Osteria Albero Verde in Augsburg: Jeder sollte eine zweite Chance bekommen … aber manch einer hat sie gar nicht verdient

Summa summarum, das ist einer von den Läden, die einfach laufen und laufen und laufen, weil sie ein bestimmtes Klientel vor allem bei den „Soft Faktoren“ gut bedienen. Das Essen, die Küchenqualität bleiben dabei auf der Strecke, das ist eingefahrene Kochroutine mit gleich drei bösen Patzern hintereinander, die einem guten Koch nicht passieren sollten. Aber dem Stammpublikum, das ist mein Eindruck, geht es mehr um das Hofiert-werden, um das Ambiente („Ach wie schick, eine Tageskarte in Italienisch, die verstehe ich nicht, ganz wie in Italien …“), um den schönen Schein. Nicht für mich bitte, ich möchte gut essen.

 

„Und bitte ein Viertel von dem weißen Hauswein.“, schließe ich meine Bestellung ab. „Welchen Hauswein?“, herrscht mich der Kellner mit starkem Italienischen Akzent an. Der Mann fragt nicht, der Mann sagt nicht, der Mann herrscht mich an. Er ist groß gewachsen, zumal für einen Italiener, kräftig bis muskulös, er könnte auch als Trainer in einem Fitnessstudio durchgehen, Stoppelhaarschnitt, robuste Erscheinung. Dem möchte ich nicht sagen müssen, dass ich meine Rechnung nicht bezahlen kann (zum Glück kann ich zahlen …). Ich bin doch etwas  verunsichert ob des Tones – habe ich jetzt gerade irgendwie einen Riesenbock geschossen und alles ist meine Schuld, dass der arme Mann nur wegen mir ohne Grund tierisch beleidigt oder genervt ist? – und schaue nochmals in die Speisekarte, und da stehen bei den offene Weinen ein weißer Hauswein um 4,80 €, und darunter drei weitere offene Weißweiße, nämlich ein Lugana, ein Verdicchio, den Dritten habe ich vergessen, alle um 6,50 € das Viertel. „Welchen Hauswein“, herrscht der Kellner ob meines wohl verdutzten Schweigens nochmals, „Lugana, Verdicchio oder … „ den vergessenen Dritten. Konsterniert tippe ich in die Karte auf den weißen Hauswein und antworte „Den Hauswein-Hauswein.“ Wortlos nimmt der Kellner mir die Karte aus den Händen, klappt sie zu und geht, ebenso wortlos. Ein kleines „Ah so.“ oder „Ok, den Hauswein.“ – bei einem Klotz wie diesem erwarte ich ja gar kein „Selbstverständlich, mein Herr, unseren offenen Weißen, das ist ein ….“ – hätte mir an dieser Stelle rein emotional sehr geholfen, aber ich bleibe alleine mit meinen Gedanken, was ich wohl falsch gemacht haben mochte bei der Hausweinbestellung. Und irgendwie fühle ich mich gerade schlecht deswegen. Dabei probiere ich bei allen Italienern, Franzosen und meistens auch Griechen zuerst einmal den Hauswein, denn Hauswein, das ist die erste Nagelprobe für jedes Wein-orientierte Restaurant (klar, beim Bayern um die Ecke bestelle ich keinen Hauswein). Wenn der Wirt glaubt, als Hauswein Tretrapack-Billig-Fusel ausschenken zu müssen / zu können, dann kann man in der Regel davon ausgehen, dass es bei Qualität und Frische der Zutaten und in der Küche ähnlich schlampig-billig-anspruchslos zugeht; der Hauswein ist das Aushängeschild eines Restaurants. Punktum. Der Hauswein wird gebracht, ich nehme drei Schlucke – und lasse ihn zurückgehen, ein wässeriger Säuerling unbestimmbarer Herkunft mit bitter-harzigem Abgang. Ebenso Punktum. Der Kellner schaltet von Anherrschen um auf Mürrisch, sprich, er wird einen Tick, einen winzigen Tick weniger unfreundlich („freundlicher“ mag ich in diesem Zusammenhang nicht schreiben), und ich bestelle einen offenen Lugana, der ist dann durchaus OK.

Nach Jahren auf meiner persönlichen Schwarzen Liste der Restaurants und Hotels, die tabu sind, probieren wir wieder einmal die Osteria Albero Verde in Augsburg aus. Nichts hat sich geändert seit dem letzten Mal, der durchaus romantisch-lauschige Innenhof mitten in der Stadt, der holzgetäfelte Gastraum mit einem Dutzend weiß eingedeckter Tische, darum und darüber ein Labyrinth von Nebenräumen und Galerien, der Schanktresen unter den handgeschriebenen Tageskarten mit je vier Vorspeisen, Fleisch-, Fisch- und vegetarischen Gerichten in krakliger Schrift auf großen Tafeln, wie immer nur auf Italienisch (die einen halten das für Lokalkolorit, ich halte das für eine Frechheit), der Blick durch die stets offene Küchentür, arrogante Bedienungen, Möchte-Gern-Kleinstadt-Schicki-Micki-Publikum (wie die professionellen Kollegen von essen&trinken bei ihrer Kurzkritik der Osteria Albero Verde in 2011 auf die Idee kamen, das Haus sei familien- und kinderfreundlich, verstehe ich bis heute nicht).  … alles scheint wie immer. Also schau’n `mer mal …

