Gespräch mit einem Concierge, Teil 5

Gelesener Mensch und Pegeltrinker

Caro kommt, wie erwartet wieder ziemlich fertig. Noch bevor sie Rum bestellt, legt sie einfach ihren Kopf auf meine Schulter und seufzt, seufzt tief. „Die sind alle so doof“, flüstert sie. „Was die machen wollen, ist letztendlich kriminell. Und ich soll’s juristisch so drehen, dass es gerade noch nicht kriminell ist und man die im Zweifelsfalle eben nicht bei den Hammelbeinen packen kann; aber alle Steuer- und Subventionsvorteile eines kriminellen Konstrukts wollen sie trotzdem. Quadratur des Kreises, schöne Scheiße. Aber dafür zahlen sie wenigstens gut.“ Sie trinkt ihren ersten Rum hastig. „Verzeihung, ich habe mich nicht vorgestellt“, wendet sie sich an meinen Gesprächspartner/Zechkumpanen. „Mein Name ist … Ich komme gerade aus einer schwierigen Sitzung.“ „Ach, Sie sind die bekannte Wirtschaftsjuristin?“, entgegnet der Ex-Concierge. „Sie kennen mich?“ fragt Caro sichtlich erstaunt. „Sicher, Sie waren doch öfters bei uns im Haus. Mein Name ist …, ich war lange Jahre Concierge im …“ „Da war ich tatsächlich dann und wann schon mal. Aber mir wäre nicht in Erinnerung, dass wir miteinander zu tun gehabt hätten.“ „Ich habe Ihnen ein paar Mal ein Taxi rufen lassen und ein Restaurant empfohlen, mehr nicht, da müssen Sie sich gewiss nicht an mich erinnern. Aber mein Job ist es, mich an Sie zu erinnern. Immer Executive Room, immer Zusatzkissen, Sie reisen mit Ihrem eigenen Flugzeug, immer ohne Begleitung, Sie trinken Premium-Rums in der Hotelbar, frühstücken meist auf dem Zimmer, essen gerne bei gepflegten Italienern, können das Hotelsekretariat gelegentlich ganz schön auf Trab halten, wollen am Tag Ihrer Abreise rechtzeitig vor aufziehenden Unwettern gewarnt werden. Richtig?“ „Wow!“ Caro ist sichtlich beeindruckt. „Sehen Sie, es ist – war – mein Job, sowas aus dem Effeff zu wissen. Jenseits des PMS war ich sowas wie das Gedächtnis des Hotels. Aber selbst wenn man nicht das Gedächtnis des Hotels ist – so eine Dame wie Sie vergisst man doch nicht.“ Caro lächelt verlegen und geschmeichelt zugleich; um abzulenken bestellt sie sich die Charcuterie-Platte, eigentlich für zwei Personen gedacht. „Du isst doch ein wenig mit?“, fragt sie mich entschuldigend und mehr rhetorisch. „Sie hingegen“ – der Concierge wendet sich wieder an mich – „hätte ich bei uns nie gesehen.“ „In so schöne Hotels nimmt mich die Dame ja auch nicht mit“, spiele ich den Mauligen. „Ist Schlosshotel Grunewald etwa nicht schön?“ „Doch, doch“, beschwichtige ich sogleich. „Aber Nobelschuppen – Verzeihung …“ „Nein, nein, ist schon gut. Die Bezeichnung trifft es ja letztendlich ganz gut.“ „… sind so gar nicht mehr mein präferiertes Habitat. Mittlerweile bin ich mehr die Fraktion Landgasthof.“ „Das ist doch keine Schande“, sagt der Concierge. „Luxushotels können gerne mal anstrengend sein, nicht nur für das Personal, auch für den Gast. Landgasthöfe sind da oft viel entspannter. Aber Ihnen sieht man einfach an, dass Sie auch in der Luxusklasse spielen können.“ „Woran sieht man mir das an?“ frage ich erstaunt. „Darf ich ehrlich sein?“ „Nur immer frei heraus, jetzt bin ich neugierig. Man bekommt ja nicht alle Tage von einem Hotelprofi ein fachliches Feedback als Gast.