Auf dem Weg in’s richtige Leben

Die Natur grandios, die Alpengipfel gewaltig, die Bergseen lieblich, die Luft würzig-sauber, die Passstraßen steil, die Serpentinen schweißtreibend-eng, das Panorama gigantisch, die Vergangenheit Geschichts- und Geschichten-geschwängert, die Seilbahnen Weltklasse, die Bächlein munter sprudelnd, die Kühe typisch, ebenso wie die lederbehosten und dirndelgewandeten Eingeborenen (die meisten davon sind allerdings Jugos, Tschuschen, Pifkes und sonstiges Gastarbeiter-Gesindel), die Speisekarten authentisch (authentisch für Wanne-Eickel, Riad und Seoul zumindest): dieses Tableau ist irgendwo in den Österreichischen Alpen, zwischen Bregenz und Klagenfurt, mit Heerscharen von Touristenbussen und ihrer pauschalen Fracht, von fünf Autokennzeichen ist eines Deutsch, eines Niederländisch, eines von diversen osteuropäischen Gastarbeitern, eines sonstiger Nationalität und nur eines Österreichisch, dazu die rasenden, stinkenden, laut knatternden, rücksichtslosen, den Verkehr legal tyrannisierenden Motorradrüpel zuhauf, die Touristenhotels – im Sommer noch nicht einmal berstend voll, das kommt erst zur Ski-Saison – so austauschbar-verwechselbar wie Klopapier, mehr oder minder identisch im Fremdenverkehrs-Bermuda-Dreieck zwischen Antalya, Ischgl und Fuerteventura, ebenso das Essen aus Halal-geschächteten Schweinen für landestypisches koscheres bio-öko Veganer-Gyros mit der Gluten-freien, Kalorien-reduzierten, Diabetes-geeigneten doppelten Portion Fleisch und dem regional-saisonalen Thai-Spargel, dazu Straßenkaffees, Kitsch- und Andenken-Geschäfte mit Sepplhüten, Dirndlverschnitten, Gamsbärten, Schneekugeln, vakuumiertem Tiroler Speck und Mozartkugeln, dann hochalpine Flipflop-Wanderwege, Kristallwelten, Schaubergwerke, Streichelzoos, mit viel Tamtam inszenierte Auf-, Um- und Abtriebe diversen Viehzeugs, Jodeldarbietungen und Volksmusik-Konzerte, Alpen-Krimi-Dinner, Meineid-Mundart-Aufführungen … das ganze Horrorszenario alpiner Touristenabzocke halt, und dazu alles andere als wohlfeil, die langen preislich hier richtig zu, aber dafür ist die Qualität denn auch meist mies, aber keiner beschwert sind, sondern frisst brav weiter wie die Kuh auf der Wiese. Genug des Zynismus, Zell am See, Hochgurgl, Kitz, das macht alles schon lange keinen Spaß mehr, und selbst die kleinen Seitentäler und Hochgebirgsregionen sind längst touristisch so verlaust, dass man da maximal noch hinmag, wenn man Holländer oder TUI-Kunde oder Öl-gestopfter Wüstensohn ist, aber davon gibt es halt viele. So sehr ich Österreich mag, dieses Österreich mag ich nicht, aber hier werden eben 16% des Österreichischen Bruttosozialprodukts geschöpft (oder sollte man besser sagen geschröpft?). Meine Welt jedenfalls ist es nicht.

