Marginalie 17 – Der Jodler im Lift

Frankfurt am Main, Bankenviertel, Taunusturm, trotz Bahnhofsnähe edle Adresse, Natursteinfassade, 170 Meter hoch, 40 Stockwerke, 13 Meter hohe Lobby  als Entrée, 10 Aufzüge, ebenfalls mit Naturstein verkleidet, die Fahrt vom Erdgeschoss in den 40. Stock dauert ohne Zwischenhalt keine Minute, mit Zwischenstopps deutlich länger. Wir alle sind an diesem Tage wichtig, tragen maßgeschneiderte Business-Kampfanzüge aus edlen Tüchern, Hemden aus Schweizer Batist, Umschlag-Manschetten mit protzigen Manschettenknöpfen aus allerlei Edelmetallen, Seven-Fold-Ties aus reiner Seide, maßgefertigte Budapester, Uhren in der Preisregion von Klein- bis Mittelklassewagen, Aktentaschen aus Kalbsleder (je kleiner die Tasche, desto wichtiger der Träger, so lautet die alte Regel), die Damen entsprechend gewandet, derart ausstaffiert stehen wir allesamt wichtig in guter Rotten-Stärke vor den 10 Liften, darauf wartend, dass sich eine der Lifttüren öffnen möge, uns nach oben zu unseren wichtigen Geschäften zu bringen. Eine der Türen öffnet sich tatsächlich, gesittet, doch zügig ergießt sich die Menschentraube in die offene Liftkabine, es wird gut voll und schon kuschelig, man drückt Stockwerkstasten (auch hier wieder: je höher desto wichtiger), die Tür beginnt sich zu schließen, da springt mit einem Satz in letzter Sekunde noch ein weiterer Fahrgast in die Kabine, nochmals wichtiger als wir anderen, noch größere Uhr, noch kleinere Aktentasche, dazu lautstark und wortreich mit seiner Funke telephonierend. Die Türe schließt sich, wir stehen eng an eng, und müssen zuhörend erfahren, dass die Lenkungsausschusssitzug am nachfolgenden Tage nicht stattfinden wird, wenn der Vorstandsvorsitzende nicht bis spätestens heute 18:00 Uhr die Unterlagen auf seinem Schreibtisch hat. Sag‘ ich doch: nochmals wichtiger als wir anderen, der Herr. Unvermittelt fängt einer der Mit-Beengten in der hinteren Ecke der Liftkabine an zu jodeln. Richtig gutes, klares, ohrenbetäubendes Jodeln, wie es wohl nur echte Könner hinbekommen. „Können Sie nicht aufhören zu jodeln? Sie sehen doch, dass ich telephoniere!“, schnauzt der Oberwichtige den Jodler an. „Können Sie nicht aufhören zu telephonieren? Sie sehen doch, dass ich jodle!“, schnauzt der gescholtene Jodler wie aus der Pistole zurück. Perplexes Schweigen. Bei Allen. „Ich ruf‘ Dich gleich zurück.“, sagt der Ober-Wichtige noch rasch (so wichtig kann es also gar nicht gewesen sein, das Telephonat im Lift) und verstaut seine Funke. Plötzlich klatschen alle Mitfahrer im Lift spontan, so gut es bei den beengten Verhältnissen halt geht. Der Jodler grinst. Der Ober-Wichtige dreht sich demonstrativ zur Tür und den Mitfahrern den Arsch zu. Die Tür öffnet sich, die Menschentraube, die gerade für 5 Sekunden eine verschworene Gemeinschaft war, löst sich auf, zerfließt gleichsam und alles ist vorbei, so schnell es begonnen hatte.

Erfunden? Nein, bei Gottfried, genauso hat es sich zugetragen!

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