“ „Mit den Jahren entwickelt man einfach einen Blick dafür. Ihr Outfit ist von der Stange, gehobene Stange, keine Discounterware, aber Stange, Jeans, Polo, das Sakko ist von Hechter, nehme ich an. Aber Sie verraten sich durch Ihre Schuhe: ein rahmengenähter Oxford, Sämischleder, dazu gepflegte Patina, sowas gibt‘s nicht von der Stange, und sowas gibt‘s auch nicht für 99,99 bei Deichmann. Es sind immer die Schuhe, an denen man den wahren Stand erkennt. Weiter tragen Sie keine Uhr und keinerlei Schmuck außer Ihrem Lederarmbändchen, von Gucci nehme ich an, und das ist schon ziemlich abgewetzt, Ihre Art von Understatement, würde ich sagen. Ich lese daraus, sie könnten protzen, wenn Sie wollten, aber Sie haben es nicht mehr nötig, mit irgendwas zu protzen, und vor allem, Sie wollen, Sie müssen keine Uhr mehr tragen. Sie müssen sich weder von Terminen und Deadlines hetzen lassen noch müssen Sie irgendwem zeigen, dass Sie sich ein paar tausend EURO oder mehr an’s Handgelenk hängen können. Gnädige Frau“ – er wendet sich unvermittelt wieder an Caro –, „wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf, Ihre Lange No. 1 ist wunderschön und sicherlich ein Statement, zumal in Gold, aber viel zu groß und auffällig für Ihr zartes Handgelenk.“ Eigentlich hatte ich erwartet, dass Caro ihm für diese Bemerkung Eins auf die Mütze gibt, aber wieder lächelt sie nur verlegen ob dieser dezenten Kritik eines offensichtlichen Fachmanns und beginnt, ihre Wust-Käse-Platte mit den Fingern zu mümmeln; sie scheint Hunger zu haben. „Bei Ihnen …“ – der Concierge wendet sich wieder an mich – „… konnte ich schon bei Ihrem Betreten der Bar lesen, was Sie sind, zwar nicht, wer Sie sind, aber zumindest, was Sie sind.“ „Wie das?“ „Ganz einfach, wie Sie hereingekommen sind. Da kam kein vorsichtiges, unerfahrenes Mäuschen in die Bar, das sich erst einmal unsicher umsieht, die Örtlichkeit und die Lage inspiziert, sich orientiert, abcheckt, ob alles sicher ist, ob man vielleicht wieder rausgeworfen werden könnte oder ob man vielleicht nicht deplatziert oder zumindest nicht willkommen sein könnte, ein Mäuschen, das sich nicht wirklich auskennt und nun verkrampft versucht, alles richtig zu machen und bloß nicht aufzufallen. Nicht nur die Körpersprache, auch die Blicke, die Bewegungsabläufe, das ganze Verhalten und Auftreten sprechen hier Bände. Verstehen Sie das nicht falsch, ich will hier keinesfalls einen unerfahrenen Barbesucher irgendwie schlecht machen; wir alle waren mal Mäuschen, die Erfahrung und die Sicherheit kann erst mit der Zeit kommen, ob das nun eine Bar ist oder ein Luxushotel oder ein Nobelgeschäft oder eine Party oder von mir aus auch eine Kirche. Ich habe nun schon sehr viele Bars, Luxushotels und Nobelgeschäfte und auch Partys gesehen, und ich glaube, ich kann mich da nicht nur benehmen, da kenne ich mich auch sofort aus, und bei Ihnen wird das nicht anders sein. Aber schicken Sie mich mal in einen Hinduistischen Tempel, da bin ich dann mit einem Male auch wieder Mäuschen, das von nichts eine Ahnung hat und sich instinktiv erstmal möglichst klein macht, nur um nicht aufzufallen oder anzuecken, bevor es die Spielregeln vor Ort verstanden hat. Also, Bar-Mäuschen sind Sie ganz gewiss nicht mehr, und auch nicht Ihre reizende Begleitung.