Amuse geule gibt’s keines, dafür werden gutes Olivenöl, Brocken von knusprigem, festem Maisbrot, eine Pfeffermühle und ein Tellerchen auf den Tisch gestellt, leider kein Fleur de sel, sondern nur der Salzstreuer. Zweite Nagelprobe bei jedem Italiener ist das Olivenöl, aber das ist hier wirklich gut, und während man hungrig auf die Vorspeise wartet reich es vollkommen aus, dieses Öl auf das Tellerchen zu geben, ein wenig zu pfeffern und zu salzen, das Brot hinein zu tunken und nebenbei zu knabbern: lecker. Dann beginnt das Drama: Auftritt von rechts – das Carpaccio. Der alte Cipriani würde sich im Grabe umdrehen, denn kreiert wurde das ursprüngliche Carpaccio anlässlich der großen Vittore Carpaccio – Ausstellung (ein venezianischer Renaissancemaler) 1950 in Venedig  von Giuseppe Cipriani in Harrys Bar in Venedig, das Original-Rezept nachzulesen in Harry’s Barkochbuch. Nun zur heutigen Realität in der Osteria Albero Verde: serviert wird ein Teller voller großer Späne sehr jungen Parmesans, darunter ein Berg schlecht geputzter Rauke, ganz am Boden des Tellers schließlich findet sich eine zusammengeklebte Masse exakt gleich, etwa Handteller großer runder, dünner, überlappender Rinderfiletscheiben in einer undefinierbaren Flüssigkeit, die wohl eine Marinade oder so darstellen soll, denn durch die Berge von Käse und Grünzeug obendrauf besteht auch nicht der Hauch einer Chance, das Fleisch am Tisch selber zu würzen. Das Fleisch ist nicht rot, sondern leicht gräulich, will man eine Scheibe mit der Gabel nehmen, so pappen alle Scheiben zusammen und man hat sogleich einen unappetitlichen gräulichen Fleischklumpen auf den Zinken. Der Teller schließlich ist warm, das Fleisch dadurch auch (ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier mit der Mikrowelle zum Auftauen von was auch immer gearbeitet wurde), in erwähnter Flüssigkeit zeigen sich Spuren von Blut. Ich lasse das Carpaccio zurückgehen, der Kellner schaltet von mürrisch um auf reserviert und tuschelt mit dem Schankkellner. Das Pizzabrot allerdings, das ist sensationell, dünn, knusprig, frisch gebacken, warm in Streifen geschnitten, mit ein paar schwarzen Oliven und einem guten Schuss guten Olivenöls übergossen: lecker. Statt des Carpaccios bestelle ich mir einen kleinen gemischten Salat als Vorspeise, was kommt ist ein Teller voller geputztem Grünzeug mit ordentlichem Thunfisch aus der Dose und zähem Mozzarella, das ich am Tisch selber mit Pfeffer, Salz, dem guten Öl und ziemlich schlechtem Essig übergießen darf. Als Zwischengang eine kleine Portion Spaghetti mit Ragoutsauce: die Nudeln weich, alles andere als al dente, die Ragoutsauce dazu belanglos bis auf die Tatsache, dass sie penetrant süßlich schmeckt. Ich lasse die halbe Portion zurückgehen und bestelle einen Primitivo, der Kellner schaltet von mürrisch auf misstrauisch, verschwindet in der Küche, kurze Zeit später blickt Salvo, der Koch, aus der Küche, tuschelt mit dem Kellner, beide blicken möglichst unauffällig in meine Richtung. Der Primitivo aus Apulien ist ordentlich.

Zwischenspiel in dem Drama: drei ältere, sehr gepflegte Damen betreten die Restaurant-Bühne, sie scheinen Stammgäste zu sein, werden sogleich hofiert und umschwänzelt.  Eine der Damen ist die Besitzerin eines großen Hotels, in dem ich vor Jahren gewohnt habe, bevor wir in Augsburg eine Wohnung fanden, außerdem haben wir beide denselben Weinhändler, und so treffen wir uns dann und wann. Artig stehe ich auf, gebe die Hand zum Gruße, wir plaudern kurz, belangloses Zeug, was man halt so plaudert, wenn man sich zufällig trifft, ohne sich richtig zu kennen. Die Damen setzen sich an ihren Ecktisch, auch ich setze mich wieder, der Kellner, der die Plauderei mit Argusaugen beobachtet hat, schaltet von misstrauisch auf alarmiert vorsichtig. Zwischenspiel Ende.

Die Kalbsschnitzelchen in Weißweinsauce dann durchaus ok, etwas zäh, aber ok, die Weißweinsauce dazu richtig gut, gehaltvoll, leicht eingedickt und nicht – wie so oft – eine saure Brühe, das Gemüse dazu warmgehalten-verkocht. Sehr ordentlich wiederum der Neprica. Die Karamellcreme ist bitter, da hat jemand den Zucker ganz gehörig beim Schmelzen verbrennen lassen, die Profiteroles dazu tatsächlich selbst gemacht, aber ich mag keine Profiteroles, die bittere Creme lasse ich wiederum zurückgehen. Die Stimmung des Kellners schwankt wohl zwischen ängstlich-verwundert und wütend-empört, dann stehen Kellner, Koch und Schankkellner beisammen und tuscheln.

Bei dieser Küchenleistung und meinem Zurückgehen-lassen hätte ich erwartet, dass der Koch an den Tisch kommt und zumindest mal fragt, was mir nicht passt und was für einer ich überhaupt bin; zumindest hätte ich einen Grappa vom Haus als symbolische Entschuldigung erwartet. Nichts dergleichen. Rechnung, Zahlen, Gehen … und niemals wiederkommen.

 

Osteria Albero Verde
Inhaber: Antonio Fiorentino
Wolfsgässchen 1 ½
86153 Augsburg
Tel.: 0821 / 51 96 69
Fax: 0821 / 569 78 623
E-Mail: osteriaalberoverde@gmail.com
Internet: http://www.osteriaalberoverde.de

 
Hauptgerichte von 12,50 € (Spaghetti mit Muscheln) bis 24,50 € (Rinderfilet mit Steinpilzen)

 

 

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