Nach nur einem Jahr hatte Der Feinschmecker vermeldet, dass es nun auch in Mailand eine Gin-Bar gab

So langsam scheine ich eine Art Feindbild gegenüber dem Feinschmecker aufzubauen, aber – Axel – ich ärgere mich nicht mehr, ich schmunzele nur noch darüber, wie möglichst preiswert und unaufwändig Textlein und Bildchen um gedruckte Werbefläche herum drapiert werden, damit es nicht ganz so auffällt, dass man letztendlich so etwas wie einen aufgepimpten Werbeprospekt in der Hand hält, für den man auch noch 9,95 € gezahlt hat.

Im Feinschmecker 06/16 also wurde vermeldet, dass es in Mailand eine Gin-Bar gibt („The Botanical Club of Milano“, Via Pastrengo 11, unmittelbar am Bahnhof Porta Garibaldi), in der es 100 verschiedene Gins geben soll, den man dort dann mit flüssiger Bitterschokolade oder Quittenkonfitüre vermengt und die dazu noch über eine hauseigene Gin-Brennerei verfügt. Sehr schön, jetzt also auch Mailänder Gin, darauf hat die Welt sicherlich gewartet, ist ja nur der soundsovieltausendste  Premium-Gin, der in den letzten Jahren auf den Markt geworfen wurde, quasi ganz was Besonderes und Exklusives. Genau genommen haben Davide Martelli und Alessandro Longhin ihren Laden bereits Sommer 2015 aufgemacht, im Herbst war ich mal dort, da gab es noch keine 100 Gins, und weder der Selbstgebrannte noch die Bar noch das Restaurant haben mich vom Hocker gehauen, war mir noch nicht mal ein paar Zeilen wert, einer dieser Main-Stream-Basst-Scho‘s. Aber ich entsinne mich nicht, dass der Feinschmecker wahrgenommen und vermeldet hätte, dass Jonathan Clark Ende 2012 in seiner Cocktail Bar in der Bride Lane, mitten in der City of London, “The City of London Distillery” eröffnete. Das war damals wirklich ein Ereignis, erstens weil dies meines Wissens die erste Micro-Gin-Distillery in einer Bar – dazu noch down-town – war, zweitens weil damit der Gin nach über 200 Jahren in seine „Heimat“ zurückkehrte (jeder erinnert sich doch sicherlich an Hogharth‘s „Gin Lane“ von 1751), und drittens weil vor vier Jahren Gin noch längst kein so gehyptes Thema wie heute war. Außerdem pfuscht man dort nicht mit flüssiger Schokolade rum, sondern rührt sorgsam ganz ausgezeichnete trockene Martinis mit korrektem Bar-Eis, gefrosteten Gläsern und Lemon-Twists  in dieser ganz typischen, lockeren Speak-Easy-Atmosphäre, die eine echte Britische Bar ausmacht. (Allerdings ist „Clarks Bar“ zwischenzeitlich so „in“, dass ohne Reservierung kaum etwas geht.)

Bereits zwei Jahre zuvor im Frühling hatte die Familie Forte ihr altes, seit den 30er Jahren im Familienbesitz befindliches Lokal „The Star“ in der Great Chapel Street mitten in Soho in „The London Gin Club“ umgewandelt. Für mich sind die Copa Gläser, in denen hier Gin und Gin-Tonics ausgeschenkt werden, mehr als gewöhnungsbedürftig, aber das soll authentisch sein, sagt man mir. Heute bietet diese typisch Britische Bar rund 270 Gins, wobei man hier nicht die „üblichen Verdächtigen“, die es überall gibt, in’s Regal stellt, sondern ein Auge auf die Produkte von kleinen, exklusiven, unbekannten Brennern hat; entsprechend interessant sind die Tastings im „London Gin Club“, bei denen der Chef-Barkeeper Stevie Watson kompetent und witzig vier bis sechs ungewöhnliche Gins serviert und erläutert, aber zuweilen macht er auch schon mal eine siebte und achte Flasche (nur zu Vergleichszwecken natürlich) dabei auf. Dazu gibt es eine kleine Barkarte (die für Britische Verhältnisse gar nicht mal so übel ist), und hier geht außerdem was ohne Reservierung.  Auch auf dem Kontinent sprossen (und sprießen immer noch) Gin-Bars wie Unkraut aus dem Boden; Gin ist halt immer noch ein Hype, und viele wollen da mitverdienen. Selbst in einem Kaff wie Darmstadt – man sollte es nicht glauben – gibt es in der Heinheimer Straße die „Gin-Bar Darmstadt“ mit mehr als 200 Sorten Gin, betrieben von der umtriebigen Portugiesin Maria Santos; die Gin-Bar ist dabei kein eigenes Etablissement, sondern Teil des Portugiesischen Restaurants „Adega Alentejana“, in dem sich auch noch gleich zusätzlich eine Whisky-Bar  befindet (man – bzw. Frau – will ja jeden Hype gleichermaßen mitnehmen). Eigentlich ist die Sache mit der Gin-Bar hier nicht mehr als ein Marketing-Gag, aber die Auswahl ist in der Tat beachtlich und hier kann man in verschiedenen Gaststuben und dem reichlich rustikalen Biergarten-Hof sehr ordentlich portugiesisch essen und Whiskys und Gins süffeln, von den Cocktails würde ich allerdings dringen abraten. In Dresden hat Christfried Drescher in seinem  Hotel Suitess, um die Ecke von der Frauenkirche, 2013 das „Dresden Gin House“ (Rampische Straße 9) eröffnet, das zugleich als Raucherlounge für das Hotel dient. Leider wurde das Etablissement von Harald Glöckner (das zweite „ö“ ist allein ein Marketing-Gag) eingerichtet und sieht daher aus wie ein Puff. Aber dieses Unbill wird wettgemacht durch die Mixkünste von Keeper Waldemar „Waldi“ Bornemann, der sein Metier ganz ausgezeichnet  beherrscht, und jedes Mal, wenn wir dort sind, stellt er uns mit geradezu kindlicher Freude die neu dazu gekommenen Gins vor, beim letzten Besuch  hatte er gerade die 225er Marke geknackt. Dabei setzt Waldi nicht auf Menge, sondern  auf Qualität, längst nicht jeder Gin schafft es, hier hinter die Theke zu kommen.