Dann gibt es da noch die entgegengesetzte Sorte, die ganzen Hoppla-hier-komm-Ichs. Glauben Sie mir, als Hotelmitarbeiter muss ich denen gegenüber höchst zuvorkommend, höflich, dienstbar bis zur Selbstaufgabe oder zumindest bis die Socken qualmen sein, denn wenn sich jemand bei der Direktion grundlos über einen Mitarbeiter beschwert, dann sind das diese Hoppla-hier-komm-Ichs. Als Mensch, nicht als Hotelmitarbeiter, sondern als Mensch – und wir Hotelmitarbeiter sind auch Menschen, selbst wenn das so mancher Gast regelmäßig zu vergessen scheint – finde ich diese Leute zum Kotzen. Diese Hoppla-hier-komm-Ichs sind meistens die Juniorsuite-Typen. Die betreten eine Hotelbar, die betreten jeden Raum, als würde er ihnen gehören, plustern sich erstmal richtig auf, sie blicken sich nicht um, um sich zu orientieren, die checken ab, fast immer sprechen sie laut oder geben sonst irgendwie Geräusche von sich, wie ein brüllender Löwe, um Ihren Anspruch als Herrscher des Dschungels – dabei leben Löwen gar nicht im Dschungel, sondern in der Savanne – zu unterstreichen. Solche Leute tragen immer dicke Uhren und sind teuer – nicht unbedingt gut oder geschmackvoll, aber jedenfalls immer teuer – gekleidet, die lassen auch gerne schon mal das Brioni-Schildchen am Sakko-Ärmel dran, damit auch der letzte Depp sehen kann, dass das ein Nobel-Zwirn ist. Und wieder die Schuhe, die sind zwar auch teuer, aber die Patina fehlt, so wenig pfleglich die mit ihren Schuhen umgehen, so wenig pfleglich gehen sie mit ihrer Umwelt um, Schuhe und Umwelt, das sind Gebrauchsgegenstände für solche Leute, die einfach ausgetauscht werden, wenn sie abgenutzt sind, jeglicher pfleglicher Umgang ist solchen Leuten gänzlich fremd. Pfleglich sind die nur, wenn sie etwas brauchen, um selber voranzukommen, um selber Erfolg zu haben. Das kann ein Auto sein, um sie durch eine Wüste zu bringen: Während der Fahrt wird die Karre gehegt und gepflegt, damit sie nicht verreckt – das wäre der Effizienz, dem Erfolg abträglich; am Ende der Wüste, nach der erfolgreichen Durchquerung, wird der Wagen links liegen gelassen, entsorgt, durch einen besseren, angemesseneren ersetzt. Das kann vor allem aber auch ein Kollege oder Geschäftspartner sein, den man gerade braucht, um selber voranzukommen und Erfolg zu haben. Solange sie so jemanden brauchen, sind diese Leute die zuvorkommensten, fürsorglichsten Partner, doch wenn das Ziel erreicht ist, wird der Kollege oder Geschäftspartner auch wieder rasch entsorgt, man braucht ihn ja nicht mehr, und der gemeinsame Erfolg wird niemals geteilt, den heimsen diese Leute ganz für sich alleine ein. Loyalität ist für die ebenso ein Fremdwort wie Selbstlosigkeit, alles muss einen Zweck haben, einen Zweck für sie selber und ihr Vorankommen. Die ganze Körpersprache dieser Leute ist ruppig, zügig, wenig elegant, auf Effizienz und Wirkung getrimmt, immer kräftig. Reserviert-Schilder auf Tischen interessieren solche Leute prinzipiell nicht, die warten niemals auf einen Kellner, um platziert zu werden, die greifen sich instinktiv immer den besten Tisch, und wenn der beste Tisch ein reservierter und bereits eingedeckter Sechser-Tisch ist, sie schnappen ihn sich trotzdem, auch wenn sie alleine sind; und falls ein Kellner oder der Restaurantchef sich traut, was zu sagen, wird er auch noch angemault. Diese Leute können irgendwas besonders gut, sie sind fleißig, sie sind erfolgreich, alles neidlos zugegeben, aber sie schaffen es in den seltensten Fällen über die Juniorsuite hinaus, denn sie sind gefangen in ihrer eigenen sozialen Inkompetenz, da können sie noch so toll managen oder programmieren oder erfinden oder handeln oder von mir aus jodeln. Ab einer bestimmten Stufe in der Nahrungskette zählt dann soziale Kompetenz mit einem Male eben doch.“

