Kirchenwirt in Leogang

Summa summarum: viel ist eigentlich nicht zu schreiben, zum Kirchenwirt in Leogang, natürlich nicht perfekt, aber verdammt nah dran, und dazu noch traumhaft schön, nur Essen auf Hauben-Niveau habe zumindest ich nicht bekommen, aber sehr solide, gehobene Wirtshausküche, das war’s eigentlich schon.

Leogang, das ist ganz hübsche Natur, zersiedelter historischer Dorfkern, Skizirkus im Winter, Wandertourismus im Sommer, austauschbare 4- und 5-Sterne Massentourismus-Hotels mit all inclusive, künstlich auf alpin getrimmten Zimmern und Restaurants, Hallenbad, Kinderbetreuung, Animation, Fitnessraum, Großparkplatz vor‘m Haus, Servicekräfte aus allen ehemaligen kuk-Landen, überbordenden Frühstücks-Buffets, Mittags-Snacks, Kuchen und Eis am Nachmittag, Fünf- oder Sechs-Gänge-Menü mit abschließendem Käse-Buffet zur Nacht, Hotelbars mit Tanz- und Musik-Abenden, das volle Programm. Ich mag sowas nicht wirklich.

Der Kirchenwirt ist da anders. Tatsächlich direkt neben der Dorfkirche und Rathaus im alten Dorfkern gelegen, das Gebäude aus dem 14. Jahrhundert, lange bevor Amerika von den Europäern entdeckt wurde, wurde hier schon bewirtet, bis heute, fast 700 Jahre lang, das ist doch schon mal eine Leistung. Heute präsentiert sich der Kirchenwirt komplett sanft renoviert, alles ist top in Schuss und auf der Höhe der Zeit (aber trotzdem weder Lift noch Hallenbad), die alte Bausubstanz wurde überall erhalten, konserviert, harmonisch in die moderne Funktionalität integriert. Dieses Haus atmet Authentizität, und das zu Recht. Jedes der 18 Zimmer – vom Standardzimmer bis zur Suite – ist individuell gestaltet, alte Balken, Türen, Böden, Möbel erhalten, dazu aber moderne Bäder, U-Elektronik, tolle Betten, flauschige Handtücher, die Türen echt historisch vielleicht 1,60 hoch, Designer-Lampen, schnelles Internet, … (nur eine alte Schulbank – so schön sie auch ist – ist als Schreibtisch gänzlich ungeeignet für einen erwachsenen Menschen). Gewöhnungsbedürftig ist die Kirchturmuhr, die die ganze Nacht schlägt sowie lärmende Restaurant-Gäste, die Nachts das Haus verlassen und der Brötchenlieferant früh Morgens, der mit super-lauter Musik vorfährt; Dorf-Stille geht anders, aber die Fenster sind gut schallisoliert. Für Hotelgäste gibt es einen großzügigen, legeren Lounge-Bereich im ersten Stock, dazu für alle drei holzgetäfelte, historische Gasträume, einen romantischen Gastgarten und zwei Tische vor dem Haus mit Blick auf die Kirche gegenüber; sehenswert ist sicherlich auch der prall gefüllte Weinkeller im Tonnengewölbe mit Schwerpunkt Österreich, aber auch viel große Franzosen, vor allem aus dem Burgund, Bordeaux, Champagne und von der Rhone, dazu Italiener, leider auch Flugweine aus Amerika, Australien, Südafrika, sogar Japan, hier sollte sich jeder Hotelier und jeder Weinliebhaber meiner Meinung nach überlegen, ob er diesen logistischen Wahnsinn angesichts hervorragender Europäischer Weine vor seinem Gewissen verantworten kann.

Die Servicekräfte sind durch die Bank weg freundlich, zuvorkommend, höflich, herzlich, und das nicht in der oft gespielten Weise wie bei dem rotierenden, austauschbaren Personal großer Hotels, sondern echt. Man fühlt sich willkommen und umsorgt. Ein ganz großes Plus: bei der Buchung habe ich natürlich bereits vorab mein kompletten Daten angegeben, beim Einchecken erwartet mich nun ein bereits komplett ausgefüllter Meldezettel, statt dass ich alles nochmals von Hand eintragen muss, ein Service, den ich sehr wohl zu schätzen weiß. Und der „Herr Scheeef“ Hans-Jörg Unterrainer, der das Hotel zusammen mit seiner Schwester Barbara Kottke führt, legt genau die richtige Mischung aus freundlich mit den Gästen plaudern und repräsentieren einerseits, tatkräftig und fachkundig mit anpacken wenn notwendig andererseits, und überwachen und anleiten auf der dritten Seite an den Tag, solche Chefs sind selten.