Also fahre ich über die Tauern (zu meiner Jungend – die Tauernautobahn war noch lange nicht fertig gebaut – bestand Obertauern aus ein paar verwegenen, grobschlächtigen Berggasthöfen und Almen auf der Hochebene des Passes, heute ist dort eine komplette künstliche Stadt mit der gesamten oben beschriebenen Touri-Infrastruktur, zusätzlich samt Freudenhaus) ins Mur-Tal hinunter, dann die Mur entlang immer Richtung Süd-Osten, Mauterndorf, Pichl, Tamsweg, Ramingstein (Finstergrün ist schon ein geiler Name für eine Burg), Murau, Judenburg haben nochmals die kritische Masse an alten Steinen, um hinlänglich Touristen anzulocken, in St. Lorenzen gibt’s ein letztes Mal Skizirkus, aber ansonsten franst das Touristen-Disney-Land langsam aus in’s richtige Leben, in’s richtige Österreich. Statt Bergbahnen gibt es nun Sägewerke, statt Hotelburgen richtige, produzierende Industriebetriebe, statt Kitschgeschäften Eisenwarenhandlungen. Vor den Gasthäusern stehen fast ausschließlich Autos mit einheimischen Kennzeichnen, die Preise auf den Speisekarten sind gefühlt wenigstens ein Drittel wohlfeiler als in den Bergen, auch ansonsten werden ausländische Kennzeichen, Wohnmobile und Touristenbusse rar, statt dessen mehren sich Schulbusse, Holzlaster, Trecker. Der Claim Lipizzaner-Land reicht offensichtlich ebenso wenig aus, um Touristenscharen anzulocken wie etwas Schloss Stainz, statt Hotelburgen gibt es Landgasthäuser und kleine Stadthotels, in denen sanfte Touristen und Handlungsreisende nächtigen und dort gemeinsam mit den Einheimischen zu Abend essen. Hier ist richtiges Leben, richtiges Österreich, vielleicht nicht mehr so kolossalisch-grandios spektakulär schön wie die Hochalpen, aber noch immer traumhaft schön und lieblich, hier und da mal verschandelt durch einen Schornstein, aber sowas ist halt auch zuweilen notwendig, wenigstens keine Flapflaps (vulgo Windkrafträder) der grünen Öko-Energie-Spinner. Bald kommen auch die ersten Steierischen Weinberge, wo die äußerst gewöhnungsbedürftigen Schilcher und Welschriesling angebaut werden, sanfte Hügel, Wälder wechseln sich mit Feldern und Wiesen ab, meist sehr dünne Besiedlung, einzelne Gehöfte und Flecken weit voneinander entfernt, die Straßen schmal, bei Gegenverkehr muss man auf den Seitensteifen ausweichen, aber wirklich schnell fährt hier ohnehin niemand, in den Tälern immer wieder Maisfelder, aber nicht zum energetischen Verrottungs-Wahnsinn, sondern als Lebensmittel, Kukuruz nennt man ihn hier und macht z.B. Polenta daraus, dann wieder Äcker mit Käferbohnen und viele, viele Kürbisfelder für die steirischen Kürbiskerne und das Kürbiskernöl, außerdem – ganz kurios – deutlich mehr Autowaschanlagen als Tankstellen, weiß der Geier, warum.

Und nun sitze ich mitten im Wald in einem winzigen Weiler bei St. Stefan ob Stainz, einer handvoll alte Holzhäuser, Ställe, Wirtschaftsgebäude, Streuobstwiese, Gastterrasse, heimelige Stuben, hier werden Wald-Wollschweine gezüchtet (und lecker zubereitet serviert), über die Terrasse spazieren Hühner und eine freundliche dreifarbige Glückskatze namens Sophie, ich wohne im alten Jägerhaus in einem gemütlichen, rustikal mit echten Kiefern-Möbeln und ein paar Antiquitäten eingerichteten geräumigen Zimmerlein mit Balkon zur Wiese, mein Wagen ist der einzige mit ausländischem Kennzeichen vor dem Haus, außer mir sind noch ein paar junge Österreichische Familien mit unglaublich vielen Kindern und einige Rentner hier zu Gast, Sauna, Pool , SPA, Fitnessraum alles Fehlanzeige, aber Marmeladen, Würste, Honig sind selber gemacht, Käse, Wein, Schnaps, Bier und Forellen von Nachbarn, Brot und Brötchen vom örtlichen Bäcker, Abends habe ich lange mit der Wirtin geplaudert, freundliche Belanglosigkeiten, aber unglaublich freundlich, das hat längst nicht mehr mit Massentourismus zu tun, das ist Gastfreundschaft, und zwar echte. Es ist schön hier. Fast möchte ich meinen, ich habe sowas gar nicht verdient …

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