48 Stunden SanFran (6/6)

Unseren Absacker für den Tag nehmen wir in der Bar des Ritz Carlton, einem protzigen neoklassizistischen Schuppen mit einer im Gegensatz zum Fairmont ziemlich guten Hotelbar namens The Lounge. Es ist nobel-gediegen, ein Mann mit Schlägermütze spielt vor dem Kamin auf einem Banjo amerikanische Weisen vom Herzschmerz und dass dieses Land mein Land sei, und dass es sein Land sei, und dass es gemacht sei für mich und ihn … was die native americans wohl dazu sagen, politisch korrekt ist sowas ja nicht. Wirklich gut hingegen ist die Bar und die Barkeeperin, die zuerst Caro zufriedenstellt mit einem formidablen Pisco Sour aus peruanischem Capurro Pisco Acholado, den findet man in Deutschland kaum, und als sie merkt, dass ich ein gewisses Interesse an Gin hege, sofort zur Höchstform aufläuft und ein spontanes Tasting us-amerikanischer Gins organisiert.

  • Den No. 209 Gin 5XD aus der gleichnamigen Manufaktur-Destille in San Francisco hatte ich ja nun schon im Fairmont, die Basis ist vierfach destillierter Alkohol aus Mais, dann wird über Nacht kalt mazeriert und ein fünftes Mal gebrannt, dann ziemlich sicher noch nachgesüßt, heraus kommt ein Gin mit 46% Alkohol, dominante Zitrus- und Johannisbeernoten, etwas pfefferige Schärfe im Abgang, ganz wenig Wachholder, eher ein süßlicher Kräuterlikör denn Gin, aber / daher unglaublich erfolgreich im Imperium dieser Tage. Ca. 45 € / Liter
  • Bummer and Lazarus (benannt nach zwei Straßenkötern, die den 1860er Jahren aufgrund ihrer Fähigkeiten bei der Rattenjagd Berühmtheit in San Francisco erlangten und heute fester Bestandteil der Kulturgeschichte Kaliforniens sind … Straßenköter) aus der Raff Distillerie in San Francisco ist ein Gin mit 46% auf der Basis von Alkohol aus Trauben, heiß mazeriert mit Wachholder, Angelika- und Iriswurzel, Koriandersamen, Orangen- und Zitronenschalen, Zimt und Süßholz. Wieder wenig Wachholder im Geschmack,. stattdessen dominieren Zitrus und Koriander, Caro und ich sind uns sicher, auch Macis zu schmecken, aber der soll definitiv keine Zutat der Suppe sein, und wieder Schärfe im Abgang. Ca. 43 € /Liter
  • Beim St. George Terroir Gin werde ich respektvoll, denn St. Georg Spirits in Alameda, Kalifornien wurden 1982 von dem Deutschen Jörg Rupf gegründet, der heute als Vater des modernen amerikanischen Manufaktur-Destillerie-Wesens gilt, ein Deutscher also, der mal wieder ein wenig Kultur nach Ami-Land gebracht hat. Sein Dry Rye Gin ist zwar noch besser, hatten sie aber nicht, aber der Terroir Gin ist auch ziemlich gut und vor allem distinktiv, nach all den Zitrus- und Beeren-dominierten Süßlingen, die dieser Tage an der Westküste als Stargetränke reüssieren. Geröstete Koriandersamen, Lorbeer, Kiefer und – wenngleich nicht dominant – Wachholder bestimmen diesen Gin mit seinen 45%. Beim Trinken kommt er schon vorne scharf, füllt das Maul geschmacklich komplett aus, ist männlich, markant, aber flach im Abgang. Ca. 44 € / Liter
  • Für Uncle Val’s Botanical Gin haben sich die Macher von der 3 Badge Beverage Corporation aus Sonoma endlich mal eine neue Marketing-Story einfallen lassen: es war einmal ein pensionierter Botaniker namens Vaerio Cecchetti aus Lucca in Italien, der war nicht nur Lieblingsonkel des jetzigen Besitzers der Destilliere, August Sebastiani, der hatte auch noch eine eigenes Kräutergärtlein in der Toskana, den er über alles liebte, hegte und pflegte, … und was läge näher, als diesen Kräutergarten nach dem Ableben des Onkels in vierfach destilliertem Getreide-Alkohol kalt zu mazerieren, nochmals zu destillieren und das Produkt dann nach dem verblichenen Onkle Uncle Val’s Botanical Gin zu nennen. Dennoch ist dieser Gin mit seinen 45% sehr klar und ehrlich strukturiert: Wachholder und Salbei dominieren deutlich, unterstützt von einem Hauch Zitrus (ohne den es dieser Tage wohl nicht zu gehen scheint, bei kalifornischem Gin) und – vergesst Hendricks, Whitley Neill, Farallon, Gustaf, … – einer ganz leichten Spur Gurke, nicht so Salatdressing-aufdringlich wie beim Hendricks, sondern wirklich nur ein ganz leichter Anflug, der diesen kräftigen Gin wieder leicht macht, so dass er auch pur auf Eis an einem Sommerabend taugt. Ca. 46 € / Liter
  • Die letzte Flasche der kleinen Degustation ist Barr Hill Gin mit 45% von Caledonia Spirits aus Vermont, gemeinsam entwickelt vom Barkeeper Todd Hardie und dem Brenner Ryan Christiansen. Ziel der beiden war es, Imkerei und Brennerei zu verbinden, und das Ergebnis ist verblüffend. Barr Hill Gin besteht aus nur drei Zutaten, keine geheime, vom Ur-Ur-Ur-Großvater tradierte Liste noch geheimerer Botanicals im Tresor, sondern ganz einfach reiner Basis-Alkohol aus Getreide, fermentierter unbehandelter Honig und Wachholder. Der fermentierte Honig und der Wachholder werden ganz einfach heiß mazeriert und fertig. Das Ergebnis ist nicht etwa ein Old-Tom-Verschnitt, sondern ein ausgesprochen vollmundiger, tatsächlich süßlicher, aber nicht süßer Gin mit absolut klarer Wachholder-Note ohne sonstige Ablenkung. Chapeau! Ca. 45 € / Liter

