Pupp Karlsbad: Wieder großes Grand-Hotel-Theater

Summa summarum: nach Jahren des gefühlten schleichenden Niedergangs hat sich das Pupp endlich berappelt und bietet wieder den Service und das Ambiente eines echten Grand-Hotels.

In den vergangenen Jahren hatte ich den Eindruck, das Pupp – das legendäre Karlsbader Grand-Hotel mit Gästen wie Bach, Beethoven, Casanova, Wagner, Bismarck, Napoleon, Franz Josef I, Peter der Große, Maria Theresia, Eduard VII, Juan Carlos I, Haile Selassie, Havel, in jüngster Zeit kommen die internationalen Stars und Sternchen des Karlsbader Filmfestivals hinzu – verlottert zunehmend, wenngleich auf hohem Niveau, trotz neu gebautem SPA unübersehbarer Renovierungsstau, teils muffliges Personal und weder perfekter noch flotter Service, zuweilen sehr merkwürdiges Publikum beim Frühstück, die verfluchte, stinkende Eierbrat-Station mitten im wunderschönen Neorokoko-Hauptspeisesaal, die für meine Begriffe grottige Leistung des ehemaligen Küchenchefs Martin Piták, abgelaufenes Olivenöl und Essig der Marke „Gut und Günstig“ am Tisch, Schimmel im Bad, lange Wartezeiten (wohl mangels Personal) bei Gepäck- und Park-Service, … Diese Liste ließe sich fortsetzen, aber das war die Vergangenheit, heute ist vieles wieder besser, ja sogar viel besser geworden, und man will ja nicht nachkarteln. Ich war jetzt zwei Jahre nicht mehr in Karlsbad, nun wurde das Haus in Teilen sanft renoviert, Rezeption und Concierge-Tisch sind aus der Rondell-Halle wieder in die alte Hotelhalle (wo zu Ostblock-Zeiten die Nutten bei einer kleinen Cola auf Kunden mit Devisen warteten) umgezogen und deutlich großzügiger geworden, schon 2019 wurde der Kleine Saal Malá dvorana von einer Lobby Bar in ein Restaurant umgewandelt, überragt von einem grandiosen Photoportrait von Norman Freeman, die Flecken im blau-weißen Teppichboden des Großen Saals (vor dem Krieg das Französische Restaurant des Hauses, wo mein Taufpate Oberkellner war, bis er sich um die Stellung und den Verstand soff) sind verschwunden, ebenso wie besagte Eierbrat-Station, alles ist immer noch historisch, jetzt aber eben renoviert und sauber, die Croissants sind viel besser geworden und einer Grand-Hotel-Patisserie würdig, das frische Obst zum Frühstück ist immer noch mäßig, die Wurst- und Käseauswahl konsequent lokal und überschaubar und derb, ein Prager Schinken im frischen Aufschnitt dürfte schon sein, aber ansonsten ist fast alles da, was man von einem großen internationalen Frühstück erwarten darf, wenngleich Prosecco und Lachs mehr als mäßig sind, die Eier nun in Bain-Maries warmgehalten werden und der frisch gepresste O-Saft aus großen Selbstbedienungs-Spendern doch recht lausig ist, der neue Chefkoch Ondřej Koráb liefert im Grandrestaurant gute Arbeit ab, die Schweineterrine für 14,80 EURO respektabel (eine perfekte Balance zwischen kräftigem und derbem-ursprünglichem Geschmack), das Rindersteak für 26 EURO groß portioniert und beliebig, der konfierte Entenschenkel mit Karlsbader Knödeln für 17,40 EURO solide, wirklich lecker, originell das Becherovka Sorbet mit marinierter Birne und Küchlein für 6,40 EURO, alles längst keine wirkliche Sterneküche, aber handwerklich gekonnt, ambitioniert, in hübscher Präsentation, vom kulinarischen Konzept her irgendwo im Gastronomie-Nirwana zwischen traditioneller Grand-Hotel-Küche, Zeitgeist, lokalen Wurzeln, internationalem Anspruch und Beliebigkeit, im Kleinen Saal gibt es parallel für den „einfacheren Hunger“ Clubsandwiches für 14,20 EURO (ich kam leider nicht dazu, sie zu probieren) und Wiener Schnitzel für 16,80 EURO.

Die Zimmer sind oft alt, mit fensterlosen, gefliesten Bäder ohne separate Dusche oder ohne Badewanne, altertümliche Armaturen, altertümliche, aber wertige Möbel – ich tippe auf 80er Jahre oder früher –, altertümliche Holz-Doppelfenster, funzliges Licht, top W-Lan, keine zugänglichen Steckdosen für Laptops und Handys, aber Tresor, Minibar, großer Flachbildfernseher, verfluchte Kapsel-Maschinen, dicke Frottee-Handtücher und -Bademäntel, bodenlange, schwere Vorhänge, mittelprächtige Kissen und Matratzen, das alles wirkt in die Jahre gekommen, aber auf hohem Niveau gepflegt und instandgehalten. Dazu Aufdeck-, Schuhputz-, Zimmer-, Gepäck-, Wagen-Service, das alles hat schon Grandhotel-Level. Mondäner sieht’s in einigen Suiten aus, hier scheint sich 21. Jahrhundert schon symbiotisch mit dem 19. Jahrhundert gepaart zu haben, modernere Möbel und Technik, Parkettböden mit schweren Teppichen, moderne Marmor-Bäder, designtes Licht, lümmelige Fauteuils, sehr wertige Stoffe und Stofftapeten. So ein Haus will halt peu à peu renoviert sein, alles auf einmal geht eben nicht.