„Und was bin ich dann in diesem Tableau?“, frage ich fast ängstlich. Mein Gegenüber schmunzelt: „Weder-noch, Sie sind ein typischer Weder-Noch, weder Mäuschen noch Hoppla-hier-komm-Ich. Im Ernst: als Sie die Bar betreten haben, strahlten Sie Selbstsicherheit aus, aber keine Arroganz, keine Aufregung, Sie ruhten ganz in sich selbst im Hier und Jetzt. Sie wollten weder möglichst wenig auffallen noch wollten Sie Ramba-Zamba machen und den großen Zampano geben. Sie wollten ganz einfach einen Drink, und Sie wollten Ihre Ruhe. Man hat gesehen, dass Sie Bar kennen, wie sie funktioniert, wie man sich benimmt, was Sie erwarten dürfen und auch was nicht. Fremdes Terrain und nobel sind für Sie alltäglich, weder ein Grund zu übertriebener Freude noch zu übertriebener Vorsicht oder Unsicherheit, ganz einfach normal. Sie sind eine erfahrene Barfly, Sie haben die Karte nicht eines Blickes gewürdigt, sondern sofort Ihren Martini bestellt, sehr professionell und dezidiert bestellt, Sie wissen genau, was Sie haben wollen, und – wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf – Sie haben einen exquisiten Geschmack, was Drinks anbelangt. Fancy Cocktails mit Schirmchen, Champagner und Trockeneis sind Ihnen ganz gewiss ein Gräuel …“ „Na ja, so ein schöner Death in the Afternoon“, werfe ich ein. „Also, wenn Sie bei mir einen Death in the Afternoon bestellen würden, noch dazu in der von Hemingway empfohlenen Menge, dann wüsste ich sofort, dass Sie aktuell Probleme haben. Sie sind kein Absinth-Typ, Absinth wäre für Sie Medizin, Betäubungsmittel. Ihre Martinis sind ja schon hart genug. Und Sie schauen nicht auf’s Geld, ein normaler Barbesucher hätte erst einmal nachgesehen, was die Cocktails hier kosten, Sie hingegen haben blind bestellt, Sie wissen, der Martini wird irgendwas zwischen 15 und 25 EURO kosten, und Sie sind bereit und in der Lage, das für einen guten Drink auszugeben, die Nachkommastellen interessieren Sie nicht; und wenn er unerwartet 50 EURO kosten würde, würde Sie das vielleicht wundern oder ärgern, aber umbringen würde es Sie nicht, und auch nicht davon abhalten, einen zweiten und einen dritten zu bestellen. Jemand wie Sie – oder irre ich mich? – würde niemals auf sein Vergnügen verzichten, nur weil es plötzlich etwas teurer ist; und Sie sind viel zu bequem, um aufzustehen, um ihr frisch gemachtes mentales Nest für diesen Abend wieder zu verlassen, nur um irgendwo anders ein neues Nest mit billigeren Drinks zu suchen. Wenn es Ihnen hier nicht gefallen hätte oder wenn der Martini schlecht gemacht worden wäre oder wenn die Bar nur Beefeater und Gordons zu bieten hätte, dann wären Sie wahrscheinlich ruck-zuck wieder weggewesen, aber für ein paar EURO mehr oder weniger verlässt jemand wie Sie seine temporäre Komfortzone nicht.“ Ich schlucke. Vorhin hatte der Concierge davon gesprochen, dass er Menschen lese, ich hielt das für eine Art Metapher, doch jetzt verstehe ich, was er damit wirklich meinte und wozu er fähig ist. Irgendwie spooky. „Wollen Sie noch mehr hören?“ „Sie wissen noch mehr?“ „Einem Gast im Hotel würde ich sowas nie sagen, aber hier frank und frei heraus: Sie sind Pegeltrinker. Nach der Menge Martinis, die Sie heute weggekippt haben, würde jeder normale Mensch wenigstens lallen. Sie nicht, keine Spur von Koordinationsproblemen. Sowas ist nicht gut. Den Barkeeper freuen solche Leute: Große Zeche und trotzdem gutes Benehmen, keine Ausfälligkeiten, und hoher Alkoholkonsum macht am Ende des Abends obendrauf hohes Trinkgeld.“ Caro knufft mich und sagt mit vollem Munde: „Sage ich doch schon lange!“

Ende.

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