Der Schleusenkrug in Berlin: eine selbsterfüllende Prophezeiung

Summa summarum: wo die Bayern von den Preußen in Sachen schlechtem Einschenken noch was lernen können, wo man schlecht isst, aber recht nett und zentral sitzt

 

Zitat aus der Berliner Morgenpost vom 22.04.2016 aus einem redaktionellen Artikel von Britta Klar über 10 Berliner Biergärten, die einen Besuch lohnen: „Bereits 1954 eröffnete die Familie Fistler an der Tiergartenschleuse den Schleusenkrug. Zuvor hatte sie an dieser Stelle einen Kiosk mit Getränkeausschank betrieben, der die Spaziergänger und Schiffspassagiere mit Eis und Erfrischungen versorgte.“ Nun ein Zitat von der Homepage des Schleusenkrugs: „1954 eröffnete die Familie Fistler an der Tiergartenschleuse den Schleusenkrug. An dieser Stelle hatte sie schon vor dem Krieg einen Kiosk mit Getränkeausschank betrieben und die Spaziergänger und Schiffspassagiere mit Eis und Erfrischungen versorgt.“ Soviel zur redaktionellen, kritischen Recherche und objektiven Berichterstattung in kulinarischen Dingen in der Berliner Morgenpost. Leider haben wir das erst bemerkt, nachdem wir der Empfehlung der MoPo gefolgt und im Schleusenkrug kulinarisch sowas von vor die Wand gefahren waren.

Tradition, ja; zentral und nett gelegen, ja; nettes Biergartenambiente, ja. Der Rest ist enttäuschender Lug und Trug. Wenn am fünften oder sechsten schönen Tag des Jahres die Nackensteaks und der Romadur einfach komplett alle sind, und das bereits mittags, dann zeugt das einfach von Chaos und Dilettantismus beim Einkauf. Wenn auf der Startseite der Homepage „Köche, Küchenhilfen, Räumer, Tresenkräfte und Griller“ gesucht werden, dann erklärt das auch, warum sich vor den Essens- und Getränkeausgaben riesige Schlangen bildeten, und das obwohl der Biergarten nur halb voll war. Bajuwarischen Bedienungen wird ja gemeinhin kreatives (positiv gesehen) bzw. betrügerisches Einschenken (negativ gesehen) vorgeworfen; der gerissenste Schank-Betrüger aus alten Donisl-Zeiten könnte gewiss noch einiges lernen von den Füllgepflogenheiten der preußischen Zapfer im Schleusenkrug; und lautstarker Protest des durstigen, betrogenen Reisenden ob des spärlich gefüllten Kruges wird nicht etwa mit Nachschenken, und sei es mürrisch, wie in Bayern,  beantwortet, sondern schlichtweg komplett ignoriert, statt dessen ein unerbittliches „Der Nächste!“ gemurmelt. Solch ignorante Frechheit ist mir – bei Gottlieb – noch an keinem Schanktresen wiederfahren.

Dazu passt die Qualität der Speisen allemal. Zuerst einmal ist die Speisekarte ein wild zusammengewürfeltes Sammelsurium aus unterschiedlichsten Gerichten, Küchenstilen und –richtungen, eine klare Linie, ein Konzept, eine Leitidee scheint es nicht zu geben – maximal vielleicht den Bestellkatalog des Convenience-Lieferanten als gemeinsamen Nenner. Die Fränkische Rostbratwurst sind zwei kleine, keinesfalls majoranige, nur schwach gewürzte Dinger mit Brät drinnen, kaum gebräunt vom Grill, dazu Konservierungsstoffe-schwangerer Kartoffelsalat aus dem großen Plastikeimer, und das für stolze 8,50 €. Der Flammenkuchen anscheinend tatsächlich hausgemacht, aber spärlich belegt, viel, viel zu früh aus dem Ofen genommen und statt knusprig-heiß nur wabbelig-lauwarm. Die Merguez ganz ok, aber bei der Qualität des Cous-Cous-Salats dazu braucht man sich echt nicht wundern, dass sich immer mehr arabische Jugendliche wegen der Vergewaltigung ihrer kulinarischen Identität radikalisieren und auf Total-Konfrontation zum Christlichen Abendland gehen. Echt widerlich der Kräuterpfannkuchen mit Beelitzer Spargel und Sauce Hollandaise: vollkommen breiig verkochter und dazu noch schlecht geschälter, absolut geschmackloser Spargel (wo doch gerade der Beelitzer Spargel in den vergangenen Jahren weitaus stärker als der Schwetzinger und der Schrobenhausener damit punkten konnte, wieder vermehrt bitter-süßlich nach echtem Spargel zu schmecken) mit lauwarmer Tüten-Hollandaise in einem dicken Pfannekuchen mit geschmackfreien grünen Pünktchen, das ist schon hart, sowas auf dem Teller zu haben.

Trotzdem, der Laden brummt, Eingeborene und ungleich mehr Touristen schmeißen ihr Geld über die Zapf- und Essens-Tresen in die Rachen der Betreiber. Schließlich steht ja in unzähligen Bewertungsportalen und Reiseführern, dass es hier gut sein soll, und selbst die seriöse einheimische Tagespresse berichtet lobend – da muss es doch gut sein. Gut besucht ist der Schleusenkrug allemal, im Sommer soll man hier zuweilen keinen Platz bekommen. Das ist wirklich mal eine selbsterfüllende Prophezeihung von Vorschusslorbeeren und Gästeströmen, die allein ob der schieren Menge zu weiteren medialen Vorschusslorbeeren und weiteren Gästeströmen führen. Gut essen und trinken geht gänzlich anders, aber zumindest sitzt man für preußische Verhältnisse ganz nett und doch zentral.

 

Schleusenkrug
Volker Pradel/Dominik Ries/Udo Rehm GbR
Müller-Breslau-Straße
10623 Berlin / Charlottenburg
Tel.: +49 (30) 3 13 99 09
Fax: +49 (30) 31 50 59 45
Email: kontakt@schleusenkrug.de
Internet: www.schleusenkrug.de

 

Hauptspeisen von 5,50 € (Erbseneintopf mit Wiener) bis 14,40 € (Schweineschnitzel, Kartoffelsalat)

 

Das sagen die Anderen:
•          Tripadvisor: 4 von 5 Punkten

  • Holidaycheck: n.a.
  • Varta: n.a.
  • Guide Michelin: n.a.
  • Gault Millau: von 20 Punkten
  • Schlemmer Atlas: n.a.
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