Freistadt – Hotel zum Goldenen Hirschen: durch und durch ärgerlich

Summa summarum: tolle Lage mitten in der Altstadt eines mittelalterlichen Städtchens, verwinkelter Gebäudekomplex über mehrere Häuser in unterschiedlichsten Baustilen mit gotischem Kern, monströse modernistische Stahlanbauten an der Rückfront, charmlose Übernachtungsgelasse mit Basic-Ausstattung, charmlose Abfütterungshalle, hübscher Gastgarten, unaufmerksamer Service, mehr als enttäuschendes Essen und Frühstück

Freistadt ist durchaus hübsch. Anfang des 13. Jahrhunderts von den Babenbergern als Handelsstadt am Goldenen Steig zwischen Böhmen und Donau gegründet, Handel und Wirtschaft prosperierten, die Stadt erlangte rasch Bedeutung und Wohlstand, um nach dem Dreißigjährigen Krieg wieder in der Bedeutungslosigkeit als Verwaltungs- und Garnisons-Stützpunkt zu versinken. Die einstmalige Bedeutung Freistadts sieht man an der bis dato fast vollständig erhaltenen, im Kern gotischen Bebauung der Innenstadt samt ebenfalls fast komplett erhaltener Stadtbefestigung. Heute ist Freistadt Mittel- und Verwaltungszentrum im Unteren Mühlviertel, proper, aber nicht zu Tode renoviert und dirnenhaft rausgeputzt, ein verschlafenes, vom Tourismus weitgehend verschontes Provinzstädtchen mit knapp 8.000 Einwohnern, die zumeist unter sich bleiben und ihre Heimat nicht für reisende Horden prostituieren.

Die ersten Häuser am Platze sind das Hotel und Gasthaus zum Goldenen Hirschen mit offiziell vier Sternen und das Drei-Sterne-Haus Hotel Goldener Adler, beide im Besitz einer Hoteliers-Familie Jäger in der siebten Generation. In diesem Goldenen Hirschen bin ich nun gelandet, auf einer Rundreise durch das Mühlviertel, auf der ich mich von Hotel zu Hotel, von Gasthof zu Gasthof durchhangele und jeweils am Abend des einen Tages eine hübsche und nahrhafte Bleibe für den nächsten Tag suche, beim Bier oder Wein, am besten im Gastgarten, mit der freundlichen Unterstützung von Falstaff, Gault Millau, der Krake (die besonders durch ihre nahezu Vollständigkeit und die brutal ehrlichen User-Bilder hier durchaus nützliche Dienste leistet) und anderen dienstbaren Online-Geistern; gefällt mir eine aktuelle Herberge wirklich gut, frage ich auch den Wirt vertrauensvoll und unverblümt nach einer Empfehlung eines gleichwertigen Kollegen, die Meisten kommen dieser Bitte freudig und in der Regel fachkundig nach.

So bin ich auch irgendwie nach Freistadt in den Goldenen Hirschen gelangt, Falstaff lobt, die Bewertungen auf Tripadvisor sind gespalten zwischen „Gut“ und „Nie wieder“ (aber wer gibt schon was auf Tripadvisor?), die User-Photos auf der Krake sind ordentlich bis vielversprechend. Der Goldene Hirsch liegt zwischen einem der alten Stadttore und dem Schloss, der Hotelgarten grenzt an Stadtmauer und -graben, idyllisch, zum zentralen Stadtplatz sind es keine 200 Meter. Die Lage passt. Das Hotel besteht aus einem Ensemble mehrerer alter Häuser, die irgendwie mit Durchbrüchen, Treppen, Innenhöfen, Galerien, Lichtschächten, Gängen miteinander verbunden und verwoben sind, ein wahrhaftes Labyrinth. Im Kern sind die Gebäude auch hier zumeist gotisch, vielfach angebaut, überbaut, renoviert, die Straßenfassade schließlich im Stil des 19. Jahrhunderts, auf der Rückseite des Gebäudekomplexes zur Stadtmauer hin verborgen zwei modernistische, gesichtslose, monströse Stahlkonstruktions-Anbauten aus dem späten 20. Jahrhundert, für die man die verantwortlichen Bauherren, Architekten, Stadtplaner und Denkmalsschützer zu anderen Zeiten auf dem Schandkarren durch die Stadt gefahren hätte.

