Marginalie 72: Aus der Zeit gefallen

Es ist kalt. Früher einmal, da hieß man so etwas „Winter“, es gab „klirrend kalte Winter“, „schneereiche Winter“, „recht warme Winter“, auch mal „zu warme Winter“, „feuchte Winter“, „milde Winter“, „gemischte Winter“, aber alles in allem hieß man die Zeit zwischen Ende Dezember bis Ende März einheitlich „Winter“.  Heute ist dem nicht mehr so. Heutzutage gibt es „Schneekatastrophen“, „Depri-Wetter“, „Russenpeitschen“, „Skisaison“, „Vorboten der globalen Klimaerwärmung“, „dramatische Kälteeinbrüche“, „Schul-Ausfall-Wetter“ und so weiter, nur „Winter“, ganz einfach „Winter“, den gibt’s nicht mehr. Wie immer man diesen Aggregatszustand des Jahres heutzutage auch nennen mag, es ist kalt, Schneematsch auf den Straßen, leichter Nieselregen, immer wieder fahren dick eingemummelte Motorradfahrer mit meist blubbernden, nicht kreischenden Maschinen mit recht viel Gepäck hinten drauf durch die Straßen zu ihrem alljährlichen Elephantentreffen, Wintercamping für Zweiradfahrer im Bayrischen Wald, so hat jeder seinen Sprung in der Schüssel. Ich ärgere mich über ein schlechtes Hotel und wo ich auch hinkomme schlechtes oder mäßiges Futter, Bayrischer Wald macht gerade keinen Spaß, zumindest mir nicht. Dergestalt mißgemutet stapfe ich über den Grafenauer Stadtplatz. Der hiesige Technologie Campus ist so nicht gerade der Bringer, zumindest was den spontanen Erlebniswert anbelangt. Danach sitze ich im Café Fox, goutiere die Kantinen-Atmosphäre, trinke heiße Schokolade mit Rum, beobachte die Einheimischen beim späten frühstücken, brunchen, frühen Mittagessen, ratschen, Zeitschriften lesen (wenn, dann nur yellow press, kein einziges seriöses Blatt, soweit ich das sehe), saufen, social networken, einfach nur apathischen dasitzen, mehr oder minder dezent und gekonnt flirten, lautstarken diskutieren, das ganze pralle kleinstädtische Leben auf einmal und auf einem Fleck. Nebenbei versuche ich, ein wenig zu schreiben, aber das will mir nicht so recht gelingen, dem Tableau fehlt es eindeutig an Inspiration, nur Transpiration, die liefern die Umsitzenden reichlich. Vielleicht sollte ich ein Geschäft für Seife, Waschlappen und Deo im Grafenau aufmachen, denke ich mir. Nochmals mißgemuteter, aber immerhin mit reichlich Schokolade und Rum im Bauch, gehe ich ziellos hinaus in die Kälte und stapfe weiter am Stadtplatz entlang.

