Weihnachtsmarkt Ulm: was für’n Scheiß

Caro ist unleidlich, um nicht zu sagen höchst unleidlich. In diesem Zustand neigt sie dazu, gefährlich zu sein, gefährlich für Ihre unmittelbare Umwelt (das bin zurzeit vorwiegend ich, glibs!), gefährlich für sich selber, vor allem aber gefährlich für die Quellen der Unleidlichkeit. Und in diesem Zustand neigt sie dazu, zu klagen, klagen nicht im Sinne von jammern, sondern im Sinne von irgendjemanden vor Gericht zu zerren, den sie als Grund ihrer Unleidlichkeit ausgemacht hat; aber in dieser speziellen Situation sollte eine Gerichtsklage selbst für Caro – die ihre Prozesse in der Regel mit Bravour gewinnt – aussichtslos sein. „Was für’n Scheiß!“ sagt Caro und nimmt einen großen Schluck von ihrem Aruak Rum von Ziegler – so sehr ich diese churfränkische Brennerei mag, von Rum, Gin und Whiskey sollten die einfach die Finger lassen, das können die nicht, Obstbrände können die exzellent, aber keine Rums, Gins und Whiskeys, doch seit der Übernahme des traditionellen Familienbetriebs durch die HAWESKO ist Wachstum durch Diversifikation angesagt, und in Freudenberg rennt man jetzt unter dem Schirm der noch immer guten Marke (wie lange wohl noch?) jeder Trendsau hinterher, die durch’s globale Alkoholiker-Dorf getrieben wird, schade eigentlich – „Was für’n Scheiß!“ wiederholt sich Caro. Sie meint damit den Ulmer Weihnachtsmarkt, den wir gerade sehr desillusioniert und missgelaunt verlassen haben. Jetzt sitzen wir in der Dachbar des me and all hotels Ulm – die jüngste, hippe, zeitgeistgeschwängerte, industriell beliebig reproduzierbare Kopfgeburt des Lindner Hotelkonzerns, erst vor kurzem eröffnet, warum also nicht mal ausprobieren, denn nette Hotels sind Mangelware in Ulm, selbst das Schmale Haus im touristisch überrannten Fischerviertel hat seinen Charme verloren. Jetzt sitzen wir also in einer zeitgeistigen „Bar & Kitchen, Coworking-Space, Wohlfühlort, Aussichtspunkt, Meetingpoint, Eventspace, Meltingpot, Lounge und ÜBER Bar mit Rooftop Bar” (so beschreibt die Internet-Page des Etablissements diesen Dachraum eines Bürogebäudes euphemistisch-euphorisch) und sind gewiss echt cool, doch Caro ist sauer. Wir hatten uns spontan in Ulm verabredet, sie hatte ohnehin in der Gegend zu tun, für mich ist’s nur ein Katzensprung, und der Ulmer Weihnachtsmarkt ist einer der wenigen weit und breit, die nicht dem ebenfalls zeitgeistigen Virus geopfert wurden. Also trafen wir uns in Ulm, um ein wenig Instant-Weihnachts-Feeling zu tanken, was wir stattdessen bekommen haben – da muss ich Caro Recht geben – ist schlichtweg Dreck. Zuerst einmal eine halbe Stunde anstehen in der Kälte, um über einen der zwei Eingänge in das ansonsten hermetisch abgeschirmte Weihnachtsmarkt-Areal am Fuß des Ulmer Münsters zu kommen – eigentlich eine hübsche Kulisse, aber nicht verbarrikadiert hinter Bauzäunen –, akribische 3G-Kontrolle von ruppigen Security-Leuten (denen, das muss man auch sagen, genervte Besucher nicht weniger ruppig begegnen), wer keine Luca-Tracking-App auf seiner Funke hat, muss seine Kontaktdaten auf einen Zettel schreiben, niemand weiß, was mit diesen Daten hernach passiert, erst dann darf man in’s Weihnachtsparadies. „Weihnachtsparadies?“ Bretterbuden dicht an dicht, durch die Gänge dazwischen schieben sich Menschenmassen, auf den Mindestabstand geschissen, vor den Glühweinständen und Fressbuden bilden sich dicke Klumpen aus Anstehenden und nach erfolgreichem Anstehen Essenden und Trinkenden (Fressenden und Saufenden), in den anderen Buden Kitsch as Kitsch can, industriell gefertigte Weihnachtsdevotionalien, Holzfigürchen des Weihnachts-Ensembles (wahrscheinlich aus einem Billiglohnland), Kerzen, billige Düfte und Sälbchen, schräge, industriell gefertigte Bekleidungsstücke (wahrscheinlich aus einem Billiglohnland), Süßigkeiten aller Art, minderwertige, überteuert Lebensmittel, am besten der Stand mit Pfannen, wer kennt sie nicht, die traditionelle Ulmer Weihnachtspfanne? Wer hier – außer den industriell gefertigten Krippen-Figürchen – irgendeinen Bezug zur christlichen Weihnacht oder auch nur zur Stadt Ulm erwartete, wird nachhaltig enttäuscht, der ganze Krempel könnte problemlos auch auf einem schwulen Sommer-Straßenfest auf Sankt Pauli angeboten werden. Mit Ausnahme des Glühweins vielleicht, der besitzt tatsächlich eine gewisse Exklusivität, wenn schon nicht für die Weihnachts-, so doch zumindest für die Winterzeit, aber den gibt’s auch nach Weihnachten in Ischgl an der Piste. Aber was für ein Glühwein … weinhaltige Getränkezubereitung aus Zehn-Liter-Plastik-Kanistern, die in irgendwelche Maschinerien eingefüllt, erwärmt und sodann wie Bier gezapft wird, auf Wunsch und gegen Aufpreis noch mit Billig-Sprit mit einem „Schuss“ aufgepeppt, die ganzen anderen „weihnachtlichen Getränke“ – Kinderpunsch, weißer Glühwein, Heidelbeer-Glühwein, Jagertee – von nämlicher Provenienz. Dazu passt das Futter, industrielle Würste, industrielle Labber-Backwaren, rasch und zum Teil spärlich erwärmte Convenience-Großpackungen von Spätzle, Dampfnudeln & Co., da graust’s der Wildsau, aber das weihnachtisierte Publikum frisst’s klaglos und offensichtlich mit großer weihnachtlicher Lust, das Schlangestehen, die vollkommen überteuerten Preise und das Herunterschlingen im Stehen im Gedränge fast ohne Tische scheint keinen wirklich zu stören.

