„Einfach guat“: ein etwas anderes Südtiroler Kochbuch

20160822_072620Wenn ich in Südtirol bin, speziell in Bozen und Bruneck, aber auch in Brixen, Gröden, Epan, Sterzig und Meran, gehe ich immer gerne in die örtliche Athesia-Buchhandlung. Athesia, das ist der meines Wissens einzige unter den italienischen Okkupanten verbliebene deutschsprachige Verlag in Südtirol. Hier werden das angesehene, umstrittene, bei den Besatzern gefürchtete bis gehasste, stets kämpferische „Dolomiten Tagblatt“, die Sonntagszeitung „Zett“, die Kirchenzeitung „Sonntagsblatt“, die Schmonzette  „Die Südtiroler Frau“, die – naturgemäß eher dünnen – „Der Schlern“ und „Radius“ herausgegeben, dazu gibt es ein beachtliches und in Deutschland viel zu wenig beachtetes Buchprogramm und eben einige Buchhandlungen. Ich bin gerne in den Athesia-Buchhandlungen, sehr viele der angebotenen Bücher haben nicht nur einen Bezug zu der Region, sie offenbaren auch Stück für Stück Teile ihrer Geheimnisse. Und das Publikum, so habe ich immer wieder den Eindruck, ist im Durchschnitt unglaublich jung, offen, interessiert und zahlreich in diesen Buchhandlungen, hier stehen Teenager und Twens (wie man sie früher nannte) vor den Regalen, stöbern in Büchern, sitzen lesend in Ecken, diskutieren in kleinen Gruppen flüsternd den nächsten Buchkauf; diese Athesia-Buchläden sind keine reinen Verkaufsstätten, sie sind vielmehr noch soziale und kulturelle Orte, wo sich Menschen zu kulturellen und intellektuellen Behufen einfinden und sich austauschen, und mehr nebenbei ein Kaufgeschäft tätigen. Diese Athesia-Buchhandlungen sind einfach schon immer das, was einstmals monopolistisch-arrogante, heute Amazon-geschädigt darbende deutsche Buchhändler gerade wieder zu werden versuchen: Orte der Kultur und Bildung, nicht nur Ladengeschäfte zur Abwicklung eines Kaufvorganges. Vielleicht liegt es in Südtirol an der Italienischen Bedrängnis, dass man sich an Orten einfindet, wo die alteingesessene, bedrohte Sprache und Kultur gepflegt und entwickelt werden.

Entsprechend ist das Buchprogramm der Athesia weitgehend auf Südtirol ausgerichtet, es werden Werke über das Land und seine Menschen, Natur, Jagd, Kunst, Kultur und Religion in Südtirol verlegt, dazu Ratgeber, Belletristik, Schulbücher, Fachliteratur, ein großes Angebot an Wanderführern und -karten …. und eben auch Kochbücher. Viele dieser Kochbücher sind immer wieder ganz speziell, anders, beachtlich; es ist nicht die 159te neue Zusammenstellung aus dem riesigen (und zweifelsohne guten) Gräfe+Unzer Rezepte-Archiv zu wieder irgendeinem scheinbar neuen Werk mit neuem Thema (und alten Rezepten, nur eben neu gemischt); es ist nicht die 22te von einem Ghostwriter verfasste Selbstbeweihräucherung irgendeines besternten, durch die Medien tingelnden, prominenten Kochclowns; es ist nicht die oberflächliche Abhandlung eines durchreisenden Reisejournalisten über die angeblichen „Geheimnisse“ der So-und-So-Küche; es ist nicht das Gesülze eines alternden Stars, der in seinem Metier nicht mehr gebraucht wird, der aber immer noch prominent genug ist für die Offenbarung seiner ganz persönlichen Küchengeheimnisse; es ist nicht einer dieser unsäglichen, angeblich lustigen und praktischen, meist aber unglaublich dilettantisch bis schlecht gemachten und schlichtweg fehlerhaften Ratgeber für die Studenten-, die Rentner-, die Manager, die Fünf-Minuten-, die Ein-Topf- (und wie sie alle sonst noch heißen mögen) –Küche; es ist nicht einer dieser vorgeblich medizinisch fundierten Kochratgeber, wie man sich durch bestimmte Rezepturen angeblich schlank, fit, gesund, sexy, ausgeglichen, schlau, Krebs-resistent, erfolgreich, potent und was weiß ich kocht; es ist keines dieser oft spiralgebundenen und handgeschriebenen Machwerke mit „typischen Hausfrauenrezepten“, in denen Gerda Piefke aus Osnabrück in gebrechlichen Worten aufschreibt, dass Auberginen-Süßkartoffel-Cous-Cous mit Kängurusteak neuerdings ein „typisch westfälisches Gericht“ sei; und es ist keines dieser Gutmenschen-Machwerke über wohlgesonnene Migranten mit tragischem Hintergrund, die dennoch die Küchen-Geheimnisse ihrer aufgegebenen Heimat zusammen mit ihrem tragischen Hintergrund zu Papier bringen müssen; und es ist nicht das zum 382ten Male abgeschriebene und neu kompilierte „Allumfassende Grundkochbuch“, „Basic Backbuch“, „Alles was Sie jemals über Grillen wissen müssen“, „Das ultimative Eintopf-Kochbuch“ usw. Nein, Athesia-Kochbücher sind oft glücklicher Weise ganz anders.

