Port Orford: Right in the middle of nowhere (1/3)

Von Seattle nach San Francisco sind es – je nach Route – +/- 1.000 Meilen, also rund 1.600 Kilometer, irgendwie ist Ami-Land ganz schön groß, das vergessen wir immer wieder. Ziemlich genau auf halber Strecke liegt Port Orford. Port Orford, mit Ausnahme Alaskas die westlichste Stadt der kontinentalen USA und zugleich älteste weiße Stadtgründung in Oregon, sagt Wikipedia, von George Vancouver nach dem Earl of Orford benannt. Die ersten Eroberer konnten die Qua-toh-mah, einem Stamm der Tututni, in der Schlacht am Battle Rock 1851 noch vertreiben, die weißen Landnehmer kehrte mit 70 schwer bewaffneten Männern zurück, gründeten eine Siedlung, Pelzjäger, Goldsucher und Farmer folgten, machten sich in die Region entlang des Rogue River breit und zerstörten die Lebensgrundlagen der Indianer, die in den Rogue-River-Kriegen besiegt und in Reservationen abgedrängt wurden, wo die Verfolgungen nicht aufhörten, auch die Reservate rissen sich die Weißen nach und nach unter die Nägel. So geht es Leuten, die fremde Landnehmer zuerst freundlich begrüßen und aufnehmen. Aber das ist ja nur Geschichte, so etwas gibt es ja heutzutage nicht mehr.

Heute ist Port Orford ein ziemlich vergessenes Städtchen mit gut 1.000 Einwohnern am Highway 101, Holzindustrie und Fischerei, die dem Örtchen einst einigen Wohlstand brachten, gibt es kaum noch, und wenn die Homepage der Stadtverwaltung von aufstrebendem Tourismus berichtet, so hört sich das eher an wie das Pfeifen im Walde. Durchgangsverkehr gibt es wenig, die meisten Reisenden nehmen schon lange nicht mehr die kurvige, landschaftlich atemberaubende, legendäre 101, sondern rauschen lieber auf der perfekt ausgebauten Interstate 5, 100 Kilometer östlich in Landesinneren nach Norden und nach Süden, die URL der Tourismus-Website von Port Orford – www.DiscoverPortOrford.com – steht heute zum Verkauf, es gibt 3 Motels in der Gegend, ein paar Bed&Breakfast, eine Hand voll Campingplätze und einige Ferienhäuser zum Mieten, die so accomodierten Touristenmengen können dann in ganzen 10 Verköstigungsbetrieben in der Umgebung – Cafés, Imbissbuden und Trinkhallen eingeschlossen – ihre Wänste füllen. Also, wenn man ehrlich ist, in Port Orford ist der Hund begraben, und zwar richtig, richtig tief. Das mag nicht so toll sein für die verbliebenen Bewohner, und doch gibt es dem Städtchen einen ganz besonderen Reiz für den Reisenden, den Reiz der Authentizität. Die Küste ist nett, sogar Sandstrand, aber selbst im Hochsommer kein Gedanke an Baden, weiter Blick über Bucht und Wälder, ein kleiner Hafen mit ein paar Fischerbooten, aber städtebaulich ist die Siedlung ansonsten für’n Arsch, ein langgezogenes Straßendorf aus meist einstöckigen primitiven Holzhäusern entlang des Highway 101 mit ein paar Seitensträßchen und einige Häuser auf einem Hügel mit Meeresblick, Tankstelle, Supermarkt mit großem Parkplatz, Schule, Drive-Through-Bank, Liquor-Store, Diner, Café, Pub, ein paar wohl unvermeidliche vermeintliche „Galerien“ – irgendein alter Schuppen, der sowieso leer steht, in der eine Person – meist weiblichen Geschlechts – die Ergüsse ihres sinn- und freudlosen Landlebens in Form von bekritzelten oder gerne auch Acryl-lackierten Leinwänden, gebranntem Ton, Häkel- und Strickwaren, gelötetem oder geschweißtem Metall, behauenem Holz, you name it, zur Schau und zum Kauf stellt und die beim Betrachter eine ganz famose Gefühls-Melange aus Abscheu vor den Abscheulichkeiten, Lachen über Lächerlichkeit und Mitleid über die Armseligkeit auslöst, solche Galerien halt –, ein kleiner Parkplatz am Aussichtspunkt von besagtem Battle Rock, Autoteilehändler, öffentliche Bibliothek, Seniorenheim, Rathaus, Kirchen, Waschsalon; die ganze Elendigkeit des Kaffs wird wahrscheinlich am deutlichsten dadurch, dass es weder McDonalds noch KFC noch Subway noch Burgerking noch Denny’s noch sonst eine Filiale einer Fastdoof-Kette gibt, es gibt noch nicht einmal einen lokalen Canabis-Shop, so elend. Diese Elendigkeit hat aber auch ihren Vorteil … für den Reisenden. Hier ist nichts gestellt, nichts künstlich, keine Shops, Lokale, Vergnügungsangebote, weiß der Geier was, die alle nur für Touristen gemacht werden, Touristen, die Geld haben und meist nie wieder kommen, denen man also so viel Geld wie nur möglich abknöpfen muss, und das mit so geringen Kosten wie nur möglich. Das hier ist Amerika pur, Amerika nur für die Einwohner, die, die da sind, die bleiben, die wiederkommen, die nicht so viel Geld haben, normale Menschen halt. Hier sind wir durch Zufall, wirklich nur durch Zufall gelandet.