Unvermittelt komme ich vor einem kleinen, unscheinbaren, uralten Friseurladen zum Stehen. „Herren Friseur Stangel“ steht in umständlicher, verschnörkelter Schreibschrift auf einem Messingschild, darunter, auf einem zweiten, kleineren Schild noch „Säumer Bader“. Der Laden selber ist klein, schmal, lang nach hinten in’s Gebäude hinein gestreckt, Tageslicht fällt nur  durch die Türe und ein vollgestelltes Schaufenster hinein, beleuchtet wird der Raum durch das brutalst vorstellbare Neonlicht, Linoleumfußboden, die Wände mit einfachen Holzpanelen verkleidet, so wie in einer Gartenlaube oder einer Kellerbar. Im krassen Kontrast dazu die Barbiers-Devotionalien an den Wänden, alte Scheren, Messer, Kämme, Tiegel, Pinsel, Brennscheren, vergilbte Bilder aus Zeitschriften, Werbeplakate, auf einfachen Regalbrettern allerlei Wässerchen, Salben, Seifen und Tinkturen, aber auch Furcht erregende Zahnarzt-Zangen und ähnliches Gerät, ja, ja, das Zähne reißen habe er während seiner Barbiers-Ausbildung auch noch gelernt, das sei selbstverständlich gewesen, damals, sagt der freundliche alte weißhaarige Friseur mit weißem Oberlippenbärtchen. Auf den beiden Friseurstühlen und den Wartesesseln saßen wahrscheinlich schon Haarige als noch der Prinzregent über Bayern herrschte, auch das altertümliche Wetzleder, die uralte Haarschneidemaschine, ein Röhrenradio und die Rasiermesser vermitteln nicht gerade den Eindruck von High Tec. Kurt Stangl, so heißt der wahrscheinlich schon über siebzigjährige Friseur, schneidet einem jüngeren Einheimischen gerade die Haare, von Hand und akribisch, ein alter Mann, offensichtlich ebenfalls Einheimischer, sitzt auf einem der beiden Wartesessel, Stangl fordert mich auf, auf dem anderen Sessel Platz zu nehmen, und so geselle ich mich dazu. Die Einheimischen unterhalten sich in einem Idiom, das sich erfolgreich meinem Verständnis entzieht, die könnten sich gerade auch ganz offen verabreden, mich jetzt auszurauben und zu ermorden, ich würde freundlich dreinblickend dabei sitzen und kein Wort verstehen. Nun gut, sie lassen mich am Leben, nach einer gefühlten Ewigkeit bin ich an der Reihe, denn schnell geht hier gar nichts im Friseur Salon Stangl. Es ist irgendwie, als wäre dieser Ort aus der Zeit gefallen. Mit mir redet Stangl dann Hochdeutsch oder so ähnlich, zumindest verstehe ich ihn, erzählt wie selbstverständlich von dem Örtchen, den Leuten, seinem Leben, und was mich denn nach Grafenau verschlagen habe, fragt er, ich sei ja offensichtlich nicht von hier. Dabei kümmert er sich penibel um meine Haarpracht (oder was davon noch übrig ist), wo eine moderne Friseuse keine zehn, fünfzehn Minuten braucht, um mich maschinell zurechtzustutzen, werkelt Stangl fast eine dreiviertel Stunde an meinen wenigen Haupt- und üppigen Barthaaren herum, den Nackenhaaren und der Bartkontur rückt er mit einem anachronistischen Barbermesser zu Leibe, das er zuvor an besagtem Leder wetzt, danach werde ich abgewaschen, trocken gewedelt (nicht etwa profan abgetrocknet) und mit einem nach altem Mann riechenden Eau de Toilette einparfümiert. Ich würde jetzt noch nicht einmal sagen, dass ich mich nach dieser dreiviertel Stunde deutlich besser oder sorgfältiger oder gar modischer frisiert fühlen würde als nach einer zehn Minuten Maschinen-Traktur. Aber ich fühle mich wohler. Diese Hände sind flink, geschickt und behutsam in einem, dazu haben wir nett geplaudert, ich habe ein wenig von hier erfahren, Stangl hat ein wenig von mir erfahren, gegenseitig nicht so viel, als dass es irgend eine Relevanz hätte, aber nett. Ich bin wieder ordentlich frisiert und zahle … keine 10 EURO, er orientiere sich bei seiner Preisgestaltung immer am Schweinsbraten im Gasthaus, eine Männerfrisur (er sagt Männer-, nicht Herrenfrisur, und Frauen frisiert er sowieso nicht, auch keine Damen) müsse immer etwas weniger kosten als aktuell der Schweinsbraten, sagt Stangl. Das ist schon komisch, da fährt man in den Bayrischen Wald, ist missvergnügt und verlässt unvermittelt für zwei Stunden das Raum-Zeit-Gefüge, quasi in eine andere Welt, wo Prozessoptimierung und Profitmaximierung keinerlei Rolle spielen, sondern allein Sorgfalt und leben und leben lassen.

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