Meine telephonische Reservierung am Mittag nimmt ein mürrischer Mann entgegen, nämlicher mürrische Mann empfängt mich auch am Nachmittag bei der Anreise, seinem Idiom nach würde ich auf einen Böhmen tippen, er ist der einzige sichtbare anwesende Hotelmitarbeiter, er macht den Service im Restaurant, da ist eh kaum was los und checkt mich auch nebenbei an der Rezeption ein. Er verlangt Vorauskasse, da der Empfang am Morgen meiner Abreise ebenfalls nicht besetzt sein werde; meine Rechnung würde ich dann im meinem Schlüsselfach hinter dem Rezeptionscounter finden, die solle ich mir einfach nehmen und Schlüssel und Parkkarte dafür dalassen. Ein wirklich beunruhigend knarzender Lift bringt mich in den zweiten Stock, ich odysseeiere durch das schlecht beschilderte, ausgedehnte, anonyme Gängegewirr im Inneren des Hauses über verschiedene Treppen und Treppchen, mit Kinderwagen hätte ich hier meine Probleme, mit Rollator wäre ich gänzlich aufgeschmissen. Mein Zimmer liegt nach hinten raus, durch ein einziges kleines Fensterlein blicke ich auf Schlossmauer und -turm, nicht etwa eine prächtige Prunkfassade, sondern schlichtweg eine funktionale Mauer mit Fenstern darinnen, heute ist hier das Finanzamt untergebracht, davor ein asphaltierter Parkplatz für die Behördenmitarbeiter, des Morgens zwischen 06:30 und 08:00 Uhr beim Bürobeginn der Bürokraten etwas laut und nochmals des Nachmittags gegen 16:00 Uhr, dazwischen bürokratische Totenstille, direkt unter meinem Fenster die Kruschecke des Hotels mit Mülleimern und allerlei Gerätschaften. Das Zimmer selber ist halbwegs geräumig, 08/15-Standard-Hotel-Möblierung ohne Wohlfühlfaktor, Sitzecke, wackeliger Schreibtisch mit einer Steckdose, bei dem ich mich entscheiden muss, ob ich lieber die Schreibtischlampe anhaben oder meinen Laptop oder meine Funke laden möchte. Die Kacheln im fensterlosen, altertümlichen Bad könnten wahrscheinlich Augenkrebs auslösen, der Duschkopf passt nicht in die Halterung, die Anzeigen für heißes und kaltes Wasser auf der Mischbatterie sind vertauscht, was eine heiße Überraschung beim Duschen zur Folge hat, zumindest die giftgrünen Frotteehandtücher sind flauschig. Dennoch macht solch ein Zimmer keinen Spaß.

Dermaßen desillusioniert begeben ich mich gegen 16:30 Uhr in’s Restaurant des Hauses, ich bin der einzige Gast. Die – durchaus hübsch aussehenden – alten Gaststuben sind geschlossen, stattdessen wird in einem der beiden monströsen, von innen hallenartig anmutenden Stahlanbauten Service angeboten. Für gute Worte öffnet mir nämlicher mürrische Kellner den Gastgarten, serviert mir ein Bier … und ward nicht mehr gesehen. Für ein zweites Bier muss ich selber in den hallenartig anmutenden Stahlanbau gehen, dort steht der mürrische Mann hinter dem Tresen, daddelt mit seiner Funke, nimmt mürrisch meine Bestellung auf und bringt mir irgendwann mürrisch ein zweites Bier, gutes Bier übrigens, vom lokalen Freistädter Brauhaus. Nach dem Bier und einem kurzen Bummel durch das Städtchen – viel gibt es nicht zu bummeln, von Stadttor zu Stadttor läuft man fünf Minuten, gebummelt mit viel Anstrengung vielleicht zehn, hübsch, aber kurz, ein intra muros eines mittelalterlichen Städtchens halt, und unmittelbare kulinarische Alternativen zu meine Hotel, außer vielleicht dem Restaurant des Freistädter Brauhauses, das aber an just diesem Tag Ruhetag hat, sind auch nicht offensichtlich – finde ich mich wieder in dem hallenartig anmutenden Stahlanbau ein, um eines der recht formidablen Mahle zu mir zu nehmen, von denen Falstaff und Google künden. Der Kellner ist noch immer derselbe und noch immer mürrisch.

