Wicker Park Seafood & Sushi Bar O‘Hare: simply a mess

Chicago O’Hare, Caro und ich haben gerade noch einen der letzten Flüge raus gekriegt, in den nächsten Tagen wird hier der Flugverkehr in die Alte Welt wohl komplett eingestellt. Es sollte kalt sein um diese Jahreszeit in Illinois, eisig, mit frostigen Winden vom See, tatsächlich ist es so ein Bäh-bäh-Wetter, feucht, fast irgendwie schwül, kalt-schwül, es fühlt sich bisschen an wie Schüttelfrost mit Fieber und Schwitzen, nicht gut, ich bin froh, dass wir hier wegkommen. Auch wenn der Weg raus nur über das verfluchte Terminal 1C geht, das die Gastfreundschaft eines Straflagers besitzt. Dazu ist es dieser Tage aus gegebenem Anlass brechend voll – noch brechender als ohnehin schon gewöhnlich. Die Lufthanse-Lounge – bzw. der United Club – ist natürlich nicht hier, sondern in 1B, und das gastronomische Angebot hier in 1C ist – mit Verlaub gesagt – lausig, der Manchu Wok, Reggio’s Pizzeria im Chicago Style, die Salat-Theke und American’s Dog habe ich auf meinen Rückflügen oft genug ausprobiert um zu wissen, dass sie durchweg lausig sind, noch dazu bekommt man nirgends einen Sitzplatz, vor allem dank der zahlreichen Leute, die nichts konsumieren oder nur eine mitgebrachte Cola, aber dabei einen kompletten Tisch für echte, zahlende, konsumierende Gäste blockieren, der hiesige McDonalds wäre da die bessere Wahl (und das will was heißen, wenn ich das schreibe!), wäre die Schlange vor dem verdreckten Counter nicht so ewig lang quer durch’s ganze Terminal. Auch der Versuch, sich einfach bei der Goose Island Beer Company oder der Jazz Bar zu betrinken scheitert an mangelnden Sitzplätzen, aber hier zwangs-konsumieren die Leute wenigstens an den Theken.

Was bleibt ist die Wicker Park Seafood & Sushi Bar ganz am Endes Terminals beim Gate C1 gelegen – unser Flieger geht natürlich – wie sollte es anders sein – später vom anderen Ende des Terminals von C26. Einerlei. Ich wuchte mich auf einen Hocker an der langen, u-förmigen Theke, in deren Mitte ein asiatisch aussehender Mensch mit fragwürdigen Fähigkeiten unter fragwürdigen hygienischen Bedingungen Sushi rollt und sonst wie mit rohem Fisch hantiert. Wie gesagt, alles einerlei, Hauptsache sitzen. Der Blick auf die Speisekarte erklärt auch, warum hier etliche Sitzplätze frei sind, für das, was ich hier für Speis und Trank, vor allem für Trank ausgeben werde, könnte ich mir bei IKEA eine komplette Sitzgarnitur kaufen. Caro ist noch nicht da, sie kommt aus Downtown Chicago, direkt von irgendeiner Sitzung, wahrscheinlich mal wieder der übliche Stau auf der 90, die 290 von unten ist mittlerweile auch nicht ehr besser, der Fluch der großen Städte halt. Ich war im Norden, in Wisconsin, genau genommen in Racine, dort, wo Amerika so amerikanisch ist, amerikanischer geht es kaum mehr, einen Freund besuchen und die Frank Lloyd Wright Gebäude anschauen, The Belle City of the Lakes jedenfalls habe ich nicht gefunden, und Frank Lloyd Wright muss gehörig einen an der Klatsche gehabt haben, aber die Fahrt am See entlang nach O’Hare war dann doch Recht hübsch. Einerlei. Für ein paar Stücklein rohen Fisch mit klebrigem Reis wollen die hier gleich ab 20 US$ aufwärts, die Flasche – miesen – Wein gibt’s ab 55 US$, allerlei Sake-Zeugs erwärmt und gekühlt und in Zimmertemperatur kann man ab 30 US$ für 300 ml haben, auch hier mit Steigerungsmöglichkeiten nach oben. Vollends aufschrecken sollte jede Barfly allein die Tatsache, dass es zwar eine ordentlich sortierte Karte von harten Spirituosen und sogar Cocktails gibt, aber ausgerechnet hier keine Preise dranstehen,  man fragt also den stets hektischen und nie freundlichen Waiter nach dem Preis … oder man bestellt blind. Aber das ist einer dieser Tage, wo eigentlich alles einerlei ist … außer den Fragen, ob der Flieger pünktlich abhebt und ob man an Bord kommt. Eigentlich sollte Reisen ja Freude und Erlebnis bedeuten, aber diese automatisierten Transatlantik-Massen-Transporte sind grässlich, selbst in der Business Class, ich möchte gar nicht wissen, wie die armen Leute in der Holzklasse behandelt werden und leiden müssen. Einerlei.

