Die Knackwurst und das Herrengulasch: Schlossgaststätte Wellenburg

Nach dem unsäglichen Intermezzo, das die Capitol GmbH mit Markus Lode als Pächter der Schlossgaststätte Wellenburg hingelegt hatte, übernahmen 2010 der Niederösterreicher Walter Nemeth und seine halbbrasilianischen Frau Marisol das Traditionslokal. Mit Nemeth, früher mal Chefkoch im Augsburger Hotelturm und dann Pächter des Kurhaus-Restaurants in Göggingen, hofften die Grafen Fugger-Babenhausen, denen Wellenburg gehört, frischen kulinarischen Wind in die Ausflugsgaststätte am Fuße ihres gelben, sorgfältig eingezäunten und abgeschirmten Bürgleins zu bringen. Der Biergarten ist tatsächlich sehr hübsch unter alten Bäumen, ideal gelegen für Brotzeiten beim Radeln oder Wandern. An den Selbstbedienungs-Theken gibt es frisch gezapftes Bier, Spareribs, Schnitzel, Wurstsalat, Obazten, die üblichen Biergarten-Sachen halt in üblicher Biergarten-Qualität (zumindest seit dem die Capitol-Leute wieder raus sind), nichts Spektakuläres, aber nach einer anstrengenden Radltour durchaus labend und erquickend. In dem Gebäudekomplex hinter dem Biergarten finden sich nicht nur die Toiletten, sondern auch – von vielen oft übersehen – die Schlossgaststätte Wellenburg mit eigener kleiner Terrasse hinter dem Hause. Die Einrichtung ist bajuwarisch-ländlich-rustikal: blanker Steinfußboden, massive Holztische und –stühle, mal weiß eingedeckt, mal blank, mal mit Plastik-Platz-Deckchen. Für Familienfeiern – die reichlich in Wellenburg stattfinden – gibt es noch ein separates Kaminstüberl und die Galerie. Die Terrasse wäre recht nett, würde gerade an schönen Wochenenden nicht andauernd Deppen auf ihren überlauten Höllenmaschinen unter lautem Geknatter den Berg nach Bergheim hochdonnern. Sowas gehört doch verboten …

Verboten gehört aus unserer Sicht sicherlich auch, was in Wellenburg auf den Tisch kommt. Dabei verheißen Webpage und Speisekarte kulinarische Höhepunkte: „exzellente traditionelle Küche“, „Genuss zweier Welten: regionale bayerisch-schwäbische Küche, raffiniert ergänzt mit dem Besten aus der Küche meiner österreichischen Heimat“, „Traditionelles und Neues sorgsam zubereitet“, „frischeste Zutaten und viel Liebe“ … Marketing-Sprech kann man anscheinend in Wellenburg, nur mit der Umsetzung hapert’s gewaltig. Nachdem wir Anfang der Freiluft-Zeit hier kulinarisch bereits einmal furchtbar auf die Nase gefallen waren, es aber auf Saison-Beginn und sonst was geschoben hatten, wollen wir es nun noch einmal versuchen. Es fängt bereits gut an: dreimal läuft die Bedienung im blau-karierten Dirndl direkt an unserem Tisch vorbei (nicht etwa beladen oder geschäftig, die Terrasse ist so gut wie leer), ohne sich in irgendeiner Weise um uns zu scheren. Erst als wir beim vierten Vorbeilaufen die Karte erbitten, scheint sie uns wahrzunehmen. Um dies vorwegzunehmen: das Mädel ist vollkommen neu, hat kaum eine Ahnung, völlig unzureichend eingearbeitet, als dass sie schon alleine auf die Gäste losgelassen werden könnte,kennt weder die Speise- noch die Weinkarte, aber legt das Besteck mit weißem Baumwollhandschuh auf die Plastik-Platz-Deckchen und ist Alles in Allem wirklich bemüht, aber hoffnungslos überfordert.

