Widmann‘s Löwe in Zang: unterdurchschnittliches schwäbisches Dorfgasthaus im Fahrwasser des hauseigenen Sterne-Restaurants

Summa summarum: charme-freies Gebäude-Ensemble an einer gut befahrenen Durchgangsstraße auf dem Dorfe mit charme-freien, ordentlichen Gästezimmern, schönem Biergarten und recht luxuriösen Chalets und rustikalen Bauwagen zur Übernachtung hinter dem Haus, dazu ein Sterne-Restaurant namens ursprung und ein schwäbisches Land-Restaurant namens Widmann’s Löwen. Zum urpsrung kann ich hier nichts sagen, Widmann’s Löwe jedenfalls ist von der Küche her für mich deutlich unterer, enttäuschender Durchschnitt für schwäbische Landgasthöfe.

Wirklich erbaulich ist sie nicht, die Fahrt auf kleinen Landstraßen vom Lechfeld durch das Donauries vorbei am Nördlinger Ries hinauf auf die Schwäbische Alb an einem heißen August-Samstagnachmittag, selbst im Cabrio. Staub von den allgegenwärtigen Mähdreschern, viel langsamer Ernteverkehr, die Landjugend in übermotorisierten Kleinwagen mit halsbrecherischen Überhohlmanövern, alles andere als romantische Dörfer – Anakreon ist fern – mit wahrscheinlich Myriaden begrabener Hunde, bei jedem Dorfgasthaus – und sieht es noch so schäbig aus –, das den Lockdown nicht überlebt hat und nun geschlossen oder gänzlich verwaist ist, ein Stich in’s Herz, und es sind viele, viel zu viele (es könnte ein lohnendes Geschäftsmodell sein, diese Dorfwirtshausleichen wohlfeil zu kaufen oder zu pachten und die Region mit einem engmaschigen Netz von Mini-McDonalds zu überziehen, so nach dem Motto McNuggets statt Maultaschen, die totale Unterwerfung unter die imperiale Un-Kultur), hinter Altheim auf der Alb wird die Gegend dann heimeliger, Wald, Hügel, kühle Täler, Serpentinen, früher gab es hier Skilifte, das Wental mit seinem Felsenmeer ist nett, dann wieder große, eintönige landwirtschaftliche Nutzflächen mit monströsen, stillstehenden Windräder-Parks mitten in der Landschaft. Würden nicht Zwiebelrostbraten, Sauerbraten und Kutteln im Restaurant Löwen und das Ein-Sterne-Restaurant ursprung, beide in Widmann’s Alb.leben (so die hauseigene Schreibweise, mit falschem Apostroph) in Königsbronn-Zang locken, wenig verschlüge mich heute hierher.

Zang selber ein Haufendorf, aufgeräumt, belang- und gesichtslos, viele propere moderne Einfamilienhäuser entlang der Durchgangsstraße (Voith, Zeiss und Co. sind nah, die zahlen gute Gehälter), Kirche, kleiner Kaufladen, Nagelstudio, Spielplatz, die Sparkassenfiliale wurde jüngst geschlossen, zwei Gasthöfe, einer davon Widmann’s Alb.leben mit zahlreichen Erweiterungs- und Anbauten um den Nukleus, den alten Gasthof Löwen, früher noch mit hauseigener Metzgerei, hinter dem Haus ein wirklich sehr hübscher, großer Gastgarten unter kranken Kastanien, dahinter wiederum, Richtung freies Feld, ein paar recht luxuriös ausgestattete Chalets sowie rustikale umgebaute alte Bauwagen als Übernachtungsmöglichkeiten. Das Interieur des Haupthauses ist gepflegt-schlicht-sauber-bieder, drei Dehoga-Sterne, und mehr will man auch nicht sein, Schwellenangst kommt hier nicht auf. Die verschiedenen Gaststuben, in denen das Restaurant Löwe heute untergebracht ist, sind gediegen-rustikal, holzvertäfelte Wände und Decken, angenehmes Licht, wertig-konservative Gastro-Möbel aus Massivholz, weiße Leinen-Tischwäsche, ordentliche Weingläser, so muss ein ländliches gepflegtes Restaurant aussehen, hierher nähme ich meine Geschäftspartner oder meine Schwiegermutter in spe ohne Bedenken mit hin. Die Zimmer im Haupthaus ebenso gepflegt-schlicht-sauber-bieder, leider riecht es auf den Fluren vor den Zimmern nach Küche, neue Systemmöbel, saubere Teppichböden, zu weiche Matratzen, schlichte Leinenbettwäsche, recht flauschige Frotteehandtücher, fensterloses, halbwegs geräumiges Bad, keine Pflegeprodukte, sondern nur Quetschflaschen an der Wand verschraubt, Flachbildschirm, ein nostalgischer DVD-Player, Tresor, Minibar, Sitzecke, Schreibtisch, flottes W-LAN, das passt alles, übernachten kann man hier, aber um meine Biographie zu schreiben, würde ich mich hierher nicht zurückziehen, auch nicht für eine Woche Auszeit oder ein amouröses Wochenende. „das passt alles“ … wenn man kein Zimmer zur Straße raus hat, denn dort knatter’s und scheppert’s (mit richtigem Apostroph) unaufhörlich vom Durchgangsverkehr, an ein Mittagsschläfchen bei geöffnetem Fenster ist hier nicht zu denken, bis fast Mitternacht sich verabschiedende, schnatternde, lachende, abfahrsende Gäste unter dem Fenster. Landidyll geht deutlich anders.