Spontan und ziemlich begeistert entschließe ich mich, meinen Martini mit Barr Hill Gin zu nehmen. Auch hier versteht die Barkeeperin ihr Handwerk, doch dann schlägt sie eigenmächtig vor, ich möge doch auf mein Lemontwist verzichten und stattdessen eine Zeste von der Orange versuchen. Anarchie im Vereinigten Königreich! Ein Martini Cocktail ohne Lemontwist, das ist offener Aufruhr und kultureller Weltuntergang, aber vertrauensvoll lasse ich die Dame machen, und siehe da, im Martini aus Barr Hill Gin kommt die Orangenschale ganz trefflich. Danke dafür!

Am nächsten Morgen brunchen wir noch im Fairmont, dafür eignet sich die Halle dann wieder sehr gut, trotz der recht großen Anzahl vonm Gästen verläuft sich alles irgendwie, und man sitzt seinem Nachbarn nicht gleich auf dem Teller. Das Buffet samt Eierbraterei ist rückwärts in der Hotelhalle aufgebaut, Kompliment an die Lüftungstechniker, man riecht tatsächlich nichts von der Bratstation. Ansonsten ist das Brunchbuffet wohlsortiert, aber nicht überbordend, es gibt sogar halbwegs ordentliche Wurst und Käse, reifes, gut geschältes Obst, Brot, das zumindest nicht vollends wabbelt, das passt schon alles irgendwie und ist weder kritikwürdig noch – für ein Fünf-Sterne-Haus zumindest – lobenswert.


Hotel Fairmont San Francisco
950 Mason Street
San Francisco, CA 94108
USA
Tel.: +1 (4 15) 7 72 50 00
Online: www.fairmont.com/san-francisco/
DZ Ü/F 259 US$ bis 1002 US$ (pro Zimmer pro Nacht, incl. Frühstück, Suiten deutlich teurer)


Top of the Mark
Im InterContinental Mark Hopkins San Francisco
999 California Street
San Francisco, CA 94108
USA
Tel.: +1 (4 15) 3 92 34 34
Online: www.topofthemark.com


M.Y. China
Im Westfield San Francisco Centre
845 Market Street, 4th Floor
San Francisco, CA 94103
USA
Tel.: +1 (415) 5 80 30 01
Online: https://tastemychina.com/

Hauptgerichte von US$ 17 (Beef Noodle Soup) bis US$ 45 (in Jasmin-Tee geräucherte Seebrasse ohne Beilagen), Drei-Gänge Menue von US$ 32 bis US$ 108; Preise für Tagesgerichte schwanken z.T. stark


The Pied Piper Bar
Bar & Grillrestaurant
Im Palace Hotel
2 New Montgomery Street
San Francisco, CA 94105
USA
Tel.: +1 (4 15) 5 12 11 11
E-Mail: palacerestaurants@luxurycollection.com
Online: www.piedpipersf.com


Sorrel
3228 Sacramento Street
San Francisco, CA 94115
USA
Tel.: +1 (4 15) 5 25-37 65
Online: www.sorrelrestaurant.com

Hauptgerichte von $US 19 (Marubini  – das sind kleine toskanische Raviloli – in Gemüsesauce) bis US$ 39 (Taube, schwarzer Knoblauch, Trompetenpilze, bunte Beeten); Drei-Gänge-Menue von US$ 42 bis US$ 77 (Preise schwanken je nach Jahreszeit und Angebot, bei Trüffeln u.ä. sind die Preise auch deutlich höher)


The Lounge
Im The Ritz-Carlton San Francisco
600 Stockton Street
San Francisco, CA 94108
USA
Tel.: +1 (4 15) 7 73 61 98
Online: https://www.ritzcarlton.com/en/hotels/california/san-francisco/dining/the-lounge?scid=bb1a189a-fec3-4d19-a255-54ba596febe2

Teile diesen Beitrag:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.