Marginalie 118: Der Sackgassen- und Poller-Irrsinn

Nun gut, seit einige Jahren wohne ich auf dem Lande, vielleicht bin ich die Großstadt nicht mehr richtig gewöhnt. Wenn bei uns im Städtchen mal eine Straße vorübergehend gesperrt wird – es gibt hier ohnehin nicht allzu viele Straßen –, dann steht das Wochen vorher im Lokalblättchen (endlich passiert mal was, irgendwas), beim Metzger wird darüber geredet, über Sinn und Unsinn der Sperrung diskutiert, der Bürgermeister rechtfertigt die Notwendigkeit der Maßnahme ausführlich, Ausweichrouten werden vorab erkundet, kurzum, so eine temporäre Straßensperrung ist Stadtgespräch.

Da war das, was ich jüngst in Berlin erleben musste, so ganz anders. Fünf Tage waren wir in der Stadt, Öffis fahre ich in diesem verwahrlosten Moloch prinzipiell nicht, habe ich noch nie getan, zum einen, weil ich pünktlich und zuverlässig an meinem Ziel ankommen will, zum anderen aber auch schlichtweg aus Sicherheitsbedenken, man weiß nie, wann man mit einem Stich in die Rippen spontan kulturell bereichert oder gratis von der Bürde einer Geldbörse befreit werden könnte. Also sind wir in den fünf Tagen unseres Aufenthalts mehr als ein Dutzend Mal Taxi gefahren. Bei Mietdroschken bin ich konservativ, die Volts und Ubers dieser Welt können mir gestohlen bleiben (außer in Paris, da ist jeder Uber besser als die chronische verlotterten offiziellen Taxis mit ihren Lümmel-Fahrern), ich fahre ausschließlich diese cremefarbenen Wagen mit den netten, zuverlässigen Taxi-Schildern auf dem Dach, und damit fahre ich fast immer gut.

Bei diesem guten Dutzend innerstädtischen Taxifahrten ist es jetzt in Berlin drei Mal vorgekommen (drei Mal, das sind fast 25%!), dass wir in irgendeinem Kiez plötzlich vor einem Sackgassenschild oder vor einer massiven Poller-Reihe mitten auf der Straße standen. Jedes Mal entschuldigte sich der sichtlich selber verdutzte Taxifahrer tausendmal mit Worten wie „Das war das letzte Mal noch nicht hier!“ oder „Jetzt spinnen die aber total!“ Ich glaube diesen wackeren Droschkenkutschern ihre Überraschung, ihr Unverständnis und ihren Ärger, die wollten mich nicht mit einem kleinen Umweg über’s Ohr hauen, denn meist fuhren sie strikt nach Navi, und selbst das sonst zuverlässige Navi lenkte sie in diese Verkehrsbehinderungen, sie waren also so kurzfristig entstanden, dass sie noch nicht einmal in die Navigations-Software eingepflegt werden konnten. Dass mich die Umwege, die die Taxifahrer nach diesen behördlichen Zwangsausbremsungen fahren mussten, in Summe weit über zwanzig EURO zusätzlich an Beförderungsentgelt kosteten, ist verkraftbar; dass sie mir auch noch wertvolle Minuten meiner Zeit stahlen, eher weniger; was dadurch an zusätzlichen Emissionen in die Luft geblasen wurde, mögen andere berechnen.

Um dies klarzustellen: diese behördlichen Verkehrsbehinderungen waren nicht etwa eingerichtet worden, um dringend notwendige Reparaturen vorzunehmen (wie etwa nach einem großflächigen Stromausfall oder zur Sanierung einer maroden, Jahrzehnte nachlässig gewarteten Brücke) oder um Sicherheitsrisiken auszuschließen (wie zum Beispiel linke Chaoten, die Steine von Dächern besetzter Häusern werfen oder Staatsgäste, die wohlbehalten durch die Narrenhauptstadt kutschiert werden müssen) – nein, diese Verkehrsbehinderungen sind zentraler, gewollter und dauerhafter Teil eines sogenannten „Verkehrskonzepts“. Das ist für mich nichts weiter als Staatsterrorismus gegen Autofahrer. Wer nicht freiwillig auf seine Karre verzichten will, der wird durch staatliche Gängelung einfach dazu gezwungen. Aber genau genommen ist das ja eine sehr kluge, auf die Zukunft gerichtete Politik: wenn der allgemeine Niedergang so weitergeht, werden wir es uns in einigen Jahren sowieso nicht mehr leisten können, noch Autos zu fahren. Dann radeln wir alle gemeinsam sozialistisch gleichgemacht auf unseren Rädern durch autobefreite Innenstädte, bleiben quasi eingesperrt und zwangsimmobilisiert brav in unseren angestammten Vierteln, trinken Sojamilch (falls wir uns diese teure, industrielle Brühe dann überhaupt noch leisten können), reichen freiwillg unsere Online-Chats regelmäßig beim Bundesaufsichtsamt für politische Korrektheit, Antidiskriminierung und LGBTQIA+-Wesen zur Überprüfung ein, wählen getreulich die Einheitspartei und versammeln uns alljährlich zum Tag der Erdkröte auf dem großen Platz der Grünen Revolution zum Jubeln. Woran erinnert mich das jetzt noch gleich?

Dem Fass den Boden ausgeschlagen hat dann noch eine Begebenheit bei meinem Sohn in seiner Wohnung in Berlin. Er hatte sich einen Pizzaofen im Internet bestellt (so ein richtig großes Teil, das man nicht mal eben auf einen Gepäckträger schnallt). Am späten Nachmittag saßen wir bei Drinks und Knabberzeugs auf seinem Balkon, als das Telephon klingelte. Dran war ein Paketbote, der eigentlich den Pizzaofen liefern wollte. Dieser entschuldigte sich tausend Mal, aber er fände um’s Verrecken keinen fahrbaren Weg zur Wohnung meines Sohnes (die Wohngegend ist tatsächlich neuerdings ebenfalls umzingelt von Pollern und Sackgassenschildern), und er werde den Lieferauftrag daher jetzt zurückgeben (und damit nichts verdienen), mein Sohn könne sich seinen Pizzaofen gefälligst selber im Paketzentrum abholen. Danke Ute Bonde.

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