Dem entgegen scheint man in Österreich eher auf Masse zu setzten.  In Wien Döbling bietet Nikolaus Slupetzky in seinem „SLU“ (Billrothstraße)  250 verschiedene Gins in einer gepflegten Baratmosphäre. Es gibt keine Barkarte und auch kaum Mixgetränke, vor allem Gin pur und Gin Tonic mit einer ebenfalls beachtlichen Auswahl an Tonics. Wenn man nicht weiß, was genau man trinken möchte, macht Slupetzky je nach Verfassung und Aussehen des Gastes eine individuelle Empfehlung, und siehe da, die passt fast immer. (Gute Barkeeper sind halt auch in erster Linie immer Menschen-Kenner und –Versteher.)  Weitaus rustikaler geht es im „Torberg“ von Gerald Alexander Gsöls in der Strozzigasse in Wien zu. Hier hat man sich bereits seit 2010 auf Gins spezialisiert, und heute kann man im „Torberg“ zwischen über 400 verschiedenen Gin-Sorten und etlichen Tonics wählen. Allerdings gibt es hier wiederum keine Barkeeper (sondern wieder nur Laien hinter der Theke) und außer  Gin Tonic keine Mixgetränke. Aber aufwändige Cocktails kämen auch etwas schräg im „Torberg“, das weniger einer Cocktail-Bar, als vielmehr einer Mischung aus Studenten-, Vorstadt- und Rocker-Kneipe aus den 80er Jahren gleicht: düster, verraucht, alles irgendwie ein wenig klebrig, schmuddelig, versifft, knarzende Möbel, sehr gewöhnungsbedürftiges Interieur mit  Bildern, Tafeln, komischen Leuchten, mal auch einer Weihnachtskugelbatterie an der Decke; dazu passend das Publikum am frühen Abend, der Eine sieht aus, als sei er gerade von seiner Harley gestiegen, der Andere, als wäre er gerade auf dem Weg zur Weltrevolution, der Dritte, als käme er just von der Schicht im Stahlwerk, erst am späteren Abend mischt sich jüngeres Szenevolk unter die Gäste. Aber alle scheinen friedlich, zufrieden, bräsig, freundlich plaudernd, auch mal laut lachend und wild diskutierend, in diesem Gin-gepimpten 80er-Jahre Grezn-Wohnzimmer.  Der Superlativ in Sachen Anzahl verschiedener Gins befindet sich nicht in Wien, auch nicht in London, New York, Tokyo oder Shanghai, sondern in … Kufstein. Laut „Guinness Buch der Rekorde“ ist der „Stollen 1930“ in der Römerhofstraße in Kufstein die Bar mit der weltweit größten Gin-Auswahl; ich glaube, es war 2014, als der „Stollen 1930“ die Kölner „Pepe Bar“ (Antwerpener Straße) mit „nur“ 540 verschiedenen Gins vom Thron gestoßen hat. Im „Stollen 1930“, einem alten Bergwerksstollen direkt unter der Festung Kufstein bietet die Hoteliersfamilie Hirschhuber über 800 verschiedene Gin-Sorten. Allerdings ist der „Stollen 1930“ keine klassische Bar, sondern eher ein Club und ein place to be, mit schlechter Luft, Gedränge, Schweiß und kollektivem Massen-Balzen. Die Leistung der Barcrew – ich kenne nur die Vornamen Simone, Rafael, Robert, es herrscht ein sehr lässiger Umgangston – ist qualitativ mäßig, quantitativ zu Stoßzeiten aber sicherlich eine Herkulesaufgabe. Trotzdem werden hier die albernen Flaschen-hinter-dem-Rücken-rumwerf-Nummern und ähnlicher Show-Schnick-Schnack für’s kleinstädtische Partyvolk abgezogen, aber dafür tatscht der Keeper dann das Glas hemmungslos am Kelch statt am Stiel. 800 Gins sind viel zu viel, als dass diese jungen Leute sie alle wirklich kennen und gezielt empfehlen könnten, so bleibt es oft bei dem „Ich hätte gerne einen aus deeer Flasche, … nein, zwei weiter links, … ja, die Flasche sieht nett aus.“ Masse mag in’s „Guinness Buch der Rekorde“ helfen und gut für’s Marketing sein, aber Klasse ist mir allemal lieber.

