Zum Spreisel Heidelberg: konsequente Verweigerung

Summa summarum: ungekünstelte, derbe, traditionelle, frisch gemachte, Convenience-freie Regionalküche in einer der romantischsten Ecken mitten in Heidelberg in rustikalem, altdeutschem Ambiente, und das weitgehend ohne Touristen

Dieses Lokal ist ein Phänomen: in idyllischster und zugleich touristisch höchst frequentierter Lage mitten in der Heidelberger Altstadt direkt an der Alten Brücke am Neckar gelegen, verweigert es sich konsequent den Horden vorbeiströmender, mehr oder minder solventer internationaler Touristen. Die Bedienung spricht ausdrücklich kein Englisch, auch die Speisekarte ist nur auf Deutsch verfügbar, dazu handgeschrieben mit einer ausschweifenden, verschnörkelten Handschrift in zweifarbigen Linien, die kein Google Lens und kein Übersetzungsprogramm entziffern kann. Als nicht Deutsch sprechender Gast ist man hier schlichtweg aufgeschmissen. Für mich ist die Botschaft klar: Touristen unerwünscht, und das in einer Gegend, wo in fast jedem Haus den überreichlich vorhandenen Touristen das Geld aus der Tasche gezogen wird, sei es mit kulinarischen Angeboten, sei es mit kitschigen Souvenirs, sei es mit überteuertem Tand.

Das ist das Wirtshaus zum Spreisel an den Neckarstaden mit romantischem Blick auf das zweitürmige Stadttor, gewiss eine der idyllischsten Ecken Heidelbergs. Vor dem Haus eine gemütliche Terrasse, innen eine rustikale altdeutsche Gaststube mit viel dunklem Holz, Kachelofen, blanken Tischen, erfreulich wenig Deko- Tinneff, hier könnten Hölderlin bis heute von „der Vaterlandsstädte Ländlichschönste“ schwärmen und Goethe von „Ros‘ und Lilie morgenthaulich“ schwadronieren, ohne weiter aufzufallen. Die Speisekarte im Spreisel lässt sich am besten als deftig – gut bürgerlich mit Odenwälder Einschlag charakterisieren: Würste, Braten, Steaks, Matjes, Schnecken, Schnitzel, Haxen, Stubenküken, Gulasch, Rouladen, ein paar Salate, das ist alles solide, hochkalorische Hausmannskost, bei der sich Vegetarier schwer tun dürften; die – leider immer häufigeren – üblichen kulinarische Anbiederungen an irgendwelche Zeitgeister – Pizza, Burger, Flammkuchen, Bowls, … – gibt es hier zum Glück nicht, ebenso wenig wie Gerichte mit dem Ruch der Convenience, hier scheint tatsächlich alles – mit Ausnahme der enttäuschenden Dessertkarte – noch hausgemacht.

Was dann serviert wird, ist gewiss alles andere als Hochküche, noch nicht einmal verfeinerte Küche. Was serviert wird, das ist bodenständig, fett, nahrhaft, groß portioniert, irgendwas zwischen deutlich gewürzt und überwürzt, besonders Salz wird großzügig verwendet, aber auf jeden Fall ist es ehrlich, traditionell und ungekünstelt, so müssen unsere hungrigen Großeltern während des Wirtschaftswunders gegessen haben. Zwiebel- und Kartoffelsuppe basieren auf einer sehr kräftigen, aber eben nicht entfetteten Fleischbrühe, die Einlagen reichlich und nicht zerkocht, das Röggelchen dazu frisch und knusprig. Die Schnecken schwimmen in stark gesalzener, aber leckerer Kräuterbutter aus tatsächlich frischen Kräutern. Die Würste sind deutlich gewürzt, wohlschmeckend, groß, das Sauerkraut tadellos, die Bratkartoffeln für süddeutsche Verhältnisse ziemlich gut. Das Stubenküken ist etwas zu lange gegart und leicht trocken, aber sonst tadellos. Die Schweinshaxe mit tatsächlich rescher Kruste und reichlich saftigem Fleisch zählt mit zu den besten, die je außerhalb Bayerns gegessen habe. Die Salate sind frisch, nicht aus dem Eimer, das Dressing nicht aus der Quetschflasche, sondern selbst gemacht.

Man muss halt wissen, worauf man sich im Spreisel einlässt. Man kann die Küche durchaus mit Attributen wie derb, fett, hochkalorisch, für heutige Geschmäcker überwürzt, plump (Altvater Siebeck würde hier von „Plupmsküche“ sprechen), altbacken, unkreativ, … you name it, belegen. Mit demselben Recht kann man sie aber auch traditionell, ehrlich, bodenständig, nahrhaft, ungekünstelt, heimatverbunden, deftig, … nennen, oder – wie eine Freundin es ausdrückt: „Soulfood“. Der Erfolg gibt der Familie Ueberle, die den Spreisel seit Jahrzehnten betreibt, jedenfalls Recht: ohne Reservierung ist hier meist kaum was zu machen, und es sind nicht launische, unsichere, kommende und gehende Touristen, die hier die Plätze füllen, es sind zumeist einheimische Stammgäste, die hier inmitten des Touristenrummels ihrer Heimatstadt ein verlässliches Refugium haben.


Hauptgerichte von 17,90 EURO (Matjes mit Bratkartoffeln) bis 35,90 EURO (Rinderfilet mit Beilagen); Drei-Gänge-Menue von 35,90 bis 58,90 EURO

Wirtshaus zum Spreisel 
PMC UEBERLE GMBH GASTSTÄTTENBETRIEBE
Geschäftsführer: Peter und Maria Ueberle
Neckarstaden 66
D – 69117 Heidelberg
Tel.: +49 (62 21) 2 35 43
Fax: +49 (62 21) 16 46 93
E-Mail: info@wirtshaus-zum-spreisel.de
Online: https://www.wirtshaus-zum-spreisel.de/

Teile diesen Beitrag:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Back to Top