Das Essen schließlich beim Kirchenwirt ist durchaus exzeptionell. Einerseits ist die Küche mir zwei Gault Millau-Hauben ausgezeichnet, andererseits gibt es auch traditionelle, regionale Küche. Auf der Karte stehen Rindssuppe, Beuscherl, Wurzelfleisch, Schnitzel vom Schwein oder Kalb einträchtig neben Jakobsmuschel, Istrischen Trüffel, Ringelrüben-Ravioli und Bio-Kalbskotelett. Hier kann man für 98 EURO das große sechsgängige Menue wählen, man wird mit Suppe, Schnitzel und hausgemachter Eisvariation à la carte aber auch trefflich für 31 EURO satt, ganz nach Gusto und Geldbeutel. Das ist eine Wahlfreiheit, die wenige Restaurants bieten, die ich aber sehr mag. Dabei fing mein Abendessen eher enttäuschend an, nach wenig spektakulärer Salzbutter und Paprika-Topfen mit ebenso wenig spektakulären Broten dann als Gruß aus der Küche ein Fitzelchen Hirschschinken mit einem Kleckschen Blauschimmelkäse, einem Schnitzchen Birne und einem blassen, nicht durchgebackenen Bröcklein vom Blätterteig, alles alleine nicht besonders geschmacksintensiv, auch im Zusammenspiel nicht geeignet, im Maule geschmackliche Sensationen auszulösen. Tadellos dann die Rindssuppe mit Einlagen. Das schon angemachte Tatar offensichtlich nicht gewolft, sondern tatsächlich mit dem Messer gehackt, allerdings nicht sorgfältig, so dass einzelne größere Fleischfetzen enthalten waren, die bei Schlucken schon einen Würgereiz auslösen konnten, außerdem hätte das Tatar durchaus eine kräftigere Würzung vertragen; geröstetes, fettes Graubrot dazu auf dem Heubett, … naja. Das pochierte Bio-Ei war überzogen von einem Nussbutterschaum, ganz eine kuriose Zubereitung, die paar frittierten Kartoffel-Zesten dazu ein knuspriger Kontrast zum weichen Ei, aber geschmacklich vollkommen untergehend, die paar Scheibchen Sommer-Trüffel aus Istrien – fälsch auf der Karte als Perigord-Trüffel bezeichnet – erwartungsgemäß auch kein wirklicher kulinarischer Bringer. Das Schnitzel tadellos, hervorragendes Fleisch, in gutem Fett ausgebacken, abgehobene Panade, leider etwas zu kurz gebacken und zu blass, geschmacklich sehr gute Petersilienkartoffeln und schließlich kalt gerührte Preiselbeeren, das war tadelloser gehobener Wirtshaus-Standard, nicht mehr, nicht weniger. Anspruchsvoller dann schon der perfekt rosa gebratene Rücken vom Hirschkalb, förmlich auf der Zunge zergehend, dazu ein kurzes Sößchen zum niederkien, runder, fester Kartoffelbrei („Kartoffelrolle“ geheißen) mit einer Konsistenz perfekt zum Auftunken des Sößchens und frisches, auf den Punkt gegartes Saison-Gemüse, das war dann auch ohne Trüffel großes kulinarisches Theater. Zum Dessert schließlich der Waldheidelbeer-Schmarren mit hausgemachtem Eis, der war wirklich eine Wucht, derb, gewiss nicht verfeinerte Hochküche, aber eine Wucht, nicht zuletzt dank der echten Waldheidelbeeren. Da kamen Jugenderinnerungen auf. Die Bedienung dazu unglaublich freundlich, flott, kompetent, zuvorkommend, omnipräsent und doch nicht aufdringlich, irgendwann fing der „Herr Scheeef“ an, mich offene österreichische Muskateller und Traminer kosten zu lassen, da soll man nicht schwach werden. Passend dazu das Frühstück, wenig, aber von bester Qualität, frischer Obstsalat (frisch, nicht am Vorabend geschnippelt), Bäckersemmeln (vom Krachmacher geliefert), haugemachte Marmeladen, wenig Wurst, Käse, Schinken, Geselchtes, Lachs, dazu frisch geriebener Kren (ich erinnere mich an kein – kein! – Fünf-Sterne-Hotel mit frisch geriebenem Kren), keine warmgehaltenen Eierspeisen und Würstel, sondern alles à la minute zubereitet, natürlich guter, etwas bittererer Österreichischer Kaffee … Wenn ich so zurückblicke auf exzeptionelle Hotelfrühstücke, nicht die Massenabfütterungen in den Kempinskis, Interconties, Westins und Hiltons dieser Welt: etwa in der Traube in Tonbach, Esplande in Zagreb, Fürstenhof in Leipzig, Dolder Grand in Zürich, … keines davon könnte ehrlich gesagt mithalten mit dem Frühstück im Kirchenwirt, vielleicht noch Adlon, Grand Hotel in Stockholm oder das Taj in Bombay, und die sind nun mal eine Klasse für sich.

Was bei der Abreise bleibt ist ein unglaublich entspannter Aufenthalt in sehr angenehmem, authentischem Ambiente mit super-freundlichen Menschen, komfortablen Zimmern und ordentlicher, meist tadelloser Küche. Zwei-Hauben-Niveau habe zumindest ich nicht im Kirchnwirt serviert bekommen, auch am Ein-Hauben-Niveau würde ich zweifeln, aber gehobene, durchweg solide Wirtshausküche und ein ziemlich gigantischer Weinkeller, das kann zumindest ich dem Kirchenwirt in Leogang bescheinigen.

 

Gasthof Kirchenwirt
Barbara Kottke und Hans-Jörg Unterrainer
Unterrainer GmbH & CoKG
5771 Leogang Nr. 3
Österreich
Tel.: +43 (65 83) 82 16
E-Mail: info@k1326.com
Internet: www.kirchenwirt.at

 

Hauptgerichte von 16 € (Schweineschnitzel) bis 32 € (Hirschkalbrücken), Drei-Gänge-Menue von 31 € bis 62 €

 

Doppelzimmer mit Frühstück (pro Zimmer, pro Nacht) 180 € bis 270 €

Teile diesen Beitrag:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Back to Top