sichere und ordentliche Bank, hier kann man des Abends auch viele echte Eingeborene treffen, die hier einen Drink nehmen. Ebenfalls recht nett und ähnlich zentral  ist das hinter dem Parlament gelegene Levante Parliament. Auch hier treffen wieder die Attribute jung, chic, cool, flott, urban, polyglott, ungezwungen für Haus wie Publikum zu, aus meiner Sicht geben sich beide Häuser auch von der Einrichtung und den Zimmern nichts, auch das Levante verfügt über einen netten – allerdings unbegrünten – Innenhof. Das Hotelrestaurant gibt sich asiatisch mit zusätzlich Wiener Schnitzel, Penne und Apfelstrudel, kurzum es ist ein gesichtsloses Allerwelts-Hotel-Restaurant niederer Qualität, eine eigene Bar fehlt vollends, wohl aber hat das Restaurant einen kleinen Bar-Bereich, nur leider keinen kompetenten Barkeeper. Was das Levante wirklich nach hinten wirft ist das miese Frühstück, das ist nicht mangelhaft, das ist mies; also besser ohne Frühstück buchen und in eines der zahlreichen Kaffeehäuser frühstücken gehen. Wer als Heiratsschwindler auf der Suche nach alten, reichen Schachteln ist, der ist im Sacher oder im Imperial sicherlich gut aufgehoben; wer hingegen junge, gebildete, polyglotte Menschen aus aller Welt kennenlernen will (und nur die Hälfte bis ein Viertel des Zimmerpreises zahlen will/kann), der ist im Triest oder Levante sicherlich besser aufgehoben. Warum diese Schuppen allerdings 5 Sterne haben sollen, ist mir noch immer ein Rätsel. Das sind gute, gepflegte, moderne 3-Sterne-Häuser für mich, mit viel gutem Willen vielleicht noch am 4. kratzend, aber das war’s dann auch.

Eine ganz andere Klasse wiederum sind traditionelle 3- und 4-Sterne-Häuser, die – ebenso wie ihre 5-Sterne-Schwestern – noch zu kuk-Zeiten eröffnet wurden und sich wacker bis heute gehalten haben. Mitten in der Innenstadt und doch versteckt  der König von Ungarn, katastrophale Parksituation, zentraler geht’s kaum noch, und doch irgendwie intim-altmodisch. Leider haben die Zimmer seit der letzten Renovierung viel an morbidem, authentischen Charme eingebüßt (dafür aber an Sauberkeit, Funktionalität und Bequemlichkeit kolossal gewonnen, die Penthouse-Suite ist richtig geil geworden), das Restaurant so lala mit einer auf Touristen ausgerichteten sog. Klassischen Wiener Küche (nur einen Wiener als Gast hätte ich hier noch nie erlebt). Viel weiter ab vom Schuss, quasi vor den Toren der Stadt direkt neben Schönbrunn, gut an das U-Bahnnetz angebunden liegt das gleichnamige Parkhotel, das heute von der Österreichischen Hotelkette Austria Trend betrieben wird. Leider ist das Hotel zu genial gelegen, als dass man sich wirklich um gute Hotellerie bemühen müsste, bei der Lage kommen die Touristen quais von selber, und da diese in der Regel keine Stammgäste werden, sondern nur einmal im Leben kommen, ist Kundenbindung durch Qualität überflüssig. Die meisten Zimmer sind ordentlich in Schuss, teils mit renovierten historischen Möbeln, teils mit modernen System-Möbeln, (meist) sauber, aufgeräumt, funktional, manche sogar hübsch. Der in kuk-gelb gehaltene historistische Bau, ehemals Gästehaus des Kaisers Franz Joseph I, nur durch eine – nicht eben ruhige – Straße vom Schlosspark getrennt, wird verschandelt durch moderne Anbauten, aber drinnen merkt man relativ wenig davon. Was da kulinarisch Morgens, Mittags, zum Kaffee, des Abends und in der Bar geboten wird ist 08/15-Durchschnitt, der nicht erwähnt werden muss, der einen andererseits aber auch nicht umbringt. Bemerkenswert ist, dass noch immer verschiedene Bälle von Eingeborenen – ich war fürbass erstaunt, dass es in Wien noch einen Drogisten-Ball gibt, habe ich doch kaum eine Drogerie mehr dort gesehen – im Parkhotel stattfinden, das ist echte Wiener Tradition. Aber ansonsten lässt die Eigentümer-Kette das Hotel sicherlich nicht so, wie es könnte, wollte man hier, an diesem Ort, in dieser Kulisse, mit dieser Historie ein echtes Hotel betreiben. Aber zum Touri-abkassieren reicht’s alle mal. Tja, und dann, nach all dem Gegrantel und  Genörgel, gibt es noch das bereits zu Kaisers Zeiten eröffnete 4-Sterne-Haus fast direkt am Ring, in das ich seit Jahrzehnten mit Freuden und zwischenzeitlich auch nostalgischen Gefühlen gehe. Auch hier ist die Lage perfekt, die Bausubstanz alt bis heruntergekommen, die Möbel verwohnt, das Frühstück mäßig, das Hotelrestaurant sehr mäßig und Einheimischen-frei, hier hatte ich schon eine überhitzte 15 qm Dachkammer mit Fensterlein zum Entlüftungsschacht, hier hatte ich eine 45 qm Suite mit Flügel und Stadtbalkon, und hier hatte ich schon alles dazwischen. Welches Hotel das ist. Sag‘ ich nicht, ich will ja nicht noch mehr Touris anlocken …

Dann gibt es in Wien – neben den Ibis- und MotelOne-Ketten, Gasthäusern eher am Stadtrand, Boarding-Häusern, Youths Hostels und der ganzen Palette aller nur erdenklichen Übernachtungs-Herbergen noch eine spezielle Kategorie, die es längst nicht mehr in aller Welt gibt, die hier aber noch kurz angeführt sein will: die Pension. Pension, da denken viele an vermietete Ehebetten in der Sommerfrische oder primitive Schlafstätten, nicht immer so in Wien. Hier gibt es noch die richtig alten Pensionen in großen, innerstädtischen Mehrfamilien-Bürgerhäusern. Solche Pensionen sind nie ein eigenes Haus, belegen aber mehrere Stockwerke eines Hauses oder „fressen“ sich via Wanddurchbrüchen über mehrere Häuser hinweg. Die Wiener Pensionen, die ich kenne, sind alt, es riecht muffig, die Zimmer sind verwohnt, Bäder dürftig nachträglich eingebaut oder gleich über’n Flur, die Gänge sind düster, das Frühstück wird in einem „Salon“ von einer Kaltmamsell gereicht, des Morgens riecht es auf den Gängen nach frischem, dunklem Kaffee, tagsüber und des Abends gibt es kaum Infrastruktur, vielleicht serviert ein mürrischer Nachtportier noch ein Bier im „Salon“, und das war’s. Und trotzdem können diese Dinger unendlich viel Charme haben.

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