Aber ich bin ja nicht für ein Relax-Wochenende hier, ich bin zum Essen hier. Die Speisekarte des Restaurants Löwen hat mich sofort „angemacht“, aber es bedurfte mehrerer Anläufe, bis ich an einem Wochenende spontan noch ein Zimmer buchen konnte (schön für das Hotel, wenn hier z.B. eine Hochzeit gefeiert wird, geht hier Zimmer-technisch gar nichts mehr, auch unter der Woche machen einem Tagungen zuweilen das Buchen schwer). Der Löwe ist der Nukleus von Widmann’s Alp.leben, früher ein Dorfgasthaus, in der neunten Generation im Besitz der Familie Widmann, das sich unter der Ägide des Juniors Andreas Widmann sehr deutlich gemausert hat. Widmann hat bei Michael Oettinger in Fellbach und bei Steffen Mezger in München gelernt, sich danach die meist übliche jahrelange Ochsentour durch die Sterne-Restaurants und Nobelhotelküchen dieser Welt erspart und ist lieber gleich heim in den elterlichen Betrieb nach Zang, wo er 2017 neben dem traditionellen Löwen-Restaurant sein fine dining Lokal ursprung eröffnete: „eine kreative, feine schwäbische Küche … und unsere Interpretation einer neuen deutschen Küche, die traditionsbewusst ist und eigenständig bleibt“ – so der eigene Anspruch. Keine zwei Jahre später gab’s dafür den ersten Michelin-Stern und weitere Meriten in den einschlägigen Gastro-Führern. Aber ich bin nicht wegen des Sterne-Restaurants hier, sondern wegen des schwäbischen Landgasthauses Löwen und seiner Karte. Und die ist etwas komplexer als das übliche Suppen-Vorspeisen-Salate-Hauptgerichte-Desserts-Einerlei. Natürlich gibt es die schwäbischen Klassiker vom Zwiebelrostbraten über Kutteln, geschmälzte Maultaschen, Alb-Lamm, Sauerbraten, bis zum Schwäbischen Festtagsessen, nur Saure Linsen fehlen auf der Karte. Statt der üblichen, hinlänglich bekannten, bevorrateten Tiefkühlfische gibt’s im Löwen nur Saibling aus der nahen Kocher, sehr löblich (und derzeit Matjes, aber das passt schon). Als Suppe wird allein Maultaschensuppe angeboten, als Vorspeisen Tatar, marinierten Saibling, verschiedene Brotaufstriche oder ein Potpourri verschiedener Vorspeisen auf dem Löffel zum Probieren, dann verschiedene Salate, zahlreiche kleine Gerichte wie Wurstsalat, Versperbrettel, Kässpätzle oder Ofenkartoffeln, schließlich eine Tageskarte, derzeit dominiert von Pfifferlingsgerichten. Für Zeitgeist und Massengeschmack werden noch das unvermeidliche Schnitzel Wiener Art mit Pommes, ein halbes Dutzend trocken gereifter Steaks, Schwäbischer Flammenkuchen, eine schwäbische Variante des Hotdogs und Spareribs angeboten, hingegen Hamburger und Pizza fehlen zum Glück. Man muss sich als Gast schon sehr anstellen, um auf dieser Speisekarte nichts zu finden, selbst Veganer werden abgefüttert, und eine Küche muss sich schon sehr anstrengen, all diese Gerichte frisch zuzubereiten.