Die Speisekarte ist auf den ersten Blick vertrauenserweckend klein: Rindssuppe, Carpaccio vom Rind oder vom Reh, vier fleischlose Gerichte (die sich für mich verdammt nach Convenience klingen, wie so manches andere auf der Speisekarte), zwei Salate, ein Fisch (das zur Genüge bekannte Zanderfilet), drei Wildgerichte, vier kurzgebratene bzw. frittierte Fleischgerichte, einen Braten, sechs österreichisch-böhmische Desserts.

Der zweite Blick zerstört dann umgehend jedes Vertrauen wieder. Das Carpaccio erinnert von den gleichmäßig kreisrunden, gleich großen Scheiben verdammt an diese portionierten, eingeschweißten und tiefgekühlten Fertig-Carpaccios aus der Systemgastronomie; der Parmesan ist sehr mäßig und lieblos auf einer Rösti-Reibe darübergehobelt; Zitrone, Pfeffer, Salz und Olivenöl fehlen ganz und werden erst auf Nachfrage nach einiger Zeit gebracht; statt dem obligatorischen Zitronen-Viertel (oder – stilvoller – der halben Zitrone im Gaze-Säcklein) krönen eine neckisch verdrehte dünne Orangenscheibe und ein verwelktes Salatblatt das Ganze.  Die Rindssuppe mit Kräuterfrittaten ist eine dünne, leicht säuerliche Brühe, und wenn Kräuterpfannkuchen sich durch grüne Punkte in den Pfannkuchen auszeichnen, dann frage ich mich, wo sind die grünen Punkte in diesen matschigen, konfektionierten Pfannkuchenstreifen? Die Svíčková zählt mit Abstand zu den schlechtesten, die ich je gegessen (bzw. zurückgehen lassen) habe (und ich habe gewiss viele schlechte Svíčkové gegessen bzw. zurückgehen lassen), fasriges, lauwarmes Fleisch, lauwarme, mäßige Sauce, kaum gewürzt, Zitrone und vor allem Zitronenschale fehlen völlig, lauwarme, belanglose Böhmische Hefeklöße: ich bekomme schlechte Laune. Die Liwanzen (kleine böhmische Hefepfannküchlein mit Pflaumenmus) zum Nachtisch entsprechen ganz den vorangegangenen Speisen.

Das Frühstück, wieder in diesem hallenartig anmutenden Stahlbau, entspricht dem Abendessen. Liebloses Buffet, als ich um 08:00 Uhr den Saal entere, ist exakt noch eine weiße Semmel im Brotkorb. Als ich um eine Zweite bitte, muss ich gefühlte Ewigkeiten warten, und dann bekomme ich eine offensichtlich aufgebackene Semmel vom Vortag (und das, obwohl quer über die Straße eine Bäckerei ist). Noch Fragen?

Wäre ich am nachfolgenden Abend nicht noch in den hiesigen Ratsherrnstuben gewesen, ich hätte Freistadt kulinarisch gänzlich missmutig verlassen.

Hotel und Gasthaus zum Goldenen Hirschen
Familie Jäger
Böhmer Gasse 8
4240 Freistadt
Österreich
Tel.: +43 (79 42) 7 22 58
Online: http://www.hotels-freistadt.at/
E-Mail: goldener.hirsch@hotels-freistadt.at

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