Uber in Black

Manhattan wird dieser  Tage bevölkert – oder sagte man besser ‚belagert‘? – von einer Armada absurd großer, schwarzer SUVs (SUV steht für Sport Utility Vehicle, wörtlich übersetzt ungefähr nützliches Sport-Fahrzeug, sinngemäß Geländelimousinen mit erhöhter Bodenfreiheit und einer selbsttragenden Karosserie, die an das Design echter Geländewagen angelehnt sind, meist ohne selbst wirklich geländegängig zu sein), allen voran zahllose Chevrolet Suburban (Länge 5,7 Meter, Leergewicht 2.644 kg, zulässiges Gesamtgewicht 3.493 kg, V8-Motor mit 5,3 Litern und 360 PS Leistung) und GMC Yukon (Länge 5,7 Meter, Leergewicht 2.672 kg, zulässiges Gesamtgewicht 3.512 kg, V8-Motor mit 6,3 Litern und 426 PS Leistung), daneben auch einige Premium-Modelle, nämlich  der Lincoln Navigator  (Länge 5,4 Meter, Leergewicht 2.742 kg, zulässiges Gesamtgewicht 3.505 kg, V6-Motor mit 3,5 Litern und 455 PS Leistung) und schließlich der Cadillac Escalade (das sind die, die um die ‚Biest‘ genannte präsidiale Panzerlimousine herumschwirren und mit denen CIA und andere zwielichtige Organisationen in Hollywood-Filmen immer gutmeinende Wissenschaftler und verdiente Veteranen verschleppen; Länge 5,2 Meter, Leergewicht 2.650 kg, zulässiges Gesamtgewicht 3.311 kg, V8-Motor mit 6,2 Litern und 426 PS Leistung). Damit verglichen sind alles andere Kleinwagen: Q8, X7, G-Klasse, Cayenne, aber auch Ford Highlander, Dodge Durango, Honda Pilot, usw., alles Winzlinge. Das ist – denkt sich der unbedarfte, öko-infizierte, kleingeistige Europäer – genau die Art von Auto, die man in einer infrastrukturell bestens erschlossenen und chronisch an Stau leidenden Großstadt unbedingt braucht. Allen gemeinsam ist die relativ geradezu lächerlichen PS-Zahl, die die Amis aus diesen Badewannen von Hubraum herauszuholen in der Lage sind (oder, wie ein befreundeter Vorstand eines großen Autokonzerns es einmal formulierte: Deutsche Automotoren machen ‚brumm-brumm‘, Amerikanische hingegen ‚blubber-blubber‘; und Deutsche Autotüren machen beim Schließen ‚plop‘, Amerikanische ‚schepper‘), und auch sonst geben sie sich für den Laien äußerlich wenig – monströs, schwarz, verdunkelte Fondscheiben, über 5 Meter lang, +/- 3 Tonnen schwer –, wenngleich die Preisunterschiede beachtlich sind: den Suburb und den Yukon gibt’s bereits unter 50.000 EURO, der Navigator und  der Ecalade fangen so bei 100.000 EURO an.

Diese Art von Autos lungern also dieser Tage überall im südlichen Manhattan herum. (Später, bei der mehrtägigen Fahrt über Land nach Wisconsin werden wir kaum eines dieser Monster mehr sehen, wohl Pick-ups, Vans, ganz viele Wrangler, aber nicht diese anachronistischen Automobil-Dinosaurier.) Ich schreibe ‚lungern‘ und nicht ‚fahren‘, alldieweil die meisten davon offensichtlich wartend am Straßenrand herumstehen, vor allem diese „billigen“ Chevrolet Suburb. Alle sind tipp-topp gepflegt, der schwarze Lack glänzt, die Chromräder sind poliert, die Scheiben sauber. Zu diesem gepflegten Äußeren passt allerdings selten das Innere, die wartenden Fahrer nämlich, die meist bei laufendem Motor, angeschalteter Klimaanlage und offener Türe (klar, wie denn sonst?) in ihren Autos sitzen. Über einen Kamm geschoren würde ich pauschal sagen „Pack“, zwielichtige Gestalten diverser Ethnien, alle in mehr oder minder schlecht sitzenden, billigen schwarzen Anzügen, Hemdkragen und Krawatte gelockert (was ja irgendwie verständlich ist, bei der Hitze), kämen mir zwei von denen in einer dunklen Gasse entgegen, ich würde ihnen freiwillig meine Geldbörse geben. So viel zur politisch gewiss nicht ganz korrekten subjektiven Wahrnehmung.

Im Hotel frage ich den Concierge, was es denn auf sich habe, mit diesen lungernden schwarzen SUVs. Er lacht. Steigen sie da bloß nie ein, warnt er mich (mein subjektiver ‚Pack-Eindruck‘ bestätigt sich gerade). Das seien Touristen-Jäger, „tourist hunters“, die unbedarfte, ausländische, kleinstädtische Manhattan-Besucher in ihre Autos lockten, um sie irgendwo hinzufahren. Deswegen stünden sie meisten in Mid- und Down-Town, alldieweil dort die größte Touristen-Dichte sei, vor den großen, guten Hotels würden sie mittlerweile auch von den doormen vertrieben, das sei auch der Grund, warum vor unserem Hotel keine von denen zu finden seien, um die Gäste zu schützen. Natürlich verfügten diese Wägen über keine Taxameter, der Preis sei auch keine Verhandlungssache, sofern man nicht gewieft genug sei, beim Einsteigen einen Fixpreis auszumachen, der Preis sei einfach Willkür, willkürlich festgesetzt von dem zwielichtigen Fahrergesindel, in der Regel doppelt so teuer wie ein Yellow Cab und viermal so teuer wie Uber, und der werde vor dem Aussteigen eingefordert, falls nötig auch mal rabiater. In der Regel aber zahlten die unbedarften, ausländischen, kleinstädtischen Manhattan-Besucher den Preis ohne Murren und Knurren, einerseits in Unkenntnis der tatsächlichen Individual-Beförderungs-Preise in NYC, andererseits frisch euphorisiert von dem Erlebnis, einmal im Leben in solch einem Schlachtschiff durch die große Stadt kutschiert worden zu sein. Dennoch, so ergänzt der Concierge, immer mehr junge Leute ohne Ausbildung und ohne Lust auf reguläre Arbeit nähmen Kredite auf, pumpten die Familie an oder hätten Geld aus dubiosen Quellen, um sich einen Suburb – für einen Escalade reiche es selten, der sei tatsächlich noch was Besonderes – zu kaufen und in dieses Geschäft einzusteigen; dadurch sei der Konkurrenzdruck in diesem unregulierten Markt zwischenzeitlich so groß worden, dass sich immer öfter Fahrer auch bei Uber verdingten, da seien die Margen zwar deutlich schlechter, aber dafür habe man viel öfter Fahrten, statt einfach nur wartend in der Stadt herumzustehen. Alles in allem sei das ein sehr seltsames Phänomen während („since“) der Trump-Administration oder wegen („because of“) der Trump-Administration, so genau habe er die Zusammenhänge auch noch nicht durchschaut, sagt mir der Concierge. „Good to know“ sage ich und versuche, das Gespräch mit einem Scherz abzuschließen: „It looked like Men in Black had taken over Manahattan.“ „Better say Uber in Black has taken over Manhattan.“ setzt der Concierge schlagfertig noch einen drauf.

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