„Wenn ich das alles so Revue passieren lasse, dann muss ich Dir Recht geben, Caro, ‚Was für’n Scheiß.‘“ Damit habe ich mich geschickt aus der Affäre gezogen.


P.S.: Es geht allerdings auch anders, vor drei Jahren war ich mit Caro vor Weihnachten im Fünf-Seen-Land unterwegs. Wir waren zu Mittag in einem der zahllosen lokalen Brauerei-Gasthöfe, haben sehr ordentlich gegessen, danach wollten wir eine barocke Kirche anschauen, ich glaube, bei einem Ursulinerinnen-Kloster. Die Kirche war beeindruckend, beeindruckender war allerdings, dass wir mitten in eine Advents-Andacht gerieten, mit den paar verbliebenen frommen, alten Frauen und einem erklecklichen Teil der örtlichen Dorfbevölkerung. Wir gaben spontan unsere touristisch-kulturellen Pläne in der Kirche auf und dachten brav mit an. Nach der Andacht gingen die Einheimischen, wir betrachteten noch die Schönheiten der Kirche. Als wir aus dem Gotteshaus traten, hatten sich die Dorfbewohner, ein paar der Nonnen und der Pfarrer auf dem Platz vor dem Kloster versammelt, ein Lagerfeuer brannte, darüber ein großer Kupferkessel, in den Männer Flaschen echten – billigen, aber echten – Rotweins, Zucker, Orangensaft, Gewürze, Rum kippten, die Feuerwehr hatte eine Grill aufgebaut, der Kühl-Transporter daneben trug die Aufschrift eines örtlichen Metzgers, die Frauen hatten Kuchen gebacken (jaja, das Klischee, die Männer sind für Alkohol und Fleisch verantwortlich, die Frauen für Backwaren), es gab ein paar primitive Buden und Tische mit Selbst-Gestricktem, alpenländischen Schnitzwaren, lokalen Marmeladen, Honigen, Schnäpsen, Äpfeln, Nüssen, Kinder boten ihre ausrangierten Spielsachen feil, aber ansonsten keinerlei industrielle Massenwaren. Ein Glühwein kann nicht schaden, dachten wir uns und gesellten uns dazu. Die Dorfbewohner waren freundlich, offen, fröhlich, spielende, lachende Kinder dazwischen, wir kamen in’s Plaudern, nach dem zweiten Glühwein hätten wir eigentlich gehen müssen, von wegen Alkohol und Steuer, aber kein Problem, einmal schräg über den Dorfplatz gegangen, den örtlichen Wirt gefragt, ob er noch Zimmer frei hat, spontan eingecheckt – ohne Zahnbürste und Unterhose – und weiter geschmaust und gesoffen, es wurde spät (spät und kalt) an diesem Abend, wir müssen jetzt mit dem halben Fünf-Seen-Land auf „Du“ sein und Brüderschaft getrunken haben. Irgendwann kam einer mit Flaschen selbstgemachten Schnapses und ging unablässig mit einem Tablett mit voll gefüllten Stamperln durch die Feiernden. Auf die Frage, was wir dafür den schuldig seien, antwortete er nur, wir sollten dem Kloster spenden, was wir für angemessen hielten. Am nächsten Morgen hatten wir nach recht kurzem, aber bleiernen Schlaf überraschender Weise keinen Kater; aber bevor wir fuhren, taten wir einen erklecklichen Betrag in den Opferstock der Kirche. So geht Weihnachtsmarkt auch.

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