Vor so einem Transatlantik-Flug brauche ich mein Quantum Trost, ein halber Liter Sprit ist da wenigstens angebracht. Danach rein in den Flieger, noch ein paar Drinks und einen Film, noch zwei Kopfschmerztabletten, und ich wache halbwegs brauchbar beim Landen wieder auf. Diesmal nehme ich Grey Goose Vodka, seine 40 Prozent sollten reichen. Ausgeschenkt wir der Sprit in eineinhalb Unzen oder 43 ml, dafür verlangen die Leute in der Wicker Park Seafood & Sushi Bar 18 US$, für meinen halben Liter Schlaftrunk werde ich also rund 200 EURO ausgeben, ohne Speisen, sag ich doch, Sitzgruppe bei Ikea. Aber irgendwas essen muss man dann ja dennoch. Die Ura-Maki sind zerbombter Reis mit rohem Lachs im Nori-Blatt, von gerollt kann hier keine Rede sein, und die Nigiri sind Fischstücklein von mäßiger bis fragwürdiger Qualität auf Papp-Reis; allein das Gari und das Wasabi-Imitat (gemeint ist die grüne, Wasabi-genannte Paste, die Asiaten oft und gerne servieren; die besteht aus Meerrettichpulver 37%, Süßstoff: Sorbitol, Wasser, Maisöl, Salz, modifizierte Maisstärke, Senfextrakt, Säureregulator: E330, Verdickungsmittel: E415, Farbstoffe: E102, E133; echter Wasabi ist da in den seltensten Fällen drinnen, denn der kostetet um die 400 EURO pro Kilo) machen die Fisch-Reis-Pampe irgendwie essbar. Selbst das heute: einerlei. Wenigstens funktioniert das WLAN. Missgelaunt versuche ich zu recherchieren, in welcher Spelunke ich hier gelandet bin. Die Wicker Park Seafood & Sushi Bar gehört zu einer MHSHost Gruppe, die unter unterschiedlichsten Brands – zum Beispiel Lee Kitchen, 1897 Markets, The Local, Blanco, Canucs, KC Grill, … – standardisierte Abfütterungsstationen an Flughäfen, Bahnhöfen, Autobahnen  und anderen verkehrsreichen Lagen unterhält. Einige dieser Marken kenne ich, ich hatte sie immer für eigenständig oder kleine lokale Ketten gehalten, so kann man sich irren. Hier wird nicht gekocht, hier werden passende food concepts realized. Die MHSHost Gruppe wiederum gehört zum italienischen Konzern Autogrill mit 300 Restaurant- und Shop-Marken, 4.000 POS (point of sale, sprich Kneipen und Läden), 60.000 Mitarbeitern und 5 Milliarden EURO Umsatz, man kann in Europa, Nordamerika, Indien, Australien, Chile an der Autobahn oder am Airport kaum einen Hotdog essen, Pippi machen oder ein Duty-Free Parfum kaufen, ohne nicht Kunde von Autogrill zu sein. Kernkompetenzen dieses Kneipen- und Laden-Konzerns sind nicht etwa kochen und verkaufen oder so, sondern vielmehr:

„Zu unseren Schlüsselkompetenzen zählt die Fähigkeit, erfolgreiche interne Markenkonzepte, die in unterschiedlichen Umfeldern reproduziert werden können sowie Konzepte für spezifische Standorte zu entwerfen, die auf der gründlichen Erforschung der einheimischen Kultur und Sitten beruhen, damit ein wirklich maßgeschneidertes Produkt entsteht.“

Hätten sie sich mal besser auf’s Kochen fokussiert, möchte man da sagen. Das Sushi jeden falls war durchweg scheiße, die Bedienungen vollkommen überfordert, obwohl der Laden nur halbvoll war musste man ewig auf eine Servicekraft warten, sie teilweise unter massivem Winken und Rufen auf sich aufmerksam machen, und gewährten sie einem einmal Audienz, so waren sie in Eile, unhöflich, unachtsam, inkompetent, danach wartete man dann ewig auf das Bestellte, und war es auch nur ein neuer Drink. Die Preise sind selbst für einen Flughafen happig, und das Ambiente, tja, dafür können die Betreiber nun wenig, das ist halt Flughafen-Halle. Ich muss ehrlich sagen, seit der – mittlerweile zum Glück geschlossenen – Fressstation von James Oliver in Schwechat und dem Grappa’s in Pudong habe ich selten auf Flughäfen so schlecht und so teuer gegessen und getrunken wie im Wicker Park Seafood & Sushi Bar in O‘Hare. Simply a mess.

Wicker Park Seafood & Sushi Bar
Chicago O’Hare International Airport
Terminal 2, 10000 West O’Hare Avenue, main
Chicago, IL 60666
USA
Tel.: +1 (8 77) 6 72 74 67
Online: https://www.hmshost.com/brands/wicker-park-seafood-sushi

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