Allein die Gerüche wären Eintritt wert …

Anfang des Jahrtausends kam ich tatsächlich das erste Mal bewusst nach Augsburg. Zuvor waren wir dann und wann mal in Königsbrunn gewesen, in der ehemaligen Königstherme, in grauer Vorzeit einmal die größte und modernste Therme Süddeutschlands, aber Augsburg selber war nie irgendwie ein Thema, wer will schon zu diesen Nicht-Fisch-Nicht-Fleisch-Typen, keine richtigen Bayern mehr, noch keine richtigen Schwaben, es gibt keine gescheiten Schweinshaxen mehr und noch keine gescheiten Maultaschen … da ist schon was dran, bis heute. Irgendein Beratungs-Projekts verschlug mich dann zwangsweise irgendwann einmal länger nach Augsburg, ich weiß noch nicht einmal, wer der Klient war, es gab noch Linienflüge am Augsburger Schnarch-Flughafen, ich schlief mal im Hotelturm, mal im Steigenberger, weder Wittelsbacher Park noch Maximiliansstraße konnten Begeisterung für diese Stadt erwecken, auch die Annastraße trug wenig zur Enthusiasmierung bei, und der Stadtmarkt war immer schon zu, wenn ich denn mal in die Stadt kam.

Eines Abends jedoch wagte ich mich den Judenberg hinab, diese wahrlich wenig einladend aussehende, durch die Abluft der Capitol-Küche verstunkene Gasse von der Ober- in die Unterstadt, tja, und unten angekommen, traf es mich dann wie ein Schlag, dieses Gewirr von Gassen, Kanälen, Plätzen, Läden, Kneipen, Brücken, Höfen … kein McDonalds, kein H&M, kein Karstadt, kein Gucci … aber der Bosna-Imbiss, kleine Geschäfte, Kunsthandwerker, Goldschmiede, Biolebensmittel, Straßencafés, die alte Komödie, kaum Autoverkehr, das Bauerntanz vielleicht damals wie heute der einzige Schandfleck. An diesem Abend fing ich an, Augsburg zu mögen, vielleicht nicht grade zu lieben, aber immerhin zu mögen.

Augsburger Gewürz-Kräuter-Tee-Haus, Getrude Kössler-Mayr

Inmitten dieses Gassengewirrs liegt damals wie heute das Augsburger Gewürz-Kräuter-Tee-Haus, das Getrude Kössler-Mayr seit den achtziger Jahren betreibt, davor waren sie, ihre Eltern und Großeltern auf den zahlreichen Märkten und Dulten in drei Generationen als fahrende Gewürzhändler unterwegs, und bis heute ist Frau Mayr-Kössler – mittlerweile unterstützt von ihrem Sohn Christoph – nicht nur in ihrem Landen, sondern auch auf der Augsburger Frühlings- und Herbst-Dult präsent. Den Laden zu betreten ist eine olfaktorische Sensation. Ich vermag nicht zu sagen, wonach es spezifisch riecht, ob nach Vanille, Pfeffer, Curry, Pfefferminze, … es ist vielmehr eine grandiose, wohlriechende und intensive Geruchsmelange, die einem entgegenschlägt, wenn man den bis oben hin mit Gewürzen, Tees, Kräutern geradezu vollgestopften Laden betritt. Die meiste Ware wird lose in großen grünen Tüten oder in Dosen angeboten, dazu hunderte Sorten von selbst abgefüllten Gewürzen, meist in 50 und 100 Gramm Beutelchen. Im Gegensatz zum Beispiel zum Gewürz-Supermarkt des unsäglichen Schuhbecks ist hier kaum etwas industriell vorkonfektioniert, werbewirksam mit dem Namen irgendeines Medien-Scharlatans bedruckt und dann hochpreisig wohlfeil geboten, auch nirgends die verkaufsfördernden Buzz-Words „bio“, „öko“, „naturbelassen“, „vegan“, „frei von Schießmichtot“ in großen Lettern. Hier werden ganz einfach Gewürze, Kräuter und Tees verkauft, und ich vertraue der Gertrude Kössler-Mayr, dass die Qualität ihrer Ware nicht nur einwandfrei ist, sondern das Beste, was man auf Markt bekommen kann, und dass sie alles, was sie feilbietet, auch selber verwendet. Dutzende Sorten verschiedener Curry- oder Senfpulver, zig Sorten Pfeffer, seltene Gewürze wie Eisenkraut oder Ajowan, fertige Gewürzmischungen zum Brotbacken oder für Geflügel, dazu Schwarz- Grün- und vor allem Kräutertees, alles lose, frisch abgewogen und verpackt. In dem Laden herrscht nicht nur ein  phantastischer Geruch, es herrscht auch eine andere Zeit. Alles ist verhalten, Hektik ist hier fremd. Wenn mehr Kunden im Laden sind, dann müssen sie halt warten, bevor Frau Kössler-Mayer und ihr Sohn einen Gang hochschalten und die Tütchen etwa schneller, im Akkord abwiegen; alles geschieht mit Bedacht und Akribie, während der Wartezeit wird halt ein wenig geplaudert. Und man läuft hier auch nicht jeder Mode-Sau hinterher. Das ganze Ambiente würde sich etwa für eine kleine Ayurveda-Tee-Lounge eignen, das Publikum wäre da, Räucherstäbchen und indische Seidentücher mit hoher Bruttomarge fänden sicherlich ebenso ihre dankbaren Abnehmer, vielleicht noch veganes Konfekt und Bücher über Buddha oder fernöstliche Küche … aber alles Fehlanzeige. Ein Schuster, der konsequent bei seinem Leisten bleibt, und ein Gewürz-Kräuter-Tee-Haus, das konsequent ein Gewürz-Kräuter-Tee-Haus bleibt. Ich bin gerne dort, die Atmosphäre ist angenehm, die Produktqualität deutlich besser als bei vergleichbarer industrieller Ware aus dem Supermarkt, und die Preise … die Preise, ja was weiß ich denn, was 100 Gramm Thymian bei REWE und was bei Frau Kössler-Mayer kosten, sehe ich aus – um James Bond aus Casino Royal zu zitieren – wie jemand, den das interessiert?

Augsburger Gewürz-Kräuter-Tee-Haus, Getrude Kössler-Mayr

Augsburger Gewürze-Kräuter-Tee-Haus
Gertrud Kösler-Mayr
Mittlerer Lech 20
86150 Augsburg
Tel.: +49 (8 21) 3 56 31
Email: denkste!
Online: vergiss es!

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