Zu diesen ganz anderen Kochbüchern zählt z.B. „Einfach guat. Südtiroler Traditionsküche“ von Miriam Bacher und Franco Cocoli, das mir 2015 bei der Erstauflage wohl einfach unbemerkt durchgerutscht ist, obwohl zwischenzeitlich sogar in Englischer Übersetzung und in Zweitauflage vorliegend, was ja zweifelsohne für das Buch spricht. Bereits die Aufmachung ist wertig: Hardcover, schweres Papier, hochwertiger Druck, tolle graphische Gestaltung, Leseband: es macht schon allein Spaß, dieses Buch in den Händen zu halten, und ich muss mich an die Worte von Eckehart Schumacher Gebler erinnern, dass Buchdruck letztendlich eine haptische Kunst sei. 80 Südtiroler Rezepte auf 300 Seiten, das klingt zuerst einmal ungewöhnlich. Dann findet sich da auf zwei Seiten mit viel unbedruckt gebliebenem Papier ein Rezept für „Gebratene Hauswürste“, das besagt, man solle Bratwürste 5 Minuten in heißem Wasser ziehen lassen, sodann in einer Pfanne mit Öl von allen Seiten goldgelb braten und mit gegrilltem Gemüse, Kartoffelsalat, Krautsalat oder Sauerkraut servieren. Da fragt sich der geneigte Leser schon, ob’s für dererlei Banalitäten zwei Seiten in einem Kochbuch bedarf oder ob er hier schlichtweg verarscht und abgezockt wird. Und dass eine Gestensuppe aus Wasser, Salz, Gerste, Möhre, Kartoffel, Lauch, Sellerieblättern und Pfeffer gekocht wird, ist jetzt auch nicht die Offenbarung des Tiroler Küchen-Geheimwissens. Für den kulinarischen Eleven schon interessanter – weil landestypisch und nicht ganz banal – sind Rezepte etwa für Spinatrahmnocken, Eisacktaler Krapfen oder Kartoffelblatteln, während man sich bei Entenbrust mit Orangensauce – jeder kennt die berühmten Südtiroler Orangen! (Achtung, Ironie) – schon wieder fragt, welcher Schalk oder Narr so etwas in ein Südtiroler Kochbuch packt. Die Auswahl der Rezepte ist also durchaus durchwachsen. Positiv ist anzuführen, dass alle Zutaten und Zubereitungsarten sehr klar, übersichtlich und auch verständlich und nachkochbar für den Laien dargestellt sind. Dazu gibt es zu den meisten Gerichten eine spezielle einheimische Weinempfehlung, die zwar gut gemeint sein mag, in der Realität aber außerhalb Südtirols kaum käuflich zu erwerben sein dürfte. Wirklich großartig wird dieses Kochbuch jedoch durch die reichliche Bebilderung mit ausgesprochen aussagestarken und auch ästhetisch ansprechenden Photos, nicht nur von Braten, Knödeln, Speckseiten und Weinflaschen, sondern vor allem auch von Land und Leuten, Land und Leuten jenseits der Almwiesen-, Berghütten und Trachten-Idylle. Und diese Photograpien sind es eigentlich, die das Besondere von „Einfach guat. Südtiroler Traditionsküche“ ausmachen. Sonntagnachmittag (vorzugsweise verregnet), dieses Buch, eine Flasche Wein (vorzugsweise Südtiroler), ein Lesesessel, und die Lektüre ersetzen einen Drei-Tages-Südtirol-Ausflug … im Kopf: Landschaften, Menschen, Speisen, Rezepte, all das mag im Geiste des offenen Lesers zu einem imaginären Kurzurlaub verschmelzen. Und das ist das Schöne an „Einfach guat“, da mag man sogar die als Weinkunde getarnte Schleichwerbung für ein paar Winzer und die reichlich kurze und subjektive Liste weniger Berggasthöfe gnädig durchgehen lassen, aber geschäftstüchtig waren sie ja schon immer, unsere Südtiroler.

 

Einfach Guat: Südtiroler Traditionsküche von Miriam Bacher und Franco Cogoli
Gebundene Ausgabe: 288 Seiten
Verlag: Athesia; Auflage: 1., Aufl. (5. November 2012)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 8882668800
ISBN-13: 978-8882668808
24,90 €

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