Was dann im Löwen serviert wird, ist – sagen wir mal – sehr durchwachsen. Das Tatar vorweg ist nicht gewolft, sondern mit dem Messer geschnitten, ganz lecker angemacht, nur leider nicht rötlich, wie man es bei frisch zerkleinertem Rind erwarten sollte, sondern bräunlich-gräulich, das Wachtel-Spiegelei obendrauf ist pures optisches Chi-Chi, die Zweiglein frischer Kräutlein hingegen kommen geschmacklich gut. Maultaschen mit Kartoffelsalat und Zwiebelschmelze sind ein schwäbischer Klassiker. Die Maultaschen sind tatsächlich selbst gemacht, keine gleicht der anderen, die Teighülle sieht zuweilen aus wie nach einem Bombenangriff, die Füllung belanglos im Geschmack und hart in der Konsistenz, im Gegensatz zum Schwäbischen Kartoffelsalat dazu, zwar auch belanglos im Geschmack, dafür aber matschig in der Konsistenz. Die sogenannte Zwiebelschmelze sieht eher aus wie eine Ansammlung von leicht angebratenen, fetten Bacon-Klumpen, von Zwiebel habe ich jedenfalls nichts bemerkt, dazu eine durch und durch unangenehm schmeckende Bratensauce, zum Glück separat serviert und nicht über die Chose gegossen, und was die Maultaschen zu wenig an Wärme haben, hat der Kartoffelsalat zu viel. In anscheinend derselben unangenehm schmeckenden Bratensauce schwimmt auch der Zwiebelrostbraten, zugegeben perfekt medium/well-done gebraten, aber das Fleisch hat Biss, würde der Franzose sagen, dazu ist es nicht oder nur sehr schwach gesalzen, ein Nachsalzen unter der Schicht frisch frittierter Zwiebeln darauf ist nur schwer möglich. Dazu gibt es nochmals eine der besagten Maultaschen und Bratkartoffeln, die zwar braun sind, aber dennoch matschig-fett-lauwarm; und die Salate vom Buffett sind zumeist zerkleinertes frisches Grünzeugs, das zumeist in einer Einheitslake von Essig und Salz schwimmt, verschiedene Dressings kann man sich dann separat darüber kippen. Der Zanger Sauerbraten besteht aus zwei geschmorten Scheiben vom Falschen Filet, mehr als butterweich, fast schon zerfallend, in einer dicken braunen Sauce, gekrönt von einem Chicorée-Blatt mit einem weißen, geschmacklosen Schaum darinnen; dieser Zanger Sauerbraten mag ja viel sein, nur sauer ist er ganz gewiss nicht, und auch sonst bar besonderen Wohlgeschmacks. Statt der Semmelknödel hatte ich Spätzle als Beilage bestellt; die kamen aus der Presse, waren dick und hart, mit einer glatten Oberfläche, die kaum Sauce aufzunehmen vermochte; dazu waren die Spätzle wohl aufgewärmt, aber nicht in Butter warmgeschwenkt, sondern in irgendeiner Höllenmaschine der modernen Gastro-Küche, die den Spätzle zum Teil eine fast ledrige Haut verpasste. Als Nachtisch aus der „hauseigenen Patisserie“ werden dann vier Gläschen serviert: eine belanglose Bayrische Creme mit dicker, zäher Haut obendrauf, Erdbeersauce und einer halben Erdbeere (und das einen Monat nach dem Ende der heimischen regulären Erdbeerensaison, soviel zu den Themen Slowfood und regional); eine belanglose Schokomus unter dicker Sprühsahne; „marinierte Beeren“ in Zuckerlake; schließlich eine Riesenkugel Wallnusseis , wahrscheinlich vom zugekauften Bauernhofeis. Wenn das die Höchstleistung meiner hauseigenen Patisserie wäre, würde ich schleunigst eine Stellenanzeige für einen neuen Patissier aufgeben. Und auch das Frühstück kommt mit lätscherten Backwaren, Säften zum selber-pressen, lieblos gestapelter regionaler Wurst und Käse, etwas Fisch, Obst, Cerealien, Aufstrichen (zugegebener Maßen sehr gute selbst gemachte Marmeladen), Kaffees aus der Maschine, Eierspeisen kaum in höhere Gefilde.

