Was man in Hotelschwimmbädern lernen kann – Oder das perfekte Hotel-Erlebnis

Vor Jahren, da reiste ich noch sehr viel, lebte wochen- und monatelang in Hotels, immer in der Nähe meiner wechselnden Klienten, nur am Wochenende daheim bei Weib und Kindern, und selbst das manchmal nicht, Karriere machen heißt man dieses blödsinnige Verhalten wohl. Über vier Monate hatte ich im Westin Grand in Frankfurt schon gewohnt, mitten in der Stadt, fußläufig zu meinem Klienten, großes, ruhiges Zimmer, kleines Abendessen an der Bar – Clubsandwich, Gulaschsuppe, Cheeseburger – war bis lange nach Mitternacht möglich, und das war praktisch, denn ich arbeitete oft bis nach Mitternacht, Frühstück gab es schon ab 06:00, auch sehr praktisch, denn ich fing – dem Druck blind gehorchend – oft schon sehr früh wieder an zu arbeiten, Schlaf werde völlig überbewertet glaubte ich damals tatsächlich. Ansonsten sah und brauchte ich nicht viel von dem Haus, ein Asiatisches Restaurant gab es noch, in das ich mal mein Team einlud, noch einige andere Restaurants, SPA, Pool, Fitness habe ich nie gesehen in  den Monaten.

Westin-Grand_Frankfurt_Fassade

Eines Wochenendes fuhr ich nicht heim, sondern Weib und Kinder besuchten mich in Frankfurt, ich zog für die Tage in eine Familien-Suite um, und eigentlich passte alles. Wir schauten uns gemeinsam Frankfurt an – auch ich hatte trotz der Monate vor Ort noch nicht viel von der Stadt gesehen – tranken Apfelwein und aßen Grüne Soße, kauften hier ein wenig was, kauften da ein wenig was, waren entsetzt, als wir Drogensüchtige sich in aller Öffentlichkeit Spritzen setzen sahen und im Park gebrauchte Spritzen offen herumlagen, das volle Programm halt. Am späten Nachmittag ging ich mit den Jungs in’s hoteleigene Hallenbad im Dachgeschoss des Hauses mit einer recht netten Aussicht auf Frankfurt. Auf den Liegen und im Wasser lungerte eine Riege fetter alter Männer in Badehose mit Goldkettchen und Rolex, ich tippte auf den Frankfurter Verein der Zuhälter im Ruhestand; bedient wurden sie mit Champagner und Drinks von einem servilen Bademeister oder was immer die Funktion des im Vergleich dürren Männchens in seiner weißen Service-Kleidung auch gewesen sein mag. Ich spürte, dass uns skeptische, schon böse Blicke trafen, aber wir ignorierten die Bagage, duschten und gingen in’s Wasser, plantschten, alberten herum, hatten Spaß – ohne die Rolexaltherrenriege durch schreien, spritzen, springen zu belästigen, die Alten in einer Ecke des Beckens, wir in der anderen, dazwischen etliche Meter. Nach wenigen Minuten winkte einer der vermeintlichen Alt-Zuhälter das dürre Servicemännchen zu sich heran, tuschelte kurz mit ihm, sodann kam das Männchen an den Beckenrand, druckste ein wenig herum, um mir dann zu sagen, dass hier, nun na, Kinder eigentlich nicht erwünscht, nicht erlaubt seien. An der Tür des Pool-Bereichs war klar zu lesen gewesen, dass Kinder unter 14 Jahren nur in Begleitung ihrer Eltern Zutritt hätten, ich war dabei, ergo war es erlaubt, dass meine Kinder hier waren. Da ging ich hoch wie das berühmte HB-Männchen, setzte mich gar nicht mit dem dürren Servicemännchen auseinander, sondern verlangte unverzüglich den Manager on duty des Hauses. Ich muss wohl so wütend / überzeugend gewesen sein, dass der Dürre sich unverzüglich zum Telephon trollte. Kurze Zeit später erlebte ich eine der absurdesten Szenen meines Lebens: böse dreinblickende fette alte Goldkettchen-Männer, ein verstörtes dürres Männchen in Weiß in der Ecke, meine Söhne unbeschwert und unbeirrt plantschend im Wasser, der Manager on duty des Westin Grand in schwarzem Anzug, weißem Hemd, schwarzer Krawatte, barfuß ohne Schuhe und Socken am Poolrand kniend und mit mir redend. Was vorgefallen sei, wollte er wissen, ich schilderte kurz die Situation, er wollte erläutern, dass die älteren Herren Stammgäste seien und dass sie es eigentlich nicht gewohnt seien, dass Kinder hier … Ich fiel ihm in’s Wort, ich sei ebenfalls seit Monaten Hausgast, meine Firma habe ein großes Übernachtungskontingent bei der gesamten Starwood-Kette, zu der auch die Westin Grands gehören, auf Dauer gebucht, aber das könne sich ändern, und in welcher Zeitung er über die Kinderfeindlichkeit seines Hauses lesen wolle, lieber in der Bild oder in der Frankfurter Rundschau oder in beiden, und wie er denn genau hieße fragte ich noch, damit ich seinen Namen auch richtig an die Presse weiter geben könne. Mann, war ich in Fahrt, und das alles in Badehose im Wasser. Der gute barfüßige Mann begann zu schwitzen, zum einen wohl, weil es hockend nach vorne gebeugt in einem Anzug in einer geheizten Schwimmhalle nicht ganz kommod gewesen sein dürfte, zum anderen aber auch, weil ihm der Arsch gerade auf Grundeis ging. Ich als Hotelmanager würde meinen Chefs auch ungern erklären müssen, wie das Haus so in die Presse geraten konnte oder warum ein Großkunde sein Kontingent gekündigt hat.  Also stammelte er irgendwas von Entschuldigung, Missverständnis, nicht so gemeint, Kinder natürlich jederzeit willkommen, noch dazu solche Prachtkerle wie meine (Schleimer!), und Rhabarberrhabarberrhabarber. Sodann trollte er sich unter freundlichem Grüßen, ging barfuß zu dem ängstlich in seiner Ecke wartenden weißen Männchen, tuschelte lange mit diesem, ging sodann zu den fetten Goldkettchenträgern, tuschelte mit diesen, gestikulierte, es wurde lauter, eine heftige Diskussion schien sich zu entspinnen, irgendwann verabschiedete er sich auch von den Alten und verließ barfuß wie er gekommen war die Schwimmhalle. Zwei der Rolexträger erhoben ihre fetten Körper schwerfällig  aus den Liegen, pöbelten ein wenig, Worte wie „Unverschämtheit“, „nie wieder“, „das wird Konsequenzen haben“ waren zu hören, hatten aber nicht die Traute, mich direkt anzusprechen und verschwanden statt dessen in den Umkleidekabinen. Die verbliebenen vermeintlichen Alt-Zuhälter schauten uns kollektiv böse an, das Männchen in Weiß schien das Unglück selber, wir plantschten noch ein wenig und gingen irgendwann fröhlich, unbeschwert und unbehelligt zurück in’s Zimmer.  Am nächsten Tag habe ich mir ein anderes Hotel gesucht und das Westin Grand seitdem nicht mehr betreten.