Das passt alles zur Qualität der Speisen. Die „Kräftige Rindssuppe mit Brät -und Leberknödel“ ist eine dünne Brühe fragwürdiger Herkunft mit etwas vertrocknetem Grünzeugs (Schnittlauch?) drauf schwimmend, die Knödel wahrscheinlich industrielle Fertigware, oben eingetrocknet und dunkel, anscheinend rasch in der Mikro erhitzt. Als die Suppe längst gegessen ist, kommt die andere Vorspeise, eine magere Tafelspitz-Sülze mit Käferbohnen, Zwiebeln, zwar mehr Sulz als Fleisch, aber ganz ok, die Sauce Tartare dazu hausgemacht, das versprochene Kernöl mehr als sparsam, der angekündigte Schwarz-Brot-Toast fehlt komplett und wird auch auf Nachfragen nicht nachgereicht. Wiener Schnitzel: tatsächlich wellige Panade, aber mit Fett vollgesogen und labbrig, nicht knusprig, komischer Geruch (altes Fett?), wässriges, hartes Fleisch, muss ein altes Kalb gewesen sein, der Kartoffel-Gurkensalat dazu ein mehr breiiges denn salatiges Etwas, Preiselbeeren gibt’s keine in der Schlossgaststätte Wellenburg. Wiener Backhendel: ausgelöste, panierte und frittierte Stücke von Hühnerfleisch, dazu – wie es sich gehört – frittierte Petersilie; Panade knusprig, aber trocknes Fleisch, nämlicher Geruch wie das Schnitzel, wahrscheinlich dasselbe Fett, der gemischte Salat dazu trauriges verwelktes Grünzeugs in saurem Dressing. Den Vogel abschießen tut allerdings das  „Herrengulasch vom Rind mit Würstel, Spiegelei, Salzkartoffeln und Fächergurke“: die paar Brocken geschmorten Rindsfleisches selber zugegeben zart, mürbe, weitgehend Fett- und Flechsen-frei, so, wie es sich gehört, die Soße aber eine hellbräunliche dünne Flüssigkeit, die weder optisch und schon gar nicht geschmacklich auch nur irgendetwas mit einem dicken, dunkelbraunen, mit viel geschmorter Zwiebel, Paprika und vor allem ausgekochtem Muskelgewebe sämig gebundenem, molligem, originalem Gulasch-Saftl zu tun hat, dazu halbierte, kurz wieder erwärmte, ungeschälte Pellkartoffeln, das obligatorische Spiegelei und … eine dicke fette Knackwurst, dafür fehlt die Fächergurke. Herrengulasch und Knackwurst, welcher kulinarische Teufel oder welche erbärmliche Versorgungslage mag den Koch da wohl geritten haben, sofern diese kulinarische Minderleistung überhaupt von einem Koch gemacht und nicht nur irgendwie rasch von einer Küchenhilfe aufgewärmt wurde. Das „Große Sacher-Kochbuch“ von Franz Maier-Bruck, gewiss eine kompetente kulinarische Institution in Österreich, schreibt für ein Herrengulasch vor „Zum fertigen Saftgulyás werden Pommes Frittes serviert“, die Variante mit Ei, Gurke und Würstl heißt im Sacher-Kochbuch „Fiakergulyás: Ein Saftgulyás wird mit Spiegelei, Fächergurken, Einspänner (= ein einzelnes Frankfurter Würstchen) und rotem Paprikasalat garniert.“ Ebenso schreibt die offizielle Website der Stadt Wien (https://www.wien.info/de/einkaufen-essen-trinken/wiener-kueche/rezepte/fiakergulasch) 2 Paar Sacherwürstel für ein Fiakergulasch vor, und das Original Sacherwürstel wird im „Neuen Sacher Kochbuch“ von Sacher-Geschäftsführerin Alexandra Gürtler und dem Österreichischen Gastro-Groß-Kritiker Christoph Wagner definiert „pro Paar ein Gewicht von ca. 18 dag, eine Länge von ca. 25 cm je Stück sowie ein Kaliber (Durchmesser) von ca. 2 cm.“ Wo man auch nachliest, von Knackwurst und Rindsgulasch findet sich nirgends etwas, ebenso nicht von ungeschälten, aufgewärmten Kartoffeln, egal unter welchem Namen. Das gibt’s wohl nur in Wellenburg.

Ich vermute mal, dass jemand, der zu einem Herrengulasch dieser „Qualität“ auch noch eine Knackwurst serviert, der darf in Österreich gar nicht mehr kochen und muss zu den Piefkes in’s Exil, wo die kulinarisch chronisch unterbemittelten Augschburger ja doch fast alles fressen, selbst sogenanntes Herrengulasch mit Knackwurst.

 

 

Schlossgaststätte Wellenburg
Walter Nemeth
Wellenburg 04
86199 Augsburg
Tel.: +49 (8 21) 44 40 30
Fax: +49 (8 21) 4 44 03 12
E-Mail:  info@schlossgaststaette-wellenburg.de
Internet: www.schlossgaststaette-wellenburg.de

Hauptgerichte von 13,50 € (Tiroler Kaspressknödel auf Kraut und Rüben) bis 23,00 € (Zwiebelrostbraten), Drei-Gänge-Menue von 23,30 € bis 39,00 €

 

Das sagen die Anderen:

  • Guide Michelin (Booktable) Inspektoren: n.a.
  • Guide Michelin (Booktable) Gästebewertungen: n.a.
  • Gault Millau: n.a.
  • Gusto: n.a.
  • Schlemmer Atlas: n.a.
  • Feinschmecker: n.a.
  • Varta: 0 von 5 Diamanten (Restaurant)
  • Holidaycheck: n.a.
  • Yelp: 3 von 5 Sternen (bei 7 Bewertungen)
  • Tripadvisor: 3,5 von 5 Punkten (23 bei Bewertungen – die meisten allerdings für den Biergarten, nicht das Restaurant)
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