Aber umgebaute Rezeptionen und entfernte Flecken sind nur das eine, die Hardware eines Hotels quasi. Wichtiger ist – um im Vergleich zu bleiben – die Software, die auf dieser – letztendlich immer austauschbaren – Hardware läuft, und bei einem Hotel ist das nun mal das Personal, und das hat im Vergleich zu vor zwei Jahren ein massives Upgrade erfahren. Es ist wieder zahlreicher geworden, zweitweise sind im Frühstückssaal oder Restaurant deutlich mehr Angestellte als Gäste, kein Hinterherwinken nach einem Kellner, kein Warten auf einen Gepäckträger, kein Anstehen an der Rezeption, alles läuft jetzt wie am Schnürchen, mit Ausnahme kurzfristiger, letztendlich immer unplanbaren Stoßzeiten, ist stets und überall genügend Personal anwesend, artig in einheitlichem Schwarz oder Grau gekleidet, nur die Barkeeper tragen ihre weißen Jacken. Die schiere Menge der Angestellten ist das eine, wenigstens genau so wichtig sind ihre Kompetenz, Servicegedanken, Freundlichkeit. Diese Leute verstehen und können, was sie jeweils tun – vom Kaffee-nachschenkenden Lehrling beim Frühstück über den kompetent auskunftsfreudigen Concierge bis zum Barkeeper –, und sie tun es aufmerksam, rasch, korrekt und sie sind dabei stets freundlich, keinesfalls kumpelhaft, auch nicht elitär herablassend, schon gar nicht belangloses, stets gelogenes Hotelkonzern-Freundlich, sondern echt freundlich. Wenn ich nach zwei Jahren Abstinenz etwas gespürt habe, dann war es dieser freundliche common spirit aller Angestellten. Ich kenne das Pupp seit 50 Jahren, als es noch Grandhotel Moskwa hieß, und ich kenne wohl alle Facetten, wie sich Angestellte hier benehmen können. So positiv angetan, wie dieses Mal war ich noch nie vom Personal. Wer immer der spiritus recor dieses spirits sein mag, congrats!

Was halt nach wie vor bleibt, ist die Dichotomie des Hotels zwischen River- und Parkside. Grob gesprochen besteht das Hotel aus zwei Flügeln, dem älteren, einfacheren Parkside-Flügel mit schlichteren Zimmern mit Blick auf Hang oder auf Parkplatz und dem neueren, neobarock gestalteten Riverside-Flügel mit schickeren Zimmern mit Blick auf Hang oder direkt auf die Tepel und das grandiose Karlsbad-Panorama. Im Parkside-Flügel gehen die Doppelzimmer um die 100 EURO los, große Reiseveranstalter bekommen sie bestimmt noch billiger. Im Riverside-Flügel kosten die Zimmer ab gut 200 EURO aufwärts, eine wirklich schöne Schlafstatt im Riverside-Flügel schlägt mit wenigstens 250 EURO oder mehr zu Buche. Diese Dichotomie macht durchaus Sinn, wenn alte Monarchen oder neue Filmstars mit ihrer Entourage in solch einem Hotel aufschlagen, die wohlfeilen Zimmer für den Plebs, die hübschen für die Herrschaften, und trotzdem beide unter einem Dach – damals wie heute. Ohne irgendetwas gegen Menschen sagen zu wollen, die sich wohlfeilere Zimmer leisten wollen oder müssen – sie haben das absolut gleiche Recht an schöne Orte zu reisen wie die Gestopften –, ergibt sich durch dieses preislich weit differenzierte Angebot kein homogenes Publikum im Hotel. Das kann man im Zeitalter der Heiligen Diversität gut finden, was ich hingegen nicht gut finde, sind Jogginghosen und Badelatschen beim Frühstück und ähnliches. Im Bülow Palais, auf Bensberg oder in Tonbach herrscht da noch ein anderes Ambiente. Aber lassen wir das, ich schreibe mich gerade um Kopf und Kragen …


GRANDHOTEL PUPP Karlovy Vary, a.s.
Mírové náměstí 2
360 01 Karlovy Vary
Tel.: +420 (3 53) 10 96 31
E-Mail: reservation@pupp.cz
Online: www.pupp.cz

Doppelzimmer mit Frühstück von 122 € bis 300 € (zu Festival-Zeiten deutlich höher)

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