Die Weinkarte ist mittelgroß, die Schwerpunkte liegen auf Württemberg, Deutschland und Österreich, dazu ein paar Italiener und Franzosen und ganz wenig weiteres Internationales, kaum eine Bouteille kostet über 50 EURO. Und Leitungswasser gibt’s dazu ohne Aufpreis. Sehr schön.

Die Bedienungen tragen Dirndl – man kennt es ja, das Alb-Dirndl als typische regionale Tracht – und sind eigentlich freundlich, flott, hilfsbereit, nur ich hatte gleich zweimal eine Dame erwischt, die kontinuierlich mehr durch Ab- denn durch Anwesenheit glänzte und das Wegschauen beim Vorbeigehen am Tisch zur Perfektion gesteigert zu haben scheint. Der Wein – ein leckerer, wohlfeiler 2012er Württemberger Lemberger Kabinett – wurde zwar mit viel Brimborium in eine Riedl-Karaffe dekantiert, dann aber nicht automatisch nachgeschenkt, Aschenbecher wurden beim Servieren des Essens weder geleert noch entfernt, das Aufgeben einer neuen Bestellung dauerte Ewigkeiten, das war alles sehr ärgerlich.

Das Publikum schließlich rekrutiert sich vor allem aus Einheimischen, für die der Löwe anscheinend eine Art soziales Zentrum ist: viele Geburtstagsfeiern (Kuchen können die Feiernden auf Wunsch selber mitbringen), Familientreffen, Hochzeiten, fröhlich schmausende und zechende Runden mit dem unverkennbaren Alb-Dialekt. Die Fahrer der BMW und Mercedes aus München und Stuttgart auf dem Parkplatz zieht es dann eher in‘s Sterne-Restaurant ursprung und in die luxuriöseren Chalets hinter dem Haus.

Also, ich habe schon sehr oft wesentlich besser gemachte schwäbische Küche mit viel geringerem Brimborium in alten Gaststuben an einfachen Holztischen gegessen. Aber das ist halt der übliche Vermarktungs-Mix eines Michelin-Sternes, da die Sterne-Restaurants selber selten kosten-deckend arbeiten: üblicher Weise eröffnen die Sterne-Köche ein wohlfeileres (Komperativ!) Bistrot oder Zweit-Restaurant in der Umgebung ihres Flaggschiffs, in Zang ist es Widmann’s Löwe, der sich im Glanz des Sternes mit-sonnt; dazu werden Kochschule, Eventlocations, Catering, eingemachte Lebensmittel zum Mitnehmen, Onlineshop, Events, Tagungen angeboten, das Übliche halt, um Sterne-Gastronomie mitzufinanzieren.

Widmann´s Alb.leben
WIDMANN´S LÖWEN GMBH & CO. KG
Geschäftsführer: Andreas Widmann
Struthstraße 17
89551 Königsbronn-Zang
Tel.: +49 (73 28) 96 27-0
Fax: +49 (73 28) 96 27 10
E-Mail:  info@widmanns-albleben.de
Internet: www.widmanns-albleben.de

Hauptgerichte von 11,50 € (Saure Kutteln mit Bratkartoffeln) bis 55 € (Filetsteak mit Beilagen), Drei-Gänge-Menue von 24,50 € bis 84,50 €

Doppelzimmer mit Frühstück (pro Zimmer, pro Nacht) 59 € bis € 170 €

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