Gewiss ist das keine abschließende Liste der Gin-Bars dieses Kontinents, das sind halt die, die ich kenne und in die ich mich dann und wann mal zu begeben pflege. Ich bin dankbar für jeden Hinweis auf weitere, interessante Gin-Bars (Gin-Bars und nicht Cocktail-Bars mit Gins) und Gin-Micro-Distilleries, immer her damit.

 

The Botanical Club of Milano
Davide Martelli, Alessandro Longhin
Via Pastrengo, 11
Milano 20159
Italien
Tel.: +39 (02) 36 52 38 46
Internet: www.thebotanicalclub.com
E-Mail: reserve@thebotanicalclub.com
Cocktails +/- 10 €, Hauptgerichte 12 € (Nudeln mit Tomatensauce) bis 19 € (Kabeljau)

 

City of London Distillery
Jonathan Clark
22-24 Bride Ln,
London EC4Y 8DT
Vereinigtes Königreich
Tel: +44 (20) 79 36 36 36
Internet: www.cityoflondondistillery.com
E-Mail: enquiries@cityoflondondistillery.com
Cocktails  +/- 10 €, Gerichte 15 bis 19 € (verschiedene Auswahl an Fingerfood)

 

The London Gin Club
Julia Forte, Stevie Watson
22 Great Chapel St
London W1F 8FR
Vereinigtes Königreich
Internet: www.thelondonginclub.com
E-Mail: thelondonginclub@gmail.com
Tel.: +44 (20) 74 94 24 88
Cocktails  +/- 10 €, Gerichte 4 bis 12 € (verschiedene Auswahl an Fingerfood)

 

Ginbar Darmstadt
Maria Santos
Heinheimer Straße 38
64289 Darmstadt
Tel.: +49 (61 51) 97 17 96
Internet: www.ginbar-darmstadt.de
E-Mail: info@adega-alentejana.de
Cocktails +/- 12 €, Hauptspeisen 9 € (halbes Hähnchen) bis 27 € (Riesengarnelen)

 

Gin House Dresden
Christfried Drescher, Waldemar „Waldi“ Bornemann
Rampische Straße 9
01067 Dresden
Tel.: +49 (3 51) 41 72 70
Internet: www.dresden-ginhouse.de
E-Mail: ginhouse@suitess-hotel.com
Cocktails +/- 15 €

 

SLU
Nikolaus Slupetzky
Billrothstraße 31
1190 Wien
Österreich
Tel.: +43 (6 64) 4 35 54 00
Internet: www.slubar.at
E-Mail: slu@slubar.at
Cocktails +/- 12 €

 

Das Torberg
Gerald Alexander Gsöls
Strozzigasse 47
1080 Wien
Österreich
Tel.: +43 (1) 9 56 34 79
Internet: www.dastorberg.at
E-Mail: grinz-ing@gmx.at
Cocktails +/- 12 €, kleine Karte mit (hausgemachten) Snacks 8 € bis 16 €

 

Stollen1930
Richard Hirschhuber
Römerhofgasse 3
6330 Kufstein
Österreich
Tel.: +43 (53 72) 6 21 38
Internet: www.auracher-loechl.at/stollen1930
E-Mail: hallo@auracher-loechl.at
Cocktails +/- 12 €

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2 Comments

  1. Reinhard Daab

    Hallo Hr. Opl,

    ja, der Feinschmecker war einmal eine ordentliche Puplikation in Sachen Gourmandise, aber dies ist schon sehr lange her. Eigentlich ist dieser sog. Feinschmecker nur noch als Live-Style-Heft zu sehen, ich blättere ihn immer mal kurz durch, wenn er in einem Hotel ausliegt.

    Schöne Grüße

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