Quartier finden wir im Castaway by the Sea, einem einfachen Motel auf besagtem Hügel, alle Zimmer tatsächlich mit ziemlich atemberaubendem Meeresblick runter auf Hafen und Bucht. Die Zimmer sind OK, halbwegs groß, voll eingerichtete Kitchenette, Betten zu weich, aber wenigstens richtiges Bettzeug, sauberes, primitives Bad, Esstisch, Couchecke, Flachbildfernseher, ordentliches WiFi, für imperiale Verhältnisse nicht übel, für 179 US$ die Nacht aber auch nicht wirklich wohlfeil, natürlich ohne Frühstück, überhaupt hat das ganze Motel mit Ausnahme der Eismaschine keinerlei Infrastruktur, kein Pool, kein Restaurant, keine Bar, kein Aufenthaltsraum, aber einen Parkplatz gibt es. Vor allen Zimmern ist eine Art Wintergarten, ein verglaster, vielleicht 1 Meter tiefer Balkon, auf den von der Tiefe her gerade Gartenstühle passen. Das heißt aber, keines der Zimmer hat tatsächlich Balkon oder Freisitz, vor den Zimmern im Erdgeschoss ist eine Wiese, ebenfalls mit Meeresblick, aber keine Sitzgelegenheiten, Gartenmöbel oder ähnliches. Die Amis gehen offenbar nicht raus, setzen sich schon gar nicht raus, sondern bleiben lieber in ihren Motel-Zimmern, vor den Flachbildfernsehern. Abseits in einem Gebüsch finden wir eine grob gezimmerte, alte Rastplatz-Sitzgarnitur, die schleppen wir vor unser Zimmer, aber wir sind die einzigen, die hinter dem Haus draußen sitzen, die anderen Motel-Gäste kommen mal vorbei, betrachten (ich schreibe ‚betrachten‘, nicht ‚genießen‘) die Aussicht, schauen uns misstrauisch an und verschwinden wieder in ihren Kabuffs. Trotzdem ist es schön hier, das Panorama und die Meeresluft, es ist ruhig bis auf das Meeresrauschen und zuweilen Maschinengeräuschen vom Hafen, zwei Katzen wollen unablässig gestreichelt werden, zwei Maultierhirsche äsen im Morgengrauen unmittelbar vor dem Fenster, das alles vermischt sich zu einem sehr angenehmen Ganzen, obwohl das Zimmer selber nichts Besonderes ist. Besonders ist allerdings eine Kleinigkeit beim Service: in der Kitchenette steht in großen Lettern geschrieben, dass man sein Geschirr gefälligst selbst abwaschen soll, was ja eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein sollte; wir stellen unser gebrauchtes Geschirr vom Räuberschmaus (s.u.) in die Spüle, um es später brav abzuwaschen, als wir zurückkommen, hat das der Zimmerservice still und heimlich für uns erledigt. Nett, sowas und immer ein anständiges Trinkgeld wert.


Castaway by the Sea
545 5th Street
Port Orford, OR 97465
USA
Tel.: +1 (5 41) 3 32 45 02
Online: www.castawaybythesea.com

DZ /Kitchenette ohne Frühstück US$ 148 bis US$ 202 (Sommer), US$ 95 bis US$ 155 (Winter)

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