046
Adlon Kempisnski Berlin, Pool

Koinzidenz der Ereignisse: Kurze Zeit später verbrachten wir Ostern auf dem Darß, in einem kleinen, gemütlichen Gasthof – Hotel wäre übertrieben – am Bodden. Auf dem Weg dorthin machten wir Station in Berlin, das Adlon hatte im Sommer des Vorjahres neu eröffnet, aber es gab noch immer bezahlbare Einführungspreise. Die Jungs waren beeindruckt von dem Hotel, aber besonders hatten es ihnen die Liftboys (die es heute leider nicht mehr gibt, klar kann ich mein Knöpfchen selber drücken, aber schön war’s schon) und die Etagen-Anzeige an den Lifts in Form einer Uhr angetan. Auch im Adlon ging ich mit meinen Jungs am späten Nachmittag in’s Hotel-eigene Hallenbad, klar, alles edel und nobel, weitaus edler und nobler als im Westin Grand, aber hier lagen keine fetten Kaulquappen rum, wir taten das Nämliche wie in Frankfurt, duschten, gingen in’s Wasser, plantschten, alberten herum, hatten Spaß. Und dann begab sich Folgendes: eine Servicemitarbeiterin des Poolbereichs, ebenfalls weiß gekleidet, kam an den Poolrand, hockte sich hin, winkte höflich meine Jungs zu sich – ich merkte, wie das HB-Männchen in mir schon wieder zu zucken anfing – und servierte ihnen freundlich lachend frisch geröstete, noch warme Nüsslein auf einem silbernen Tablett.

Frisch geröstete Nüsslein auf einem silbernen Tablett im Pool, sicherlich braucht man das nicht, aber das ist ein Erlebnis, das ich nie vergessen werde, das ist bis heute meine Messlatte für Spitzen-Hotellerie.

Adlon_Outside

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