Wieder ein Stück töter …: die regionale Traditionsmarke und die Juppies

Die Meldung in der Lebensmittelzeitung vom Januar vergangenen Jahres klang vergleichsweise spröde: „Die Hawesko Holding AG trennt sich von der Gebr. Josef und Matthäus Ziegler GmbH. Das für seine Obstbrände bekannte Unternehmen im churfränkischen Freudenberg hat 2019 mit 20 Beschäftigten 3,7 Mio. Euro umgesetzt. Käufer sind namentlich nicht genannte Privatpersonen, der Kaufpreis wird mit einem ‚mittleren einstelligen Millionenbetrag‘ beziffert.“ Heute wird die Traditionsbrennerei Ziegler (gegründet 1865) geleitet von dem CEO Andreas Rock, Magister für International Business der Vienna University of Economics and Business, langjähriger Angestellter des österreichischen Brause-Multis Red Bull und Gründer des Food-Tech Unternehmens „Taste & Tech develops delightful high-quality food solutions for global key accounts in food service & system catering — responsible & sustainable. The Coney system offers consistently reproducible gourmet taste at snack speed, ready to eat in 40 seconds.” Zu den Produkten des Unternehmens zählen u.a. Erdbeerbalsam Essigzubereitung, TTN Spicy Drops oder TasteTec Birkenzucker Xylit, daneben dient sich die Firma Industriekunden als „verlässlicher Partner von der Entwicklung bis zur Serienfertigung Ihres Produkts“ an. Für den Vertrieb bei Ziegler reloaded zeichnet Christian Neumeyer verantwortlich, der ein Vordiplom für BWL der Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes hält und Staatlich anerkannter Eventorganizer (AUMA) der Angell Akademie ist und der lange Jahre für den britischen Sprit-Multi DIAGEO tätig war (u.a. Guiness, Dimple, Smirnoff, Johnnie Walker, Tanqueray, Gordon’s Gin, Umsatz 2020 11,75 Mrd. GBP). Die Finanzen macht Christian Bauer, zuletzt Manager of Finance & Administration bei der Druckhaus Mainfranken Gruppe. Diese junge Truppe managed jetzt also das 156 Jahre alte Traditionshaus. Bereits nach einem Jahr sieht man die Unterschiede deutlich. Während die Hawesko-Herren konsequent auf Line Extension drängten und nicht nur weitere Edelbrände und Sonderabfüllungen in’s Sortiment pressten, sondern darüber hinaus auch radikale Brand Extension mit Likören, Rums, Whiskeys und Gins betrieben (siehe opl.guide vom 30. März 2019: https://opl.guide/ziegler-dem-vermarktungstod-nahe/) konzentriert man sich heute wieder ganz und ausschließlich das Kerngeschäft mit edlen Obstbränden auf der Basis heimischer Rohstoffe. Das in den letzten Jahren unübersichtlich gewucherte Produktportfolio wurde radikal auf zehn Edelbrände, zwei Liköre und einen Whiskey eingedampft; daneben werden noch alte Raritäten aus den Kellern der Brennerei in aufwändigst gestalteten Flaschen verhökert, etwa ein Zwetschgen Brand von 1924 für 2.282,86 EURO pro Liter inkl. MwSt. zzgl. Versand, das hilft gewiss dabei, den Kaufpreis möglichst rasch zu amortisieren.

Konzentration auf die Kernkompetenzen und das Kerngeschäft, das ist in erster Linie etwas durchaus Lobenswertes, da beißt die Maus keinen Faden ab, mir hat diese Produkt-Diversifizierung in Freudenberg ja niemals gefallen. Wäre da nicht ein dickes, ein ganz dickes Aber. In der „guten alten Ziegler-Zeit“ (nun gut, nennen wir sie mal so) waren die Brände aus Freudenberg fast durchweg in 0,7-Liter-Flaschen abgefüllt; der wohlfeile Obstbrand aus heimischen Äpfeln und Birnen war für 40 EURO den Liter zu haben, die – exzeptionelle – Alte Zwetschge kostete pro Liter 100 EURO, das Flaggschiff No. 1 Ziegler Wildkirsch 180 EURO. Heute sind die Ziegler-Brände meist nur noch im 0,5-Liter-Flaschen erhältlich, dafür sind sie durchdesigned mit unterschiedlich gestalteten typischen Ziegler-„Z“-Schrifttypen; jetzt kostet der Obstbrand rd. 100 EURO pro Liter (150% Preiserhöhung), die Alte Zwetschge rd. 120 EURO (20% Preiserhöhung), die No. 1 Ziegler Wildkirsch rd. 200 EURO (10% Preiserhöhung). Kleinere Verpackungsgrößen, neues, zeitgeistiges Design, höhere Preise: ein Schelm, wer Böses dabei denkt oder gar das kleine Vermarktungs-Optimierungs-ABC einschlägiger Berater-Buden zu erkennen glaubt. Die bei Ziegler können echt gut brennen. Aber nicht so gut, dass ich 100 EURO für einen Liter Obstler zahlen würde … Mal schauen, was der Markt dazu so sagt. Die Investoren sind mir dabei reichlich egal, aber alles Gute für die Mitarbeiter und Brennmeister in Freudenberg, und für die Marke …

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